Die moderne Gesellschaft mit marktwirtschaftlicher Ordnung ist ein Positivsummenspiel, was Eigennutzstreben rechtfertigt. Karl Homann, *19. April 1943, deutscher Ökonom

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Elterngeld verpufft

Bis 2007 galt die Entscheidung für oder gegen Kinder als eine Privatsache. Seit Einführung des Elterngeldes mischt sich der Staat kräftig ein. So wird das Verhältnis von Bürger und Staat auf den Kopf gestellt. Der Staat richtet sich nunmehr nicht mehr an den Bedürfnissen seiner Bürgers aus, sondern versucht sich die passenden Bürger selbst heranzuziehen. Jenseits dieser Kritik am paternalistischen Staatsverständnis sprechen noch weitere Argumente gegen das Elterngeld.

Da es sich beim Elterngeld nicht um eine allgemeine bevölkerungspolitische Prämie handelt, sondern um eine einkommensabhängige Transferleistung, werden vor allem gut verdienende Eltern privilegiert. Wer ein gutes Gehalt verdient (z.B. 2.750 Euro netto), bekommt mehr als drei Mal so viel wie derjenige, der vor der Unterbrechung der Erwerbstätigkeit nur 750 Euro nach Hause bringt. Und: Kann es denn sein, dass man solche Programme auflegt, statt sich einer ernsthaften bildungspolitischen Debatte zu stellen? Immerhin zeigen uns Bildungsstudien immer wieder auf, wie undurchlässig unsere Systeme sind, dass Kinder aus Geringverdiener-Haushalten weniger Chancen auf eine gute Ausbildung haben als Kinder von Besserverdienern. Wer die Durchlässigkeit und damit so etwas wie Chancengerechtigkeit verbessern will, wirkt mit der Privilegierung der gut verdienenden Familien leider in die falsche Richtung.

Jetzt könnte man meinen: Zum Glück funktioniert es nicht. Tatsächlich wäre es bedenklich, wenn gutverdienende Karrieristen nur wegen des Elterngeldes sich plötzlich für Kinder entscheiden würden. Tatsächlich dürften es reine Geschenke sein, die die Eltern nun freudig mitnehmen. Dennoch muss das Elterngeld vom Steuerzahler finanziert werden – jährlich sind das mehr als vier Milliarden Euro. Warum eigentlich? Und wie lange noch?


Die Langfassung dieses Beitrags „Zum Glück nur Klientelpolitik“ ist am 07. Juni 2011 als „Ordnungspolitischer Kommentar“ des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität zu Köln erschienen.

Weitere Informationen:

*Elterngeld kein Allheilmittel – General-Anzeiger

*Deutschland bei Geburtenrate auf viertletztem Platz – Die Welt

*Durchschnittliche Kinderzahl je Frau (Geburtenziffer) – Statistisches Bundesamt

  • Autor

    Dr. Steffen J. Roth

    ist Geschäftsführer des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität zu Köln.

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  • gruselsack

    bevor sie die heilige kuh familie angehen, wäre es da nicht “schlauer” mal so unnütze veranstalltungen wie das niebelsterium abzuschaffen?

  • Ich glaube das Grundproblem, das sich mit dem Elterngeld verbindet, ist der Irrtum, es hätte irgendwas mit “Gerechtigkeit” zu tun. Elterngeld ist der Versuch der kinderbesitzenden Mittelschicht, ihr Familienideal von der Allgemeinheit finanzieren zu lassen und nichts anderes. Entsprechend müsste man Elterngeld unter “rent seeking” und unter keiner anderen Überschrift diskutieren.

    Was die Durchlässigkeit des deutschen Schulssystems angeht, so scheinen Sie zu denken, diese sei gewünscht. Wie kommen Sie darauf? Das deutsche Schulsystem lebt bestens davon, Jungen und Kinder aus der Unterschicht frühzeitig auf die vielfältigen Hilfe-Schulen zu verteilen und damit wirksam die Lebenschancen der entsprechenden Kinder zu vereiteln. Wäre Durchlässigkeit gewünscht, man würde die vielen Studien, die zeigen, dass ein dreigliedriges Schulsystem das Gegenteil von Durchlässigkeit darstellt, berücksichtigen, und man würde die Studien zur Kenntnis nehmen, die eindeutig zeigen, wie in Deutschland institutionelle Diskrimierung funktioniert.

    Einen guten Beitrag zur Stratifizieurng durch ein dreigliedriges Schulsystem habe ich hier besprochen:
    http://sciencefiles.org/2011/05/25/einmal-benachteiligt-immer-benachteiligt/

    Und einen Beitrag, in dem die institutionelle Diskriminierung durch deutsche Schulen belegt wird, habe ich hier besprochen:
    http://sciencefiles.org/2011/04/29/institutionelle-diskriminierung/

  • Eine einkommensabhängige Transferleistung kann man ungerecht nennen, Ziel der Leistung ist es aber eben nicht, Gerechtigkeit herzustellen, sondern für eine Steigerung der Geburtenrate zu sorgen. Und dafür ist es wichtig, dass sich die staatlichen Leistungen am individuellen Einkommen orientieren.

    Denn der Hauptgrund für die seit Jahrzehnten abnehmende Geburtenrate, sind die Opportunitätskosten von Schwangerschaft, Geburt und Erziehung.

    Frauen haben (zum Glück) immer bessere Karriere- und Einkommenschancen. Die Entscheidung für Kinder aber verringert diese Chancen. Der Entscheidung für Kinder steht also ein zunehmender Verzicht (Opportunitätskosten) gegenüber. (Übernehmen Männer die Erziehung, gilt das natürlich genauso für diese.)

    Ein einkommensabhängiges Elterngeld versucht diese Opportunitätskosten zu reduzieren. Ich halte das Elterngeld deshalb für einen ökonomisch vernünftigen Ansatz, um das gesellschaftliche Ziel “Steigerung der Geburtenrate” zu erreichen.

  • Pingback: Warum das Elterngeld ökonomisch sinnvoll ist | Pixelökonom()

  • mendorf

    @ Pixelökonom: Opportunitätskosten sind tatsächlich abhängig vom Einkommen der Eltern. Warum aber soll die Allgemeinheit diese Kosten (teilweise) erstatten? Dann müsste man gut verdienenden Eltern ja auch Zuschüsse für Weiterbildungsmaßnahmen und Töpferkurse erteilen, Geringverdiener gingen dann leer aus. Thema wird in Langfassung des Roth-Beitrages erörtert.

    Und das Ziel, Steigerung der Geburtenrate, ist ja offenbar nicht erreicht, das sieht man ja in den Statistiken. Wie lange sollen ungerechte und wirkungslose Transfersysteme finanziert werden?

  • Markus

    Herr Roth, ich habe selten einen solchen Schrott gelesen. Das setzt die Krone auf.

    1. “Besserverdiener” haben auch höheren Einkommensausfall, daher ist eine prozentuale Verteilung fair.

    2. Der Staat will doch “Besserverdienern” genau dies “schmackhaft” machen, damit Kind und Karriere zusammenkommen. Schliesslich haben “Besserverdiener” auch höhere Lebenshaltungskosten, also höhere Opportunitätskosten.

    3. das Elterngeld ist gedeckelt! Besserverdiener bekommen also nicht – wie ihre Argumentation vermuten lassen könnte, unnachgiebig viel Elterngeld.

    4. Kinder zu haben war noch nie eine Entscheidung mit finanzieller Motivation aufgrund Transferleistungen! So etwas behaupten nur kinderlose Menschen.

    5. Elterngeld ist in diesem Sinn kein Geschenk, sondern eine Investition in unsere Zukunft. Ein Kind kostet wesentlich mehr, als der Staat dazu gibt. Vielleicht errechnen Sie das mal, bevor Sie solche Diffamierungen äußern.

    6. “Besserverdiener” haben auch mehr in die Sozialkassen eingezahlt

    Was Sie hier schreiben ist eine Frechheit und ich fordere Sie auf, sich für diese Äußerungen zu entschuldigen!

    wenn Sie die Chancengleichheit erhöhen wollen, dann setzen Sie zuerst in der Bildung an und sorgen Sie für einen besseren Zugang sowie Kitas, ganztagesschulen, und Betreuung. das Elterngeld hat jedenfalls einen ganz anderen Zweck!

    Ihre Information zu diesem Thema hat Stammtischcharakter und lässt die wesentliche Punkte komplett aussen vor. Das ist wirklich traurig, wie Sie sich hierzu äußern. Werden Sie ihrer Stellung gerecht und arbeiten Sie vernünftig.

  • saskia

    oh man die armen eltern! nicht.

    die geburtenrate wird man durch so eine maßnahme niemals kontrollieren können zumal das problem ganz anders verwurzelt ist.

  • Surp

    “Was die Durchlässigkeit des deutschen Schulssystems angeht, so scheinen Sie zu denken, diese sei gewünscht. Wie kommen Sie darauf? Das deutsche Schulsystem lebt bestens davon, Jungen und Kinder aus der Unterschicht frühzeitig auf die vielfältigen Hilfe-Schulen zu verteilen und damit wirksam die Lebenschancen der entsprechenden Kinder zu vereiteln. Wäre Durchlässigkeit gewünscht, man würde die vielen Studien, die zeigen, dass ein dreigliedriges Schulsystem das Gegenteil von Durchlässigkeit darstellt, berücksichtigen, und man würde die Studien zur Kenntnis nehmen, die eindeutig zeigen, wie in Deutschland institutionelle Diskrimierung funktioniert.”

    Das ist leider die Wahrheit, der Preis für diese Ignoranz wird gewaltig sein, aber das werden die Menschen erst in 20 – 30 Jahren richtig merken.

    Menschen mit hohen Bildungsgraden bekommen Kinder, wenn sie sich leisten können UND sie glaube sie in eine lebenswerte Welt zu setzten (daran scheitert es derzeit wohl am stärksten).

  • Markus

    Es ist grausam, wie hier Hobbyökonomen versuchen, die Welt zu erklären. Jetzt aml in aller Deutlichkeit: Kinder zu bekommen hat rein gar ncihts mit Ökonomie zu tun. Die Motivation kann ein Psychologe erklären, ein Ökonom begibt sich hier auf zu dünnes Eis. Ökonomen können nicht alles erklären – hier scheitern sie kläglich.
    Es gibt nur eine Scheinrealtion zwischen Einkommen und Kinderwunsch. Das Elterngeld hat eine andere Begründung – und das sollte dringlich kommunziert werden.

    Und wer keine Kinder hat, kann in dieser Diskussion sowieso nicht mitreden.

    Und wenn ich hier von “mendorf” lese, dass diese Transferleistungen überflüssig sind, dann fällt mir nun gar nichts mehr ein. Das ist blanker Hohn ggü allen Eltern, unabhängig des Einkommens.

    Ich führe die Diskussion so emotional – weil ich es nicht nachemfpinden kann, wie hier Eltern – und damit unser aller Vorbild, als sinnfreie Geldempfänger deklariert werden. Und wenn man sich gegen Karriere und für Familie entscheidet auch denuziert wird, man würde “zu viel” Gelder empfangen. Ja muss man sich jetzt hierfür entschuldigen? zur Erinnerung: die Eltern arbeiten nach wenigen Jahren wieder und zahlen wieder fleissig hohe Sozialbeiträge.
    Und “Geringverdiener”? Rechnet das mal dagegen!

    MICHAEL KLEIN & SURP bringen das Problem auf den Punkt und haben den richtigen Ansatz gefunden. Gut so.

  • Die niedrige Geburtenrate hat viele Ursachen. Eine ist sicherlich auch die berufliche Unsicherheit. Wenn man nur Zeitarbeitsverträge bekommt wird man das Kinder kriegen nach hinten verschieben. Manchmal ist es dann einfach zu spät. Wenn man Eltern als Gesellschaft unterstützen will, dann sollte man dies im gleichen Maße tun. Wenn Pixelökonom es fir findet, dass besser verdienende Personen mehr Unterstützung bekommen als schlecht verdienende, dann widerspricht das nicht nur dem Solidaritätsprinzip. Es zeigt, dass gezielt bestimmte Schichten der Gesellschaft zu Reproduktion angeregt werden sollen. Durch Kürzungen bei den niedrigeren Einkommen soll dort die Reproduktion vermindert werden. Zum Euthanasiegedanke ist dann nicht mehr weit. Es werden nur “lebenswerte” Kinder unterstützt. In schwacher Form wird dies mit dem Elterngeld schon praktiziert.
    Aus diesem Grund stimme ich auch eher der Forderung nach Kitas, Ganztagsschulen, freiem Schulessen, etc. zu. Kinder aus armen Haushalten sollen die Chancen erhalten aus dieser Schicht auszubrechen. Für die Armut der Eltern können sie nichts, wieso sollen sie dafür bestraft werden? Durch ein Elterngeld wird das undurchlässige Bildungs- und Sozialgefüge eher noch gefestigt. Wer eine Festigung fordert, hat Geld und Kinder die offensichtlich nicht gut genug sind, um sich dem Wettbewerb zu stellen.

  • Markus

    @ chriwi
    Simple Frage: Wenn Sie heute 5000 Euro brutto pro Monat verdienen, haben Sie einen gewissen Lebensstandard. Nun wollen Sie Kinder und das Einkommen fällt weg. Wie hoch muss der Transferersatz sein, um die aktuellen Kosten zu bedienen um nach zB 2 Jahren wieder in den Job wecheseln zu können?
    Frage 2: Wenn Sie heute 1200 Euro netto verdienen, das Elterngeld für ALLE ca 800 Euro ist. Regt Sie das nicht zur “Reproduktion” an? (Ein dämliches Wort).

    haben Sie nun erkannt, warum wir einen prozentualen Satz als richtig erachten? Wieso soll das nicht solidarisch sein? Bedenken Sie, dass mit steigendem Einkommen weiterhin die steurlich Belastung überdurchschnittlich höher ist und das Elterngeld nach oben gedeckelt.

    Was glauben Sie, wieviel kostet ein Kinde im ersten Jahr? Bevor Sie die Einkommen kritisieren, müssten Sie erstaml die Kosten aufweisen, um ein Verhältnis herzustellen.

    Es ist doch kein Geheimnis, dass man mehr Akademikerkinder möchte. Für einen Ökonom doch nur die einzig rationale Antwort.

    Kinder zu haben, hat nicht nur etwas mit beruflicher Sicherheit zu tun. Es ist einfach nicht mehr in unserem Zeitgeist. Vergleichen Sie unsere Werte: Scheidungsrate, Studiendauer, Berufliche Ziele, Private Ziele, etc. Es hat scih vieles in den Köpfen der aktuellen Generation 25-35 jährige geändert. Es sind einfach andere Werte. Der Job ist nicht immer das Argument, sondern, nach meiner Erfahrung, die Einschränkung der persönlichen Freiheit bzw. Selbstverwirklichung. Wre Kinder hat, hat weniger Freizeit und ein hohes Maß an Verantwortung. Doch ist das wirklich ersttrebenswert in einer Welt, in der einem tägölich die Medien vorgaukeln, wie locker und easy alles ist?

  • “Simple Frage:”
    Natürlich verstehe ich die Argumente. Aber wieso sollte dem Staat das Kind eines Menschen der 5000 Euro verdient mehr Wert sein, als von 1200 Euro? Alle sind gleich steht im Grundgesetz.

    “Es ist doch kein Geheimnis, dass man mehr Akademikerkinder möchte. Für einen Ökonom doch nur die einzig rationale Antwort.”
    Für einen Ökonomen wäre die rationale Antwort, möglichst vielen Kindern das erreichen einer guten Ausbildung zu ermöglichen. Sonst hat man Akademikerkinder gefördert (wobei das Elterngeld, so weit ich weiß nicht zu einem Geburtenboom führte) und die anderen Kinder bleiben auf der Strecke. Da liegten Ressourcen brach. Das was sie beschreiben ist rational für all diejenigen die Abstiegsängste haben und ihre Kinder vor dem Versagen schützen wollen. Denn der Werdegang eines Kindes wird mit seiner Geburt festgelegt. Das gab es schon öfter, unter anderem im Feudalismus. Ist dies solidarisch. Wohl kaum.

  • Markus

    “Alle sind gleich steht im Grundgesetz.”
    Und bei den Steuern sind sie gleicher…auf der Einnahmenseite des Staates sehen Sie die Ungleichheit als solidarisch, auf der Ausgabenseite als unsozial?
    Es geht nicht darum, wieviel dem Staat ein kind “wert” ist, sondern welcher Transfersatz angemessen ist. Argumente eben nach dem Lebensstandard. Das Elterngeld soll die Zeit des Nicht-Einkommens angemessen überbrücken.

    Rationalität
    Natürlich möchte auch ich jedem Kind die gleiche Chance geben. Dass dies niemals so sein wird, und Kinder vermögender Eltern immer bessere Chance haben werden (Seiene es Bildungsreisen, teure Hobbys, Zugang zu Einrichtungen, persönliche Konktakte, etc.). Darum muss die Schule bzw. die Bildung das Dominante im Alltag sein. Sprich: Förderung über Ganztagesschulen.

  • Frank Körnig

    Frage: Was versteht man unter Lebensstandart ?
    Werte: Wer ist wichtiger, der Hobbyfussballer, der Millionen mit Unterstützung von Steuergeldern bekommt, oder der Bäcker/fleischer nebenan.

    Es wird nur über die kleinsten sozialen Ausgaben des Staates diskutiert, Milliarden für Sport, Kunst, Stars und Prominente werden einfach außer acht gelassen. Ich kann diese Art Diskussion über die angeblichen Sozialschmarotzer ( Hartz IV, Elterngeld unsw ) nicht mehr hören. Diese Dinge sind dazu da, um ein Feindbild für die besserverdienenden zu schaffen. wenn ich das hier so lese, hat die Politik das wieder erreicht und kann weiter der Steuerverschwendung fröhnen.