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25.10.2012 Europa, Finanzmarkt

Vom verworrenen Weg des Geldes

Im Laufe der Eurokrise wurden die Deutschen Zeuge wie beachtliche Mengen ihres Geldes in die Schuldenstaaten wanderten, während gut situierte Griechen sich nach Kräften bemühten, ihr Vermögen ins Ausland zu schaffen – außer Reichweite der öffentlichen Hand. Das hat verständlicherweise zu viel Ärger und fälschlicherweise zu dummen Vorurteilen geführt.

Richtig ist: Griechenland erhält massive Unterstützung von deutscher Seite. Doch die komplexen Zusammenhänge im Euroraum erfordern eine tiefer gehende Betrachtungsweise.  Wer sich die Kapitalflüsse einmal genauer ansieht, wird unter Umständen überrascht sein, welch wirre Wege das Geld manchmal einschlägt.

Ganz oben auf der Liste möglicher Zielhäfen für griechisches Erspartes steht die Schweiz. Um den Franken, der durch diese starken Zuflüsse unter Aufwertungsdruck gesetzt wurde, abzuschwächen, beschloss die Schweizer Nationalbank (SNB) im September 2011, künftig den Wechselkurs Franken/Euro festzusetzen. Genauer legte die SNB einen Höchstkurs von 0,833 Euro fest. Um diesen zu halten, ist sie bereit, unbeschränkt Devisen zu kaufen.

Mit dieser Ankündigung wurde  die Schweiz einer  der weltweit größten Währungsspekulanten. Um für die Verbilligung des Frankens zu sorgen, musste die SNB die Notenpresse anwerfen und das neu entstandene Geld in Euro umtauschen. So hielt die Nationalbank 2012 Fremdgeld in einer Menge, die 70% des schweizerischen BIP entsprach.

Damit wurde die Schweiz zur zentralen Drehscheibe des Devisenverkehrs: Innerhalb eines Jahres, von Sommer 2011 auf Sommer 2012, legte das Land mehr als 93 Milliarden Euro zusätzlich im Euroraum an: Tendenz steigend. Der Großteil dieser Zukäufe dürfte in Staatsanleihen erfolgt sein, und die Vermutung liegt nahe, dass sich die sicherheitsliebenden Schweizer dabei für Deutsche oder Niederländische Wertpapiere entschieden haben.

Damit können die Deutschen nur zufrieden sein -  die Nachfrage der SNB nach deutschen Staatsanleihen wirkt sich nämlich zinssenkend aus. Auch wenn sich über die genaue Stärke dieses Effekts nur spekulieren lässt, so steht doch fest, dass die Zinslast des Bundes im Jahr 2012 deutlich, genauer um 5,8 Prozent, zurückging. Während die Schweiz sich mit minimalen Zinssätzen begnügen muss, freut sich der Bundesfinanzminister also über billiges Geld. So kann Deutschland sich günstig am Kapitalmarkt refinanzieren. Und so findet das Geld der wohlhabenden Griechen über verschlungene Pfade in die Tasche deutscher Sozialhilfeempfänger.

  • http://makrointelligenz.blogspot.de/ www.makrointelligenz.blogspot.de

    Eine andere Sichtweise auf die schweizerische Währungspolitik liefern Daniel Gros und Thomas Mayer von der deutschen Bank. Sie sehen die Schweiz als Wechselkursmanipulator, der die Anpassungen der Leistungsbilanzdefizit der südlichen Eurostaaten verhindert. Der Leistungsbilanzüberschuss der Schweiz beträgt mittlerweile 14% des Bruttoinlandsprodukts, was dem kumulierten Defizit Italiens und Frankreichs entspricht. Durch die Fixierung des Wechselkurses ist es der Schweiz gelungen die Industrieproduktion auf einem höheren Level zu stabilisieren als den Ländern der Eurozone. Andererseits ist der Wechselkurs der Schweiz in Relation zur Kaufkraft bereits deutlich überbewertet und hatte absurde Folgen wie den Kauftourismus in Grenzregionen.
    Ansonsten kann Deutschland natürlich nicht effektiv von niedrigen Zinsen profitieren, wenn im Gegenzug zinslose Darlehen über das EZB System zurücküberwiesen werden. Somit übernehme man letztlich nur das Risiko ohne Gewinnchancen. Als sicherer Hafen müsste man die günstigen Finanzierungsbedingungen hier nutzen und im Gegenzug höher verzinste Anlagen im Ausland erwerben. Auf diese Weise gelingt es den USA trotz eines Leistungsbilanzdefizits über hohe Zins- und Dividendenerträge die Auslandsverschuldung in Grenzen zu halten. Bei einer moderaten Zinsdifferenz könnte es den Krisenstaaten der Eurozone dann gelingen, ihre Wirtschaft neu aufzustellen und die Leistungsbilanzen nach und nach anzugleichen.

  • Bernhard K. Kopp

    Frankenstein-Ökonomie

    Schade, dass ein leibhaftiger Universitätsprofessor sich, und seine Leser, mit einer dermassen eingeschränkten Betrachtungsweise begnügt.

    Die Kapital- und Steuerflucht aus Griechenland war schon vor 2010 erheblich und hat sich in den vergangenen drei Jahren noch wesentlich ausgeweitet. Richtig ist, dass die Schweiz, vor London, der bevorzugte Fluchtpunkt für privates Geldvermögen ist und immer war. Ob das Geld dann überhaupt in Franken oder Pfund getauscht wurde, oder gleich in Euro bleibt, ist eine andere Frage. Das Geldvermögen von Firmen und Institutionen ist wahrscheinlich weiter gestreut, ist aber in der Summe bedeutender als das private Geldvermögen.

    Aus Italien, Spanien, und auch ein bisschen Portugal, sind in der Summe auch mehrere hundert Milliarden abgezogen worden, die nicht unwesentlich bei deutschen Banken liegen. Die Refinanzierung der lokalen Banken, in allen Peripherieländern, wurde immer mehr von Zentralbankfinanzierung abhängig. Dies ist, wie Herr Sinn gut erklärt, der Grund für den Anstieg der Target-Salden.

    Die Aussage, dass die Reduzierung der Finanzierungskosten für die deutsche Staatschuld irgendwie in die Tachen der deutschen Sozialhilfeempfänger wandert, ist eines Universitätsprofessors unwürdig.

  • tegat

    Wenn Prof. Straubhaar jetzt noch beschreiben würde, auf welchen “verschlungenen” Pfaden die Milliarden der griechischen “gut situierten Kreisen” bei den deutschen Sozialhilfeempfängern ankommen, dann könnte man meinen, Prof. Straubhaar hat seine Berufung als Prof. nicht nur dem Sammeln und Bewerten von alten Texten zu verdanken, sondern er hat mittlerweile das pralle Leben studiert.

Der Autor:

Prof. Dr. Thomas Straubhaar

früherer Direktor des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere internationale Wirtschaftsbeziehungen, an der Universität Hamburg.

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