Wer viel Geld hat, kann spekulieren; wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren; wer kein Geld hat, muss spekulieren. Andre Kostolany, 1906-1999, US-amerikanischer Finanzexperte

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„Altes Eisen“ als Edelmetall der Wirtschaft

In den kommenden fünf Jahren wird sich die in Deutschland bestehende Arbeitskräftelücke um weitere 1,5 Millionen Personen vergrößern: Schon für 2015 erwartet Prognos bei den gegebenen Rahmenbedingungen einen Arbeitskräftemangel in Deutschland in Höhe von knapp drei Millionen Mitarbeitern.

Wenn wir dieses Szenario ernst nehmen und die entstehende Situation gestalten wollen, bieten sich verschiedene Möglichkeiten. Mit der Weiterbeschäftigt im Rentenalter (Silver Work) lässt sich ein wichtiger Beitrag zur Abfederung der dynamisch entstehenden Lücken leisten. Viele Menschen sind auch jenseits des gesetzlichen Rentenalters leistungsfähig und leistungswillig. Viele Unternehmen verfügen aber noch immer über zu wenig oder gar keine Erfahrung mit älteren Mitarbeitern oder bemühen zum Teil gar überkommene Altersbilder und Stereotype. Zudem scheinen bestehende Regelungen vorauszusetzen, dass mit Erreichen des gesetzlichen Rentenalters kein Wunsch mehr nach Arbeit bestünde.

Mit der Arbeit im Rentenalter erschließt sich für viele bei entsprechenden persönlichen Voraussetzungen eine wichtige Quelle für persönliches Wohlbefinden und Gesundheit und kann gleichzeitig die Möglichkeit eines zusätzlichen Verdienstes realisieren. Die Motivation, in den Ruhestand zu gehen, beruht demnach nicht allein auf dem Wunsch nach vollständigem Rückzug aus Erwerbsarbeit bei gleichzeitigem Bezug von Rente oder Pension. Sie schließt fallweise auch das Bedürfnis nach fortgesetzter, jedoch im Regelfall reduzierter Arbeit ein. Für Organisationen kann die Einbindung von Rentnern eine gewinnbringende Lösung darstellen. In der Arbeitsmarktrealität sind schon seit mehreren Jahren verschiedene Ansätze in Deutschland zu beobachten, die sich der befristeten Vermittlung von Experten im Ruhestand widmen.         

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Schon die Existenz von etwa Senior-Experten-Organisationen zeigt, dass es bei passenden Rahmenbedingungen für Ruheständler durchaus attraktiv sein kann, ihr Expertenwissen weiterhin einzubringen. Grundlegend ist die Befähigung des Einzelnen zur Weiterarbeit nach dem eigentlichen Renteneintritt, der persönliche Faktor. Hierzu zählen sowohl geistige und körperliche Fitness als auch der Wille, sich weiter einzubringen. Eine bedarfs- und an- forderungsgerechte Gestaltung der Tätigkeit im Ruhestand, der umweltbedingte Faktor, ist vor diesem Hintergrund letztendlich entscheidend für das tatsächliche Engagement als Silver Worker. Bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen für Silver Work sollte vor allem darauf geachtet werden Flexibilität zu gewährleisten.

Es geht also um einen Paradigmenwechsel, der die Attraktivität von Erwerbsarbeit durch ein neues Verhältnis von Arbeit, Lernen und Freizeit gestaltet, indem diese immer stärker ineinander greifen und unabhängig vom Alter betrachtet werden. Vor den dargestellten Hintergründen ist eine Entwicklung weg von Vorruhestandsentscheidungen hin zur Kompetenz- und Know-how-Sicherung unter Einschluss der Neugestaltung von Entlohnungsstrukturen notwendig.

So müssen weitere Regelungen für den Renten(teil)bezug vereinbart werden, die zu einer Erhöhung der Altersrente für diejenigen Personengruppen führen, die über das gesetzliche Ruhestandsalter hinaus arbeiten und gleichzeitig Beiträge entrichten wollen.

Eine Neugestaltung des Übergangs vom Erwerbsleben in die Rente kann auch einen wichtigen Beitrag für die nachhaltige Stabilisierung des Rentensystems leisten. Je nach Branche und Erwerbsbiografie müssen flexible Lösungen im Zusammenhang mit einem individuellen Renteneintritt geschaffen werden. Angesichts der demographischen Entwicklung muss sich das überkommene Altersverständnis grundsätzlich ändern, um die Potentiale  der Generation 60+ stärker für die Bekämpfung des Arbeitskräftemangels zu aktivieren. Wer bislang als „altes Eisen“ gesehen wurde, ist zukünftig mehr denn je als wichtige Wissensressource wertvolles Edelmetall –  eben Silber  für die deutsche Wirtschaft.


Jürgen Deller ist Professor für Wirtschaftspsychologie, mit den Schwerpunkten Differenzielle Psychologie, Eignungsdiagnostik und Organisationspsychologie am Institut für Strategisches Personalmanagement der Leuphana Universität Lüneburg und arbeitet zudem am Silver Workers Institute, Genf. Der Beitrag im ÖkonomenBlog ist eine Zusammenfassung des von Prof. Dr. Deller veröffentlichten Beitrages „Zukunft der Arbeit“ in Personal, Heft 6/2010.

  • Autor

    Prof. Dr. Jürgen Deller

    ist Professor für Wirtschaftspsychologie und Sprecher des Instituts für Strategisches Personalmanagement der Leuphana Universität Lüneburg und arbeitet zudem als Forschungsdirektor des Silver Workers Institutes, Genf.

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  • “Arbeitskräftemangel in Deutschland”

    Es gibt tausende Fachkräfte, welche nach dem erreichen ihres 50ten Lebensjahres keine Arbeit finden. Es gibt offiziell 3 Millionen Arbeitslose und Millionen Menschen welche liebend gerne mehr arbeiten würden. Man sollte den Wegfall der in Rente gehenden Menschen begrüßen, die Arbeitslosen qualifizieren und endlich aufhören einen Fachkräftemangel herbeizuträumen.

  • Deutschland ist nicht das einzige Land mit genau diesen Problemen. In Japan ist der demographische Wandel immer wieder ein heißes Thema, das aber leider allzu schnell dazu umschlägt danach zu fragen, weshalb Frauen keine Kinder mehr haben wollen. Dadurch verkommt die Diskussion zu einem Geschlechterkampf.

    Individuelles Renteneintrittsalter wird sicherlich etwas sein, das Teil eines Paradigmenwechsels sein muss. Danke, dass Sie das angesprochen haben.

    @chriwi: Ältere Arbeitnehmer nachträglich zu qualifizieren wäre sicherlich ein schöner Gedanke, aber ich glaube nicht, dass er ohne Weiteres umzusetzen ist. Selbst wenn das Angebot in ausreichendem Maße da wäre, muss die Bereitwilligkeit der jeweiligen Personen da sein. Das würde mit einem Nachmachen des Abiturs, einer weiteren Ausbildung zum Meister, oder einem Bachelor-Studium zu machen sein. Aber wer will denn das im Alter von 52 Jahren?

  • Surp

    Da ich ja mit Arbeitslosen zusammenarbeite ist mein Eindruck, Alte will man nicht, da sie zu teuer sind (Tarife besserer Kündigungsschutz etc.).

    Fachkräftemangel bedeutet nur, dass man nicht mehr aus 10 qualifizierten, sondern nur noch aus 5 auswählen kann bzw. Jobs künstlich billig halten will oder auch bei unangenehem Tätigkeiten die Arbeitsbedingungen verbessern zu müssen.

    Qualifizierungen kosten viel Geld und bringen in meinen Augen genau null. Aktive Arbeitsmarktpolitik ist eine schöne ABM-Maßnahme für Juristen, Wiwis und Soz.-Päds. mehr aber auch nicht.
    Und das sage ich im vollen Bewußtsein, dass ich bei einer Änderung, (zum Beispiel Bürgergeld, oder BGE) selbst arbeitslos werden würde.

  • “Aber wer will denn das im Alter von 52 Jahren?”

    Wenn die Alternative Hartz 4 heißt würden es sicherlich viele wollen. Nur macht man sich einfach nicht die Mühe. Unter diesem Gesichtspunkt zu behaupten wir hätten ein Arbeitskräfteproblem ist Quatsch. Wir haben eventuell ein Qualifizierungsproblem.

  • Der demographische Wandel wird uns zwingen bei der Generation 60+ deutlich innovativer zu werden, so wie sie es beschreiben.

    “Zudem scheinen bestehende Regelungen vorauszusetzen, dass mit Erreichen des gesetzlichen Rentenalters kein Wunsch mehr nach Arbeit bestünde.”

    Oft werden verdiente Mitarbeiter im Rentenalter dann abgesetzt, weil natürlich jüngere Mitarbeiter nachrücken wollen, über Jahrzehnte aufgebautes Know-How geht dann verloren.