Die Fähigkeit zur Innovation entscheidet über unser Schicksal. Roman Herzog, 1934-2017, Alt-Bundespräsident

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Schuldenkrise: Lösung vertagt!

Die Erleichterung an den Märkten ist nach den Beschlüssen des Euro-Gipfels sichtbar. Doch ist das, was die Märkte mit einem Kursfeuerwerk honorieren und die Protagonisten als Durchbruch bezeichnen, tatsächlich der Ausweg aus der Krise?

Es gibt ermutigende Zeichen: So ist die geplante Rekapitalisierung der Banken wünschenswert, muss aber noch ausgeweitet werden (auch  – und besonders so – Staatsanleihen erfordern Eigenkapitalhinterlegung). Der Schuldenschnitt in Griechenland wurde an dieser Stelle längst gefordert und verschafft dem Land zwar erst einmal wieder Luft, doch an der strukturellen Schwäche der griechischen Wirtschaft ändert ein Schuldenerlass nichts. Das Land bräuchte eigentlich eine reale Abwertung, um wettbewerbsfähig zu werden. Doch dieser Weg ist verstellt. Auch die erneuten Appelle an Spanien und Italien (mit der unsicheren Zusage des dortigen Ministerpräsidenten) zu Reformen sind zielführend. Die Frage ist nur, wie glaubwürdig derlei Ankündigungen sind.

Weniger erfreulich sind die Versuche der Hebelung: Weder die Versicherungslösung noch die Idee, chinesisches Kapital gegen mögliche aggressive Forderungen der chinesischen Regierung einzubinden, sind sehr vielversprechend. So ist nicht anzunehmen, dass von der Staatsschuldenkrise gebeutelte Kapitalsammelstellen sich die Finger nach zu 20 Prozent gesicherten GIIPS-Anleihen lecken werden. Außerdem besteht  die Gefahr, dass durch den Billionen-Rettungsschirm der Reformdruck vermindert wird – das gilt übrigens für alle Wackelkandidaten. Die Aufstockung des Rettungsschirms hebelt erneut die disziplinierende Funktion der Märkte aus. Die Schuldenkrise ist erst gelöst, wenn die Co-Haftung beendet wird. Solange die europäischen Steuerzahler für griechische, portugiesische, italienische und irgendwann auch für französische und deutsche Probleme haften, wird es keine Lösung geben.

Der nächste Gipfel kommt bestimmt: Dann können die Regierungen Ursachenbekämpfung betreiben und mit glaubwürdigen sanktionsbewerten Regeln zur Schulden- und Haftungsbegrenzung aufwarten. Damit würden sie zeigen, dass sie die Zeit, die ihnen die Beschlüsse vom 26. Oktober 2011 gegeben haben, sinnvoll genutzt hätten.

  • Autor

    Prof. Dr. Andreas Freytag

    ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schilller-Universität Jena.

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  • Surp

    Wir wäre es mit der einfachsten Lösung “Geld drucken”, dann muss man dieses ganze Gelaber nicht mehr hören.

    Außerdem könnte eine Inflation viele Dinge gerade rücken, wenn man ein Existenzgrenze einführt. z.B. die ganzen unangemessenen Zukunftsverspechen für totale Versager.

    Diesen ganze Quatsch, den wir betreiben, kann man doch nur noch belächeln.

  • Kammerjäger

    @Surp:

    Die Gelddruckenlösung ist für die orthodoxe, neoklassische Lehre ein No-No, speziell in Deutschland, wegen der angenommenen Inflationsgefahren.

    Tatsächlich verfügt die Neoklassik über überhaupt kein Modell, mit dem Sie die Finanzwirtschaft und das Geldwesen darstellen kann. Insofern ist die Annahme einer zwangsweise enstehenden Inflation mangels Alternativen eher einer einfachen Extrapolation der mikroökonomischen Markttheorie geschuldet. Es gibt wissenschaftliche Ansätze, die genau diese Extrapolation als unzulässig nachweisen. Man muss daher davon ausgehen, dass die Inflationserwartung eher in den Bereich “Glauben” fällt.

    Man ist versucht zu glauben, die akademischen Volkswirte wären Experten in Sachen Wirtschaft. Sie sind es nicht. Sie sind nur Experten ihrer eigenen Modelle. Diese haben sich aber wiederholt als falsch erwiesen. Die Weltwirtschaft ist ein chaotisches System, dem die die Wissenschaft immer noch mit Oberstufenmathematik versucht zu nähern. Die Diskrepanz zwischen Theorie und Wirklichkeit ist für jeden aussenstehenden Beobachter mittlerweile deutlich sichtbar, wird aber von der akademischen Welt vollständig ignoriert.

    Von der jetzigen Professorengeneration ist kein ernstzunehmender Beitrag zur Lösung der Krise zu erwarten.

  • Surp

    @ Kammerjäger

    Eigentlich sollen sie Geld drucken damit Infaltion entsteht.

    Ich habe aber auch die Befürchtung, dass das Geld wieder in Blasen fließt, da die Falschen es bekommen.

    Das ein grundlogischer Zusammenhang wie Geldmenge = Infaltion nicht mehr funktioniert, sollte darauf hinweisen, dass unser gesamtes ökonomisches System so nicht mehr funktioniert (macht es seit 30 Jahren nicht mehr, aber die Auswirkungen sind erst jetzt stärker spürbar)

    Solange 95% der Bevölkerung unser Wirtschaftssystem nicht verstehen kann/darf, solange ist es das falsche.

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