Unternehmer wird man nicht in fünfzig oder fünfhundert Wochen. Um Unternehmer zu werden, braucht es eine Nacht, neun Monate und vierzig bis fünfzig Jahre Erfahrung. Helmut Schmidt, 1918-2015, dt. Politiker

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Einwanderungsgebühr

Gary S. Becker ist nicht nur für seine Humankapitaltheorie und dafür, den Nobelpreis für Ökonomie erhalten zu haben, bekannt, er wandelt auch seit Jahren auf „ökonomiefremden“ Feldern, in Bildungs-, Familien- oder Rentenpolitik“ (dazu Becker, 1996). Im Februar 2011 hat er in London seine „radikale Lösung der Herausforderungen der Immigrationspolitik“ vorgestellt, das ich im Folgenden bespreche.

Ausgangspunkt für Becker sind drei Beobachtungen: (1) sinkende Fertilitätsraten in westlichen Industrienationen, (2) deutliche Lohnunterschiede zwischen entwickelten Industrienationen und dem Rest der Welt und (3) ein Wohlfahrtsstaat, der ein Leben ohne Arbeit ermöglicht. Von hieraus modelliert sich sein ökonomisches Modell fast von selbst, denn in entwickelten Industrienationen herrscht Mangel an jungen und produktiven Menschen und somit eine Nachfrage nach Immigration. Außerhalb entwickelter Industrienationen gibt es ein großes Angebot an jungen Menschen, die aufgrund geringerer Löhne im Land ihrer Geburt, einen Anreiz haben, in entwickelte Industrienationen zu migrieren. Das Problem dieser Migration sind Migranten, die in den Wohlfahrtsstaat der entwickelten Industrienationen einwandern, Migranten, die nach Einwanderung ihr Aufnahmeland Geld kosten.

Entsprechend sucht Becker nach einem Mechanismus, der es zum einen erlaubt, die derzeit vorhandene und sehr teure Einwanderungs-Bürokratie zu reduzieren, zum anderen gewährleistet, dass vornehmlich hochmotivierte und produktive Migranten zuwandern. Becker findet diesen Mechanismus im Preismechanismus. Beckers Maxime lautet daher: Lass jeden einwandern, der einwandern will und eine Einwanderungsgebühr entrichtet, deren Höhe vom Zielland der Einwanderer festgesetzt wird. Auf dieses Weise, so Becker, entstünde ein Markt für Einwanderung. Länder könnten über die Höhe der Einwanderungsgebühr die Höhe der Einwanderung regulieren und hätten zudem über die Gebühr einen Einfluss darauf, wer einwandert: „So the first three main catgegories of immigrants that would be attracted by a fee system would be skilled people, yound people and those who want to make a commitment to the country. They would be the ones who would be most willing to pay a large fee“ (Becker, 2011, S.29).

Die Gruppe der hochmotivierten und hochgebildeten Migranten umfasst jedoch auch Migranten, die sich eine „large fee“ nicht leisten können. Für diese potentiellen Migranten sieht Becker ein „loan system“ vor, eine Art Einwanderungsdarlehen, das die Immigranten oder Unternehmen, die diese Immigranten beschäftigen, ähnlich wie dies z.B. beim BAFöG der Fall ist, zurückzahlen.

Eine Einwanderungsgebühr, so Becker, sei nicht nur geeignet, den Vorwurf, Immigranten würden ein Gesundheits- und ein Bildungssystem, zu dessen Aufrechterhaltung sie keinen Beitrag geleistet hätten, quasi frei nutzen, zu entkräften, eine Einwanderungsgebühr würde auch als Anreiz für illegale Immigranten wirken, ihren Aufenthalt durch Entrichtung der Einwanderungsgebühr zu legalisieren.

Letztlich basiert Beckers Vorschlag noch auf einer weiteren Annahme, nämlich der des Überschussangebots: „Think of immigration as a market. There is excess demand to come to many rich countries. If you use the market concept, the price is too low and countries should raise the price to come in“ (Becker, 2011, S.35). Der excess supply ist jedoch nicht nur eine Folge der Lohnunterschiede zwischen modernen Industrienationen und ärmeren Ländern, sondern auch ein Ergebnis des Wohlfahrtsstaates. Entsprechend wäre eine Reduzierung oder (man traut sich kaum es anzusprechen) eine Streichung von Wohlfahrtsleistungen eine weitere Möglichkeit, das Überangebot an potentiellen Immigranten zu reduzieren. Auch dies ist eine Überlegung wert, denn wenn verhindert werden soll, dass Immigranten Leistungen des Wohlfahrtsstaats empfangen ohne in die sogenannte Solidarkasse eingezahlt zu haben, warum soll es dann im Land Geborenen ermöglicht werden, Leistungen zu empfangen ohne jemals einen Beitrag in die sogenannte Solidarkasse entrichtet zu haben?

Becker, Gary S. (2011). The Challenge of Immigration: A Radical Solution. London: Institute for Economic Affairs.

 

Becker, Gary S. (1996). The Economics of Life. From Baseball to Affirmative Action to Immigration, How Real World Issues Affect Our Everyday Quality of Life. New York: McGraw-Hill.


Dieser Beitrag erschien auch auf http://sciencefiles.org.
Der Autor arbeitet als selbständiger Scientific Consultant in England. Sein Arbeitsschwerpunkt sind Sozialwissenschaften.

  • Surp

    Finde die Idee gut.

  • Da zeigen sich die freiheitlichen Ideale. Jeder der Geld hat darf Einwandern. Alle anderen müssen draußen bleiben. Die Kosten der Auswanderungsländer sind uns egal. Hauptsache uns geht es gut. Das die Jugendarbeitslosigkeit in den Industrienationen hoch ist, stört nicht, das wir in Europa seit Jahrzehnten Langzeitarbeitslosigkeit haben ebenfalls nicht. Statt in Aubildung zu investieren ist es eben billiger fertig ausgebildete Migranten einzustellen. Vor allem dann, wenn diese auch noch Geld zahlen, um hier arbeiten zu dürfen.

  • Surp

    @ chriwi

    Ich sehe leider jeden Tag, dass es viele Menschen gibt, die für bestimmte Ausbildungen, vorallem in den Berufen, die wir “scheinbar” benötigen nicht geeigent sind.

    Wenn man hingegen die ganzen unproduktiven Arbeitsplätze abbauen würde, bräuchte man wohl keine Zuwanderung, da auch viele HPs dabei wären, die zügig eine andere Tätigkeit erlernen/ausüben könnten.
    Aber das wird wohl leider noch lange eine Utopie bleiben. Wenn man ein BGE einführen würde, wäre es wohl auch für Unternehmen wieder attraktiver an sich an der Weiterbildung stärker zu beteiligen.
    Der Grund ist simpel, Menschen die ein BGE beziehen sind plötzlich oft günstiger, weil Arbeit nicht mehr ihre einzige Existenzgrundlage ist.

    In meinen Augen wird dies aber nicht unbedingt gewünscht, da der Druck auf die Arbeitnehmer sinkt (genommen wird), was natürlich dazu führt, dass unaatraktive Arbeit nicht mehr ausgeübt wird. Andererseits dürfte eigentlich nur der Preis für diese Arbeiten steigen bzw. sie werden automatisiert. Schlimmstenfalss wandern die Arbeitsplätze ab, was wiederum anderen Ländern ermöglichen würde ihren Wohlstand zu erhöhen (ist auch sehr erstrebenswert).

  • offshore banking

    Becker ist nicht nur fur seine Humankapitaltheorie und dafur den Nobelpreis fur Okonomie erhalten zu haben bekannt er wandelt auch seit Jahren auf okonomiefremden Feldern in Bildungs- Familien- oder Rentenpolitik dazu Becker 1996 . Im Februar 2011 hat er in London seine vorgestellt das ich im Folgenden bespreche..Ausgangspunkt fur Becker sind drei Beobachtungen 1 sinkende Fertilitatsraten in westlichen Industrienationen 2 deutliche Lohnunterschiede zwischen entwickelten Industrienationen und dem Rest der Welt und 3 ein Wohlfahrtsstaat der ein Leben ohne Arbeit ermoglicht. Das Problem dieser Migration sind Migranten die in den Wohlfahrtsstaat der entwickelten Industrienationen einwandern Migranten die nach Einwanderung ihr Aufnahmeland Geld kosten..Entsprechend sucht Becker nach einem Mechanismus der es zum einen erlaubt die derzeit vorhandene und sehr teure Einwanderungs-Burokratie zu reduzieren zum anderen gewahrleistet dass vornehmlich hochmotivierte und produktive Migranten zuwandern.