Haftung und Verantwortung in der Marktwirtschaft
Als nach der Lehmann-Pleite die Finanzmärkte der Welt zu kollabieren drohten, hieß es unisono: Die Risiken für fahrlässiges Verhalten im Finanzsektor würden künftig nie mehr allein bei den Steuerzahlern abgeladen. Denn zu den Grundprinzipien einer marktwirtschaftlichen Ordnung gehörten – wie siamesische Zwillinge – Begriffe wie Haftung und Verantwortung. Wer als Geldgeber fahrlässig hoch riskante Anlagewetten auf die Zukunft eingehe, müsse für die Folgen von Fehlspekulationen selbst haften. Nur dann, wenn dieser Grundsatz lückenlos zum Tragen komme, ließen sich die sündhaft teuren Reparaturmaßnahmen für die öffentlichen Haushalte – und damit für die Steuerzahler – wirkungsvoll eindämmen.
Wer den politischen Streit in der EU über die Beteiligung privater Gläubiger an den Rettungspaketen für Griechenland verfolgt, reibt sich verwundert die Augen. Plötzlich sind Umschuldungen unter Beteiligung des privaten Sektors ein Übel, gegen das sich Regierungen im Euroraum genauso stemmen wie die Europäische Zentralbank. Warum wird plötzlich die Gefahr einer neuen Bankenkrise an die Wand gemalt, um damit genau den Lösungsansatz zu bekämpfen, der die strukturelle Hauptursache für die regelmäßig wiederkehrenden Krisen an den Finanzmärkten oder die Überschuldungskrisen von Nationalstaaten beseitigen könnte?
Der Finanzsektor schreit nach Vollkasko! Er verteidigt seine Renditen aus den Boomzeiten, die häufig genug unter grober Missachtung jeglicher Risikofolgenabschätzung erzielt wurden, statt sich zur unternehmerischen Eigenverantwortung zu bekennen. Er setzt darauf, dass seine „Systemrelevanz“ die Politik zwingt, ihm die Verantwortung dadurch abzunehmen, dass die erzielten „Strohgewinne“ privatisiert bleiben und die Verluste sozialisiert werden. Mit diesem Geschäftsmodell machen viele gut bezahlte Akteure an den Finanzmärkten unsere marktwirtschaftliche Ordnung kaputt. Wer mag noch den Stab über vermeintliche oder tatsächliche „Sozialschmarotzer“ brechen, wenn die Epigonen des Finanzkapitalismus gegen sich nicht gelten lassen, was für die sogenannten kleinen Leute zu gelten hat: Eigenverantwortung!

Nun müssen wir die Haftung auch ein wenig weiter denken und uns folgendes fragen:
Bei all den Regularien (oder deren Fehlen) die den Banken von der Politik auferlegt werden (schließlich hat die Politik eine Ordnungspolitische Handlungskompetenz) wo steckt eigentlich die Haftung für das – zumindest grob fahrlässige – Verhalten der politischen Entscheider?
Ist oder sind die Haftungen der Poltiker auch für eigene Versäumnisse hier natürlich nicht gemeint?
Naja, Herr Metzger, da haben Sie sicher einen Punkt, aber umgekehrt kann man auch einen Schuh daraus zimmern: Wenn es Staaten ebenso möglich ist, wie dies z.B. Worldcom, Enron oder Athur Andersen getan haben, Marktteilnehmer im Hinblick auf ihre Liquidität hinter’s Licht zu führen oder ihnen relevante Informationen vorzuenthalten, die, wenn sie sie gehabt hätten, dazu geführt hätten, dass die entsprechenden Investoren in alles, aber nicht in griechische Staatsanleihen investieren oder wenn doch, dann in KENNTNIS, des damit verbundenen Risikos, dann gibt das der Frage der Haftung einen gewissen Twist.
Warum ruft eigentlich niemand nach einem code of conduct für Staaten, Regierungen und Finanzministerien? Wäre doch eigentlich die logische Folge dessen, was sich in Griechenland abgespielt hat. Und wenn diese Forderung “tabu” ist, dann wahrscheinlich wegen der Gefahr einer “contagion” für andere Staaten.
“Kaum jemand wird einer Gruppierung, die die Welt für eine Scheibe hält, ein brauchbares Programm zur Erkundung des Weltraums zutrauen, und so sollte auch keiner Disziplin, die zeitlich unbegrenztes exponentielles Wachstum für realisierbar hält, eine Steuerung unseres Wirtschaftsgeschehens überlassen werden.
…Zunächst muss daher allgemein erkannt und anerkannt werden, dass bei den gegenwärtigen Geldordnungen ein grundlegender und gravierender Fehler vorliegt, der die gesamte Gesellschaft destabilisieren wird”: http://www.deweles.de/files/mathematik.pdf
Dr. Jürgen Kremer, Prof. für Wirtschaftsmathematik
Eine Menschheit, die bereits Raumfahrt betreibt, hat etwas im Grunde so Einfaches wie das Geld bis heute nicht verstanden. Daher ist es ist irrelevant, was die “hohe Politik” beschließt oder nicht beschließt. Wenn das Geld selbst fehlerhaft ist, gibt es keine wie auch immer geartete “Finanzpolitik”, um den bevorstehenden Zusammenbruch des Zinsgeld-Kreislaufs aufzuhalten. Seit Herbst 2008 verbleiben genau drei Möglichkeiten:
Das Ende mit Schrecken (finaler Atomkrieg)
Der Schrecken ohne Ende (globale Liquiditätsfalle)
Die Natürliche Wirtschaftsordnung (echte Soziale Marktwirtschaft)
“Genau drei Möglichkeiten” heißt: eine vierte gibt es nicht. Über die erste Möglichkeit gibt es nichts zu sagen, die zweite ist das Lieblingsthema aller Crash-Phantasten und die dritte ist wahrscheinlich. Der Crash-Phantast, der “zur Sicherheit” noch ein paar Goldklötzchen bunkert, weiß nicht, was es bedeutet, wenn in einer globalisierten Zinsgeld-Ökonomie mit über 6.500.000.000 Menschen der Geldkreislauf – und damit die Arbeitsteilung – mitgekoppelt zusammenbricht. Die Heilige Schrift bezeichnet dieses Ereignis als “Armageddon”.
Für die Beendigung der “Finanzkrise” und den anschließenden, eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation bedarf es der “Auferstehung der Toten”. Als geistig Tote sind alle Existenzen zu bezeichnen, die vor lauter Vorurteilen nicht mehr denken können. Die Basis aller Vorurteile war (und ist noch) die Religion.
“Man bedenke, es handelt sich nur um einen Roman. Die Wahrheit wird – wie stets – weit erstaunlicher sein.”
Sir Arthur Charles Clarke (Vorwort zu “2001″)
Herzlich Willkommen im 21. Jahrhundert:
http://www.deweles.de/willkommen.html
@Michael Klein
Warum wären die Investitionen nicht gekommen. Man hatte unter anderem erwartet, dass die anderen Eurostaaten den Euro nicht zusammenbrechen lassen. Somit wurde bewusst spekuliert. Der Glaube an Vernunft ist am Finanzmarkt vollkommen fehl am Platz. Man glaubt Ratingagenturen, obwohl diese die Finanzkrise nicht kommen sehen haben. Man glaub Analysten, welche in Langzeitprognosen schlechter dastehen als die Krake Paul (also schlechter als der Zufall), wieso sollten also mehr Informationen einen größeren Gewinn bringen. Man schaue sich nur den aktuellen Wert von Facebook an. Ist dieser real. Ich glaube kaum. Es werden Erwartungen in dieses Unternehmen projeziert. Selbst mit allen aktuellen Informationen würde man die Zukunft nicht vorhersagen können. Sicher hat Griechenland geschummelt bei seiner Verschuldung. Konnte man aber auch erwarten, dass Deutschland seine Löhne drückt und alles auf die Exportfähigkeit setzt?
@Chriwi
“Man glaubt Ratingagenturen, obwohl diese die Finanzkrise nicht kommen sehen haben.”
Das ist eben der Punkt, es sind RATINGAGENTUREN, keine HELLSEHER. Die Agenturen bedienen sich allesamt mehr oder minder mathematischer Modelle (auch wenn die meisten dann letztlich im “Ausschuss” entscheiden), die auf Daten aus der Vergangenheit beruhen. Das ist das Problem mit Krisen. Sie finden immer MORGEN statt, und nicht einmal Catweazle ist in der Lage, die Zukunft vorherzusagen.
Im übrigen reicht ein Blick auf die Gläubigerliste der griechischen Staatsanleihen, dass die entsprechende Spekulation, von der Sie schreiben, vornehmlich bei deutschen und französischen (und belgischen) Banken vorhanden zu sein scheint. Institutionelle Anleger scheinen die Staatsanleihen gescheut zu haben… Warum nur?
Wie sagte Voltaire einst:”Das Papiergeld wird immer
wieder auf seinen Realwert zurückgeführt. Nämlich
auf Null.”
@ Michael Klein
Was mich freut ist, dass sie auch erkannt haben, dass Modelle eben nur das Gestern darstellen können.
Daher sind Wirtschaftswissenschaften eher verwandt mit der Soziologie als mit den Naturwissenschaften.
Die ganzen mathematischen Formeln und Statistiken werden gern als Rechtfertigung benutzt, um den Wirtschaftswissenschaften einen Hauch von Seriosität zu geben. Die Wharheit iist, sie sind zum Großteil, absolut überflüssig und führen eher zu mehr Problemen als zu weniger.
@Surp
“Die Wahrheit ist, sie sind zum Großteil, absolut überflüssig und führen eher zu mehr Problemen als zu weniger.”
Das ist es eben. Da kommen Leute wie ein Herr Raffelhüschen und rechnen mit ihren Modellen Renten bis ins Jahr 2060 aus, um heute die Rentenpolitik zu beeinflussen.
Bei den Rating Agenturen war es vor der Finanzkrise Praxis, einen Großteil der Finanzartikel automatisch zu bewerten. Da Banken dies wussten haben sie es durch Mehrfachbewertungen hinbekommen, dass schlechte Ratings plötzlich zu guten wurden. Denn jedes Paket wurde vereinfacht gesagt mit 80/20 gewertet. 80 gut – 20 schlecht. Wenn ich nun alle 20 bündele und noch mal bewerten lassee habe ich nicht mehr 20 schlecht, sondern 4 schlecht. So kamen die am schlechtesten bewerteten Finanzartikel bei Versicherern an, die solche Risikopapiere nicht halten dürfen. Das war ein grund für die Bankenrettung. Die Modelle waren also fehlerhaft und haben keinerlei Verbesserung bewirkt.