Was Wachstum schafft, darf sehr wohl mit Schulden finanziert werden. Helmut Schmidt, 1918-2015, dt. Politiker

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Wer kontrolliert die Ratingagenturen?

Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass die drei großen Ratingagenturen Standard & Poor’s (S&P), Moody’s und Fitch die Kreditwürdigkeit der USA herabzustufen, würde das eine weitere Verschärfung des amerikanischen Schuldenproblems bedeuten. Denn entsprechend würde für die als risikoreicher bewerteten Staatsanleihen eine höhere Rendite eingefordert. In der Konsequenz würden die jährlichen Zinslasten und damit die laufenden Staatsausgaben steigen.

Eine Herabstufung der USA ist aber nicht nur für Amerika ein Desaster: Der Verlust der Bestnote zwingt die Gläubiger weltweit, ihre Vermögen neu zu bewerten und umzuschichten. Denn die Noten der Ratingagenturen werden von den staatlichen Finanzaufsichtsbehörden zur Geschäftsgrundlage gemacht, wenn sie Banken und Versicherungen «Stresstests» aussetzen. Das Urteil der Ratingagenturen hat quasi hoheitliche Kraft und ist verbindlich. Diese herausragende Sonderstellung der Ratingagenturen ist mehr als kritisch. Denn wer kontrolliert die Ratingagenturen? Niemand! Für alles, was auf den Finanzmärkten passiert, gibt es Aufsichtsgremien – nicht jedoch für die Ratingagenturen.

S&P, Moody’s und Fitch Ratings sind nichts anders als private Gesellschaften, deren oberstes Ziel die Gewinnmaximierung ist. Sie sind keinesfalls unabhängige Schiedsrichter und unterliegen kaum einem Wettbewerb. Vielmehr sind sie Teil der Finanzwelt und verfolgen ihre ganz eigenen Interessen. Und die Vermutung, die Ratingagenturen hätten als Schiedsrichter mit den Spielern vor und während der Finanzkrise unter einer Decke gesteckt und es zu Gefälligkeitsurteilen gekommen sei, steht immer noch im Raum.

Eine Reform muss her. Die Einnahmequellen der Ratingagenturen zu ändern, wäre ein erster Schritt zur Besserung. Ein möglicher Ansatz: Alle an einer Bewertung durch unabhängige Ratingagenturen Interessierten beteiligen sich per Pflichtabgabe an einer Umlage. Eine Offenlegung der Bewertungsmodelle und eine strengere Aufsicht über Interessenverflechtungen der Ratingagenturen wären weitere Schritte. Noch wichtiger wäre es, die Ratingagenturen für ihre Bewertungen in Haftung zu nehmen und zu normalen Mitspielern auf dem Finanzparkett zu machen. Deren Urteil sollte nur noch Meinung sein, auf die hören mag, wer will.


Die Langfassung dieses Beitrags ist in der Basler Zeitung vom 14. Juni 2011 erschienen.

  • Autor

    Prof. Dr. Thomas Straubhaar

    früherer Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg.

    Alle Beiträge

  • Rating Agenturen können ihre Bewertungsalgorithmen nicht offen legen. Man würde merken, dass es nicht viel mehr als kaffeesatzleserei ist.

  • Surp

    Ich finde der Name

    “Rat” ing (inc)-Akenturen, sagt glaub alles^^.

  • Ich wundere und ärgere mich über die Inkonsequenz von Prof. Straubhaars Überlegungen, die eher darauf abzielen, dass unzureichender Wettbewerb auf falsche Rahmenbedingungen zurückginge. Nein, eine vermeintlich ‘bessere’ Regulierung ist einmal mehr schlechter als: weniger Regulierung. Einnahmequellen zu verändern und Interessenkonflikte zu vermeiden geschieht doch ganz von allein, wenn man das staatlich fundierte Rating-Kartell aufbricht. SP, Fitch und Moody’s hatten ihr Monopol insb. aufgrund von US-Regulierung. Es gibt zahlreiche andere, von Anlegern finanzierte, Agenturen, die mehr Kompetenz und Zuverlässigkeit bewiesen haben als die 3 Monopolisten. Das Monopol ist staatlich gewollt. Von ursprünglich 6-7 Ratingagenturen blieben 2003 3 übrig. Zufälligerweise ging sogleich danach die Post bei Verbriefungsexzessen ab. Seit April 2011 sind nun offiziell 10 zugelassen. Das entschärft das eigentliche Problem aber nur ungenügend, vllt. nur kurzfristig. Nun wiegen sich eben 10 Agenturen in Sicherheit und teilen sich ihr staatlich garantiertes Monopol. In 2010 wurde die Haftung für Agenturen neu normiert/verschärft. SP verschärfte daraufhin seine Geschäftsbedingungen und drei Banken verabschiedeten sich von SP und wandten sich den beiden anderen Agenturen zu. Nein, gut gemeinte Regulierung ist die zweitbeste Wahl nach einem von Grund auf freiheitlichen System.

    http://money.cnn.com/2007/09/28/news/companies/ratings_agencies.fortune/index.htm
    http://www.theratingsdebate.com/mbs-issuers-boycotting-sp/

  • “Das Monopol ist staatlich gewollt”

    Wenn das nicht die falschen Rahmenbedingungen sind, dann weiß ich auch nicht. Die Spitzen der Politik und der Finanzwirtschaft sind zu stark verzahnt. Sie haben natürlich kein Interesse an Wettbewerb. Dabei verdient man weniger als im Moment. Denn so lange die Agenturen groß sind können sie Prognosen generieren, welche sich automatisch Bewahrheiten, da viele Marktteilnehmern ihnen folgen (müssen). Damit nimmt der Glaube an die Kristallkugelbesitzer zu, was ihnen noch mehr Macht gibt. Kleinere Rating Agenturen wären deutlich besser. Das gleiche gilt auch für Banken. Man könnte sie dann pleite gehen lassen. Je mehr Teilnehmer, desto mehr Wettbewerb, desto effektiver wirkt ein Markt. Heute leben wir allerdings in einer Zeit vor der die Ordoliberalen gewarnt hatten.

  • Eine Ökonomen nach staatlicher Regulierung rufen zu hören, tut mir weh. Wollen Sie wirklich den Bock zum Gärtner machen? Reicht nicht, was die EU bereits in Verordnung (EG) 1060/2009 an Ratingagenturen heranträgt? Ratingagenturen leben davon, dass ihre Ratings korrekt sind. Was glauben Sie, wie lange sich Moodys oder S&P am Markt halten, wenn sie dauerhaft falsche Ratings herausgeben? Wer sollte die Ratings dann noch nachfragen, wer sie bei seinen Investitionen berücksichtigen? Diese Form der REGULIERUNG findet an MÄRKTEN statt, dazu sind keine Staaten notwendig.

    Am meisten ärgert mich die Naivität dieses Beitrags. Kann es nicht sein, dass das immense Defizit der USA langsam eine Reaktion verlangt… ? Klar kann man Ratingagenturen unter die Ägide von staatlichen Akteuren stellen, dann besteht auch die Gefahr nicht mehr, dass Staaten von Ratingagenturen herabgestuft werden. Aber wozu dieser Aufwand? Warum verordnen wird nicht AAA für Staaten und basta.

  • Surp

    @ Michael Klein

    “Aber wozu dieser Aufwand? Warum verordnen wird nicht AAA für Staaten und basta.”

    Gute Idee!

  • “Ratingagenturen leben davon, dass ihre Ratings korrekt sind.”
    Dies funktioniert aber nur wenn die Ratingagenturen so klein sind, dass ihre Ratings den Markt nicht beeinflussen. Wenn die “großen drei” Griechenland abwerten, dann steigen sofort die Zinsen und die Erwartungen wurden erfüllt. Bei der Finanzkrise hat man gesehen, dass dies zu lange gut gehen kann. Irgendwann platzten die AAA+ Ratings und die Blase platzte. Die Rating Unternehmen sind immer noch am Markt.

    Ein weiterer Punkt ist die Bewertung von Staaten. Die USA bürgt und schafft ihr eigenes Geld. Wieso muss irgendein Privatunternehmen bewerten wie viele Zinsen bei einem Kredit bei einer Privatbank zu zahlen ist? Im Zweifelsfall wird der Kredit bei der Zentralbank aufgenommen. In Europa das gleiche Spiel. Die Banken tragen kein Risiko, denn dies wird durch den Staat aufgefangen. Wieso bekommen sie dann Risikozuschläge in Form von höheren Zinsen? Das hat nichts mit Marktwirtschaft zu tun. Die Verknüpfung zwischen Politik und dem Finanzsektor ist zu stark. In beide Richtungen wird gewechselt und dafür gesorgt, dass die eigenen Interessen im Fordergrund stehen. Kleinere Banken und Rating Agenturen und die Marktmacht verschwindet. Dann kann jeder entscheiden welcher Zukunftsprognose er glauben will.

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