...

INSM – ÖkonomenBlog, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) Welche Reformen braucht unser Land? Wie erreichen wir mehr Wachstum und Beschäftigung? Experten geben Antworten – diskutieren Sie mit!

 
28.03.2012 Soziales, Wachstum

Neues aus der Enquete – Ohne Wohlstandsdefinition geht nichts!

Vor gut einem Jahr nahm die Enquete-Kommission „Wohlstand, Wachstum, Lebensqualität“ ihre Arbeit auf. Ziel der Kommission ist es „den Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft ermitteln“ und die Entwicklung eines „ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator“. Am 05. März fand die letzte Sitzung statt. Wie ist der Stand der Dinge?

Die Projektgruppe 2 der Enquete-Kommission beschäftigt sich mit der „Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands- bzw. Fortschrittsindikators“ und hat am 5. März einen Zwischenbericht ihrer Ergebnisse vorgestellt. Nahezu alle Kommissionsmitglieder waren voll des Lobes über die sachliche und konstruktive Zusammenarbeit der Projektgruppe, die aus Parlamentariern aller Fraktionen und vier Sachverständigen besteht. Trotz des Lobes fiel das Ergebnis allerdings bescheiden aus.

Schon die Aufteilung des Berichts zeigt, dass die Projektgruppe bisher wenig Eigeninitiative gezeigt hat. Ganze 45 Seiten beschäftigt sich der Text mit dem bisherigen Stand der Wohlstandsmessung, bereits existierenden Wohlfahrtsindikatoren und Länderinititativen zur Wohlstandsmessung. Zusätzliche 12 Seiten sind Gutachten und Studien gewidmet, welche die Projektgruppe in Auftrag gegeben hat. Lediglich sechs Seiten wurden dazu genutzt, eigene Ergebnisse vorzustellen und zu diskutieren. All das mag an der schieren Menge bereits vorliegender Modelle zur Wohlstandsmessung liegen. 20 Indikatoren, Indices und Indikatorensätze wurden alleine im Zwischenbericht genannt, fünf davon sind entweder in Deutschland oder in Kooperation mit deutschen Institutionen entwickelt worden. Zudem gibt es in Australien, Kanada, Großbritannien, in der EU, den USA und Frankreich Initiativen, die sich damit ausführlich beschäftigen. Die Frage drängt sich auf: Ist der Drops nicht schon längst gelutscht?

Das durchgängige Problem der bestehenden Modelle ist, dass sie entweder sehr leicht angreifbar, schwer kommunizierbar oder nicht vergleichbar sind. Ein Kommissionsmitglied bemerkte richtig, dass das Dilemma der Wohlstandsmessung ist, dass jeder anders definiere was Wohlstand sei und Akteure nach Belieben eigene Modelle entwickeln können. Kann es dann zielführend sein, noch ein Modell oben drauf zu setzen? Mit Sicherheit nicht! Dementsprechend schwach fällt dann auch das Ergebnis aus. Was ist wirklich neu an dem geplanten Indikatorensatz des Bundestages? Eigentlich nichts, außer einer sogenannten Warnlampenfunktion von einigen wenigen Schlüsselindikatoren. Die Erkenntnis, dass Wohlstand nicht alleine über das BIP gemessen werden sollte ist nun wirklich nicht neu.

Schlau ist der Versuch, den „neuen“ Satz bestmöglich kommunizierbar und international vergleichbar zu machen. Valerie Wilms von den Grünen bemerkte allerdings, dass  es erschreckend sei, wie wenig bekannt sogar die nationale Nachhaltigkeitsstrategie unter Bundestagsabgeordneten sei. Ach, wir haben schon einen Indikatorensatz? Wie wunderbar! Dieser wird vom Statistischen Bundesamt betreut, enthält sogar Schön- und Schlechtwettersignale. Wir brauchen also gar keine Warnlämpchen mehr. Und international vergleichbar ist er in fast allen Punkten auch.

Warum also nicht verbessern was schon mühsam erarbeitet wurde, anstatt einen 21. Wohlstandsindikator ins Rennen zu schicken. Und wenn internationale Vergleichbarkeit betont wird, sollte die Einsicht nicht fern bleiben, dass man wenig bezweckt – vor allem im Sinne der Nachhaltigkeit – wenn man sein eigenes Süppchen kocht. Denn globale Probleme, wie das Allmendeproblem, können nur international gelöst werden.

Es kommt zu Ende der Sitzung dann auch endlich ans Tageslicht, was wirklich zählt: Die Debatte über einen Wohlstandsindikator ist solange fehl am Platze, solange sich die Kommission nicht einigen kann, wie sie Wohlstand definiert. Das ist Aufgabe der Projektgruppe 1. Diese taumelt momentan aber zwischen Arbeitsverweigerung und politischen Grabenkämpfen hin und her. Das ist das eigentliche Dilemma dieser Enquete-Kommission: Es ist einfach, den Stand der Wohlstandsforschung in einem 73-seitigen Bericht zusammenzufassen; es geht aber erst dann ans Eingemachte, wenn sich die Mitglieder konstruktiv für einen konsensualen Wohlstandsbegriff entscheiden.

Was gibt’s neues aus der Enquete-Kommission? Den Stand der Dinge finden Sie hier im ÖkonomenBlog.


Dies ist ein Beitrag aus der Reihe “WachstumsBlog”. In einem bis zwei Beiträgen pro Woche beschäftigen sich Wirtschaftsexperten im ÖkonomenBlog mit Themen rund um nachhaltiges Wachstum.

Sie wollen keinen Beitrag des WachstumsBlogs verpassen? Dann abonnieren Sie die Beiträge mit diesem RSS-Feed!

  • http://endlessgoodnews.blogspot.com/ chriwi

    “Es kommt zu Ende der Sitzung dann auch endlich ans Tageslicht, was wirklich zählt: Die Debatte über einen Wohlstandsindikator ist solange fehl am Platze, solange sich die Kommission nicht einigen kann”

    Ist das nicht immer das Problem.
    Es fehlt eine eindeutige Definition für Intelligenz, es fehlt eine für Leistung (nicht physikalische) und dennoch wird mit diesen Begriffen hausiert und sie werden verwendet um Politik zu machen.

  • Surp

    Wohlstand ist: Wenn es jeden gut geht und sie/er gesellschaftliche Teilhabe besitzt.

    Das BIP ist dafür komplett ungeeignet, da es parasitäre Strukturen fördert (unsere Erwerbsarbeitsgesellschaft ist das beste Beispiel dafür, Schmarotzer bekommen Geld und Menschen, die wirklich etwa leisten bekommen nichts, außer Verachtung)

    Mit Modellen kann man sowas nicht wirklich darstellen, sie dienen nur dazu den Status Quo zu rechtfertigen und Verteilungskämpfe zu vermeiden, daher gibt es dafür kein Modell, was auch nur annährend dafür geeigent ist die Problematik darzustellen.

    Die Wirtschaftswissenschaften sind in dem Moment gescheitert, indem sie glaubten Menschen kann man berechnen.

  • Kaizen

    “Wohlstand ist: Wenn es jeden gut geht und sie/er gesellschaftliche Teilhabe besitzt.”

    Schon hier steckt wieder eine Variable drin, denn was heißt schon “gut” in konkreten und absoluten Zahlen, wenn es in der Natur des Menschen liegt, dass dieser nun mal gierig ist und sich nach immer mehr sehnt, selbst wenn er mehr hat als er braucht?

    “(unsere Erwerbsarbeitsgesellschaft ist das beste Beispiel dafür, Schmarotzer bekommen Geld und Menschen, die wirklich etwa leisten bekommen nichts, außer Verachtung)”

    Leider scheint einem die Bewertung von Sozialhilfeleistungen und die Zuweisung zum Teil sehr unfair dar. Unter Berücksichtigung, dass es nunmal keine “soziale Gerechtigkeit” geschweige denn überhaupt “Gerechtigkeit” gibt, bleibt dies wohl eine unlösbare Aufgabe :-(

    “Die Wirtschaftswissenschaften sind in dem Moment gescheitert, indem sie glaubten Menschen kann man berechnen.”

    Dazu kann ich das Essay, welches im Spiegel erschienen ist und von Hans Magnus Enzenberger verfasst wurde empfehlen. Leider fehlt mir der Titel gerade nicht ein, aber sehr unterhaltsam über die Unfähigkeit das Irrationale im Menschen berechnen zu wollen ;-)

  • Surp

    “Schon hier steckt wieder eine Variable drin, denn was heißt schon “gut” in konkreten und absoluten Zahlen, wenn es in der Natur des Menschen liegt, dass dieser nun mal gierig ist und sich nach immer mehr sehnt, selbst wenn er mehr hat als er braucht?”

    Gibt es “gut”? Das ähnelt diesem absurden Argument: uns geht es gut, schau mal nach Afrika.
    Aber das ist doch nicht der Vergleich, man muss immer fragen was ist möglich! Und es ist unglaublich viel möglich, nicht nur in Deutschland, sondern global.

Der Autor:

Markus Mill

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Direktors beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Alle Beiträge von