An der Börse sind 2 und 2 niemals 4, sondern 5 minus 1. Peer Steinbrück, *1947, dt. Politiker

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Eine andere Sichtweise auf deutsche Exporterfolge

Mitten in der Krise schreibt der deutsche Export neue Rekorde. Das Statistische Bundesamt vermeldet für Mai 2012 einen weiteren Anstieg um 3,9% gegenüber dem Vormonat. Nach dem Einbruch zu Beginn der Krise liegen die Exporte wieder auf einem historischen Höchststand. Die Gründe sind vielfältig, aber nicht zwingend erfreulich oder tugendhaft.

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Erstens ist als Ursache eine vorbildliche staatliche und private Konsolidierungspolitik seit den späteren 90er Jahren zu nennen. Die Staatsausgaben und die Sozialsysteme wurden verschlankt, die Löhne in der Industrie im internationalen Vergleich niedrig gehalten und die Produktivität erhöht. Die sinkenden Lohnstückkosten und die reale Abwertung der nicht mehr existenten Deutschen Mark trieb und treibt den deutschen Export, vor allem auch in den kränkelnden gemeinsamen europäischen Währungsraum.

Zweitens hilft die wirtschaftliche Dynamik in Ostasien. Vor allem in China (aber auch in vielen anderen ostasiatischen Volkswirtschaften) wirkt ein von spekulativen Kapitalzuflüssen und staatlichen Subventionen befeuerter exportgetriebener Investitionsboom fort. Dies treibt die Nachfrage nach deutschen Investitionsgütern (bspw. Maschinenbau), aber auch nach hochwertigen Automobilen.

Drittens helfen die in Brüssel geschnürten Rettungspakete und steigende Ungleichgewichte in den TARGET2-Salden des Europäischen Systems der Zentralbanken. Die unterschiedlichen Facetten von nicht völlig durchschaubaren, aber immensen öffentlichen Kapitalzuflüssen in die europäischen Krisenländer stützen die Importnachfrage nach deutschen Produkten und Dienstleistungen.

Viertens profitiert der deutsche Export von den Umverteilungswirkungen des globalen geldpolitischen Krisenmanagements. Die Rettung durch Flutung mit billiger Liquidität kommt vor allem den Akteuren in den Finanzmärkten zugute. Die Verteilungsungerechtigkeiten zwischen Arm und Reich vergrößern sich . Die deutsche Exportindustrie profitiert, weil sie die von den hohen Einkommensgruppen präferierten Marken (z.B. Porsche, Glashütte, Bulthaup, Montblanc etc.) produziert.

Einen ähnlichen Effekt dürften, fünftens, die aufgrund der globalen Liquiditätsschwemme immer noch sehr hohen Rohstoffpreise haben. Insbesondere in vielen ölexportierenden Ländern werden die rasant steigenden Profite von kleinen Eliten monopolisiert. Diese fragen gerne deutsche Luxusgüter sowie Dienstleistungen nach.

Die deutschen Exporterfolge werden also nicht nur von Tugenden wie Sparsamkeit, Präzision und Qualität getragen. Sie werden auch durch unkontrollierbare  geldpolitische Rettungsaktionen und steigende Einkommensungleichheit beflügelt. Ob die durch die Exportüberschüsse generierten Forderungen auf den internationalen Kapitalmärkten zurückgezahlt werden, bleibt dahingestellt. Die jüngsten Erfahrungen zeigen: steigende Volatilität auf den internationalen Kapitalmärkten erhöht die Unsicherheit, ob internationale Forderungen geltend gemacht werden können.

  • Autor

    Prof. Dr. Gunther Schnabl

    ist Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig.

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  • “Ob die durch die Exportüberschüsse generierten Forderungen auf den internationalen Kapitalmärkten zurückgezahlt werden, bleibt dahingestellt.”

    Das ist natürlich die zentrale Frage. Wenn man sie stellt wie kann man dann
    folgendes behaupten?

    “vorbildliche staatliche und private Konsolidierungspolitik seit den späteren 90er Jahren zu nennen. Die Staatsausgaben und die Sozialsysteme wurden verschlankt, die Löhne in der Industrie im internationalen Vergleich niedrig gehalten und die Produktivität erhöht.”

    Was ist vorbildlich daran, dass man Exportüberschüsse durch sinkende Lohnstückkosten (auf Kosten der Arbeitnehmer) schafft, wenn man nicht einmal weiß ob sie zurückgezahlt werden? Nun schlägt man sich mit den Problemen rum. Dabei besteht die einzige Chance für Deutschland die Überschüsse zurückzuerhalten darin mehr zu importieren. Das heißt die Deutschen müssen im Vergleich zu den Schuldnerländern weniger wettbewerbsfähig sein. Das wäre dann nach der obigen Logik aber unvorbildlich.

  • BKKopp

    Eine kritische Beleuchtung der deutschen Exporterfolge ist grundsätzlich begrüssenswert. Aber, einige wenige Luxusgüter (Porsche, Glashütte etc.) sind im Gesamtvolumen von sehr bescheidener Bedeutung. Eine Analyse müsste Branchen- und Warengruppen in den internationalen Vergleich stellen um eventuell daraus abzuleiten, ob tatsächlich ‘zuviel’ exportiert wird. Ausserdem müsste die tatsächliche inländische Wertschöpfung genauer analysiert werden. Eine sinnvolle Analyse und Bewertung erfordert die Verfügbarkeit von aufbereiteten Daten. Nur einige Stichworte, ohne Zusammenhang und Gewichtung, sind nicht erhellend.

  • Markus

    @ BKKopp
    ichz würde sogar Mercedes und BMW mit in dieses “Luxusboot” holen. Die Bedeutung ist gar nicht so bescheiden.
    Und noch viel weiter:
    Wenn Sie die Marktpreise von zB adidas mit den Wettbewerbern vergleichen – so sind auch viele adidas Produkte durchaus Luxus. Es ist eine Frage der Definition.