INSM – ÖkonomenBlog, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) Welche Reformen braucht unser Land? Wie erreichen wir mehr Wachstum und Beschäftigung? Experten geben Antworten – diskutieren Sie mit!

 
08.10.2012 Europa, Wachstum

Exportstärke und demographischer Wandel

Die Exportstärke der deutschen Wirtschaft ist vielen ein Dorn im Auge. Die anhaltend hohen Exportüberschüsse seien Schuld an der europäischen Schuldenkrise. Von der EU droht jetzt sogar ein Strafverfahren. Betreibt Deutschland eine merkantislistische Wirtschaftspolitik?

Deutschlands Exportstärke ist in Verruf geraten: in der  politischen Linken und bei keynesianischen Ökonomen im Inland ohnehin, in den europäischen Krisenländern und ganz offiziell in der EU, die künftig hohe Leistungsbilanzüberschüsse gleichermaßen wie übermäßige Defizite sanktionieren kann. EU-Sozialkommissar László Andor prangerte erst kürzlich die „merkantilistische Wirtschaftspolitik“ der Deutschen an. Selbst angelsächsische Finanzgurus verdammen die deutschen Exporterfolge, die der systematischen Vernachlässigung der Binnenkonjunktur geschuldet seien und zu massiven Ungleichgewichten der globalen Wirtschaft führten.

In dieser Woche rückte mit dem Demographie-Gipfel im Kanzleramt erneut die säkulare Alterung ins öffentliche Bewusstsein, die massive Auswirkungen auf den künftigen Wohlstand unserer Gesellschaft haben wird. Das Wachstumspotential einer Volkswirtschaft reduziert sich zwangsläufig, wenn immer mehr Menschen im Rentenalter auf immer weniger im aktiven Erwerbsalter treffen. Die Folgen für den Arbeitsmarkt und die soziale Sicherung, für Renteneintrittsalter und Rentenhöhe sind massiv. Daneben steigt die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland unvermindert an, die Geburtenzahl sinkt weiter, weil jetzt die geburtenschwachen Frauenjahrgänge die Dynamik des Rückgangs verstärken. Gleichzeitig nimmt nach einer aktuellen Allensbach-Umfrage die Bereitschaft ab, für das Alter anzusparen. Noch nie legten die Deutschen weniger privates Kapital für das Alter zurück als heute, obwohl das sinkende Rentenniveau im gesetzlichen Umlagesystem bekannt ist.

Gehört unser Land, dessen Wachstumsdynamik aufgrund des demographischen Wandels mittel- und langfristig sinken wird, wegen seiner aktuellen Exportüberschüsse wirklich auf die Anklagebank? Ist es sinnvoll, Leistungsbilanzüberschüsse als „makroökonomische Ungleichgewichte“ mit Sanktionen zu belegen und damit gleich zu klassifizieren wie übergroße Staatsdefizite? Im kommenden Jahr könnte die EU gegen Deutschland genau deswegen ein Strafverfahren einleiten, weil der Überschuss im laufenden Jahr mit rund 200 Milliarden Euro womöglich die 6%-Hürde, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, überschreitet.

Doch unser Land betreibt keinen Merkantilismus. So nannte man im 17. und 18. Jahrhundert eine dirigistische Politik, die mit Schutzzöllen und gleichzeitigen Exportsubventionen zu Lasten der Handelspartner agierte. Deutschland ist auch keine Volkswirtschaft, in der systematisch Lohndumping praktiziert wird. Wir liegen nach wie vor im europäischen Vergleich der Lohn- und Lohnnebenkosten im oberen Drittel. Unsere Exportgüter konkurrieren gerade nicht mit dem Billigheimer-Image, sondern überzeugen durch Qualität und Zuverlässigkeit. Die deutsche Exportgüterstruktur passt außerdem exzellent zum Bedarf der aufstrebenden Schwellenländer. Daher rühren die hohen Zuwächse im Handel mit China, Indien, Brasilien, Russland und den arabischen Ölstaaten.

Handelsüberschüsse und Exporterfolge sind kein Selbstzweck. Sie sind Ausdruck einer wieder gewachsenen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft, die Arbeitnehmern wie Unternehmern gewaltige Anpassungsleistungen abverlangte. Bei uns stagnierten mehr als 15 Jahre lang die Masseneinkommen, während sie in vielen europäischen Partnerländern real kräftig aufwuchsen. Bei uns wurde der Arbeitsmarkt dereguliert, das Rentenniveau abgesenkt und das Renteneintrittsalter erhöht. Diese Leistung müssen andere Länder auf dem Weg zur Wiedergewinnung ihrer eigenen Wettbewerbsfähigkeit jetzt selbst erbringen. Das ist schmerzhaft, aber unerlässlich.

Die geburtenstarken Jahrgänge arbeiten alle noch in unserem Land. Sie spar(t)en und leg(t)en einen Teil davon in der ganzen Welt an. Trotz der Finanzkrise haben sich die deutschen Auslandsvermögen netto seit Mitte des letzten Jahrzehnts nahezu verdoppelt: auf eine Billion Euro. Weil die Zahl der aktiven Erwerbspersonen aufgrund der Demographie sinkt, wird sich auch der deutsche Exportüberschuss zwangsläufig reduzieren. Unser Volk wird „entsparen“, weil das wachsende Rentnerheer das angesparte Vermögen aufzehren muss. Unsere internationalen Handelspartner, aber auch die EU-Kommission, sollten diesen Zusammenhang bei ihrer deutschen Exporterfolg-Kritik bedenken.

  • Pingback: Exportstärke und demographischer Wandel | hockenholz

  • Surp

    Jeder kann exportieren, wenn er seine Produkte eigentlich verschenkt.

    Aber ja EXPORT ist super und sorgt für Arbeitsplätze, schonmal überlegt sich einweisen zu lassen?

    Entschuldigung, das ich so direkt bin, aber ich kann es langsam nicht mehr ertragen.

  • http://endlessgoodnews.blogspot.com/ chriwi

    Immer wieder die gleiche Leier.

    “Deutschland ist auch keine Volkswirtschaft, in der systematisch Lohndumping praktiziert wird. Wir liegen nach wie vor im europäischen Vergleich der Lohn- und Lohnnebenkosten im oberen Drittel.”

    Wenn in Deutschland kein Lohndumping betrieben wird Herr Metzger warum

    arbeiten dann so viele Menschen im Niedriglohnsektor,

    sind die Reallöhne seit Jahren nicht gestiegen,

    werden die niedrige Löhne über Kombilöhne subventioniert,

    wird kein Mindestlohn verabschiedet,

    wurden Gesetze zur Leiharbeit massiv aufgeweicht,

    …?

    “Bei uns stagnierten mehr als 15 Jahre lang die Masseneinkommen, während sie in vielen europäischen Partnerländern real kräftig aufwuchsen. Bei uns wurde der Arbeitsmarkt dereguliert, das Rentenniveau abgesenkt und das Renteneintrittsalter erhöht. Diese Leistung müssen andere Länder auf dem Weg zur Wiedergewinnung ihrer eigenen Wettbewerbsfähigkeit jetzt selbst erbringen.”

    Sie geben zu, dass die Einkommen stagnieren, leugnen aber ein konsequentes Lohndumping. Ihre Begründung ist absurd. Die Lohnkosten und Lohnnebenkosten sind vollkommen irrelevant. Sind 3000 Euro pro Monat viel Lohn oder wenig? Das kommt natürlich in erster Linie auf die Produktivität an. Deutschland ist nun einmal deutlich produktiver als viele andere Länder. Wenn nun die Löhne stagnieren, werden die Produkte billiger.

    Ein zweiter Punkt den sie nicht begreifen ist der Folgende. Wettbewerbsfähigkeit ist eine relative Größe. Es können nicht alle gleichzeitig wettbewerbsfähiger werden. Das funktioniert nicht. Somit sind die Arbeitsmarkt- und Rentenreformen alles andere als eine Erfolgsstory.

    Zusätzlich versuchen sie den interantionalen Erfolg der deutschen Exporte hervorzuheben. Dabei kommen sie nicht auf die Idee, dass diese auch vom Euro profitieren. Die anderen Euroländer schwächen den Eurokurs, so dass die deutschen Exporte preiswert bleiben. Würde Deutschland noch die DM haben, sähe das Bild anders aus. Die sehr hohen Überschüsse wurden erst nach der Euroeinführung erwirtschaftet. Offensichtlich gibt es da einen Zusammenhang. Das würden sie erkennen Herr Metzger, wenn sie ab und zu ihre ideologische Linie verlassen würde.

  • http://zenbarbar.wordpress.com/ ZenBarbar

    Soweit ich das verstehe, geht es doch um mehr, also nur eine Bezeichnung (Merkantilismus, ja oder nein), sondern um die Auseinanderentwicklung der Wettbewerbsfähigkeit der Euro-Staaten als Hauptursache der Euro-Krise. Und da scheint ja etwas dran zu sein, oder was meinen Sie?

    Grüsse

    ZB

  • Keynesianer

    Wir können noch mehr in Defizitländer exportieren und ich würde vorschlagen, daß dann diese sich bei Herrn Metzger verschulden.
    Ebenso wie Wasser von Natur aus begab fließt, haben Aussenhandelsungleichgewichte gewisse Gesetzmäßigkeiten.
    Es ist bedauerlich, aber auch Herr Metzger und die INSM werden die Schwerkraft nicht aushebeln können.

  • Surp

    @ Keynesianer

    Ist mir zu sachlich.

    Sachlickeit hat doch inzwischen nichts mehr verloren in unserer Welt.

  • http://www.immobilien-eu.eu Voegele

    Ein sehr gutes Beispiel für falsche Wirtschaft und Produkt Politik ist die Französische Auto Industrie. Ob wohl billig Autos verkauft werden, bricht der Verkauf dramatisch ein. Nun werden 80000 französische Autobauer entlassen, es werden noch viel mehr Menschen in der französischen Autobranche entlassen werden. Gleiches trifft auf die Chemie und den Maschinenbau zu. Rot und Grün, verlangt nun schon seit 20 Jahren, die Deutsche Autoindustrie sollte kleine billige Autos bauen. Gut, das wir Deutschen nicht drauf gehört haben. Im Übrigen stimme ich mit Herrn Metzger überein. Wirtschaft ist kein Feld, auf dem sich Ideologen tummeln sollten. Der jetzt Zustand zeigt uns doch das Deutschland zwar nicht alles aber vieles richtig gemacht hat. Die Kommentatoren hier versprühen viel Gelaber, haben aber vom Markt und Währungen Null Ahnung. Gott schütze uns vor diesen Schwätzern.

  • http://www.immobilien-eu.eu Voegele

    Auch zu DM Zeiten war Deutschland ein sehr erfolgreiches Export Land.

  • Surp

    @ Voegele

    Naiv ihre Meinug, wer soll dann bald die ganzen SUVs kaufen, wenn keiner mehr Geld hat.

    Schauen sie mal unsere Straßen wirklich an, wenn das Auto nicht der Bank gehört, ist es meistens ein Firmenwagen und das wird auch noch extrem vom Staat subventioniert.

    Sie haben glauben wirklich sie verstehen unser Wirtschaftssystem, dann erklären sie es mir bittem, ich versteh denn Schwachsinn eben nicht.

    Helfen sie mir, bitte.

  • hajac

    Wenn man so manche Kommentare hier liest, erübrigt sich die Frage nach dem Bildungsnotstand.
    Zunächst wurde mal beiläufig übersehen, dass Deutschland noch 2005 das Schlusslicht in der EU war. Nicht zuletzt dieser Tatsache war der Artikel 125 (no bail out) des Lissbonvertrags geschuldet. Wer wollte schon für Schulden Deutschlands möglicherweise in Anspruch genommen werden?
    Deutschland hatte dann auf die Misere reagiert. Jetzt werfen also die Resteuropäer Deutschland vor, von den Verzichtmaßnahmen profitiert zu haben.
    Also, mit Verlaub, idiotischeres Denken ist nun wirklich nicht mehr möglich.
    Die inneren Probleme, die es derzeit unbestreitbar in Deutschland gibt, sind sicher diesen Sanierungsmaßnahmen zuzuordnen.
    Es stellen sich einige simple Fragen:
    Muss sich Deutschland an allem Unfug beteiligen (Afghanistan usw.) Diese Beteiligungen folgen der Devise, wer nicht genug Feinde hat, schafft sich welche.
    Finanzierung der Sozialkosten. Es ist ein typisches Bild deutscher Politik. Dieses Problem ist spätestens seit dem Ende der fünfziger Jahre bekannt. Zur Erinnerung: Die Gewerkschaften forderten damals eine sigenannte Maschinensteuer, weil sie zu dem Schluss gekommen waren, durch die zunehmenden Rationalisierungen infolge technischer Entwicklung werde es eine zunehmende Arbeitslosigkeit geben, die zu finanzieren sein wird.
    Im Zusammenhang damit wurde auch damals bereits diskutiert, dass der Sozialbereich gerade wegen dieser Strukturveränderung auf andere Füße zu stellen wäre.
    Was ist passiert? Nichts.
    Und so ist heute der demographische Wandel ein Schlagwort geworden, dass die Unfähigkeit der Politik verschleiern soll. Verschleiern soll, dass diese “Eliten” schlicht untätig und nur dem eigenen Vorteil verpflichtet sich verhalten haben.
    Dass Deutschland im wesentlichen vom Export lebt, kann nicht bestritten werden.
    Damit bewegt sich dieses Land aber auch in einem gefährlichen Abhängigkeitsbereich.
    Derzeit wird das wieder einmal sichtbar. Die Bücher der exportierenden Firmen leeren sich allmählich. Der Grund liegt auf der Hand. Der Nachholbedarf diverser Länder, vor allem Chinas, ist inzwischen auch mehr und mehr gedeckt. Außerdem wird der Kunde China zu einem potenten Wettbewerber auf dem Weltmarkt mutieren, und das keineswegs auf dem “Billigmarkt”, sondern auch und besonders bei den high-tech-Produkten.
    Wieso man das nicht erkennt lässt sich nur erklären, wenn man der heutigen Politik Lernresistenz unterstellt. Schließlich wurde diese Erfahrung z.B. bereits seinerzeit mit Japan gemacht. Auch denen unterstellte man damals lediglich Plagiatsfähigkeiten, bis man festzustellen hatte, dass von dort Produkte kamen, die den deutschen mindestens ebenbürtig, teilweise sogar überlegen waren.
    Wer sich in den internationalen Universitäten umsieht, kann ebensowenig übersehen, dass in den Hörsälen sehr starke Gruppen aus Asien zu sehen sind und auch der Wissenschaftsbereich mit durchaus ansehnlichen Zahlen an Mitarbeitern und Professoren aus jenen Bereichen bestückt ist.
    Die hier oftmals zu lesenden Kommentare zeigen lediglich eine Arroganz, die sich später bitter rächen wird.
    Wenn Politiker immense Summen für Dritte dem Land aufbürden, ist das entweder der Beweis völliger Ahnungslosigkeit oder Verantwortungslosigkeit.

  • Reinhard Wilhelm

    Der Status Exportnation ist kein Zustand der Seligen. Exportnation bedeutet letztendlich, dass mehr Güter exportiert als importiert werden. Wenn man so will, dann waren die früheren Kolonien auch Exportnationen. Entscheidend ist, dass mit dem Export auch der Wohlstand korreliert. Daran bestehen Zweifel, denn Herr Metzger schweigt, dass das Durchschnittseinkommen in Deutschland in etwa bei 2.500,00 EUR brutto liegen. Ein großer Teil der Bevölkerung muss mit deutlich weniger zurecht kommen. Ein kleiner Teil der Bevölkerung verdient deutlich mehr. Ein großer Teil der deutschen Wohlstandsgüter, wie z.B. PKW, werden exportiert und sind für den Normalverdiener nicht bezahlbar. Das Demographieproblem basiert auf dem Problem, dass sich sehr viele junge Menschen zu 100 % in die Wirtschaft einbinden lassen in der Hoffnung, Karriere zu machen, und das Kinderkriegen vergessen, dass sehr viele junge Menschen glauben, sich keine Kinder leisten zu können. Der derzeitige (bröckelnde) Wohlstand basiert zum erheblichen Teil darauf, den gesellschaftlichen Verpflichtungen, nämlich für eine ausgewogene Demographie zu sorgen, nicht nachzugehen. Im Ergebnis ist der Export für die breite Bevölkerung derzeit nicht ein Wohlstandsbringer, sondern ein Ausdruck eines unausbalancierten Wirtschaftssystems, die Kehrseite einer Globalisierung, die das globale Investment zu Lasten der individuellen Einkommen einseitig begünstigt. Das fällt nicht auf, solange auf Kosten der Demographie und persönlichen Vorsorge Einkommen verkonsumiert werden kann, und der Bürger auch mit einem gebrauchten Audi zufrieden ist.

  • sugar base

    Wie immer etwas vergessen, denn Deutschland subventioniert die Wirtschaft mit 160Mrd€ jährlich.Zieht die Regierung das Geld raus, gleicht sich Deutschland der EU an.Es schwächt da durch die anderen Länder, doch wo der Egoismus seine Wurzeln hat, wird dass wohl nicht in die Köpfe gehen, auch nicht bei Oswald Metzger!

Der Autor:

Oswald Metzger

ist Buchautor und ausgewiesener Haushalts- und Finanzexperte. Von 1994 bis 2002 gehörte er dem Deutschen Bundestag an.

Alle Beiträge von