In neuerer Zeit ist Wachstum zum wichtigsten Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit geworden. John Kenneth Galbraith, 1908-2006, Ökonom

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Demographie + Bildung = Vollbeschäftigung

Von vielen noch nicht wahrgenommen, vollzieht sich auf dem Arbeitsmarkt eine historische Zäsur. Vor allem durch den demographischen Wandel getrieben, verändert sich das Verhältnis von angebotenen Stellen zu Stellensuchenden zugunsten letzterer. Trotz Wirtschaftskrise stieg laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung die Zahl der Stellenangebote am ersten Arbeitsmarkt 2010 von 656.500 im ersten Quartal auf 996.200 im vierten Quartal an. Zahlreiche Branchen leiden schon heute unter einem Fachkräftemangel. Für die einzelnen Arbeitnehmer bedeutet dies, dass sich ihre Verhandlungsposition auf dem Arbeitsmarkt deutlich verbessert. Denn wird ein Gut knapp, dann steigt sein Preis.

Für die Gesellschaft insgesamt bedeutet dies, dass die von der Mehrheit längst nicht mehr für möglich gehaltene Vollbeschäftigung wieder in greifbare Nähe rückt. Aber ohne Anstrengung wird sich dieses Ziel nicht realisieren lassen. Denn was nützt eine steigende Zahl offener Stellen, wenn die gegenwärtig Arbeitslosen nicht über das passende Qualifikationsprofil verfügen? Schon heute gibt es viele offene Stellen, die aus diesem Grunde nicht besetzt werden können. Nachfrage und Angebot zusammenzubringen ist eine große Aufgabe für Politik und Wirtschaft. Und für den einzelnen Arbeitnehmer eröffnen sich Perspektiven wie lange nicht mehr. Denn wer sich richtig qualifiziert und anbietet, wird dringend gebraucht!

  • Autor

    Dominique Döttling

    ist geschäftsführende Gesellschafterin der Döttling & Partner Beratungsgesellschaft mbH, Uhingen und Mainz und Botschafterin der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

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  • Markus

    1. Die meisten Unternehmen suchen schlichtweg höher Qualifizierte – auch für Tätigkeiten, welche nicht zwingend eine höhere Qualifizierung voraussetzen.

    2. Wir haben ein Überangebot nur in bestimmten Regionen (was hilft es einem Münchener, wenn in Hamburg Stellen frei sind)?

    3. Die Masse der Arbeitnehmer ist nicht in einer Verhandlungsposition, weil “normale” Tätigkeiten eben nicht stärker nachgefragt werden

    4. Richtig qualifizieren kann nur derjenige, der auch die Voraussetzungen erfüllen kann (Abitur, Studium, etc.) Das funktioniert nciht für die Masse.

    5. Auch “Fachkräfte” müssen wesentlich mehr Leistung erbringen. Eine 40-Stunden-Woche bleibt die Fabel. Qualifikation ist nicht alles. Auslandseinsatz, Überstunden, Wochenendarbeit, etc. Sonst ist auch hier kaum eine Chance auf einen Arbeitsplatz. Die Anforderungen sind ebenfalls enorm gestiegen und damit auch der Druck!

    Folge:
    Weil nur “Fachkräfte” stark nachgefragt werden, schaut die Masse mal wieder doof aus. Bei steigendem Lohn der Hochqualifizierten nimmt der Einkommensunterschied weiter zu. Eine besorgniserregende Entwicklung.

    Die Realität sieht etwas anders aus, als die Autorin hübsch untermalt. Suchen Sie doch mal einen Arbeitsplatz und erkennen Sie die individuellen Probleme. In Ihrer Darstellung könnte man meinen, dass jeder mit abgeschlossenem Studium einen garantierten Arbeitsplatz erhält, bei welchem der Arbeitssuchende auch noch die Gehaltsverhandlung führen kann.
    Gesucht werden Fachkräfte mit Erfahrung. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Denn auf Letzteres kommt es den meisten Personaler an.

    Die Qualität und dei Anforderungen der offenen Stellen müssen zwingend beachtet werden. Welche Branche, welche Tätigkeit, etc. Das muss in einer solchen Grafik unbedingt hinterlegt werden, eine Pauschalisierung trifft nicht zu!

  • “Die Realität sieht etwas anders aus, als die Autorin hübsch untermalt.”
    So sieht es leider aus. Schauen wir uns mal einige Zahlen an

    http://doku.iab.de/grauepap/2011/tab-az10.pdf

    Die Zahl der Vollzeitstellen ist um 9% seit 2000 gesunken. Das Arbeitsvolumen liegt ebenfalls unter dem Wert von 2000. Das heißt, dass hier gerühmte Arbeitsmarktwunder ist ein potemkinsches Dorf. Es gibt zwar mehr Stellen und von mir aus auch mehr freie Stellen. Wenn diese aber nur mit Teilzeitkräften aufgefüllt werden und so das die Menschen zu wenig verdienen ist nichts gewonnen. Von Vollbeschäftigung kann man dann näcmlich auch nicht reden. vollbeschäftigung ist dann erreicht, wenn faktisch alle Menschen mit der Menge der selbst geleisteten Arbeit zufrieden sind. Die notwendige Menge hängt natürlich vom gezahlten Lohn ab.

  • Karl-Heinz

    “Denn was nützt eine steigende Zahl offener Stellen, wenn die gegenwärtig Arbeitslosen nicht über das passende Qualifikationsprofil verfügen? Schon heute gibt es viele offene Stellen, die aus diesem Grunde nicht besetzt werden können.”

    Eine offene Stelle wird doch nicht nur von Arbeitslosen nachgefragt.
    Hier arbeiten auch 6,55 Millionen Menschen im Niedriglohnbereich von denen über 70% eine abgeschlossene Berufsausbildung und etwa 8% ein erfolgreiches Studium vorweisen können.
    Das erweitert den Kreis schon mal um über 5 Millionen.

    Hinzu kommen noch die gut Qualifizierten, die sich wegen fehlender Alternativen auch mit Jobs zufrieden gaben, die nicht ganz ihrer Qualifikation entsprachen.

    Ich kann von daher in naher Zukunft keinen Fachkräftemangel erkennen.

  • Surp

    Wie erzeuge ich Fachkräftemangel?

    In dem ich die Anforderungen ohne ersichtlichen Grund für eine Stelle erhöhe (was früher eine Industriekauffrau ausübte, und dort schon im Prinzip hirnlähmend war, muss jetzt eine Diplomkauffrau tun), das ist der ganze Zauber an unserem pseudo Fachkräftemangel.

  • Johannes

    Wenn jetzt auch wieder nach mehr Bildung verlangt wird, ein Großteil der Arbeitnehmer ist doch schon deutlich überqualifiziert für Ihren Job. Auch sind bei den Fachkräftemangel ja hauptsächlich Facharbeiter nachgefragt, die von den Unternehmen selber ausgebildet werden können. Das sollten Unternehmen vielleicht einfach machen wenn Facharbeiter gebraucht werden.

  • Markus

    @ Johannes
    vollkommen richtig- die meisten Probleme sind hausgemacht mangels eigener, betriebsinternen Ausbildung.