Nur mit Respekt sowohl vor dem freien Markt und dem freien Unternehmertum als auch vor dem staatlichen Gebot des sozialen Ausgleichs lässt sich erfolgreich Wirtschaftspolitik betreiben. Otto Graf Lambsdorff, (1926 - 2009), deutscher Politiker, Bundesminister für Wirtschaft, Bundesvorsitzender der FDP

6 Finanzmarkt

Lassen sich Bankenkrisen verhindern?

Die Lehman-Pleite hat gezeigt, wie relativ kleine Schocks die globalen Finanzmärkte ins Wanken bringen können. Muss der Staat deshalb Banken retten? Kann mehr Eigenkapitalunterlegung zukünftig Bankenkrisen verhindern? In der INSM-Video-Blog Reihe “Wirtschaftspolitik verstehen”, die zusammen mit dem Think Tank Econwatch erstellt wird, wurde dazu die Wirtschaftsweise Claudia Buch befragt.

 

  • Tim

    Die – schon heute – enorm komplexe Regulierung des Finanzwesens hat dazu geführt, daß große Banken vor allem im internationalen Geschäft oft einen erheblichen Vorteil vor kleineren Banken haben. Strengere Regulierung führt in der Tendenz zu größeren Instituten. Wenn heute große (“systemrelevante”) Banken von vielen als Problem gesehen, kann die Lösung nicht noch mehr Regulierung sein.

    Die Ökonomie sollte allerdings allmählich anfangen, das Argument “too big to fail” nicht nur vorzubringen, sondern auch zu belegen. Wo ist die komplexe Modellierung, die die Vernetzung von Banken und Realwirtschaft darstellt und die Folgen von Bankpleiten abschätzbar macht?

    Die Ökonomie hat hier auch nach 5(!) Jahren Krisen nichts Belastbares vorgelegt. Es ist eine Schande für eine Disziplin, die sich selbst für quantitativ hält.

  • “Die – schon heute – enorm komplexe Regulierung des Finanzwesens hat dazu geführt, daß große Banken vor allem im internationalen Geschäft oft einen erheblichen Vorteil vor kleineren Banken haben.”
    Das mag vielleicht stimmen, aber selbst ohne Regulierung würde “to big to fail” ein attraktiver Vergrößerungsgrund sein.

    “Wo ist die komplexe Modellierung, die die Vernetzung von Banken und Realwirtschaft darstellt und die Folgen von Bankpleiten abschätzbar macht?”
    Ja wo ist sie denn? Sie wird es so bald nicht geben. Hätte man diese Modellierung, dann könnte man das Risiko im Vorfeld abschätzen und ggf. die Banken im Vorfeld einer Krise verkleinern. Das Problem liegt in der Komplexität des Systems. Die Bilanzen der Banken sind nicht allgemein zugänglich, die Verbindungen zwischen Banken ändern sich im millionstel Sekungen Takt. Externe Effekte, die teilweise im Vorfeld nicht ohne weiteres zu erahnen sind (11. September, Fukoshima, etc.) müssen einfließen. So ein Modell zu kreiieren wird nicht möglich sein. Dazu ist die VWL zu sehr eine Sozialwissenschaft mit dem dazugehörigen Rauschen.

  • Tim

    Das Problem liegt in der Komplexität des Systems. Die Bilanzen der Banken sind nicht allgemein zugänglich

    Die BaFin hat das erstaunliche Recht, jederzeit Einblick zu nehmen. Praktisch alle relevanten Zahlen sind praktisch jederzeit verfügbar. Die aufsichtsrechtlichen Möglichkeiten sind alle vorhanden, man muß sie nur nutzen.

    So ein Modell zu kreiieren wird nicht möglich sein.

    Hätte ich vor 20 Jahren ebenfalls geglaubt. Und das glauben die Volkswirte auch noch heute. Aber nur, weil sie nicht wissen, welche komplexen Modellierungen inzwischen in anderen Disziplinen möglich sind.

  • Kammerjäger

    Komplexe Regulierungen helfen nicht weiter. Sie sind wenig zu durchschauen, werden von den Banken in Kollaboration mit den Wirtschaftsprüfern umgangen, und sind zu einfach durch Lobbyismus zu verändern. Insgesamt erschreckend schwache Vorschläge. Die univeristäre Ökonomie ist Teil unseres Problems, daher sind von ihr eigentlich auch keine brauchbaren Lösungsvorschläge zu erwarten.

    Helfen würden Verbot des Eigenhandels, Einführung eines Trennbankensystems und eine Erweiterung des Strafgesetzbuchs um einschlägige Paragraphen zum Thema Marktmanipulation, Betrug bei Bankgeschäften, und fahrlässiger Herbeiführung von Konkursen im FIRE Sektor. Wirksam sind solche Strafgesetze natürlich nur, wenn sie Strafen beinhalten, die von der Höhe nach keine Bewährungsstrafen mehr zulassen, und wie bei organisierter Kriminalität zum Einzug des Privatvermögen führen, da es im Zweifel als illegal erworben gilt, und vom Staat auch durchgesetzt werden.

    Außerdem muss bei zivilrechtlichen Verfahren gegen Banken bestimmte Beweisereleichterungen geben- Wie soll ein Geschädigter des Libor Betrugs seinen Schaden berechnen? Er müsste ja nachweisen können, wie hoch an jedem Tag der Libor gewesen wäre, wenn er nicht manipuliert worden wäre.

    Außerdem muss außer der Vorstandshaftung auch endlich die Aktionäre mit in die Haftung genommen werden. Eine Bank, die mit staatlichen Mitteln gerettet wird, muss verstaatlicht werden. Nur wenn die Aktionäre Gefahr laufen, ihr Geld zu verlieren, wird man auf eine wirksame Kontrolle der Eigentümer hoffen können.

    Stattdessen tischt uns der Sachverständigenrat mehr von dem auf, der bisher auch schon nicht funktionierte. Vielleicht sollte man mal mit dem Sparen mal an den VWL Lehrstühlen anfangen. Zu einem Wechsel der Denkparadigmen ist man dort nicht fähig. Dieser ist aber dringend notwendig.

  • @Tim
    “Hätte ich vor 20 Jahren ebenfalls geglaubt. Und das glauben die Volkswirte auch noch heute. Aber nur, weil sie nicht wissen, welche komplexen Modellierungen inzwischen in anderen Disziplinen möglich sind.”

    Haben Ahnung von der Modellierung komplexer Prozesse? Wahrscheinlich nicht, denn sonst würden sie die Grenzen kennen. Die Grenzen fangen bei der Modellbildung an. Es müssen Dinge vereinfacht und reduziert dargestellt werden. Was vereinfacht werden darf, ohne einen Fehler zu machen ist nicht so einfach festzustellen. Wenn man dann ein passables Modell besitzt braucht man Anfangs-, Randbedingungen und Modellparameter. Diese müssen experimentell bestimmt werden. Hier liegt die nächste Fehlerquelle. Man weiß zum Beispiel nicht mal die Vermögensverteilung der Welt, da viel Geld in Offshorebanken versteckt wird. Diese Vermögen sind aber so groß, dass sie wahrscheinlich nicht vernachlässigt werden können. Das heißt man muss schätzen.
    Das führt zum nächsten Problem. Wir haben es mit einem chaotischen System zu tun. Das heißt die Ergebnisse hänge massiv von den Anfangs- und Randbedingungen ab und sind sehr empfindlich gegen kleine Änderungen. Die Prognose ist sogar abhängig von der Computergenauigkeit. Unter diesen Bedingungen wollen sie Prognosen wagen? Das kann man machen, aber diese wären ähnlich genau wie der Wetterbericht.

  • Surp

    Ich frag mich eher:

    1. Warum gibt es Bargeld, es ist kriminell.
    2. Wofür brauch man Banken bzw. in Teilen sogar Versicherungen?
    3. Warum rennen wir Idiologien hinterher, anstatt mal nachzudenken?