Als erstes im Bankgeschäft lernt man den Respekt vor der Null. Carl Fürstenberg, 1850-1933, deutscher Bankier

4 ArbeitsmarktEuropa

Reformen statt Kartell der Mittelmäßigen

„Deutschland muss teurer werden!“ Diese jüngst wieder einmal erhobene Forderung ist nicht neu. Schon vor knapp drei Jahren hat die damalige französische Finanzministerin Christine Largarde angeprangert, Deutschland exportiert und wächst auf Kosten der übrigen EU-Länder. Und auch hierzulande gewinnt der Gedanke Unterstützer. Um den Euro zu stabilisieren, müsse mit der Lohnzurückhaltung jetzt Schluss sein.

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Der Hintergrund: Durch steigende Lohnkosten in Deutschland verschlechtert sich die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik. Frankreich, Spanien Griechenland etc. können so aufschließen. Rettet ein Schluck aus der Lohnpulle den Euro?

Man kann nicht so tun, als sei die hohe Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft vom Himmel gefallen. Es ist noch keine 10 Jahre her, da war Deutschland der kranke Mann Europas. 5 Millionen Menschen hatten keine Beschäftigung, die Wirtschaft stagnierte, während Europa kräftig zulegte.

Durch teilweise schmerzhafte Reformen zum Beispiel am Arbeitsmarkt ist es Deutschland aber gelungen, sich fit für den internationalen Wettbewerb machen. Die Arbeitslosigkeit ging von fünf Millionen auf unter drei zurück.

Wer jetzt fordert, Deutschland solle seine Wettbewerbsfähigkeit verschlechtern, will die Uhr zurück drehen. Wettbewerb ist der Motor für Wachstum und Wohlstand. Dass einige Volkswirtschaften besser sind als andere, ist kein notwendiges Übel, sondern in einer Marktwirtschaft unerlässlich und die Triebfeder für einen immer schonenderen Umgang mit knappen Gütern. Dieses Prinzip hat uns ein nie dagewesenes Wohlstandsniveau gebracht.

Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass rund 60 Prozent der deutschen Exporte außerhalb des Euroraums abgesetzt werden. Diese Märkte zu gefährden, wäre grob fahrlässig. Europa ist nur ein – immer kleiner werdender – Teil der Welt; wir können uns nicht isolieren.

Statt die Uhr zurück zudrehen, müssen die Krisenstaaten weiter Reformen durchführen, die Deutschland schon hinter sich gebracht hat. Da die Schuldenkrise sich immer weiter zuspitzt, muss dies sehr schnell geschehen – und das macht die Anpassungen leider zur Rosskur. Um die größten Schmerzen zu lindern, zahlt Deutschland bereits kräftig. ESM und TARGET Salden sind an dieser Stelle nur zwei Stichworte. Jetzt zu fordern, Deutschland müsse das Lohniveau anheben, ist genauso sinnvoll, wie wenn sich der in Führung liegende Läufer eines Rennens selbst bremst, damit die anderen aufholen können.

Ein Gründungsgedanke der EU war, der Zugewinn von Wettbewerbsfähigkeit. Mit Gleichmacherei erreicht man zwar, dass jedes Land auf Augenhöhe läuft. Es bedeutet aber folglich auch, dass das langsamste Land das Tempo vorgibt.

  • Autor

    Prof. Dr. Andreas Freytag

    ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schilller-Universität Jena.

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  • chri

    “dass rund 60 Prozent der deutschen Exporte außerhalb des Euroraums abgesetzt werden. Diese Märkte zu gefährden, wäre grob fahrlässig. ”

    1. Heißt diese Aussage 40% der Exporte gehen in die Eurozone. Das ist ein großer Anteil.

    2. Ist Wettbewerbsvorteil eine relative Größe. Nie können alle wettbewerbsfähiger werden. Das Deutschland ins außereuropäische Ausland viel exportieren kann, hat als Ursache etwa den Wettbewerbsvorteil Deutschlands (billig, hohe Produktivität). Die Wettbewerbsnachteils der anderen Eurozonenländer sorgen dafür, dass der Euro nicht sehr stark aufwertet. Würde er es tun, dann wäre der schöne Vorteil weg.

  • hajac

    Der Kommentar geht ziemlich daneben. Zunächst einmal hat man zur Kenntnis zu nehmen, dass Länder der EU wie Griechenland, Spanien und etliche mehr mit Deutschland zu vergleichen, sich schlicht verbietet. Die Wirtschaftsgrundlagen sind dafür viel zu unterschiedlich. Soll Deutschland nach Ansicht des Kommentators statt Stahl Olivenöl produzieren, statt Maschinen und Fahrzeuge vielleicht auf Obst und Gemüse umstellen. Wie gedankenlos muss man sein, auf solche Tiraden der Kommissare der EU hereinzufallen? Statt sich zu fragen, welche Kompetenz der jeweilige Kommissar überhaupt, welche der hinter ihm agierenden Zuträger (seine Beamten z.B.).
    Griechenland hat, objektiv gesehen, über viele Jahre weit über seine Möglichkeiten gelebt.
    Deutschland hatte, das muss unumwunden zugegeben werden, ebenfalls seine ökonomischen Verhältnis weit überstrapaziert. Allerdings tat man das hier notgedrungen, nämlich vom Grundgesetz dazu verpflichtet. Fraglos war die Sanierung der DDR der Hauptauslöser für die inzwischen immensen Schulden. Auch das hat man zur Kenntnis zu nehmen. Und Ursache dafür war eben nicht der Herr Kohl, auch nicht der Herr Schröder, wie es heute so wohlfeil und ebenso kenntnislos herum schwadroniert wird. Hauptursache war, na, man kann´s ja fast erraten, die EU. Es war die Kommission, die die notwendigen Sanierungsmaßnahmen blockiert und verhindert hat. Wegen der EU wurde und wird immer noch Geld ins Leere gepumpt.
    Wer auch nur einen Schimmer von Ahnung dieser ganzen Misere hat, müsste das eigentlich wissen. Wer hat denn verhindert, dass z.B. ein EKO platt gemacht wurde? Wer hat den verhindert, dass SKET es ebenso erging? Wer hat denn verhindert, dass sich die Fahrzeugindustrie in den Neuen Ländern nicht ansiedeln konnte, dass sich z.B. VW heute noch schwarz ärgern kann, in Mosel ein Werk errichtet zu haben, das in Slowakien oder Tschechien wesentlich besser aufgestellt gewesen wäre? Man kann die Liste weiterführen.
    Es waren die EU Kommissionen, deren Kommissare die Interessen ihrer eigenen Länder verfolgten. Da galt es zu verhindern, dass sich weitere Konkurrenzen aus Deutschland bildeten. Da ging es darum, die teilweise wahrlich maroden Industrien im eigenen Land zu schützen. Es wäre dafür hilfreich gewesen, hätten sich die Protagonisten dieses Kommissionsaberwitzes einmal die realen Verhältnisse in den Ländern so mancher Mitglieder der EU bereits damals umgesehen. Sie würden heute nicht einen solchen Unfug verbreiten.
    Wenn 40 % nach Europa exportiert werden, so ist da zu klären
    1. Europa besteht keineswegs nur aus der EU,
    2. Die Exporte betreffen im wesentlichen Maschinen, Investitionsgüter, Fahrzeuge und dgl. Wieviele dieser Güter wurden dazu verwendet, entweder weiter in außer-europäische Länder exportiert zu werden, wieviele dazu, um damit Produkte zu erzeugen, die dann exportiert wurden, also Vorgänge, die den deutschen Waren durchaus Konkurrenz boten und bieten.
    3. Warum wurde wohl damals, 2005, der Artikel 125 in den späteren Lissabon-Vertrag eingeführt? Damals war, wie der Artikel völlig richtig darstellt, Deutschland das Schlusslicht in Europa. Schröder hat mit seiner Agenda 2010 diesen Zustand beendet. Es kann wohl nicht bestritten werden, dass das unter Inkaufnahme gravierender Einkommenseinbußen in Deutschland verbunden war. Denn eines muss doch ebenfalls klar und niemanden entgangen sein: Die derzeitigen 3 Millionen Arbeitslosen sind doch geschönte Zahlen. Die Wahrheit ist, dass all die aussortierten Sozialhilfeempfänger mitzuzählen sind. Dann sprechen wir aber bereits über 10 Millionen. Wie stellen sich die Kommissionsgläubigen die Zukunft vor? Von 43 Millionen Beschäftigten werden 10 Millionen alimentiert, zahlen also nichts in die Solidarkassen ein, sondern nehmen Leistungen in Anspruch.
    Woran hängt denn die augenblicklich noch positive Lage dieses Landes? Es ist der Nachholbedarf von Ländern, die angefangen haben am Weltmarkt mitzuspielen, China also, auch Indien und einige andere. Es muss doch jedem klar sein, dass jeder Nachholbedarf einmal beendet sein wird. Das aber wird zwingend zwei Folgen haben. Zum einen reduziert sich das Volumen auf ein wie immer geartetes Normalmaß, zum zweiten werden diese Länder von Kunden zu Konkurrenten auf dem Weltmarkt mutieren, was für Deutschland durchgreifende Folgen haben muss und wird. Auch darüber macht sich hier offensichtlich niemand Gedanken. Man meint hierzulande, das vorhandene “know-how” werde uns auf alle Ewigkeit Sicherheit geben.
    Da muss man warnen. Zum einen verfügt Deutschland keineswegs mehr über ein solches “know-how”, es tut auch nichts, dies wirksam zu ändern, die vielfältigen Bildungsreformen belegen das, zum weiteren ist es eine schon unerträgliche Arroganz zu glauben, die anderen seien dümmer. Ein Blick in die Hörsäle international renommierter Universitäten zeigt ein anderes Bild.
    Nein, die Analyse von Prof. Freytag trifft den Kern auf den Punkt. Aber wer will in diesem Land schon Wahrheiten hören oder sich mit diesen beschäftigen? Lieber lebt man weiter im Wolkenkuckucksheim und spielt den Verwunderten, wenn man von den Realitäten eingeholt wird.

  • Eric

    Die Logik des Professors verstehe ich nicht ganz: die Deutschen sind sehr produktiv, also… sie sollen vor allem nicht mehr Lohn bekommen?!? Das ist gerade das Punkt: eben weil die deutsche Arbeiter eine höhere Produktivität haben, sollten ihre Gehälter schneller steigen als die der anderen Euroländer. Das hat mit Reformen oder Mittelmäßigkeit wenig zu tun: Deutschlands gute wirtschaftliche Leistung war nicht nur dem Reform, sondern vor allem der Lohnsenkung zu danken.

    Warum senken alle anderen Länder nicht einfach ihre Gehälter, statt von Deutschland zu verlangen, dass sie dort steigen? Na, es gibt dieses Scheiternprojekt, den Euro genannt, durch die eine einfache Valutenanpassung nicht geschehen kann, und Gehälter nominal senken, das ist sehr schlecht für den Arbeitsmoral und damit auch die Produktivität und geschieht kaum irgendwo. Diese Phänomen heißt “downward nominal regidity” – look it up.

  • Eric

    Auch möchte ich noch hinzufügen, dass ich überhaupt nicht verstehe, warum das Faktum, 60% deutscher Exporten seien für außerhalb des Euroraums, die Sehensweise des Professors unterstützen würde. Was hat das mit irdendwas zu tun? Warum ist der Anteil des Euroraums eigentlich relativ so klein? Weil der ganze Euroraum unter Frau Merkel und ihre Lakaien in Brüssel und anderswo in der tiefen Depression steckt! Mittlerweile werden deutsche Exporten gleichsam vom niedrigen Euro subventioniert: hätte es noch den D-Mark gegeben, würde er in die Luft schießen und die Exporten unter Druck setzen.