Die soziale Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn Eigentum geschützt und Verträge eingehalten werden. Otto Graf Lambsdorff, (1926 - 2009), deutscher Politiker, Bundesminister für Wirtschaft, Bundesvorsitzender der FDP

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Zeitarbeit besser als Hartz-IV

Nach wie vor bestehen in der Öffentlichkeit große Vorbehalte gegen die Zeitarbeit. Der Hauptvorwurf: Sie verdrängt reguläre Beschäftigung. Dieser Verdrängungsmythos hält jedoch einer kritischen Faktenüberprüfung nicht statt. Im Jahre 2010 wurden in Deutschland knapp 7,5 Millionen Beschäftigungsverhältnisse neu abgeschlossen, davon entfielen aber nur 1,1 Millionen auf die Zeitarbeit. Von diesen 1,1 Millionen neu besetzten Zeitarbeitsstellen wurden zwei Drittel mit zuvor Arbeitslosen oder Nicht-Erwerbstätigen besetzt. Dies ist ein starkes Indiz dafür, dass Zeitarbeit ein wichtiges Sprungbrett bei der Rückkehr von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt darstellt.

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Die gegenwärtigen Bestrebungen von Politik und Gewerkschaften zur Eindämmung der Zeitarbeit bergen die Gefahr, den Betroffenen einen Bärendienst zu erweisen. Die Forderung nach Durchsetzung des Equal-Pay-Prinzips und die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns sorgen dafür, dass Zeitarbeit für Unternehmen unattraktiv wird. Auf den Punkt gebracht: Offensichtlich ist den Befürwortern dieser Pläne ein Langzeitarbeitsloser, der von Hartz-IV leben muss, lieber als ein Zeitarbeitnehmer, der zwar mit einem geringen Lohn auskommen muss, damit aber immer noch besser dasteht als allein mit Hartz-IV.


Der Blogbeitrag ist eine Zusammenfassung des Namensartikels „Zeitarbeit als Angstmacher“, erschienen am 07.11.2011 auf insm.de.

  • Autor

    PD Dr. Hilmar Schneider

    ist Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA).

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  • Markus

    ..und die 33% in Ihrer Darstellung sind demnach nicht nennenswert. Auch die Entlohnung ist nicht relevant. Insofern: heile Welt. dann passt das ja wunderbar und eigentlich brauchen wir damit auch keinen Kündigungsschutz und können aber alternativ auch alle Arbeitnehmer in die Selbständigkeit zwingen – wobei die Unternehmen dann nur noch Auftraggaber sind. Sicherlich finden Sie hier auch die positive Botschaft.

    Herr Dr. Schneider, haben Sie mal als Zeitarbeiter ihr Engagement gezeigt? Kennen Sie “Betroffene” persönlich? Haben Sie mal einen Blick hinter die Kulissen geworfen – all das ist aus der Statisik nicht zu interpretieren, sondern hat etwas mit Qualität zu tun. Bewerten Sie doch mal diese!

  • Robert

    Was spricht eigentlich dagegen, Zeitarbeiter genauso zu bezahlen wie die Stammbelegschaft? Das angebliche Hauptargument für die Zeitarbeit ist doch die Flexibilität? In anderen Ländern bekommen Zeitarbeiter sogar mehr Geld als die Stammbelegschaft, eben wegen dieser Flexibilität. Aber in Deutschland wollen die Arbeitgeber die Vorteile der Zeitarbeit und noch Lohndumping obendrauf!

    Und der Verweis auf Ihr Tortendiagram beweist zudem nicht, daß keine oder kaum reguläre Beschäftigungsverhätnisse verdrängt wurden. Das Diagram zeigt nur, was die Zeitarbeiter gemacht haben bevor sie Zeitarbeiter wurden!

  • Kammerjäger

    “Im Jahre 2010 wurden in Deutschland knapp 7,5 Millionen Beschäftigungsverhältnisse neu abgeschlossen, davon entfielen aber nur 1,1 Millionen auf die Zeitarbeit”

    Also sind bereits knapp 15% der regulären Beschäftigungverhältnisse durch Zeitarbeit vedrängt worden.

    “Von diesen 1,1 Millionen neu besetzten Zeitarbeitsstellen wurden zwei Drittel mit zuvor Arbeitslosen oder Nicht-Erwerbstätigen besetzt”

    Was wäre denn die Erwartungshaltung? Das 100% der Stellen durch Personen besetzt wurden, die vorher einen anderen Job hatten?

    Ist das das Niveau der wissenschaftlichen Forschung heute?

    “Die Forderung nach Durchsetzung des Equal-Pay-Prinzips und die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns sorgen dafür, dass Zeitarbeit für Unternehmen unattraktiv wird.”

    Genau deshalb sollte man es auch einführen!

  • Surp

    Hartz4 ist besser als Zeitarbeit, trotz all der Hetze, dem Druck und dem widerlichen Populismus gegen Hartz4-Empfänger.

    Das kann ich ihnen wohl inzwischen von über 1000 Menschen bestätigen lassen, die dort im Helferbereich gearbeitet haben. Zum Teil sind sie durch Zeitarbeit verschuldet, da sie einen Pkw brauchen, in diesem Moment ist Zeitarbeit eine Schuldenfalle und eigentlich kriminell, da wir ja Arbeitszwang haben.

    Ich bin kein Feind der Zeitarbeit, aber die derzeitige Form ist widerlich und nur zum Schutz irgendwelcher Besitzstände möglich (Kündigungsschutz etc.).

    Was ich mich bei ihrer Argumentation frage ist, wenn die Unternehmen Zeitarbeit vermeiden, was passiert dann, bleiben die Arbeitsplätze unbesetzt?

    Arbeitslosigkeit ist in unserem Land das geringste Problem, solange man anders umverteilt. Menschen wie sie selbst sind unser Problem, da sie für eine negative volkswirtschaftliche Leistung hohe Bezüge bekommen.

  • Markus

    @Kammerjäger
    “Also sind bereits knapp 15% der regulären Beschäftigungverhältnisse durch Zeitarbeit vedrängt worden.”
    Obwohl ich Ihre Auffassung teile – wieso schliessen Sie aus, dass die 1.1 Mio zusätzliche Jobs sind? Vielleicht wären ohne die Zeitarbeit deutlich weniger neue Beschäftigungsverhältnisse entstanden? Sie unterstellen das andere Extrem, und können dies ebenfalls nicht nachweisen.

    Was wäre, wenn wir plötzlich einen übergreifenden Mindestlohn hätten? Wie wäre dann die Auswirkung?

  • Kammerjäger

    @Markus:

    Mit meinem Verdrängungsargument wollte ich noch einmal darauf hinweisen, dass der logische Schluss, den der Artikel impliziert, überhaupt nicht vorhanden ist (Daher auch meine Anmerkung, ob das jetzt das Niveau der wissenschaftlichen Forschung sei).

    “Was wäre, wenn wir plötzlich einen übergreifenden Mindestlohn hätten? Wie wäre dann die Auswirkung?”

    Das ist hochgradig umstritten. Die meisten empirischen Studien gehen von insgesamt geringen oder nicht nachweisbaren Effekten der Mindestlöhne aus, vermutlich dadurch begründet, dass sich negative und positive Effekte kompensieren (Menschen mit höherem Einkommen aber hoher marginaler Konsumquote erzeugen auch neue Nachfrage).

    Die Mindestlohnfrage passt auch überhaupt nicht zur Diskussion zu Zeitarbeit. Bei der Zeitarbeit muss der Auftraggeber ja auch die Overheadkosten der Zeitarbeitsfirma mit tragen. Das eine Stunde eines Zeitarbeiters für den Auftraggeber billiger ist, geht nur dann, wenn das Einkommen des Arbeitnehmers um mindestens diesen Overhead geringer ist.

    Zeitarbeit kann sinnvoll sein, wenn es tatsächlich für die Abferderung von Auftragsspitzen verwendet wird. Es wird aber heute missbräuchlich verwendet, um dauerhaft Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen zu halten, und damit Lohndruck auf alle Beteiligten ausüben zu können.

    Wer die Kostenvorteile der Zeitarbeit ins Feld führt, räumt dabei nicht nur die missbräuchliche Verwendung der Zeitarbeit schon ein, er begründet sie sogar damit. Wenn es nicht zu einem flächendeckenden Missbrauch der Zeitarbeit gekommen wäre, dann wäre auch diese Diskussion nicht zu führen. Nur wenn man die Zeitarbeit verteuert gegenüber regulärer Beschäftigung, wird sie auf ihren eigentlichen Wesenszweck zurückgeführt.

  • Surp

    @ Kammerjäger

    Das stimme ich ihnen vollkommen zu.

    Normalerweise sollte ein Zeitarbeiter 20% mehr Lohn/Gehalt bekommen als ein Festangestellter, zumindest solange unser Kündigungsschutz in seiner derzeitigen Form existiert. Da er viel flexibler sein muss und ein viel höheres Risiko trägt.

    Das Argument, dass die Person erst eingearbeitet werden müsse, ist gerade im Helferbereich, wo die Zeitarbeit mit Abstand am stärksten verteten ist, in keinsterweise haltbar.

  • Surp

    @ Autor

    “Offensichtlich ist den Befürwortern dieser Pläne ein Langzeitarbeitsloser, der von Hartz-IV leben muss, lieber als ein Zeitarbeitnehmer, der zwar mit einem geringen Lohn auskommen muss, damit aber immer noch besser dasteht als allein mit Hartz-IV.”

    Das ist übelster Populismus, dafür muss der Zeitarbeiter, ledig, kinderlos und keinen Pkw für die ausgeübte Arbeit benötigen.

    Sonst stellt er sich meist besser mit einer geringfügigen Beschäftigung (bis zu 160 Euro) und Hartz4 und ist nicht von einer Schuldenfalle bedroht.

    Ein Langzeitarbeitsloser ist sobald er eine Arbeit aufnimmt, die er nach kurzer Zeit verliert, nicht mehr Langzeitarbeitslos. Sein Lebenslauf sagt aber was anderes. Das ist auch so eine schönes Lügenmärchen, dass Zeitarbeit die Situation der Langzeitarbeitslosen verbessern würde.

    Der dritte Punkt ist, dass die meisten ehemaligen Zeitarbeiter im Helferbereich mit denen ich spreche, beklagen, dass sie wie Dreck behandelt werden, nicht nur vom Zeitarbeitsunternehmen, sondern vorallem von ihren festangestellen Kollegen (die merken natürlich, dass sie jederzeit ersetzbar sind und haben selbst Angst um ihr Einkommen).

    Dies hinterlässt oft negative psychologische Folgen und damit hohe Folgekosten für unsere Gesundheitssystem, was Hartz4 eh extrem verursacht, sei es nur der Gelbe um, die Maßnahme zu vermeiden etc., aber vorallem Depressionen, Privatinsolvenzen etc..

    Unser Arbeitszwang verursacht so unglaubliche Mehrkosten, dass man das Geld 100mal besser verschenken könnte.

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  • Markus

    @ Kammerjäger
    Die Frage war meinerseits, ob ein etwaiger Mindestlohn die Zeitarbeit verdrängen würde. Damit wäre der Mindestlohn ein Instrument gegen die Zeitarbeit – und der Effekt gegeben. Dies passt in jedem Fall in den Kontext, da bei solchen Diskussionen auch über das Thema hinaus argumentiert werden muss. Eine isolierte Betrachtung führt zu Fehlannahmen und einseitiger Argumentation.

    Damit wären wir auch wieder bei Ihrem Ansatz, dem “Missbrauch”. Was soll denn das sein? wie kann ich ein legitimes Instrument missbrauchen? Indem ich die gesetzlichen Möglichkeiten nutze? Ist das Missbrauch?

    Auch Ihr Ansatz ist einseitig. denn ein Unternehmer ist natürlich seinen Mitarbeitern (auch Zeitarbeitern) aber AUCH seinen Kapitalgebern und Lieferanten und letztlich auch der etwaigen Kapitalgesellschaft an sich verpflichtet. Insofern ist vielleicht moralisch angreifbar, Zeitarbeiter zu nutzen, jedoch ist kein Missbrauch. Betriebswirtschaftlich betrachtet ist dies sogar wünschenswert.

    Im Enddefekt gab die Politik die Option der Zeitarbeit – und nun darüber zu lamentieren, dass das Instrument genutzt wird ist sicherlich einfach eine populistische Verschiebung der eigenen Fehler. Und nun wollen Sie, und andere hier, dies den Unternehmern anlasten? Das ist nicht angemessen.

    Ich werfe eine Hund auch keinen Knochen hin und wundere mich dann, dass er diesen sogleich schnappt.

  • Surp

    @ Markus

    ich werfe den Unternehmern niemals Zeitarbeit vor, ein Unternehmen muss Gewinn machen, das ist alles für mich.

    Zeitarbeit ist ein Instrument der Besitzstandswahrung für mich, da die Flexibilität, die wir brauchen, komplett verhindert wird durch Kündigungsschutz etc..

    Ich habe gesagt wie dadurch die Menschen nicht auf der Strecke bleiben müssen, aber ich habe keine Lust mehr es 100 mal zu wiederholen.

  • Peter Müller

    @Markus
    “Kammerjäger” hat leider Recht. Zeitarbeit ist ein Instrument zur Abfederung von Auftragspitzen und nicht mehr! Von einem dauerhaften Einsatz über Jahre war nie die Rede.

  • In Östereich richten sich Entgelt und Arbeitszeit lt. Arbeitskräfteüberlassungsgesetz, nach Beschäftiger-Kollektivvertrag. Arbeiter bekommen sogar noch einen Referenzzuschlag für ortsübliche Überzahlung. Sind Zeitarbeitkräfte richtig nach Kollektivvertrag eingestuft, bekommen sie gleich viel bezahlt wie StammmitarbeiterInnen. Wir finden das hier in Österreich gut so! Soviel ich weiß, wird es in skandinavischen Ländern auch so gehandhabt. Welches Recht nehmen sich Arbeitgeber in Deutschland und in anderen europäischen Ländern heraus für gleiche Arbeit weniger zu bezahlen? Lohnpfändungen und Überschuldungen sind keine Seltenheit bei Zeitarbeitskräften. Kein Wunder, bei der niedrigen Bezahlung – zu wenig zum Leben aber zu viel zum Sterben. Deshalb ist es gut so, dass die EU-Richtlinie “Equal pay for equal work” fordert. Gerade im Hinblick darauf, dass die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird fordern wir: “Close the gap!”