Jeder sollte wissen: Je kleiner die Schritte, desto mehr Schritte muss er machen. Horst Köhler, *1943, Bundespräsident AD

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Moderne Wachstumsstrategie für Europa

Die vergangene Dekade war eine Zeit, in der die Peripherie Europas gegenüber dem Zentrum kräftig aufholte. Aber ein Teil des Aufholprozesses hat sich als nicht nachhaltig, sondern als „Blase“ erwiesen. Das Muster war überall ähnlich: Es gab einen Boom im jeweiligen nationalen Binnenmarkt, die lokalen Dienstleistungen und Immobilien verteuerten sich stark und die Löhne stiegen schneller als die Arbeitsproduktivität. Das Ergebnis: drastisch verschlechterte Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem Zentrum Europas.

Dies ging lange gut, bis die Binnenmarktblase schließlich doch platzte – im Zuge der Weltfinanzkrise. Danach wurde die gesamtwirtschaftliche Schieflage schonungslos aufgedeckt: riesige Defizite in Staatshaushalt und Leistungsbilanz, unsichere Bankensysteme, Vertrauensverlust an den Kapitalmärkten, Schuldenkrise.

Griechenland, Irland, Portugal und Spanien haben über ihre Verhältnisse gelebt, weil sie geglaubt hatten, dass es quasi einen Automatismus in Richtung einer Konvergenz der Arbeitsproduktivität in Europa zwischen Peripherie und Zentrum geben würde. Aber eine Konvergenz wird sich nicht so schnell einstellen. Der wichtigste Grund dafür ist die mangelnde Innovationskraft der Industrie in den Peripherie-Staaten.

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Gleiches gilt in ähnlicher Form für die mitteleuropäischen Länder und auch Ostdeutschland. Diese leiden noch heute unter dem langfristigen Flurschaden des Sozialismus, also der Zerstörung kapitalistischer Strukturen durch die langjährige politische Gefangenschaft in einer Planwirtschaft mit extrem innovationsfeindlicher Arbeitsteilung.

Für die Stärkung der industriellen Innovationskraft in den einzelnen Ländern liegt in erster Linie in der Verantwortung der jeweils nationalen Wirtschaftspolitik. Erst in zweiter Linie ist hier die EU gefragt. Die EU-Förderung bedarf jedoch einer Verlagerung der Schwerpunkte – weg von konsumnahen Förderprogrammen hin zu regional-, wissenschafts- und bildungspolitischen Initiativen. Kurz: Zur Überwindung der wirtschaftlichen Spaltung bedarf einer modernen wachstumsorientierten Industriepolitik.


Ursprung dieses Blogbeitrages ist ein Namensartikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1. April 2011. Hier geht es  zum Download des Artikels.

  • Autor

    Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué

    ist Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

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  • “Gleiches gilt in ähnlicher Form für die mitteleuropäischen Länder und auch Ostdeutschland. Diese leiden noch heute unter dem langfristigen Flurschaden des Sozialismus, also der Zerstörung kapitalistischer Strukturen durch die langjährige politische Gefangenschaft in einer Planwirtschaft mit extrem innovationsfeindlicher Arbeitsteilung.”

    Herr Paqué bitte beschäftigen sie sich mal mit der Geschichte der Wiedervereinigung. Unter den Übergangsbedingungen wäre die Westdeutsche Industrie ebenfalls in die Knie gegangen. Es gab eine massive Zinserhöhung + Aufwertung der Währung für die Ostdeutschen Unternehmen. Die mangelnde Innovation die sie benennen würde bedeuten, dass ostdeutsche Ingenieure nach der Wende nicht gefragt gewesen wären. Stattdessen waren sie es aber. Die Industrie wurde systematisch zerschlagen. Ein Übergang wurde nicht ermöglicht. Es gab bessere Pläne. Diese wurden Ende der 80er Jahre entwickelt. Es waren aber einige Leute in Spitzenpositionen dagegen.

    “hin zu regional-, wissenschafts- und bildungspolitischen Initiativen.”
    Prima Idee. Sie kommen aus Sachsen-Anhalt und sollten wissen wie viele Studenten im Land bleiben. Dort kann man kostenlos studieren und die Ausrüstung und das Forschungsumfeld ist gut. Was fehlt ist die Industrie die gut bezahlt. Eine kurze Fahrt über die Landesgrenze ermöglicht die Arbeit bei VW und eine bessere Bezahlung. Niedersachsen hat dann wenig in die Ausbildung gesteckt und bekommt dennoch den Lohn. In der Eu wird es leider genauso laufen. Die Spitzenkräfte werden abwandern. Denn der höhere Lohn und der bessere Lebensstandard werden locken.

  • Surp

    Ein moderner Wachstumskurs, ist etwas anderes Herr Paque.

    Wie wäre es mal mit grundsätzlichen Fragen

    1. Welche Arbeit ist es wert bezahlt zu werden?
    2. Welche Gesetze, Verodnungen, Subventionen etc. brauchen wir wirklich?
    3. Warum gibt es sovieel unterschiedliche Steuern, Gebühren etc.?
    4. Wie sollte man die Geldmenge erhöhen?
    5. Wie kann man die Fianzwirtschaft wieder zudem machen was sie sein soll bzw. wie kann man ihren Wahnsinn nutzbar machen?
    6. Warum sind alls Sozialssystme so asozial?
    7. Warum wird Leistung bestraft (SV und direkte Steuern auf Arbeit)?

    Es gibt soviel Fragen, viel davon kann man leicht lösenm, aber die entscheidene ist eigentlich:

    WOHIN WOLLEN WIR WACHSEN UND WOMIT?

  • Kammerjäger

    “Griechenland, Irland, Portugal und Spanien haben über ihre Verhältnisse gelebt, weil sie geglaubt hatten, dass es quasi einen Automatismus in Richtung einer Konvergenz der Arbeitsproduktivität in Europa zwischen Peripherie und Zentrum geben würde.”.

    Der Satz zeugt schon von einem gewissen Hochmut und Oberflächlichkeit bei ihrer Analyse. Die Umstände, durch die diese Länder in die Krise kamen sind unterschiedlich.

    Bei Griechenland würde ich ihnen zustimmen, dass hier über die Maßen auf Pump konsumiert wurde.

    Irland ist durch zunächst durch Missmanagement im Bankensektor in die Krise geraten, und dann durch die politische Entscheidung, das der Staat für den Bankensektor haftet. Man hat sich hier für den Schrecken ohne Ende anstatt für ein Ende mit Schrecken entschieden. Das bei einem Bankrott der irischen Banken die Deustche(n) Bank(en) mitgegangen wäre, spricht nicht für das gute Management im privaten Banksektor bei uns.

    Spanien ist Opfer(?) eines Immobilienbooms. Hier kann man natürlich auch von einem Überkonsum und einer Fehlallokation der Mittel ausgehen, aber auch hier trägt letztlich der private Finanzsektor Mitschuld, deren Risikokontrolle versagt hat, dessen Glaube an Risikotransfers durch Verbriefung sich als Irrtum erwiesen hat, und zusammen mit der viel zu hohen Risikobereitschaft durch Herunterfahren der Eigenkapitalqouten die Krise wenn schon nicht ausgelöst, diese doch erheblich verschlimmert hat. Spanien hat vor der Finanzkrise eine relativ geringe Staatsverschuldung.

    Bei Portugal haben eine Reihe Faktoren eine Rolle gespielt, unter anderem auch ein Immobilienboom. Dazu kam die Verdrängung des Portugiesischen Lohnkostenvorteils, z.B. in der Textilindustrie, durch die Osterweiterung der EU und später durch die Globalisierung. Das eine der wenigen High Tech (Infineon bzw Qimonda in Porto) aus in nicht-Standortbezogenen geschlossen hat, ist für eine so kleine Volkswirtschaft wie Portugal auch nicht unbedeutend gewesen.

    Allerdings erkenne ich, dass Sie abschließend die Worte “Wirtschaftspolitik” und “Industriepolitik” verwenden. Heißt dass, das man dem Markt doch nicht alles alleine überlassen darf?

  • Die wirkliche Ursache der “Finanzkrise”, die Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz, sowie die einzige Möglichkeit, wie diese “Mutter aller Zivilisationsprobleme” zu überwinden ist, sind seit langem bekannt. Die wirklich interessante Frage lautet, warum eine Menschheit, die bereits Raumfahrt betreibt, etwas im Grunde so Einfaches wie das Geld bis heute nicht verstehen konnte:

    http://www.swupload.com//data/Wirtschaftswissenschaft.pdf

  • Fässer ohne Boden

    Mindestens ebenso abgründig wie die Verschuldung von Zinsgeld-Ökonomien ist die Dummheit ihrer Bewohner. Um zu verstehen, warum kein Ende der Staatsverschuldung in Sicht ist, brauchen wir lediglich die Grundrechenarten und müssen “den Staat” als volkswirtschaftlichen Akteur gar nicht betrachten:

    http://www.swupload.com//data/Mathematik.pdf

    Der Boden des zweiten Fasses musste schon vor langer Zeit dazu verwendet werden, um der halbwegs zivilisierten Menschheit jenes “Brett vorm Kopf” zu verpassen, das sie erst einmal “wahnsinnig genug” für die Benutzung von Geld machte (Edelmetallgeld ist immer Zinsgeld), lange bevor diese seitdem grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung wissenschaftlich erforscht war:

    http://www.deweles.de/files/apfelbaeumchen.pdf

    Spätestens seit 1916 ist das Geld erforscht, aber wie ersichtlich, verstanden die ursprünglichen Verfasser der Genesis bereits mehr vom Geld, als heutige “Spitzenpolitiker” und “Wirtschaftsexperten”; ein Zustand, der nicht besonders optimistisch stimmt, dass ausgerechnet diese Patienten die gegenwärtige “Finanzkrise” noch rechtzeitig in den Griff bekommen, bevor das ansonsten Unvermeidliche passiert:

    http://www.deweles.de/files/armageddon.pdf

    Stellen wir uns also die Frage, was passieren muss, damit das “Brett vorm Kopf”, das die “hohe Politik” seit jeher mit sich herumträgt, sinnvollerweise für einen gehörigen Schlag auf den Hinterkopf benutzt werden kann, um das Denkvermögen soweit anzuregen, dass man (oder Frau) sich wenigstens der eigenen Unfähigkeit bewusst wird.

    Die Antwort ist einfach: Sobald die Weltwirtschaft erneut anfängt zu schrumpfen, muss auch das dümmste Wahlvolk begreifen, dass alle “politischen Maßnahmen” seit Herbst 2008 so sinnlos waren wie die “hohe Politik” selbst. Wann genau das passieren wird und welches Ereignis das berühmte “Zünglein an der Waage” sein kann, das den erneuten Schrumpfungsprozess ins Rollen bringt, ist nicht vorhersehbar. Sicher ist, dass es passieren wird, denn die Zinsumverteilung – sowohl innerhalb der Nationalstaaten als auch zwischen den Staaten – läuft ungehindert weiter; und es wird umso eher passieren, je mehr die politischen Seifenopern in aller Welt auf “Sparpolitik” setzen!