Was Wachstum schafft, darf sehr wohl mit Schulden finanziert werden. Helmut Schmidt, 1918-2015, dt. Politiker

9 Arbeitsmarkt

Mindestlohn: Im Namen der Gerechtigkeit?

Dem Arbeitsmarkt in Deutschland geht es gut.  Auch der leichte Anstieg der Arbeitslosigkeit im Januar kann das Bild nur leicht trüben. Noch nie gingen so viele Menschen in Deutschland einer Tätigkeit nach wie im Moment. Doch das muss nicht so bleiben.

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Es war zu erwarten: In einem Wahljahr, das von der Debatte um die Soziale Gerechtigkeit geleitet wird, steht auch das Thema Mindestlohn ganz weit oben auf der Tagesordnung. Die Diskussion darum ist wahrscheinlich so alt wie die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland: man muss von seiner Arbeit leben können, so die Argumentation. Der sich ausweitende Niedriglohnsektor passt dabei genau ins Bild. Zu viele Menschen sind trotz Job auf staatliche Unterstützung angewiesen, heißt es.

Tatsächlich haben sich mit den Hartz-IV Reformen der Niedriglohnsektor und die Zahl der Aufstocker ausgeweitet. Gleichzeitig hat sich die Arbeitslosigkeit spürbar verringert, und vor allem der Sockel der Langzeitarbeitslosen wurde erstmals abgetragen.

Dennoch: Die Hartz Reformen haben dazu beigetragen, dass Empfänger staatlicher Leistungen wieder Kontakt zur Arbeitswelt und die Chance auf selbsterzieltes Einkommen erhalten. Dass viele dieser Gruppe sich zunächst im Niedriglohnsektor wiederfinden, ist zunächst unproblematisch. Der Einstieg ist die Chance zum Aufstieg.

Ein flächendeckender Mindestlohn, würde er denn eingeführt, setzt diese Erfolge aufs Spiel. Vor allem für Jugendliche stellt der Mindestlohn eine Hürde für den Berufseinstieg dar. Und selbst zur Armutsbekämpfung ist ein Mindestlohn nicht geeignet.

Kürzlich veröffentlichte Zahlen zeigen: Vom Mindestlohn würden überwiegend Arbeitnehmer profitieren, die trotz Niedriglohn nicht in Armut leben. Zwar hätten bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro etwa 19 Prozent der Beschäftigten mehr Geld in der Tasche, allerdings sind von den Betroffenen nur etwa 18 Prozent tatsächlich einkommensarm.  Der Grund dafür ist simpel: Viele Geringverdiener leben mit Partnern zusammen, die ein höheres Einkommen erzielen.

Keine Frage: Armutsbekämpfung ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Es spricht aber vieles dafür, dass der Mindestlohn nicht dazu in der Lage ist, Armut effizient zu bekämpfen.

  • Autor

    Dominique Döttling

    ist geschäftsführende Gesellschafterin der Döttling & Partner Beratungsgesellschaft mbH, Uhingen und Mainz und Botschafterin der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

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  • chri

    “Ein flächendeckender Mindestlohn, würde er denn eingeführt, setzt diese Erfolge aufs Spiel. ”

    Was ist es für ein Erfolg für 4 Euro die Stunde arbeiten zu müsse, um dann vom Staat weitere Zulagen zu einzufordern, damit man über die Runden kommt?

    “Die Analyse des Haushaltskontextes hat gezeigt, dass ein Mindestlohn in einem hohen Maße Personen begünstigen würde, die gar nicht bedürftig sind. Dies bestätigen auch Be-rechnungen von Müller und Steiner (2009) auf Basis eines Mikrosimulationsmodells. Lohnsubventionen, die den jeweiligen Haushaltskontext berücksichtigen, sind eine effizi-entere verteilungspolitische Alternative.”
    (aus der Studie)
    Diese Aussage der Studie zeigt, dass empirische Daten kaum eine Rolle spielen. Simulationsmodelle sind mit Vorsicht zu genießen. Sie sind stark beeinflusst von den Annahmen und den Rand- und Anfangsbedingungen. Jeder der sich mit Modellbildung schon einmal beschäftigt hat, würde sehr vorsichtig mit globalen Schlüssen sein. Selbst wenn Mindestlöhne keinerlei Verteilungseffekt haben, es aber geschafft wird Lohnsubventionen zu reduzieren, ist schon etwas geschafft.

    “Eine Umverteilung über das Steuer- und Transfersystem belastet starke zugunsten schwacher Schultern, lässt die Markteinkommensverteilung unberührt und vermeidet solche Verteilungskonflikte”
    Der Schlussatz der Studie ist zwar halbwegs richtig. Allerdings wird politsch das genaue Gegenteil gemacht.

    Es kann empirisch gezeigt werden, dass höhere Löhne zu mehr Arbeit führen kann. In mikroökonomischen Modellen ist das vollkommen unsinnig. Makroökonomisch ist das nachzuvollziehen. Da sind Löhne eben nicht nur Kosten, sondern auch Einnahmen der Unternehmen.

  • Bernhard K. Kopp

    Alle ökonomischen Argumente gegen einen bundesweiten, gesetzlichen Mindestlohn in Ehren, aber das wichtigste Argument dagegen ist politisch.

    Sobald es einen gesetzlichen Mindestlohn gibt wird die Forderung nach einer Erhöhung zu jeder Wahl ein ein populistisches Argument. Ähnlich der nicht abreissenden Forderung der Linken nach Erhöhung der Hartz-4-Sätze.

    Diesen Prügel dürfen wir den linken Populisten nicht in den propagandistischen Werkzeugkasten legen.

  • Markus

    “Viele Geringverdiener leben mit Partnern zusammen, die ein höheres Einkommen erzielen.”

    Das ist ein freches Argument. Wenn also mein Partner Geld verdient, dann habe ich grundsätzlich kein Anrecht auf ein eigens Einkommen in sozial verträglicher Höhe? Ach ja, bezahlt mir eigentlich auch mein Partner die Rente? Was, wenn die Partnerschaft scheitert? Was ist mit dem Selbstbewusstsein?
    Mit dieser Argumentation machen Sie alle Niedriglöhner vom Partner abhängig, das Recht auf Selbständigkeit scheint verwirkt.
    Das ist besonders für Frauen ein Schlag ins Gesicht, da die Mädels besonders betroffen sind. Gleichstellung ist etwas anderes – und Freiheit ein hohes Gut, welches Sie vielleicht auch mal bedenken sollten. Denn Freiheit impliziert Unabhängigkeit!

    Nein, dieses Argument hätten Sie sich wirklich sparen können, denn es ist kein Argument – schliesslich beschreiben Sie nicht einmal, wieviel höher das Einkommen des Partners ist!

  • LiFe

    Lieber Markus, sie haben genau die Formulierung herausgepickt, die mich vom Hocker gerissen hatte. Und dieses Argument kam von einer Frau!! Unglaublich! Haupthemastreit in einer Ehe ist das Geld! Der eine verdient mehr, der andere zu wenig. Der zu viel verdient trägt die Fixkosten, der zu wenig verdient muss nach Feierabend und an Wochenenden den Haushalt auf Vordermann bringen. Ach ja, die lieben Kleinen darf man nicht vergessen.

  • Markus

    @ LiFe
    Schauen Sie sich doch bitte mal die anderen Beiträge der Autorin an. So können Sie sich ein Bild Ihrer, naja, “Methode” machen. Für mich persönlich unverständlich.

  • Herzinger Wolfgang

    Der Niedriglohn – Sektor ist sicher keine Errungenschaft und die Partnereinkommen haben hier wirklich nicht in Berechnungen einzufließen. Vernünftige Löhne sind das A+O für unsere Sozialsysteme (Renten, Krankenvers., etc.) entlasten zudem die Argen, vermindern also bürokratischen Aufwand und geben den Menschen das Gefühl der Wertigkeit, aus dem sich Selbstverantwortung und Zufriedenheit ableitet.

  • Dummerjan

    Irgendwie kann ich den Sinn nicht erkennen, wenn aus einem Niedriglohn-Job ein Niedriglohn-Unternehmen wird. Machen wir uns doch keine Illusionen – wenn eine Tätigkeit eine Wertschöpfung von 5 Euro brutto in der Stunde bedeutet, dann kann der Lohn wohl kaum 6 Euro betragen. Da hilft auch alles Verteufeln oder alle Apelle an soziale Gerechtigkeit nichts.

    Manche Tätigkeiten sind dieser Art. Mir erscheint ein Job mit sozialer Absicherung besser als eine Verdängung in eine “Pseudo”-Selbständigkeit oder in eine Dauerarbeitslosigkeit.

    Klare Aussage: Eine Mindestlohn hilft denen die einen Job haben und benachteiligt die die keinen Job haben, Kein Mindestlohn hilft denen die keinen Job haben und benachteiligt die die einen Job haben.
    Einfach durch die Konkurrenz des leichteren Jobeintritts.

    Selbstverständlich sind Gwerkschaften gegen letzteres.

  • Die wahren Zahlen http://www.volksprotest.de Lösungen siehe Forum…

  • Jeder vierte US-Amerikaner hat Anspruch auf Lebensmittel-Marken

    30.06.12
    (Korrepondenz): Nach einem Bericht von “CNNMoney” haben in den USA inzwischen 70
    Millionen Menschen wegen der grassierenden Armut Anspruch auf die so genannten
    “Food-Stamps”. Dennoch nutzen nahezu 30 Millionen diese Gelegenheit kaum, aus
    Unwissenheit, weil sie krank sind oder weil sie sich schämen. Auch wer noch
    Arbeit hat, liegt mit dem Lohn oft unter der Armutsgrenze. Von den 20 Millionen
    Beschäftigten in der US-Lebensmittelindustrie haben nur 13,7 Prozent ein
    “existenzsicherndes Einkommen” (Bericht der “Food Chain Workers Alliance”).Das
    Institut untersuchte die wirtschaftliche Situation der in dieser Branche
    Beschäftigten – etwa von Landwirten, Köchen, Schlachtern sowie Fabrikarbeitern,
    Mitarbeitern in Fastfood-Restaurants oder LKW-Fahrern. Wer in den USA
    Lebensmittel erzeugt, transportiert, verkauft oder verpackt, läuft Gefahr selbst
    dabei zu
    hungern.

    http://www.rf-news.de/2012/kw26/jeder-vierte-us-amerikaner-hat-anspruch-auf-lebensmittel-marken