Die soziale Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn Eigentum geschützt und Verträge eingehalten werden. Otto Graf Lambsdorff, (1926 - 2009), deutscher Politiker, Bundesminister für Wirtschaft, Bundesvorsitzender der FDP

5 OrdnungspolitikSteuern und Finanzen

Die Progression schlägt kalt zu!

Vielen Arbeiter erfreuen sich derzeit an steigenden Löhnen. Doch die Freude könnte von kurzer Dauer sein. Etliche Beschäftigte werden nämlich feststellen: Mehr Gehalt bedeuten leider nicht, dass sie sich auch mehr leisten können. Möglicherweise werden sie sich sogar weniger leisten können. Die klingt paradox, resultiert aber aus der sogenannten kalten Progression. Sie entsteht durch eine Kombination aus Einkommenssteigerung, progressivem Steuertarif und Inflation.

Wenn sich die Arbeitseinkommen in gleichem Maße erhöhen wie die Preise, bleibt zwar das reale Bruttoeinkommen konstant, nicht aber die Kaufkraft der Arbeitnehmer. Denn der deutsche Steuertarif bewirkt, dass die Steuerlast mit steigendem Einkommen überproportional stark zulegt. Die Beschäftigten müssen von jedem zusätzlich verdienten Euro einen größeren Teil als Steuer abführen.

Wie sich dies konkret auswirkt, zeigt das Beispiel eines Facharbeiters, der in diesem Jahr 43.000 Euro verdient. Bei einer voraussichtlichen Inflationsrate von 2,5 Prozent im Jahr 2011 müsste sein Einkommen 2012 ebenfalls um 2,5 Prozent damit seine Kaufkraft konstant bleibt. Durch den progressiven Steuertarif erhöht sich dann aber seine Abgabenlast überproportional. Aus der Einkommenserhöhung um 2,5 Prozent wird am Ende ein Kaufkraftverlust von 0,5 Prozent. Beseitigen ließe sich die kalte Progression am einfachsten, indem jährlich standardmäßig alle Einkommensgrenzen im Steuertarif um die Inflationsrate angehoben werden.  Damit wäre wieder gewährleistet, dass Lohnerhöhungen auch die Kaufkraft stärken.


Die Langfassung dieses Beitrags ist im iw-dienst Nr. 24 vom 16. Juni 2011 erschienen.

  • Autor

    Ralph Brügelmann

    ist Experte für öffentliche Haushalte und soziale Sicherung am Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW).

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  • Markus

    Das ist die eine Seite. Die andere Seite, nämlich die Preise für Konsumgüter wiederum sind in vielen Teile seit Jahren weitgehend konstant, so dass über einen 10-Jahres Durchschnitt wohl doch ein Plus an der Kaufkraft zu sehen ist.
    Wie gesagt, es kommt eben auf die Konsumgüter an.

    Als dritten Aspekt will ich folgendes hinzufügen: Hat jemand bspw. ein Darlehen für eine Immobilie aufgenommen, so wird dieser aufgrund der niedrigen Zinsen durchaus von einer Einkommenserhöhung profitieren. Wo wir wwieder bei der These sind: Es kommt auf den Konsum an.

    Der Artikel liest sich eher so, als dass eine Einkommenserhöhung eher unerwünscht und zu absolut höheren Kosten führt. Dem ist aber nicht so. Man hat am Schluss eben nur unterproportional viel mehr Geld in der Tasche – aber man hat definitiv mehr!

  • Surp

    @ Markus

    Wenn man mehr Geld bekommt ist da immer besser, aber die Infaltion frisst durch die ungünstige Steuerprogression dieses mehr relativ stark auf.

    Wichtig sind für Menschen die Preisentwicklungen bei Lebensmitteln, Energie und Mieten, wen interessieren Autos, LEDs, etc. wirklich? In diesme Bereichen bis auf Mieten ist die Infaltion sehr hoch und mehr als 5 – 6 %.

  • Markus

    @ Surp
    Klingt jetzt vielleicht arrogant: Aber ist mal der Gedanke da gewesen, dass die Lebensmittel in Deutschland vielleicht auch zu billig sind und jetzt auf “normales”, internationales Niveau steigen?
    Ärgern wir uns ernsthaft über die Butter, die morgen ggf. 10ct mehr kostet? Kauft irgendjemand deswegen keine Butter mehr?
    Unsere Löhne sehe ich im Verhältnis zur den Lebenshaltungskosten wie Lebensmittel, energie und normale Mieten) durchaus als sehr hoch an. Was beklagen wir eigentlich? Dass uns am Jahresende 100 euro in der Kasse fehlen?Ach ja, diese 100 euro hätten wir im Konsum verbraucht, zugunsten des Handels. Jetzt gehen die 100 euro eben auch an den Handel, aber nicht mit mehr Produkten sondern ohne Gegenleistung.
    Und Morgen kaufen wir uns ein T-Shirt beim KiK für 2,99 euro und das Kassensaldo stimmt wieder.
    Also manchmal ist Ökonomie komisch. Wir debattieren wieder über unseren verdammten Luxus.
    Manchmal bemerkt man den wert erst, wenn es einem nicht mehr zur Verfügung steht. Jetzt ist es selbstverständlichkeit unserer deutschen Arroganz.

  • Surp

    @ Markus

    Lebensmittel sind viel zu billig, dass hat aber viel mit den Agrarsubventionen zu tun.

    Wenn sie diese streichen, können sie den Hartz4 Satz direkt auf 450 – 500 Euro heben, dass möchte aber niemand, da es weitreichende Konsequenzen hätte.

    Das hat wenig mit Luxus etc. zu tun, sondern einfach nur mit eienr extrem perversen Entwicklung, die scheinbar politisch gewollt ist.

  • Markus

    @ Surp
    Es ist also nicht Luxus, dass man diese Vielfalt an Lebensmittel und die ständige Verfügbarkeit desselben als selbstverständlich erachtet? Dass keiner Verhungern muss – sondern sogar noch wählen kann, auch mit niedrigem Einkommen, auch mit Hartz IV?
    Alleine der Gedanke ist derart pervers und arrogant in unserer Gesellschaft.

    Ist es also auch kein Luxus, dass wir geschätze 33% aller Lebenmittel vernichten? Dass wir wesentlich mehr haben als benötigt? In fast allen Konsumgüterbereichen?

    Das können SIe nciht nur auf Subventionen schieben.

    Machen Sie mal ausserhalb Europas “Urlaub” und verlassen Sie die All-Inclusive Hotels. Dann sehen Sie, was ich meine. Und das ist die Mehrheit auf der Welt. Aber das ist eine andere Geschichte, ich schweife ab.