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Wieviel Souveränität verträgt Europa?

Das Bundesverfassungsgericht hat in Sachen Euro-Rettung gesprochen. Politik und Medien loben diese Entscheidung fast unisono: als diplomatisch, europafreundlich und klug. Dabei wirkt der Richterspruch reichlich schizophren. Die Euro-Rettungsschirme werden als verfassungsgemäß eingestuft, obwohl sie den Rettern jahrzehntelange und Hunderte von Milliarden schwere Bürden aufhalsen.

Damit werden definitiv Fakten geschaffen, die den Deutschen Bundestag, dessen Rechte die Richter ja ausdrücklich stärken wollen, auf lange Sicht präjudizieren. Denn was nützt die Befristung des bisherigen provisorischen Stabilisierungsmechanismus bis Ende 2012, wenn die garantierten Kreditlinien anschließend dauerhaft in einen Europäischen Stabilisierungsmechanismus überführt werden müssen. Dann hat das Parlament doch genau den Spielraum nicht mehr, den die Verfassungsrichter ihm vermeintlich eingeräumt haben. Der Zug in die europäische Transferunion fährt jetzt ungehindert mit dem Segen des Bundesverfassungsgerichts weiter. Eine merkwürdige Inkonsistenz, hinter der sich aber das Kernproblem der europäischen Währungsunion versteckt:

Wieviel Souveränität verträgt die nationale Budgetpolitik in einem Wirtschaftsraum mit einer gemeinsamen Währung? Wollen wir die politische Union, die notwendigerweise mit dem Verlust nationaler Entscheidungskompetenzen einhergeht? Wieviel supranationale „Vergemeinschaftung“ vertragen die Bürgerinnen und Bürger, die sich schon von der nationalen Politik frustriert abwenden?

Heute rächt sich bitter, dass gerade eine deutsche Regierung – gemeinsam mit Franzosen und Italienern – im Jahr 2003 und 2004 den europäischen Stabilitätspakt aushöhlte. Wie mühsam solides Wirtschaften ist, sehen wir doch in der deutschen Haushaltspolitik. Politiker scheuen das Sparen wie der Teufel das Weihwasser, weil Wähler auf Einschnitte mit Stimmentzug reagieren. Die gleichen Wähler übrigens, die in Umfragen in schöner Regelmäßigkeit für weniger Staatsschulden plädieren. Auch das ist schizophren.

Aus meiner Sicht brauchen wir eine Insolvenzordnung für Staaten in der EU. Griechenland könnte selbst für ein Ende mit Schrecken, statt eines Schreckens ohne Ende sorgen: durch einen möglichst raschen Ausstieg aus der Euro-Zone und eine Staatsinsolvenz. Womöglich sorgte dieses Fanal erst für die Stabilitätskultur in der Euro-Zone, ohne die eine weitere europäische Integration und der sukzessive Verzicht auf nationale Souveränitätsrechte der Bevölkerung in den Mitgliedsstaaten nicht vermittelbar sein wird.

4 Kommentare zu “Wieviel Souveränität verträgt Europa?”

  1. An den Autor:

    Ich gebe Dir vollkommen Recht. Zumal die Schäden für die anderen Staaten der EU enorm sind. Es war ein Fehler den Euro einzuführen und es wird immer ein Fehler bleiben. Man kann das ganze mit dem Bachelor vergleichen. In Deutschland gab es das Diplom, überall anerkannt und sehr hoch angesehen. Aber es musste ja der vereinheitlichte Bachelor sein. So sind dann wenigstens alle international auf dem gleichen “schlechten” Niveau.

    Gratulation Souveränität.

  2. Kammerjäger sagt:

    “Aus meiner Sicht brauchen wir eine Insolvenzordnung für Staaten in der EU. ”

    Hohle Worte! Zum einen haben wir bereits eine theoretische, der insolvente Statt hört auf seine Schulden zu bedienen. Die Gläubiger schreiben ihre Forderungen auf Null. Ende.

    Praktisch haben wir auch eine: Der insolvente Staat wird gewzungen eine Austeritätspoltik zu machen, was im dann noch unmöglicher macht, die Schulden zurückzuzahlen. Dann weiter wie oben.

    Und wie sollte die Insolvenzordnung auch aussehen? Systemisch wichtige Banken müssen in jedem Fall bedient werden? Die Bevölkerung wird bestraft und muss 10 Jahre Frohndienste leisten?

  3. Medien bereiten griechische Pleite vor…

    Die Medien bereiten die Bevölkerung langsam auf eine griechische Staatspleite vor. In vielen Artikeln werden Szenarien durchgespielt, welche Folgen ein Bankrott des Mittelmeerlandes haben wird und wie man sich am besten vorbereiten kann. Dies dient der…

  4. Vielen Dank für diesen Beitrag. So richtig kann ich mich nicht meinen Vorredner anschließen. Der Euro an sich als Konstrukt ist mit Gewissheit nicht so drastisch negativ zu bewerten. Jedoch wurden bei den Mitgliedsstaaten ernste Versäumnisse gemacht. Wie kann es sein, dass Bilanzen gefälscht wurden und dies keiner bemerkte. Für mich schwer nachvollziehbar, bei einem Land wie Griechenland, dass keinerlei Wirtschaftmotor bessitzt und besessen hat (seiht man vom Tourismussektor ab, den ich ungern in Verbindung mit “Motor” benutzen möchte). Es bleibt spannend wo uns alle die hohe Arbeitslosigkeit in ganz Europa (insbes. Spanien+Portugal), gerade in der jüngeren Bevölkerungsschicht, hinmanövrieren wird. Es ist nun endlich Zeit für einen europäischen ORdnungsrahmen, der keine Aussreißer duldet und sie bei Missachtung abstraft.

    Über die Abschaffung des Euros zu diskutieren halte ich für vermessen. Ein solides Rettungskonstrukt muss her, am Besten unter starker deutscher Führung (und das soll bitte nicht falsch verstanden werden) Ich möchtelediglich auf Walther Eucken und die Freiburger Tradition der Ordnungstheorie anspielen. Den Grundstein der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland.

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Der Autor:

Oswald Metzger

ist Buchautor und ausgewiesener Haushalts- und Finanzexperte. Von 1994 bis 2002 gehörte er dem Deutschen Bundestag an.

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