Jeder sollte wissen: Je kleiner die Schritte, desto mehr Schritte muss er machen. Horst Köhler, *1943, Bundespräsident AD

8 FinanzmarktOrdnungspolitikSteuern und Finanzen

Wachsen mit geringeren Steuern

Über Jahrzehnte hat Deutschland über seine Verhältnisse gelebt. Das Ergebnis: Eine exorbitante  Staatsverschuldung. Mit den Konjunkturpaketen der letzten Jahre sind die Schulden nochmals gestiegen – auf nunmehr über 2 Billionen Euro. Ohne eine energische Konsolidierung der öffentlichen Haushalte droht Deutschland immer stärker im Schuldensumpf zu ersticken. Ab heute wird Prof. Dr. Bodo Herzog in den kommenden Wochen, jeweils Donnerstags, in einer Artikelserie erläutern, warum Steuersenkungen und die dringend nötige Haushaltskonsolidierung kein Widerspruch sind.

Die fatalen Auswirkungen übermäßiger Staatsverschuldung, die Europa derzeit erlebt, befeuern auch in Deutschland die Debatte nach dem richtigen Weg der Haushaltskonsolidierung. Eine solide Finanzpolitik ist dringend notwendig, denn Konjunkturpakete und Finanzmarktstabilisierung haben den ohnehin schon hohen Schuldenberg nochmals gewaltig wachsen lassen. Neben einer soliden Finanzpolitik gilt es jedoch den Blick für eine nachhaltige, d. h. aber auch wachstumsfreundliche, Wirtschaftpolitik nicht zu verlieren.

In diesem Zusammenhang lohnt ein Blick nach Schweden. Inmitten der Finanzkrise beschloss die Schwedische Regierung Steuererleichterungen. Einerseits um damit positive Konjunktursignale zu setzen und andererseits um einen Teil der Gegenfinanzierung mit zukünftigen Wachstumsperspektiven zu erreichen. In einer empirischen Studie – publiziert in der renommierten Zeitschrift American Economic Review im Jahr 2010 – bestätigen die beiden berühmten Makroökonomen Christina Romer und David Romer die positive Wirkung eines Steuerimpulses auf das Wirtschaftswachstum. Kurzum: Eine steuersystematische Entlastung der Bürger stärkt Leistungsanreize und damit langfristig Wachstumskräfte, indem Investitionen stimuliert und damit die Kapitalbildung angeregt werden. Zugleich wird das Lohnabstandsgebot im unteren und mittleren Einkommensbereich gestärkt. Angesichts der von der Deutschen Bundesregierung beschlossenen Erhöhung der Regelsätze im Arbeitslosengeld II drängt eine solche Maßnahme für die immer kleiner werdende Mittelschicht mehr denn je. 


Prof. Dr. Bodo Herzog ist seit dem Jahr 2008 Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere für Geldpolitik und Makroökonomik an der ESB Business School, Hochschule Reutlingen. Zuvor war er u. a. wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Dieser Blogbeitrag resultiert aus der Studie „Haushaltslöcher und Steuerentlastungen – Was ist zu tun?, von Prof. Dr. Bodo Herzog, erschienen in Position Liberal Nr. 99, Herausgegeben vom Liberalen Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Potsdam 2011

Literaturhinweis: C. Romer and D. Romer (2010), The Macroeconomics Effects of Tax Changes: Estimates Based on a New Measure of Fiscal Shocks, American Economic Review, Vol. 100, p. 763-801.

  • Autor

    Prof. Dr. Bodo Herzog

    ist Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere für Geldpolitik und Makroökonomik an der ESB Business School, Hochschule Reutlingen.

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  • Strange

    Ich kann einigen Aussagen nicht ganz zustimmen:

    1.) Steuererleichterungen führen zu stabilerer Wirtschaft.
    Stimmt, aber nur, falls das Geld im Land verbleibt und dort eingesetzt werden kann. Wir sind in oder auf dem Weg zu einer Transferunion, so dass die Steuern erhöht werden müssen um die europäische Idee zu finanzieren.

    2.) … Erhöhung der Regelsätze im Arbeitslosengeld II …
    Einer Erhöhung um 5 Euro in diesem Jahr stehen der Wegfall der Finanzierung der monatlichen Stromkosten (in ALG II) gegenüber. Damit ergibt sich eine durchschnittliche Reduzierung des real zur Verfügung stehenden Regelsatzes um ca. 10-20 Euro pro Monat.

    3.) Die Hartz IV Reform macht es niedrig qualifiziert Ausgebildeten evtl. leichter in das Berufsleben einzusteigen, aber arbeitslos gewordene hoch- und höchstqualifizierte Personen landen automatisch und für längere Zeit in ALG II, da es pro Halbjahr/Jahr einfach zu wenige Stellen gibt. Insofern hat die Hartz IV Reform das Gegenteil von dem geschaffen, was eigentlich erreicht werden sollte.

  • “Dieser Blogbeitrag resultiert aus der Studie „Haushaltslöcher und Steuerentlastungen – Was ist zu tun?, von Prof. Dr. Bodo Herzog, erschienen in Position Liberal Nr. 99, Herausgegeben vom Liberalen Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Potsdam 2011”

    Ich weiß nicht ob man Studien trauen kann, welche von liberalen Think Tanks finanziert werden. Das Steuersenkungen die Wirtschaft beleben bezweifelt fast niemand. Das sie am Ende mehr Einnahmen bringen als sie gekostet haben jedoch schon. Mit Hilfe von Steuersenkungen wird versucht die Löhne zu erhöhen und die Kaufkraft zu stärken. Da im Gegenzug subventionierte staatliche Leistungen reduziert werden steigen bestimmte Kosten deutlich an, welche diese Erhöhungen auffressen. Ich sehe nicht, wie man Steuern senken und eine Schuldenbremse erfüllen kann. Aber in der bezahlten Ökonomie scheint ja alles möglich.

  • Surp

    @ chriwi

    Ich denke schon, dass man durch Umstrukturierung unseres Steuer- und Sozialsystems viel verändern kann. Aber dazu muss ein extremer Systemwechsel erfolgen, weg vom fetten unfähigen Staatsapperat hin zu einem schlanken Staat, der die Bürger mit einer hohen Kaufkraft ausstatten. Dabei ist eine starke Umverteilung dringend notwendig, damit “fast” alle gewinnen.

    In meinen Augen sollten 2 – 3 Steuern ausreichen, um den gesamten Staat zu finanzieren, hierfür bieten sich idealerweise eine Finanztransaktion und eine Konsumsteuer an. Aber auch Maut und andere Gebühren für die Infrastruktur können hierfür verwendet werden. Schön wäre es eine ökologische Komponente einfliessen zu lassen.

  • Markus

    @ Surp: Ökologische Komponente: Wegfall der KFZ Steuer, Aufstockung der Mineralölsteuer bzw MWST auf Treibstoff = verbrauchsorientiert und damit ölologisch orientiert.

  • @Surp
    Das man etwas machen kann stimmt schon. Ich Widerspreche aber denjenigen die Behaupten “Steuer runter, alles super”. So einfach ist die Welt nicht. Schaut man sich die Gleichung im Anhang an, dann wird deutlich das die Zusammenhänge zwischen Einnahmen und Wachstum beliebig funktional beschrieben werden können. Da es eine Prognose ist, kann man sie nicht Prüfen. Je nach Bezahlung kommt dann das gewünschte Ergebniss heraus.

    @Markus
    Dann müssen sie aber auch den öffentlichen Nahverkehr besser fördern. Ettliche Menschen müssen Auto fahren, da sie keine reale Chance hätten zur Arbeit zu kommen. Ansonsten stimme ich zu. Auch wenn der ADAC Proteste vorbereiten würde.

  • Eric

    In die Diskussion, ob Steuersenkungen wirklich die Konjunktur stimulieren oder doch nicht, und welche Steuer in welcher Höhe erhoben werden sollte, will ich gar nicht eingehen, dies ist doch zu sehr von der jeweiligen Ideologie des einzelnen abhängig.

    Ich möchte nur, nochmals, an die grundsätzlichen Gesetze der Finanzmathematik erinnern, auf die ich schon in Reaktion auf den Beitrag von Prof. Fuest hingewiesen hatte :

    Vermögen kann nicht ohne Schulden existieren und umgekehrt.

    Wer also den “Schuldenberg” des Staates abbauen möchte, hat nur zwei Möglichkeiten, staatlicher Maßnahmen :

    1. Maßnahmen, die das Vermögen der Bürger und anderer reduzieren ( also tendenziell keine Steuersenkungen ).

    2. Maßnahmen, welche die Verschuldungsfähigkeit und Verschuldungsbereitschaft anderer Sektoren in der Volkswirtschaft erhöhen.

    Ich empfinde es sehr bedauerlich, dass selbst solche allgemeingültigen, unumstößlichen “Naturgesetzte” in meiner Heimatstadt offensichtlich nicht bekannt sind.

  • Keynesianer

    “Über Jahrzehnte hat Deutschland über seine Verhältnisse gelebt”

    Wer hat in Deutschland über seine Verhältnisse gelebt?

    Ansonsten wäre es ganz gut, wenn man begreifen würde, daß die “Reaganomics” desaströse Folgen haben!

  • Surp

    @ Keynesianer

    Es haben extrem viele Menschen über ihre Verhätnisse gelebt, im Prinzip der Großteil unserer Dienstleistungsgesellschaft und ihre Folgeerscheinungen.

    Ich würde nicht unbedingt dem Neoliberalismus, die Schuld in die Schuhe schieben. Die Schuld trägt eingentlich der protestantische Arbeitsethos (ich bin Atheist) und mal plastisch dargestellt die Aussage Kohls: “Wir werden zur Spa?gesellschaft”. Dies war eine Vernichtung unserer Möglichkeiten und der Großteil hat dies auch noch gelaubt, wobei die Spaßgesellschaft eine echte Alternative zu vielen derzeitigen Problemen dargestellt hätte.

    Es ist einfach eine Entwicklung, Menschen sind so leicht zu manipulieren (das machen auch Gewerkschaften, sie sind auch nur Besitzstandswahrer). Jeder möchte ein großes Stück Kuchen und möglist mehr bzw. Hauptsache der Andere hat weniger.

    Ich muss an meine Kindheit zurück denken, ich bin einer Welt “gefühlter” Armut groß geworden. Es gab niemals Süssigkeiten (hatte mit den Ernährungsidealen meiner Mutter zu tun), nur zu Geburtstagen oder an Feiertagen, wenn es sie dann gab, haben meine Brüder und ich 2 Flaschen Cola geext und soviel Schokolade ge(fr)essen, dass uns davon schlecht wurde. Unsere Cousinen und Cousins haben uns für bescheuert gehalten bzw. waren sauer, da nichts für sie übrig blieb.