Jede Ausgabe des Staates beruht auf einem Verzicht des Volkes. Ludwig Erhard, 1897-1977, deutscher Wirtschaftsminister, Bundeskanzler

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Euro-Bonds: Katalysator für Staatsverschuldung

Mit dem Vorstoß der EU-Kommission ist die Diskussion in Europa über gemeinschaftliche Anleihen erneut entbrannt. Während die Kanzlerin noch Gegenwehr leistet, haben andere Länder längst ihre Sympathien geäußert. Die Haltung aller Beteiligten ist durchaus rational: Die hochverschuldeten Länder mit hohen Zinsaufschlägen würden von der moderaten Verschuldung und den dementsprechend niedrigen Zinsen von Deutschland profitieren. Umgekehrt wären die Zinsen für die Euro-Anleihe höher als die Zinsen, die Deutschland heute zahlt. Und tatsächlich könnten Euro-Bonds kurzfristig erst einmal das schlimmste abwenden. Doch langfristig sind Euro-Bonds ein Katalysator für noch höhere Verschuldung.

In der Krise hat sich gezeigt: Erst steigende Zinsaufschläge haben die Staaten zu Strukturreformen veranlasst. Dieses Disziplinierungsinstrument würde mit Euro-Bonds hinfällig. Auch der Vorschlag des Bruegel Instituts und Favorit des Sachverständigenrates, wonach die Haftung für Staatsanleihen nur bis zu einer Schuldenquote von 60 Prozent gemeinschaftlich erfolgt, ist kaum besser. Italien, Spanien und Griechenland können und wollen wohl kaum höhere Zinsen für die Schuld zahlen, die über der roten 60 Prozent Linie liegt. Sobald die 60-Prozent-Grenze erreicht ist, werden wieder hohe Aufschläge fällig und die Krise fängt wieder an. Außerdem ist es blauäugig zu glauben, dass Euro-Anleihen überhaupt Abnehmer finden. Schon heute will kaum einer die EFSF-Anleihen haben. Und selbst Deutschland findet trotz Spitzen-Bonität kaum Abnehmer für seine Anleihen. Auch von Seiten der Ratingagenturen gibt es schon Hinweise, dass Euro-Bonds die Noten des schlechtesten Teilnehmers erhalten würden.

Europa hat nur eine Chance: Sparen und reformieren. Die Märkte helfen dabei mit hohen Zinsforderungen. Wir sollten diese Chance nutzen! Alles andere läuft auf Inflation und den Zusammenbruch der Euro-Zone hinaus.

  • Autor

    Prof. Dr. Andreas Freytag

    ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schilller-Universität Jena.

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  • Surp

    Hier mal ein echt guter Vorschlag, leider nicht für Banken, aber trotzdem vernüftig

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=11397

    Also ich, mit meinem sehr beschränkten Horizont, kann dem sehr viel abgewinnen, aber wahrscheilich wird sowas von der wirklichen Parasiten niemals akzeptiert.

  • “Sparen und reformieren”

    Woher wollen sie wissen, dass dies funktioniert Herr Freytag? Wie gut hatte denn sparen in den 30er Jahren in Deutschland funktioniert? Es ist fürchterlich, wenn sich Professoren wie sie hinstellen und behaupten sie hätten die Lösung und wüssten was vor sich geht. Das Problem ist, dass niemand eine Ahnung hat. Weder die Befürworter der Euro Bonds, noch die Gegner wie sie. Wenn man also nicht weiß wo es lang geht, dann sollte man wenigstens die Lehren aus der Geschichte mitnehmen. Die warnen vor dem Sparen. Vor allem lösst es das grundlegende Problem des Wettbewerbsunterschieds innerhalb der Eurozone nicht.

  • Nachdem es der deutschen Regierung aktuell nicht gelungen ist, schlappe 8 Milliarden Euro am Kapitalmarkt mit 10Jahres Bonds einzusammeln und nur rund 4 Milliarden dabei herumgekommen sind, wird es vermutlich zum Sparen keine Alternative geben.

  • Surp

    Naja, es besteht immer die Alternative Geld zu drucken.

    Aber ich bin auch für sparen, vorallem im Staats- und Dienstleistungssektor, dies geht aber mit einem gewaltigen Arbeitsplatzabbau einher, daher braucht man neue Wege der Umverteilung, wenn keine Massenarmut ausbrechen soll.

  • @Michael Klein
    Man wird nun die EZB früher oder später zuschalten müssen. Bisher haben die Deutschen durch die niedrigen Zinsen durch die Krise profitiert. Nun wird es langsam unglaubwürdig, dass sie das Rettungspaket mehr oder weniger alleine Schultern können. Sparen wäre im Fall einer starken Nutzung des Rettungsschirms gar nicht möglich, da er ein Vielfaches des Staatshaushaltes beträgt.

  • @chriwi
    Ich schlage vor, wir machen die EZB zur Bad Bank, schreiben die Bonds, auf denen die EZB sitzt mit 5% ab (95% haircut), das macht den Euro dann bei einem Umtauschkurs von 1 USD zu 2,75 Euro bzw. 1 Renminbi zu 75 Euro wieder wettbewerbsfähig, löst alle Probleme ob in Portugal, Spanien oder Griechenland und hat eine positive Wirkung auf Export und Staatsverschuldung. Dass dann Importe teurer werden ist eine Nebenwirkung, die wir durch das von Surp vorgeschlagene Gelddrucken unter Kontrolle bringen… und wenn am Kapitalmarkt gar wirklich kein Geld mehr zu bekommen ist, dann packen wir alle Europäischen Kulturgüter in ein SPV (special purpose vehicle) lassen sie von den bis dahin von der EU-Kommission kontrollierten Ratingagenturen mit AAA bewerten, verhökern den ganzen Krempel an kaufwillige Spekulanten und lassen Michael Sommer einen Gegenpol moralischer Entrüstung aufbauen.

    Ist doch alles ganz einfach.

    Man könnte natürlich auch die Goldreserven einschmelzen und sie als 5gr schwere heilende “Goldsteine” zum 5fachen ihres Marktwerts verkaufen – wäre sicher ein guter Weg, an die Sparguthaben der Deutschen heranzukommen und die Staatskasse wieder flüssig zu machen…

  • @Michael Klein

    Ist das alles so zwingend? Schauen sie in die USA. Die Verschuldung ist deutlich größer. Dennoch fliehen die Anleger in den Dollar, weil sie vom Euro nicht erwarten, dass er noch lange besteht.

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  • Markus

    Kann mir irgendjemand erklären, warum man diese Anleihen kaufen sollte?

    Das sind doch keine zeitgemäßen Finanzprodukte mehr. Auch die Bundesregierung muss erkennen, dass sich in der Finanzwelt einiges geändert hat. Krise hin oder her. Deshalb werden die Produkte auch nicht verkauft, klassischer Angebotsüberhang.

  • Surp

    @ Michael Klein

    Die derzeitige Situation ist grenzwertig, die lange Ablehnung der Euro-Bonds ist defintiv ein Grund dafür.

    Derzeit kann nur die EZB kurzfristig den Euro retten, wer soll es sonst machen?

    Reformen sind gut und richtig, aber dafür haben wir inzwischen wohl nicht mehr genug Zeit.

    In meinen Augen müssen wir die derzeitige Ausrichtung des Kapitalismus komplett überdenken, aber dafür braucht man erstmal wieder einwenig Ruhe.

    Die sehr sehr wenigen, die wirklich vom derzeitigen Kapitalismus profitieren sind verschwindend gering und das auf Kosten der Umwelt und der anderen Menschen. Der Reichtum ist extrem schlecht verteilt und das hat defintiv fast nichts mit Leistung zu tun, fatal in einer vermeintlichen Leistungsgesellschaft.

  • “Der Reichtum ist extrem schlecht verteilt und das hat defintiv fast nichts mit Leistung zu tun, fatal in einer vermeintlichen Leistungsgesellschaft.”

    Aber man kann doch mit Hilfe von dollen mathematischen Modellen nachweisen, dass unser aktuelles System der grandiosen Ungleichverteilung das Beste ist was es gibt ;).

  • Kammerjäger

    “Erst steigende Zinsaufschläge haben die Staaten zu Strukturreformen veranlasst. Dieses Disziplinierungsinstrument würde mit Euro-Bonds hinfällig”

    Interessanter Punkt, wird immer wieder gerne vorgebracht. Aber wer diszipliniert hier auf Basis welcher Autorität?

    Schauen wir uns an was passiert, wenn Staatsanleihen emittiert und von einer Geschäftsbank gekauft werden. Die Bank nimmt die Papier in die Aktiva auf, und schreibt den Staat auf der Passivseite auf seinem Girokonto den entsprechenden Betrag gut (Staatsanleihen müssen nicht mit Reserven hinterlegt werden). D.h. die Bank erzeugt das Geld einfach durch einen Buchungssatz. Freundlicherweise bekommt sie dafür ab sofort regelmäßig Geld vom Staat in Form von Zinsen überwiesen.

    Im Prinzip könnten die Banken und die Staaten dieses Spiel unendlich lange spielen, denn es gibt wegen der fehlenden Reservepflicht faktisch keine Grenze hierfür.

    Die Märkte für Bankkredite (aller Art) sind keine Märkte im Gleichgewicht, sondern die Mengennachfrage ist grundsätzlich höher als das Kreditangebot. Das weiß jeder, der schon einmal einen Kredit abgelehnt bekommen hat. Die Banken sind also Mengenrationierer der Kredite, und bestimmen an wen Kredite vergeben werden. Die Banken unterliegen dabei der Neigung, sich durch “Benchmarking” an dem Verhalten der anderen Banken zu orientieren. Im Ergebnis entsteht ein herdentriebartiges Verhalten des Bankensektors, das hier als “Disziplinierungselement” bezeichnet wird.

    Meine Gegenfragen: Steht den Banken in toto eigentlich zu, diese Disziplinierung durchzuführen? Wenn ja, auf welcher Basis und wem gegenüber müssten sie sich zum Beispiel bei Fehleinschätzungen rechtfertigen? Hätte eine Disziplinierung in diesem Sinne nicht schon viel früher stattfinden sollen, oder liegt hier ein Fall eines “Predatory Lendings” seitens der Banken vor? Warum müssen Banken deshalb nicht diszipliniert werden?