Es stimmt nicht, dass alles teurer wird; man muss nur einmal versuchen, etwas zu verkaufen. Robert Lembke, 1913-1989, deutscher Journalist

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Mehr Freiheit für die Krankenkassen

Die Praxisgebühr hat ihren Zweck nicht erfüllt. Die Zahl der Arztbesuche in Deutschland ist immer noch hoch. Dennoch ist es richtig, bei den Patienten für mehr kostenbewusstsein zu sorgen. Doch anstatt den Krankenkassen weitere gesetzliche Fesseln anzulegen, sollte der Gesetzgeber mehr Freiheit und Wettbewerb im Gesundheitssystem zulassen.

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Knapp 20 Milliarden Euro Überschuss hat die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) im Jahr 2011 eingefahren. Grund genug für die Politiker, die Spendierhosen anzuziehen und Pläne zu schmieden, wie das Geld wieder ausgegeben werden kann. Dabei gibt es mehrere Vorschläge, wie das am besten zu machen ist. Man kann die Beitragssätze für die Versicherten wieder senken oder man kann die Sparauflagen der Vergangenheit für die Kassen wieder rückgängig machen. Gesundheitsminister Daniel Bahr will die ungeliebte Praxisgebühr wieder abschaffen. Er plant, das Thema demnächst in den Koalitionsausschuss einzubringen.

Fest steht: Die Praxisgebühr hat ihre Ziele nicht erfüllt. 2004 wurde die Gebühr in der Hoffnung eingeführt, überflüssige Arztbesuche zu verhindern. Das hat nicht funktioniert. Zwar ging 2004 die Zahl der durchschnittlichen jährlichen Arztbesuche in Deutschland leicht zurück, allerdings blieb es bei einem kurzfristiger Effekt. Zwar mag dieser auf die Praxisgebühr zurückzuführen sein, allerdings verpuffte diese Lenkungswirkung bereits ein Jahr später. Das alte Niveau war wieder erreicht, seitdem steigt die Zahl der Arztbesuche.

Die Idee, ein Kostenbewusstsein bei Patienten und damit Kunden herzustellen, ist grundsätzlich richtig. Das jetzige System verfehlt dieses Ziel einer Kostentransparenz vollständig. Das Gesundheitswesen in Deutschland braucht deutlich mehr als nur eine Reform der Praxisgebühr. Warum lässt man nicht die Kassen / Versicherungen entscheiden, wie ihre Versicherten für Arztbesuche zur Kasse gebeten werden? Warum legt der Gesetzgeber fest, wie hoch der Beitragssatz für Kassen sein muss? Wieso gibt es eine Beitragsbemessungsgrenze, die es nur Menschen mit höheren Einkommen ermöglicht, eine private Krankenversicherung zu wählen? Die Praxisgebühr ist nichts als ein politischer Spielball, die an dem überregulierten System selbst nichts ändert. Mehr Freiheit und mehr Wettbewerb im Gesundheitssystem hingegen hätten Effizienzgewinne, geringere Kosten und am Ende gesündere Patienten zur Folge. Vielleicht sind wir dann nicht mehr so weit davon entfernt, dass aus Krankenkassen Gesundheitskassen werden, die Prävention als Grundprinzip beherzigen.

  • Autor

    Dr. Oliver Knipping

    ist Gründer & stellvertretender Vorsitzender des Instituts für Unternehmerische Freiheit in Berlin sowie Mitglied der Mont Pelerin Society.

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  • Taumel

    FALSCH! Statt das man fast 100 Krankenkassen hat, sollte man diese auf maximal 4-6 reduzieren. JEDE Krankenkasse hat Ihren Chef oder Chefin. Diese wiederum JEDE ihre Chefsekretärin, Stellvertreter und davon die stellvertretenden Stellvertreter. Und ALLE ziehen Geld von den Versicherten ab! Von dem Fuhrpark an “Präsentationsfahrzeugen” ganz zu schweigen!

    Reduzieren? Ach ja, geht ja nicht! Dann würden auf einen Schlag 10.000ende plötzlich in der Arbeitslosenstatistik auftauchen und das passt der Bundesregierung ganz und gar nicht ins politische Konzept! Den KK- Lobbyisten übrigends auch nicht…

  • Marvin

    Ist doch normal, dass die Arztbesuche steigen, wenn man sich mal den Bevölkerungswandel anguckt…Jüngere Leute gehen weniger zum Arzt als alte Leute. Mehr alte Leute bedeutet dementsprechend auch mehr Arztbesuche ;D oder nicht?

  • Markus

    Die GKV sind ein Flatrate System. Was interessieren den Versicherten irgendwelche Kosten -schliesslich bezahlt man ins System ein und hat damit Anspruch auf Leistung. Schön blöd, wer nicht wegen jedem Zipperlein zum Arzt geht…

  • Herr Oliver Knipping erklären sie mir bitte wieso eine Umstellung auf ein privates oder halb privates Gesundheitsversicherungssystem effektiver sein soll. In den USA haben wir diesen Zustand. Dort wird nicht gespart. Auch in Deutschland jammern die privaten Kassen, da ihre früher durchschnittlich jüngeren Mitglieder plötzlich alt werden und mehr kosten. Sie schreiben selber, dass man 20 Milliarden Überschuss macht. Somit funktioniert das System doch. Die Frage ob man 100 gesetzliche Kassen braucht stellt sich natürlich. In meinen Augen würde eine reichen. Das würde die Kosten an der Spitze drastisch reduzieren.

    Interessant ist, dass die Politik Sparbemühungen untergräbt. So hatte Herr Rösler verhindert, dass die Krankenkassen Rabatte mit Hilfe ihrer Marktmacht aushandeln. Somit sind Medikamente in Deutschland immer noch teurer als im europäischen Mittel. Dort kann man ansetzen. Die Zahl der Arztbesuche müsste auch sauber analysiert werden. Wie sieht die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen aus (es gibt nämlich ganz marktwirtschaftlich Rabatte wenn man solche Untersuchungen durchführen lässt), wie sieht die Zahl der chronisch Kranken aus (ist diese gestiegen, steigen natürlich die Besuche beim Arzt). Es gab auch keinen Hinweis, dass man eine Überweisung zum Facharzt braucht (buy one get two).

  • http://ueberhauptgarnix.blogspot.de/2010/04/praxisgebuhr.html

    20.03.2012. Wie sich herausstellt wurde bei der Interpretation der Statistiken die zur Einführung der Praxisgebühr herangezogen wurde gepfuscht. Die Deutschen gehen bei weitem nicht so oft zum Arzt wie man behauptet hat. Durchschnittlich war zwar jeder Versicherte 17-mal beim Arzt. Das kommt jedoch durch die Behandlung von schwer- oder chronisch Kranken zustande. 16% der Patienten benötigen etwa 50% der Arztkontakte. 50% der Patienten ist weniger als 11 Mal beim Arzt (Sueddeutsche).

  • GarNix hat Recht.

    Die Statistiken müssen genauer betrachtet werden. Die Erläuterung aus der Süddeutschen habe ich bereits mitbekommen, u.a. durch eine andere Quelle.

    Nur als Beispiel:
    U.a. werden z.B. in Deutschland Dialyse-Patienten ambulant behandelt (andere EU-Länder machen dies nur stationär). D.h. jeder Dialyse-Besuch zählt als ein Arztbesuch. Ein Dialyse-Patient, der zwei- bis dreimal zur Blutwäsche muss, hat damit 52×3=mind. 156 Besuche… die ärztlichen Untersuchungen sind damit noch garnicht mal eingerechnet…

    Da stellt sich die Frage, ob die Praxisgebühr jemals eingeführt werden sollte. Sie war noch nie geeignet, um die Anzahl der Arztbesuche zu verringern.

    Die deutsche Bevölkerung wird älter… und kränker. Und selbst wenn ältere Menschen noch relativ gesund sind, gibt es da unterschiedliche Vorsorgeuntersuchungen – teilweise sicherlich sehr wichtig, teilweise fraglich. Aber “vernünftige” Menschen versuchen, zumindest einen Teil der Vorsorge wahrzunehmen.

    Dann gebe ich zu bedenken, dass einige chronische Kranke oft zum Arzt müssen, um für ihre Dauermedikation ein neues Rezept herauszuholen. In der Regel sehen sie den Arzt dann garnicht, die Sprechstundenhilfe stellt das Rezept nach Absprache mit dem Arzt aus. Aber bei den Krankenkassen zählt allein das bereits als Arztbesuch.

    Daher: Ich kenne zumindest niemanden, der freiwillig oder wegen Wehwechen zu oft zum Arzt geht… Stundenlange Wartezeiten im Wartezimmer, um dann in ca. fünf Minuten behandelt zu werden, nimmt doch niemand gern in Kauf – selbst die Menschen nicht, die kostenlos all die Zeitschriften lesen wollen oder an Einsamkeit leiden… Da gibt es wahrhaftig nettere Orte.

    Da ich selbst chronisch krank und schwerbehindert bin, habe ich einmal meine Arztbesuche zusammengezählt. Regelmäßig Hausarzt wegen notwendiger gesundheitlicher Kontrollen ca. 15, Facharztbesuche wegen Medikamentenkontrolle etc. 7… und dann die notwendigen Kontrollen wegen weiterer chronischer Krankheiten ca. 10… also bin ich weit über Limit. Früher ging ich zu selten zum Arzt, weil ich mich “nicht anstellen” wollte. Heute weiß ich, dass ein paar Besuche mehr ganz gut und extrem wichtig gewesen wären…

    Daher:
    Glaube nie einer Statistik, die Du nicht selbst erstellt hast! Oder hinterfrage… Was ist der “Durchschnittspatient”?

    Und:
    Ich gebe zu, dass ich ein Problem mit dem Begriff “Gesundheitskasse” habe, seitdem ich krank bin – und dadurch auch einige andere chronisch schwerkranke Menschen kenne. Oft musste ich erleben und miterleben, dass die Krankenkassen dringend notwendige stationäre Therapien nicht genehmigen, ambulante Psychotherapien trotz absoluter Notwendigkeit nicht verlängern, Pflegebedürftigkeit nur nach wiederholten Widersprüchen anerkennen – obwohl sich vier Ärzte absolut einig waren etc.

    M.E. wäre es gut, wenn die Krankenkassen kranken Menschen die notwendige ärztliche/therapeutisch/pflegerische Leistung zukommen lassen würde, die diese brauchen.

    Es muss absolut nicht sein, dass die Krankenkassen mit ihren Überschüssen alle möglichen Zusatzleistungen propagieren, die letztlich nicht lebensnotwendig sind.

    Zum anderen:

    Ich finde es leicht, als Gesunder über ein Gesundheitssystem bzw. über ein Krankenkassensystem zu schreiben. Ich finde es auch leicht, Krankenkassen anhand meist eigener Statistiken zu bewerten…

    Sinnvoll wäre es jedoch, diejenigen zu fragen, deren Leben bzw. Gesundheit von diesem Gesundheitssystem aktuell abhängt und die damit kämpfen: Die Kranken! Die wissen nämlich auch am besten, wo es hakt, wo gespart werden könnte, wo Ärzte “pfuschen” oder es sich zu leicht machen, wo es gut läuft etc…

    Nicht die Gesunden, nicht die Statistiker…

    Denn wie bei jeder Versicherung kenne ich erst ihre reale Leistungen und Qualität, wenn der Schaden eintritt bzw. eingetreten ist. Papier ist geduldig!

  • … und: Das Thema, das bei den Privaten Krankenkassen u.a. ziemlich präsent ist, sollte zumindest auch erwähnt werden: die Überbehandlung von Privatpatienten… ich habe da gute Vergleichsmöglichkeiten, da ich GKV und mein Mann PKV-versichert ist, wir zudem bei unterschiedlichen Ärzten sind.

    Für ein und dieselbe Behandlung wurde ich z.B. von der Arzthelferin versorgt und musste nur einmal vorbeikommen – mein Mann wurde vom Arzt persönlich versorgt und musste dreimal kommen…

    Da hat die GKV bei der Kostenersparnis auf jeden Fall die Nase vorn;-)

    Trotzdem plädiere auch ich ganz klar für eine Kostentransparenz. ich wäre froh, wenn ich wüsste, was für die Behandlungen abgerechnet wird (was ja u.a. beim Zahnarzt zum Großteil bereits Realität ist – und bei Behandlungen, die ich privat bezahle, weiß ich es ja auch schon…). Manche Patienten wären wahrscheinlich erschrocken, wie wenig ein Arzt für manche Behandlung erhält…