Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh. Henry Ford, 1863-1947, US-amerikanischer Unternehmer

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Warum der Niedriglohnsektor gut für den Arbeitsmarkt ist

Immer mehr Menschen arbeiten im Niedriglohnsektor – das besagen neuste Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Holger Schäfer vom IW Köln erklärt, warum dies dennoch kein Grund zur Sorge ist, sondern Ausdruck eines beschäftigungspolitischen Erfolgs.

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Rund ein Fünftel der Arbeitnehmer in Deutschland war im Jahr 2010 dem Niedriglohnsektor zuzuordnen. Das ergibt eine neue Befragung des Statistischen Bundesamtes, die damit Befunde anderer Studien bestätigt. Der Anteil hat sich in den vorangegangenen 4 Jahren  leicht erhöht – von 18,7 auf 20,6 Prozent. Der Anstieg ist aber weniger Ausdruck eines sozialpolitischen Problems, als vielmehr Signal für einen beschäftigungspolitischen Erfolg.

Denn im fraglichen Zeitraum erhöhte sich nicht nur die Niedriglohnbeschäftigung, sondern auch die Beschäftigung insgesamt. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg von 2006 bis 2010 um 1,4 Millionen Personen. Dabei handelte es sich nahezu ausschließlich um sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Der Niedriglohnsektor nahm also vor allem deshalb zu, weil viele zuvor Arbeitslose oder Nichterwerbstätige eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden haben. Unter den zusätzlichen Jobs waren auch viele Tätigkeiten, die für Geringqualifizierte offen stehen und daher eher gering entlohnt werden. Die Logik der Messung des Niedriglohnsektors bedingt, dass er sich ausweitet sobald es gelingt, geringproduktive Arbeitnehmer verstärkt in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Die soziale Lage der betroffenen Arbeitnehmer wird mit dem Eintritt in den Niedriglohnsektor meist verbessert. So haben 60 Prozent der Arbeitslosen ein Einkommen unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle, aber nur 16 Prozent der Geringverdiener. Die meisten Niedriglohnbezieher sind also nicht arm, sondern verfügen in der Regel über weitere Einkommensquellen wie zum Beispiel Erwerbseinkommen des Partners. An den individuellen Erwerbsbiographien zeigt sich zudem: 43 Prozent der Personen, die eine Beschäftigung im Niedriglohnbereich aufnehmen und zuvor arm waren, sind es nach Aufnahme ihrer Arbeit nicht mehr. Niedriglohnbeschäftigung ist somit für viele ein Vehikel auf dem Weg aus der Armut.

Nicht nur unter sozialpolitischen Aspekten ist eine Beschäftigung im Niedriglohnbereich gegenüber der Beschäftigungslosigkeit die überlegene Alternative. Auch der weitere berufliche Werdegang profitiert. Es ist viel einfacher, aus einer Beschäftigung heraus beruflich aufzusteigen als den Aufstieg aus dem Stand aus der Arbeitslosigkeit heraus zu schaffen. Auch dies lässt sich mit Zahlen belegen: 24 Prozent der Niedriglohnbeschäftigten schaffen innerhalb eines Jahres den Aufstieg in das Normalverdienersegment, aber nur 12 Prozent der Arbeitslosen.

  • Autor

    Holger Schäfer

    ist Arbeitsmarktexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW),

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  • bla

    Im Prinzip haben Sie Recht. Was aber ein böses Hinderniss darstellt: Wenn ich eine Leiharbeit annehme, habe ich besonders in der Probezeit ( max. 6 Mon.) keine Urlaubswünsche anzumelden. Deshalb sind mir schon Vorstellungsgespräche bei “normalen” Arbeitgebern entgangen und damit meine Chance mich und meine Familie zu verbessern. Erst fragen, dann Nein, dann krank stinkt zum Himmel. Außerdem hat man in den ersten 4 Wochen in einer Beschäftigung keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und muss vom 1. Krankheitstag an Krankengeld beantragen. Das verzögert sich jedoch immens, da der Arbeitgeber 6 Wochen Zeit hat, mich bei der Krankenkasse überhaupt anzumelden. Diese Frist wird insbesondere von Leihfirmen bis zum Ende ausgenutzt. Warum, weiss ich nicht. Ich wäre sehr interessiert daran, zu erfahren ( vielleicht von Ihnen über meine E-mail ) wie man das ganze Problem irgendwie trotzdem hinkriegt ?!

  • “Der Anteil hat sich in den vorangegangenen 4 Jahren leicht erhöht – von 18,7 auf 20,6 Prozent.”

    Herr Schäfer gehe ich richtig in der Annahme, dass sich ihre Basis ändert? Bei den Arbeitslosen beziehen sie sich in beiden Jahren auf alle potentiell Erwerbstätigen. Bei den Menschen im Niedriglohnsektor ist ihre Bezugsgröße nicht fix. Wenn die Zahl der Erwerbstätigen steigt verändern sie die Basis. Das führt dazu, dass es deutlich mehr Menschen im Niedriglohnsektor gibt als sie sugerieren wollen. Ein Beispiel hierzu.

    80 Menschen Arbeiten
    10 im Niedriglohnsektor
    20 sind Arbeitslos

    Niedriglohnquote
    12.5%
    Arbeitslosigkeit
    20%

    Dann schauen sie einige Jahre später
    90 Menschen Arbeiten
    15 im Niedriglohnsektor
    10 sind Arbeitslos

    Niedriglohnquote
    16.7%
    Arbeitslosigkeit
    10%

    Die Steigerung im Niedriglohnsektor wäre bei Ihnen 4.1% und nicht 33%. Schöne Sache die Statistik.

  • Michael M.

    Ich brauche noch nicht einmal das Begleitmaterial lesen, die Pressemitteilung reicht aus, dass dieser Beitrag überflüssig ist oder zumindest der Inhalt schon vorher fest stand und Sie der Meinung waren mit ein paar Zahlen des Statistischen Bundesamtes sieht das Ganze viel seröser aus.

    In der PM erfahren wir schon in ersten Satz wer alles in den Niedriglohnsektor gezählt wird und wer nicht: “Im Jahr 2010 arbeiteten 20,6 % aller Beschäftigten in Betrieben mit zehn und mehr Beschäftigten für einen Niedriglohn.” Mit zehn und mehr Beschäftigten, d.h. also das die reale Zahl derer die weniger als zwei Drittel des Medianverdienstes bekommen durchaus höhe liegt. (Da häufig nicht bewusst ist was als Niedriglohn definiert ist, wäre dieser Einschub, welche Definition die Forscher genutzt haben sicherlich hilfreich). Auf Seite 16 findet sich dann auch noch der Hinweis, das diese Person im Durchschnitt nochmal geringe Einkommen haben als die einbezogenen Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor.
    Was das ganze dann wieder ein bisschen entschärft findet sich auch auf Seite 16: “Für geringfügig Beschäftigte ist zu beachten, dass sie im Unterschied zu anderen
    Beschäftigungsformen kaum Abzüge für Lohnsteuer und Sozialversicherung haben. Viele geringfügig Beschäftigte stehen deshalb netto besser da, als der am Bruttoverdienst gemessene sehr hohe Anteil an Niedriglohnbeziehern vermuten lässt.”

    Des Weiteren ist die Abbildung ohne weitere Erklärung nicht sehr glücklich gewählt. Bei “Anteil der Beschäftigten mit Niedriglohn” ist davon auszugehen, dass es hier als Basis alle Beschäftigte gewählt ist (Wer ist überhaupt Beschäftigter?). Die Arbeitslosenquote bezieht sich jedoch auf eine weitaus größere Gruppe. Demnach ist es denkbar, dass im Untersuchungszeitraum einfach ganz viele Beschäftigte ohne Niedriglohn weggestorben sind und die Anzahl der Niederiglöhner absolut gleich geblieben ist.

    Ich frage mich ernsthaft was der Mehrwert dieses Beitrages sein soll, wenn ich erst alles selbst nachlesen muss. Und wenn ich dann einmal im Beitrag Mängel entdecke muss ich mich natürlich fragen: Wo sind Weitere?

    Scheinbar stand der Inhalt tatsächlich schon vorher fest. Dann sind wir beim confirmation bias und der Beitrag ist gar nichts mehr wert.

  • fischi

    Dieser Artikel ist zynisch und kapitalistisch schön geredet. Fakt ist, dass die Wenigsten aus dem Niedriglohnsektor wieder herrauskommen. Niedriglöhne sind nichts weiter als ein Instrument der Reichen um soviel Profit wie möglich einzufahren. Denn die Lohnkosten sind der höchste Batzen der unternehmerischen Ausgaben. Diese klein zu halten bedeutet eine Ausbeutung der Arbeitskraft. Weiterhin sind sie langfristig ökonomisch höchst schädlich. Denn die Sozialkassen müssen sich auf immer höhere Leistungen einstellen um die wachsende Altersarmut zu begegnen. Der Niedriglohnsektor macht arm und ist politisch ein Schritt zurück ins Mittelalter. Soll Herr Schäfer doch für einen solchen Lohn arbeiten, wenn er ihn so toll findet.