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13.02.2012 Allgemein

Krieg der Konzerne

Buchkritik: Ian Bremmer: Das Ende des freien Marktes – der ungleiche Kampf zwischen Staatsunternehmen und Privatwirtschaft, München 2011.

Droht das Ende des freien Marktes, weil sich der Staatskapitalismus á la China, Russland und Saudi Arabien durchsetzt? In welchem Maße sollte sich der Staat überhaupt in die Wirtschaft einmischen? Der US-Politologe Ian Bremmer setzt sich in seinem Buch mit diesen Fragen auseinander – und entwirft ein unerfreuliches Szenario.

Beruhigend ist das nicht, was Ian Bremmer da schreibt. In seinem Buch „Das Ende der freien Marktes“ entwirft er ein Horrorszenario. Der Staatskapitalismus á la China, Russland oder Saudi-Arabien setzt an, die Weltherrschaft zu übernehmen: Konzerne wie Gazprom, Sinopec oder die Industrial and Commercial Bank of China werden von ihren Regierungen stark finanziell und juristisch unterstützt und verfolgen damit nicht nur wirtschaftliche Ziele, sondern auch politische. „Sie sollen den Einfluss ihres Ursprunglandes und seiner Machthaber sichern“, meint Bremmer. Statt Kalter Krieg nun Krieg der Staatskonzerne.

Das Szenario ist freilich überzogen. Angst macht es trotzdem. Es relativiert sich allein durch die Tatsache, dass hier ein US-Politologe schreibt, der zutiefst darüber beunruhigt ist, dass sein Heimatland auf dem besten Wege ist, den Nimbus als militärische und wirtschaftliche Weltmacht Nummer Eins zu verlieren. „In welchem Maße sollte sich der Staat in die Wirtschaft einmischen, um anhaltenden Wohlstand zu schaffen?“, ist Bremmers zentrales Anliegen. Das ist keine besonders originelle Frage, aber eine, die Amerika zurzeit bewegt. Bremmer ist überzeugt, dass ein immer größeres Engagement des Staates letztlich nur in Korruption enden kann: „Je stärker sich eine Regierung in wirtschaftliche Prozesse einmischt, desto wahrscheinlicher wird sie diese Prozesse mit politischen Verwerfungen, bürokratischem Aufwand, Verschwendung und Korruption belasten“, meint er. Gerade in Schwellenländern seien demokratische Ströme und Entwicklungen gefährdet – also dort, wo die Märkte dem politischen Machterhalt dienten.

Auch wenn sich Bremmer zufolge das Gespenst des rigiden Staatskapitalismus „noch viele Jahre einer gesunden Robustheit“ erfreuen wird, geht der Autor davon aus, dass die Menschen, vor allem in der westlichen Welt, die „Herausforderung Staatskapitalismus“ meistern werden. In der Suche nach dem „Wie“ zeigt sich Bremmer jedoch leider geradezu peinlich patriotisch: Damit die freien Märkte überleben, schlägt er vor, „für die Grundsätze freier Marktwirtschaft zu werben und dafür zu sorgen, dass die Vereinigten Staaten ein unentbehrlicher Protagonist auf dem politischen und wirtschaftlichen Bühnen der Welt bleiben“. Das klingt schon nach Missionar.

Es ist schade, dass sich Bremmer nicht wirklich mit den verschiedenen Modellen der Marktwirtschaft in Europa  beschäftigt und dadurch möglicherweise viel bessere Antworten auf seine Fragen findet. Vielleicht ist es aber auch ganz gut, sonst würde er vielleicht die eher staatsgelenkte Wirtschaft Frankreichs gleich in einen Topf mit China schmeißen. Die Antwort auf die Frage, wie weit der Staat eingreifen soll oder darf, hängt eben immer auch davon ab, in welchem Land man die Frage stellt. Über dieses wichtige Detail geht der lang dozierende Bremmer leider viel zu flott hinweg.

  • Tim

    Staatseingriffe führen immer zu Effizienzverlusten, so auch in China, Rußland oder Saudi-Arabien. Nationale Champions mögen sich sehr gut dafür eignen, (vermeintlich) wichtige Infrastrukturen aufzubauen, Innovationen (und damit dauerhafter Wohlstand) sind mit diesem Ansatz aber nicht zu erwarten.

    Es wird spannend zu sehen sein, wie den einzelnen Staaten der Wandel hin zu marktwirtschaftlichen Strukturen gelingt. Rußland hätte schon in den nächsten Jahren die Chance, den Wandel anzustoßen, vermute ich. In China wird es noch wenigstens 10 Jahre dauern.

  • http://endlessgoodnews.blogspot.com/ chriwi

    Die USA schützen und fördern ihre Unternehmen ebenfalls massiv. Wer erhielt die Förderrechte im Irak? Im wesentlichen waren es US Unternehmen. Es ist ein Mythos, dass die Unternehmen der USA alles ganz allein geschafft hätten. Dieser Mythos wird natürlich gepflegt, da sich Steuersenkungen besser argumentieren lassen.

    @Tim
    “Staatseingriffe führen immer zu Effizienzverlusten”
    Sie können zu Effizienzverlusten führen. Studien über Private Public Partnerships haben das Gegenteil bewiesen. In bestimmten Bereichen ist der Staat effizienter.

  • Keynesianer

    Ist das nun von der Lobbyorganisation INSM so zu verstehen, daß sich Gesamtmetall für die Veflechtungen mit der Politik schämt?

    Interessant ist: Die INSM hat erst Deregulierung gepredigt und wo man wohl von Gesamtmetall aus nasse Füße bekommen hat, wurden staatliche Interventionen satt gefordert.

    Ändert sich die Einstellung immer situativ im Bezug auf Klientelinteressen?
    Wo ist die Konstante bei der INSM zu finden?

  • Tim

    @ chriwi

    Die USA schützen und fördern nicht “ihre” Unternehmen, sondern nur einen winzigen Teil davon – in der Regel Großunternehmen in bestimmten Branchen. Das geht natürlich zu Lasten der Gesamtwirtschaft.

    Das Krebsgeschwür Korporatismus ist in den USA ein ebenso großes Problem wie in Europa. Ein Grund übrigens, warum so überraschend viele Amerikaner große Hoffnungen in Ron Paul setzen.

  • http://sciencefiles.org Michael Klein

    “Es ist schade, dass sich Bremmer nicht wirklich mit den verschiedenen Modellen der Marktwirtschaft in Europa beschäftigt und dadurch möglicherweise viel bessere Antworten auf seine Fragen findet.”

    Welche guten Modelle von Marktwirtschaft gibt es denn in Kontinentaleuropa??? Mir will so gar keines einfallen …

  • http://sciencefiles.org Michael Klein

    @chriwi
    “In bestimmten Bereichen ist der Staat effizienter.”

    WO?

  • Surp

    @ Michael Klein

    Der Staat ist immer effizienter in den Bereichen wo kein “echter” Wettbewerb stattfinden kann.

    Bestes Beispiel ist unsere Finanzwirtschaft, oder wenn man ehrlich ist das gesamte System der “Gelderfindung”.

    In großen Teilen gilt der Grundsatz auch für Dinge die Menschen immer benötigen, da gibt es auch niemals einen echten Wettbewerb.

    Die Frage ist also eher, wer ist überhaupt der Staat, in meinen Augen ist das jeder Bürger und niemals eine Institution, die ihren eigenen Vorteil sucht und das soagr legal.

    Echter Neoliberalismus ist schon lange tot, wir sprechen nur über Feudalsysteme oder auch Plutokratien.

    Wenn das unsere Zukunft sein soll, dann werde ich wohl selbst unkonventionelle Wege gehen.

  • http://endlessgoodnews.blogspot.com/ chriwi

    @Michael Klein
    “Wo?”
    In allen Bereichen wo es keinen Wettbewerb geben kann. Das Paradebeispiel der VWL Bücher sind Leuchttürme und Armeen.

    Des Weiteren sind viele PPPs teuerer im Vergleich zu öffentlichen Projekten (Autobahnbau). Auch die Verwaltungsausgaben der gesetzliche Rente sind deutlich geringer als die der privaten Rentenversicherer. Pauschalurteile Staat=ineffizient sind schlicht und einfach falsch. Dieses Ergebniss resultiert aus Wirtschaftsmodellen, welche tausende Annahmen beinhalten, welche ebenso falsch sein können.

  • http://sciencefiles.org Michael Klein

    @chriwi
    “Dieses Ergebniss resultiert aus Wirtschaftsmodellen, welche tausende Annahmen beinhalten, welche ebenso falsch sein können.”

    Ich wette, dieses Ergebnis basiert auf den selben tausenden von Annahmen, wie die “Paradebeispiele der VWL” Leuchttürme und Armeen…

  • http://endlessgoodnews.blogspot.com/ chriwi

    @Michael Klein

    Ein Leuchtturm kann nicht im Wettbewerb zu anderen stehen. Man kann andere Schiffe nur schwerlich davon abhalten ihn zu benutzen. Entweder jeder oder niemand zahlt.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Gut_(Wirtschaftswissenschaft)#G.C3.BCterarten_nach_Ausschlie.C3.9Fbarkeit_und_Rivalit.C3.A4t

    Somit habe ich das Wo beantwortet. Absolutismen sind in der Regel falsch. Ich sage nicht das der Staat in bestimmten Bereichen optimal wirtschaftet, aber wirtschaftet in manchen weniger schlecht. Besonders deutlich wird dies, wenn die Zielvorgabe der Märkte mit denen der sozialen oder moralischen Vorstellungen im Widerspruch stehen. Im Krankenhaus wird jeder Notfall behandelt. Rein marktwirtschaftlich gesehen ist dies ineffizient, da manche Personen für die Leistung nicht bezahlen. Moralisch gesehen ist es wünschenswert. Solche Widersprüche sind immer gegeben. Aus diesem Grund empfehle ich Ihnen den Vortrag von George Akerlof.

    http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2012/01/19/drw_201201192004_identity_economics_19_1_2012_e6d4f11e.mp3

Der Autor:

Dr. Martin Roos

ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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