Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh. Henry Ford, 1863-1947, US-amerikanischer Unternehmer

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Zuwanderung alleine bringt´s nicht


Fachkräftemangel – diesem Thema will sich die Bundesregierung nun fachkundig und kraftvoll widmen. Gut so. Gestern wurde im Kabinett ein Konzept zur „Sicherung der Arbeitskräftebasis“ verabschiedet. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will vor allem an der Stellschraube „Zuwanderung“ drehen. Hier scheint sich die Politik auf einem demoskopisch sicheren Pfad zu befinden. Wurde von der Bevölkerung früher die Zuwanderung als Bedrohung empfunden, befürworten heute über 40 Prozent der Deutschen die These, Zuwanderung sei notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Über einen regierungsinternen Prüfauftrag  zum „Zugang von ausländischen Hochqualifizierten und Fachkräften zum deutschen Arbeitsmarkt“ ist das Konzept allerdings nicht hinausgekommen.

Enttäuschend ist, dass die echten Probleme weitgehend unkonkret geblieben sind. Deutsche Unternehmen suchen händeringend nach Facharbeitern, weil viele  Schulabgänger weder über die Ausbildungsreife noch über einen Schulabschluss verfügen. Zudem fehlen noch immer Betreuungsangebote für Kinder – so werden vor allem Frauen für einen zu langen Zeitraum aus ihrem Job gedrängt, obwohl sie beste Qualifikationen aufweisen. Außerdem steuert der Staat teilweise in die falsche Richtung, indem er widersprüchliche Anreize setzt: Die Beschäftigungsquote von Älteren wird gedrückt, weil das Arbeitslosengeld über 24 Monate ausgezahlt wird. Und auch durch Familienpflegezeiten und Elterngeld sinkt die Beschäftigungsquote vor allem von jungen Frauen. Hier müssen die teuren staatlichen Anreizsysteme auf ihre tatsächliche Wirkung hin überprüft werden – denn die Zuwanderung alleine kann es nicht bringen.


Mit der Aktion “Fachkräfteturm” vor dem Bundesarbeitsministerium am 31. Mai 2011 hat die INSM symbolisch gezeigt, was passiert, wenn die Fachkräftelücke nicht schnell geschlossen wird.

  • Autor

    Dominique Döttling

    ist geschäftsführende Gesellschafterin der Döttling & Partner Beratungsgesellschaft mbH, Uhingen und Mainz und Botschafterin der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

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  • “Deutsche Unternehmen suchen händeringend nach Facharbeitern, weil viele Schulabgänger weder über die Ausbildungsreife noch über einen Schulabschluss verfügen.”

    Aus diesem Grund gibt es deutlich mehr Schulabsolventen als Ausbildungsstellen? Wenn die Unternehmen Fachkräfte suchen müssen sie ausbilden. Das kostet aber Geld. Aus diesem Grund wollen sie lieber die fertig ausgebildeten Personen. Das die knapp sind ist auch unglaubwürdig. Es gibt viele arbeitslose fachkräfte. In einigen Bereichen existiert tatsächlich ein Magel. In den meisten Bereichen allerdings nicht. Das heißt, wenn die Unternehmen keine Arbeitnehmer finden, dann müssen sie die Angebote attraktiver machen. Das geht einfach über höhere Löhne, Vollzeitstellen und unbefristete Verträge. Das wollen viele Unternehmen nicht, da das bedeutet mehr Risiko zu haben und höhere Kosten.

  • “Zudem fehlen noch immer Betreuungsangebote für Kinder – so werden vor allem Frauen für einen zu langen Zeitraum aus ihrem Job gedrängt, obwohl sie beste Qualifikationen aufweisen”

    Ich mag diese Art, Lesern die eigenen Prämissen unterzuschieben! Frauen werden nicht aus dem Beruf gedrängt! Und bislang kenne ich noch keinen Fall, in dem eine Frau zur Schwangerschaft von ihrem Arbeitgeber gezwungen wurde. Entsprechend ist Schwangerschaft das Ergebnis einer Abwahl des Berufs zugunsten von Kindern, und diese Wahl wird man auch mit Betreuungangeboten nicht ändern, schon weil Arbeit und Familie nicht zusammengehen, es ist ein entweder oder…., wie man an der Entprofessionalisierung des deutschen Bildungssystems sehen kann, in dem die Zahl derer, die ihren Beruf als Teilzeit ansehen und somit zwangsläufig als Nebensache, stetig steigt.
    Hat eigentlich schon einmal jemand sich die Frage gestellt, ob Frauen, die sich für Kinder entscheiden, eigentlich noch arbeiten gehen wollen? In anderen Ländern gibt es zu diesem Thema so gar Studien und die zeigen, wenig überraschend, nein, sie wollen es nicht!

  • @Michael Klein
    “nein, sie wollen es nicht”
    Meistens müssen sie aber arbeiten. Die üppigen Lonsteigerungen der letzten Jahrzehnte machen einen Alleinverdienerhaushalt nicht möglich. Solche Studien sind auch sehr Regionenabhängig. So werden sie im Osten Deutschlands mehr Frauen finden die arbeiten wollen, als im Westen. Des Weiteren zeigt sich tatsächlich, dass eine bessere Betreuung zu mehr arbeitenden Frauen mit Kindern führt. Ein Kind sollte nicht wie eine Behinderung sein. Es sollte in einer modernen Gesellschaft möglich sein, Kind und Arbeit zu vereinen.

    “Entsprechend ist Schwangerschaft das Ergebnis einer Abwahl des Berufs zugunsten von Kindern”
    Streng genommen eben nicht. Gesetzlich macht es keinen Unterschied. Den Unterschied machen eben die Arbeitgeber, welche vermuten das Frauen mit Kindern mehr Fehltage haben werden. Vom Arbeitnehmer wird immer mehr Flexibilität verlangt. Ein Arbeitgeber ist dazu nicht bereit. In anderen Ländern werden flexiblere Verträge vergeben. Da wird eben Abends, wenn das Kind im Bett ist die Arbeit des Nachmittags gemacht, wenn man das Kind von der Schule holt.

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  • @chriwi
    ich befürchte zwischen uns ist kaum eine Verständigung möglich. Ich gehe von einem autonomen Individuum aus, das entsprechend seiner Präferenzen entscheidet. Sie scheinen zu denken, nicht Individuen, sondern Strukturen, gesetzliche Regelungen und Vorgaben entscheiden für Individuen und entsprechend müsse man nur den richtigen institutionellen Stimuli hinhalten und schon macht das Hündchen “schnapp” …

    Und wieso muss eine Gesellschaft sich um den Nachwuchs drehen? Finden Sie es nicht abstrus, wenn alle Abläufe in einem Betrieb sich an den Öffnungszeiten des Kindergartens ausrichten müssen? Aber Sie haben einen Punkt, denn das macht das Leben spannend… so nach dem Motto, “Ihr Anruf bei der Notrufzentrale kann gerade nicht entgegen genommen werden, unsere Mitarbeiterin muss sich um ihr Kind kümmern”. Zumindest macht es die gesellschaftliche Werthíerarchie sehr deutlich.

  • “Ich gehe von einem autonomen Individuum aus, das entsprechend seiner Präferenzen entscheidet.”
    Diese Grundannahme ist in meinen Augen nicht annähernd realistisch. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft ist man nicht autonom. Frei entscheiden kann man eben auch nicht. Wenn man arbeiten muss um seine Familie zu ernähern, die Gesellschaft dies aber nicht ermöglicht, dann wurde die Entscheidung von der Gesellschaft abgenommen und ist eben keine freie mehr. Zwang kann auch ohne Gesetze ausgeübt werden.

    “Finden Sie es nicht abstrus, wenn alle Abläufe in einem Betrieb sich an den Öffnungszeiten des Kindergartens ausrichten müssen?”
    Wenn es bestimmte Abläufe erlauben, warum denn nicht? Wenn eine Sekretärin die diktierten Briefe auch abends schreiben kann, warum soll sie dies nicht tun. Ein Ingenieur kann auch abends seine Konstruktionen zeichnen. Das ist ohne Weiteres möglich. In anderen Bereichen gestalltet sich das natürlich schwieriger. Eine Ärztin muss eben vor Ort sein. Die ersten beiden Beispeile zeigen, dass ein flexibler Arbeitgeber von Vorteil wäre, ohne Aufwand für die Gesellschaft.

    “Und wieso muss eine Gesellschaft sich um den Nachwuchs drehen?”
    Muss sie nicht. Aus meinen Augen ist es aber vernünftig Betreuungsangebote zu schaffen. Warum? Wenn eine Frau (oder ein Mann) fertig ausgebildet ist und nun zu Hause bleiben muss, weil er keinen Betreuungsplatz hat, dann kostet dies Wohlstand. Seine Qualifikation liegt brach, die Ausbildung wurde bezahlt und wird nun nicht genutzt. In meinen Augen ist dies nicht sehr effektiv.

  • Markus

    Finde ich toll, dass selbst Sie, Frau D., die Herren der Schöpfung schon im Vorfeld als mögliche “kindererzieher” ausschliessen. Traumhaft, wie Sie die alten Klischees hervorheben. Aber da sind Sie leider viele Jahre zu spät. Schauen Sie doch mal, welche Werte auch junge Väter haben. Vielleicht bringt Sie das mal zum Nachdenken.

    Ach so, wusste nciht, dass Sie als “Expertin” die Fachkräfte in der Hauptschule suchen…aber interessanter Ansatz, Schulabbrecher mit dem Fachkräftemangel in Verbindung zu bringen. Auf diese kreative Idee wäre ich nicht gekommen.

    Aberich krieg die Kurve nicht: Was genau hat Zuwanderung von Fachkräften nun wirklich mit Kindergeld, etc. zu tun? Oder gehen Sie davon aus, dass alle Erziehenden in Elternzeit sog. fachkräfte sind? Also alle Väter und Mütter? Und diese gilt es zu sichern?
    Naja.

  • Kammerjäger

    “Außerdem steuert der Staat teilweise in die falsche Richtung, indem er widersprüchliche Anreize setzt: Die Beschäftigungsquote von Älteren wird gedrückt, weil das Arbeitslosengeld über 24 Monate ausgezahlt wird”

    Das halte ich für eine fragwürdige, wenn nicht grundlegend falsche oder sogar verlogene Darstellung, weil sie Tatsachen verdreht. Ist die Beschäftigungsquote von Älteren nicht deshalb so gering, weil sie von Arbeitgebern gemieden werden, um nicht zu sagen, auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert werden? Und ist die längere Zahlung des Arbeitslosengelde für Ältere nicht in Wahrheit auf genau diesen Umstand zurückzuführen?

  • Surp

    “löblich wie ÖkonomenBlog erklärt, zu bedauern ist das die Bemühungen nicht über das Stichwort Zuwanderung hinausgehen und somit Themen wie Betreuungsangebote für Kinder und bessere Ausbildung für Schulabgänger”

    ich musste jetzt lachen…

  • Markus

    Diese ewige, unrealistische Diskussion über den sog. Fachkräftemangel wird uns nochmal zum Verhängnis.

    Aber das haben wir auch schon an anderer Stelle diskutiert: Unser System weist einen studierten “Experten” als solchen aus, er/ sie ist damit per se hochqualifiziert, unabhängig der eigentlichen Leistung. Und damit haben diese fachkräfte mehr Chancen am Arbeitsmarkt zu besseren Konditionen. Die Folge: Studieren um jeden Preis. Sonst verliert man in der Zukunft. Bildung entscheidet, nicht die wirkliche Qualifikation – sondern das attestierte Papier eine Hochschule. Traurig, aber wahr. Kleine Unternehmen lachen darüber, und wissen sehr oft um das Potential von Nicht-Akademikern/ Ingenieuren, etc..
    Leistung ist im Berufsalltag nicht zwingend mit Ausbildunghöhe zu koppeln. (aber es erleichtert den Einstieg).
    Und nicht jeder Betriebswirt ist in der Lage, eine Bilanz zu lesen. So viel dazu.