Geld ist die Garantie dafür, daß wenn wir etwas wollen, wir es in Zukunft haben können. Auch wenn wir im Moment nichts brauchen, sichert es die Möglichkeit, einen neuen Wunsch zu befriedigen, wenn er auftaucht. Aristoteles, 384-322 v. Chr., griechischer Philosoph

8 OrdnungspolitikSteuern und Finanzen

Positive Effekte von Steuersenkungen nicht unter den Tisch kehren!

Trotz sprudelnder Steuereinnahmen müssen Bund, Länder und Kommunen weiterhin neue Schulden aufnehmen. Bleibt dann überhaupt noch Spielraum für eine Steuersenkung? Ja.

Denn: Eine Debatte zur Steuerreform darf nicht statisch, sondern muss dynamisch geführt werden. Zwar führt eine Steuersenkung kurzfristig zu Einnahmeverlusten. Mittel- bis langfristig ergeben sich jedoch positive Rückkopplungs- und Multiplikatoreffekte. Diese werden weder theoretisch noch empirisch bestritten. Denn der höhere Nettoverdienst führt in der Regel dazu, dass mehr konsumiert wird, was wiederum direkt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage sowie die Investitionen stimuliert und damit Wachstumsimpulse aktiviert. Beide Effekte führen unter sonst gleichen Bedingungen zu mehr Steuereinnahmen und könnten somit das Staatsdefizit reduzieren. Eine stärkere Konsumnachfrage erhöht die Umsatzsteuereinnahmen und mehr Investitionen dürften die Unternehmenssteuern ankurbeln. Das Ausmaß der so beschriebenen Selbstfinanzierung bleibt zugegebenermaßen angesichts der damit verbundenen Annahmen unklar, liegt aber wohl unter 50%.

Zudem wird der Zeitraum der Gegenfinanzierung in der Regel unterschätzt. Denn kreditfinanzierte Steuersenkungen werden (ebenso wie Ausgabenerhöhungen) über mehrere Jahre getilgt. Diese Logik gilt sowohl bei Privathaushalten als auch bei der öffentlichen Hand. Ansonsten wäre ein Kredit zur Überbrückung einer temporären Lücke sinnlos. Die in der politischen Argumentation mangelnde Betrachtung der dynamischen Prozesse einer Steuerreform sowie des notwendigen Zeitraums der Gegenfinanzierung zeigen, dass Sorgfalt und Ehrlichkeit bei der Steuersenkungsdebatte nicht selten zugunsten politischer Rhetorik zurückgestellt werden.


Dieser Blogbeitrag resultiert aus der Studie „Haushaltslöcher und Steuerentlastungen – Was ist zu tun?, von Prof. Dr. Bodo Herzog, erschienen in Position Liberal Nr. 99, Herausgegeben vom Liberalen Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Potsdam 2011

In der Artikelserie ”Steuerentlastung und Haushaltskonsolidierung” von Prof. Dr. Bodo Herzog im ÖkonomenBlog bereits erschienene Beiträge:
11.08.2011 Wachsen mit geringeren Steuern
18.08.2011 Steuern senken! Aber richtig!

  • Autor

    Prof. Dr. Bodo Herzog

    ist Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere für Geldpolitik und Makroökonomik an der ESB Business School, Hochschule Reutlingen.

    Alle Beiträge

  • “Mittel- bis langfristig ergeben sich jedoch positive Rückkopplungs- und Multiplikatoreffekte. Diese werden weder theoretisch noch empirisch bestritten. ”

    Sicher gibt es darüber einen gewissen Konsens, allerdings wird über die Höhe der Effekte heftig gestritten.

    “Beide Effekte führen unter sonst gleichen Bedingungen zu mehr Steuereinnahmen und könnten somit das Staatsdefizit reduzieren. ”

    Und hier haben sie Herr Professor deutlich gezeigt wieso das Ganze nicht funktioniert. Die Bedigungen bleiben nicht gleich, da der Staat dank einer selbstverordneten Schuldenbremse weniger ausgibt. Somit bleibt die Frage im Raum, ob die positiven Effekte einer Steuersenkung, die negativen Effekte einer Ausgabenkürzung übertreffen.

    “Denn kreditfinanzierte Steuersenkungen ”
    Bei Konjunkturpaketen wird dies immer kritisiert.

  • Markus

    “der höhere Nettoverdienst führt in der Regel dazu, dass mehr konsumiert wird, was wiederum direkt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage sowie die Investitionen stimuliert und damit Wachstumsimpulse aktiviert”
    Wenn das zusätzliche Kapital im Inland investiert/ konsumiert wird. Weiterer Effekt: Der Import steigt. Ergo: Teilfinanzierung ausländischer Unternehmen und unbekannter Refinanzierungseffekt durch heimische Unternehmen. Siehe zB Abwrackprämie/ Profiteure.

    Besser wäre m.E. die Gelder nicht durch Steuersenkungen auszuzahlen, sondern besser zu investieren und weiterhin Schulden abbauen. Denn die Stimme der Bürger ist dch recht eindeutig: Kaum jemand will Senkungen, sondern eher mehr Leistungen wie eine bessere Infrastruktur. Hier die Bildung als erstes zu nennen. Diese Investition wirkt sich ebenfalls im langfristigen Bereich aus – und jeder hättte etwas davon. Und es ist – angesichts der Debatten – wesentlich glaubwürdiger. Dumm nur, dass wenn Gelder zur Vefügung stehen, plötzlich Begehrlichkeiten, auch seitens der Politiker, geweckt werden. Zu deutsch: Das Geld kommt nicht wirklich beim Bürger an. Das könnennur Steuersenkungen garantieren, welche die arbeitende Bevölkerung, und damit nur die Hälfte aller Einwohner, zugute kommt.

    Schwieriges Thema. Was macht man mit “zuviel” Geld, ohne es zu verschwenden?

  • Surp

    Wie gesagt, es geht nicht um darum nen bissel an den Syntomen rumzudoktern man muss die Krankheit heilen.

    Es geht in meinen Augen darum, dass gesamte Steuer-, Sozial, Rechts- sowie Finanzsystem komplett umzustellen.

    Alles andere wäre doch nur verschwendete Zeit.

    Der Grund dafür ist für mich einfach, ich habe keine Lust mehr, Menschen die einen erheblich wolhstandmindernden Dienst leisten, dafür auch noch zu belohnen.

    Leider bin ich da sehr allein mit meinen Vorstellungen, das ist schade oder gut, je nachdem welches Rädchen im System die jeweilige Person darstellt.

  • Kammerjäger

    “Mittel- bis langfristig ergeben sich jedoch positive Rückkopplungs- und Multiplikatoreffekte. Diese werden weder theoretisch noch empirisch bestritten”

    Das ist falsch! Sowohl theoretisch wie empirisch. Es erschreckt mich, so etwas von einem Professor zu lesen! Ihnen sollte doch wohl das Haavelmo Theorem bekannt sein?!

    T.Haavelmo (Nobelpreisträger für Wirtschaft 1989) hat die These aufgestellt, dass die Multiplikatoreffekte einer Steuererhöhung(!) positiv sind (und umgekehrt die einer Verringerung natürlich negativ). Das gilt umso stärker, um so geringer die marginale Konsumquote der Besteuerten ist. Oder vereinfacht gesagt: Den besten Multiplikatoreffekt erhält man, wenn man Steuern für die Bürger mit den höchsten Sparquoten erhöht

    Finden Sie auch in Wikipedia.

  • @Kammerjäger

    “T.Haavelmo (Nobelpreisträger für Wirtschaft 1989) hat die These aufgestellt, dass die Multiplikatoreffekte einer Steuererhöhung(!) positiv sind”

    Das ist eben auch nur eine These. Beide Aussagen werden stimmen. Es kommt darauf an in welchem Bereich man sich befindet. So werden Steuersenkungen durchaus positive Einnahmeeffekte mit sich bringen. Sicher ist, dass dies nicht immer geschehen kann. Denn eine Senkung auf Null Prozent führt sicher nicht zu Mehreinnahmen. Umgekehrt kann auch eine Erhöhung zu mehr positiven Impulsen führen. Aber bei 100% ist dies nicht zu erwarten. Das heißt in der Mitte existiert ein, oder mehrere Umkehrpunkte. Die kennt man nicht und wahrscheinlich wandern sie auch ein wenig. Absolut ist nichts in einem dynamisch, chaotischen System.

  • Kammerjäger

    @Chriwi: Kein grundsätzlicher Widerspruch von mir.

    Allerdings hat der Artikel behauptet, es wäre theoretisch und empirisch “unbestritten”, das Steuersenkungen zu Wachstumseffekten führen.

    Das an der Theorie Prof. Herzog etwas falsch sein muss erkennt man leicht daran, dass bei Verringerung der Steuerlast natürlich die Staatsnachfrage genau um den Entlastungsbetrag zurückgeht, und die private Nachfrage anschliessend maximal durch den Entlastungsbetrag steigen kann. Mich erstaunt schon, dass diese banale Logik hier professoral ignoriert wird.

    Die These von Haavelmo ist eher als “Haavelmo Theorem” bekannt, was schon darauf hindeutet das sie etwas schwergewichtiger ist als etwa eine These wie die Say’sche .

    Man kann das Theorem auch analytisch gut herleiten durch Ableiten des BIP nach der Steuerbelastung. Bei hoher Besteuerung geht natürlich die marginale Konsumquote hoch, so das der Wachstumseffekt gegen 0 geht.

    Das eine niedrigere Steuerbelastung zu höherer Leistungsmotivation führt würde ich wiederum nur als These sehen wollen. Das umgekehrte könnte man nämlich auch theoretisieren, dass eine leistungsloses höheres Nettoeinkommen zur einer Inaktivierung des Empfängers führt, in der Erwartung weiterer Steuersenkungen.

  • @Kammerjäger

    Akzeptiert. Leider haben die Wirtschaftswissenschaften nicht gelernt, dass Theorien die einmal widerlegt worden sind erweitert oder verändert und nicht ständig wiederholt werden müssen.

  • Surp

    Also ich glaube schon, dass eine geringere Abzugsquote zu mehr Leistung führen könnte.

    Als Beispiel Menschen sind ja ziemlich simpel gestrikt:

    Ich geb jemand 20 Euro, der Mensch freut sich.
    Ich nehm ihm diese 20 Euro wieder weg und er ist sauer.

    Am Ende ist er genauso arm/reich wie vorher, aber stinksauer.