Die Berechnung der Einkommensteuer ist für einen Mathematiker zu schwierig, dazu muss man Philosoph sein. Albert Einstein, 1879-1955, dt. Physiker

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Wurzelbehandlung für die griechische Misere

Es ist eine Binsenweisheit: Schlechtem Geld sollte man kein gutes Geld hinterherwerfen. Was aber würde passieren, wenn die Euroländer Griechenland tatsächlich den Geldhahn zudrehen würden? Wäre dies wirklich im Sinne der Gläubiger? Wenn die Hilfsleistungen eingestellt werden, wird es mit ziemlicher Sicherheit zu einer Insolvenz Griechenlands kommen. Die gravierende Folge für die Gläubiger: Die bisher vergebenen Bürgschaften würden nicht mehr zurückgezahlt werden.

Gleichzeitig hätte eine Insolvenz Griechenlands auch eine erhebliche Wirkung auf den Finanzsektor. Zunächst wären die Banken betroffen, die Kredite an Griechenland vergeben haben.  Darüber hinaus wäre aber – wie in der Finanzkrise vor Lehman Brothers – der ganze Sektor über den Derivatehandel in Mitleidenschaft gezogen. Als Folge einer staatlichen Insolvenz müssten wieder systemrelevante Banken gerettet werden.

Die Alternative zur Insolvenz wäre Griechenland weiter zu unterstützen. Gleichwohl müssen die Hellenen endlich ihre Misere an der Wurzel behandeln. Die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit ist das eigentliche Problem der griechischen Wirtschaft. Der Grund: Die Löhne sind im vorangegangenen Jahrzehnt in Relation zur Produktivität und zu konkurrierenden Standorten zu stark gestiegen. Schrittmacher für die Lohnsteigerung war der staatliche Bereich. Zusätzlich wurde hier auch die Beschäftigung stark ausgeweitet. Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, muss dieser Prozess rückgängig gemacht werden. Dieser Prozess ist langwierig und schmerzhaft – ist aber alternativlos.


Prof. Dr. Michael Bräuninger ist Forschungsdirektor am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) und Professor an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Der Forschungsbereich von Michael Bräuninger umfasst konjunkturelle und langfristige wirtschaftliche Analysen.

Die Langfassung dieses Beitrags „Für Griechenland gibt es keine Alternative zu einer langen und schmerzhaften Konsolidierung“ ist als am 10. Juni 2011 als „Standpunkt“ erschienen. 

  • Autor

    Prof. Dr. Michael Bräuninger

    ist als Professor an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg und als freier Autor und Berater im Bereich Economic Trend Research tätig.

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  • Surp

    Griechenland würde ein BGE und Massenentlassungen sowie Privatisierung helfen, dann würde das Geld nicht so sinnlos verschwendet und die Korruption einwenig eingeschränkt.

    Es würde nicht die Schwachen treffen und die, die sich seit Jahrzehnten zuviel genommen haben, würden in die Realität zurückgeführt werden.

  • Kammerjäger

    Die Alternative zur Insolvenz wäre die Banken weiter zu unterstützen. Gleichwohl müssen die Banken endlich ihre Misere an der Wurzel behandeln. Die mangelnde realwirtschaftliche Produktivität ist das eigentliche Problem der Finanzwirtschaft. Der Grund: Die Gehälter in diesem Sektor sind im vorangegangenen Jahrzehnt in Relation zur Produktivität und zu konkurrierenden Industrien zu stark gestiegen. Schrittmacher für die Lohnsteigerung war der spekulative Bereich. Zusätzlich wurde hier auch die Beschäftigung stark ausgeweitet. Um wieder wettbewerbsfähig zu werden, muss dieser Prozess rückgängig gemacht werden. Dieser Prozess ist langwierig und schmerzhaft – ist aber alternativlos.

  • Linsel

    Mal wieder den Schuldigen gefunden. Beschäftigte verdienen zu viel und es gibt zu viele Staatsbedienstete.
    Dabei sind die Löhne in Griechenland nicht gerade besonders hoch ca. 700 € für eine Vollzeitbeschäftigung.
    Ob es zu viele Staatsbedienstete gibt oder die Löhne zu hoch sind möchte ich mir kein Urteil anmaßen. Eins steht aber wieder einmal fest ,die “kleinen” sollen die Zeche der “Großen ” zahlen. Der Gedanke aus einem vorhrigen Kommentar drängt sich mir wieder auf:
    Ich stelle mir folgendes Szenario vor:
    Ein fetter reicher Aktienhändler steht an einem Rednerpult und ruft in die Menge ausgezehrter Arbeiter die mit ihrer Arbeit ein Leben lang nie auf einen grünen Zweig gekommen sind :
    DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI !!!
    Was glauben Sie wie diese wohl reagieren würden?
    Genau ! Wie die Griechen ! Und das mit Recht.
    Man sollte nicht immer nur die (wenn auch nicht immer ganz unschuldigen) kleinen Leuten die Schuld zuweisen. Wie wäre es mal die Seilschaften aus Politik und Wirtschaft sowie Finanzwelt zu beleuchten. Ich glaube da liegt der eigentliche Schlüssel zur Lösung . Und das nicht nur in Griechenland sondern Weltweit.
    Wer wirklich glaubwürdig sein will sollte nicht nur eine Seite kritisieren sondern die Hauptschuldigen, unabhängig von seinen finanziellen Bindungen. Aber das ist wohl wieder einmal zu viel verlangt von mir.

  • Tim

    Es ist aber ebenfalls eine Binsenweisheit, daß Lohnstückkosten nicht viel über die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes aussagen. Das sollte sich doch auch unter Volkswirten allmählich herumgesprochen haben …