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Deutsche Einheit: Ursprung heutiger Schuldenkrise in Europa?

Die Wiedervereinigung Deutschlands war zweifellos ein Glücksfall. Doch 40 Jahre Planwirtschaft im Osten Deutschlands und der Wiedervereinigungsschock machen sich auch heute noch dramatisch bemerkbar. Denn seit Ende des Wiedervereinigungsbooms hat Deutschland 15 Jahre lang eine Rosskur durchlebt, die als Ursprung der heutigen europäischen Schuldenkrise zu sehen ist.

Im Wiedervereinigungsboom hatte Deutschland deutlich an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verloren: Ursachen waren ein im Verhältnis zur Produktivität überproportionaler Lohnanstieg in Ost und West, hohe Arbeitslosigkeit und gestiegene Kosten der sozialen Sicherung.  Die DM wertete real auf, die ehemals positive Leistungsbilanz drehte sich ins Negative und die Staatsverschuldung stieg von 44% des BIP im Jahr 1990 auf 60% im Jahr 1998.

In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre setzten private und öffentliche Konsolidierungsbemühungen ein: sehr moderates Lohnwachstum, Produktivitätssteigerungen, Straffung der Sozialleistungen und Rückführung der öffentlichen Defizite. Diese strenge Sparpolitik führte Deutschland zwar zurück zu schnell steigenden Leistungsbilanzüberschüssen. Diesen standen jedoch von deutschen Kapitalexporten getriebene großzügige Lohnerhöhungen und wachsende Leistungsbilanzdefizite in süd-, mittel- und osteuropäischen EU-Ländern gegenüber.

Die seit der Einführung des Euro bestehende gemeinsame Geldpolitik der EZB war nicht in der Lage auf die Ungleichgewichte zu reagieren. Den steigenden Löhnen und Inflationsraten im Süden der Eurozone standen Lohnzurückhaltung und niedrige Inflation in Deutschland gegenüber, die die durchschnittliche Inflationsrate der Eurozone nahe an der Zielmarke von 2% hielten.

Zusätzlich schien die Niedrigzinspolitik der USA eine starke Geldmengenexpansion in der Eurozone zu rechtfertigen. Im Ergebnis standen steigenden Forderungen deutscher Banken steigende Verbindlichkeiten der Banken und Staaten an der Peripherie der Eurozone gegenüber. Die europäische Staatsschuldenkrise war geboren.

Unklar bleibt, wer die Kosten der unvermeidlichen Zahlungsausfälle trägt. Wahrscheinlich wird es die deutschen Sparer und Steuerzahler hart treffen. Denn die Außenstände der privaten Banken werden derzeit in Kredite der europäischen Institutionen transformiert, für die Deutschland zu einem großen Anteil haftet. Zudem werden die privaten Kapitalexporte Deutschlands vor der Krise derzeit auf der Grundlage öffentlicher Kredite in die Zukunft fortgeschrieben, so dass die Leistungsbilanzungleichgewichte bestehen bleiben.

Wie in Deutschland nach der Wiedervereinigung scheint der Währungsunion die Transferunion zu folgen, weil die Peripherie auf eine nachhaltige Konvergenz der Lebensverhältnisse pocht. Wenn die EZB auf Umschuldungen und steigende Staatsverschuldungen im Euroraum mit expansiver Geldpolitik reagiert, würde die Entwertung der deutschen Sparanlagen über höhere Inflation (und weitere Krisenzyklen) realisiert. Die Transferunion wäre dann der Einstieg in die Inflationsunion.


Dieser Blogbeitrag ist eine Kurzfassung der Studie von Gunther Schnabl und Holger Zemanek, “Die Deutsche Wiedervereinigung und die europäische Schuldenkrise im Lichte der Theorie optimaler Währungsräume”, Working Paper, No. 94, Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität Leipzig, Juni 2011.

6 Kommentare zu “Deutsche Einheit: Ursprung heutiger Schuldenkrise in Europa?”

  1. “die die durchschnittliche Inflationsrate der Eurozone nahe an der Zielmarke von 2% hielten.”

    So weit ich mich erinnere lag die deutsche Inflation unter der Zielmarke. Frankreich hatte sie erreicht und Griechenland lag drüber. Eine Quelle wäre schön, welcher ihre These stützt.

  2. Pötzsch sagt:

    Meiner Meinung nach ist nicht die deutsche Wiedervereinigung, sondern die verfehlte Wirtschaftspolitik der Bundesregierung an der Kriese schuld. Um Deutschland vor dem wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenbruch zu schützen sehe ich als einzige gangbare Alternative den Austritt aus der EU. Dadurch wäre der Schutz des deutschen Wirtschaftsraumes garantiert und ein Ausbluten des Sozialstaates würde verhindert. Dies würde auch die Spareinlagen innerhalb Deutschlands sichern.

  3. Dieter Graef sagt:

    Der Ursprung der heutigen Schuldenkrise in Europa liegt wohl eher im Besuch von Richard Nixon in China 1972. Hier wurde eine neue Qualität der Globalisierung eingeleitet die ganze Industrien in Europa verschwinden ließ. Riesige Geldmengen werden als Globalisierungsgewinn generiert die nicht mehr in eine Realwirtschaft reinvestiert werden konnten. Das Missverhältnis von Staatseinnahmen und Staatsausgaben wächst ständig da der in der Realwirtschaft gewachsene Mittelstand in die Armut wegbricht. Daher kann eine nachhaltige Lösung auch nur durch das Herstellen eines gesunden Gleichgewichtes zwischen lokaler und globaler Wirtschaft erfolgen.

  4. Witzig ist, dass Herr Paque diese Lücke als Erfolg feiert wenn er sich freut, dass die Löhne und Lohnstückkosten gesunken sind.

    http://www.insm-oekonomenblog.de/allgemein/steuersenkung-ist-kein-geschenk/

  5. Mario Müller sagt:

    Ich denke, dass man hier keinen wirklichen Grund nennen kann. Aber einige wären zum Beispiel auch der demografische Wandel, der die Staatshaushälter stärker belastet als erwartet. Hinzu kommen die Vereinigten Staaten, die nach belieben den Leitzins manipulieren. Und die Einführung des Euro war für Europa (gerade für die wirtschaftlich starken Länder) eine Katastrophe. Wenn man sich ein zwei Stunden Zeit nimmt, kann man gut und gerne einen Katalog von Gründen zusammenstellen und wird am Ende feststellen, dass all diese Gründe Teil einer Entwicklung sind. Und diese ist sehr komplex und wird von vielen Dingen beeinflusst. Das ganze auf ein oder zwei Gründe herunterzubrechen,wird definitiv keine Antwort der Frage nach der Ursache der Schuldenkrise herbeiführen.

  6. dazu auch noch Herr Trichet, für den natürlich die EZB NICHT an IRGENDETWAS Schuld ist.Siehe hier:

    http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/anleihen-devisen/:ezb-pressekonferenz-trichet-platzt-der-kragen/60101689.html

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Der Autor:

Prof. Dr. Gunther Schnabl

ist Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig.

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