Inflationen sind wie Diktaturen. Wenn sie erst einmal an der Macht sind, wird es um so schwieriger, gegen sie anzukämpfen. Hermann Josef Abs, 1901-1994, deutscher Bankier, Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG (1957-1967)

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Buthan fängt bei jedem einzelnen an

Annette Jensen: Wir steigern das Bruttosozialglück – von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben, Herder-Verlag

Dass das Bruttosozialprodukt als Rechenhilfe für Wohlstand und gelebtes Glück nicht ausreicht, ist nicht neu. Auch die Diskussion um Ersatzbegriffe wie Bruttosozialglück nicht. Neu dagegen ist, dass immer mehr Menschen nicht mehr reden, sondern handeln wollen, um ihr Glück zu finden. Von diesen Vorreitern erzählt Annette Jensens anekdotenreiches Buch.

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Die glücklichen Menschen leben in Dörfern, glauben an Gott und lassen sich nicht scheiden. So oder ähnlich klingt es, wenn Glücksforscher ihre alljährlich wiederkehrenden Ergebnisse präsentieren. Dass die Säulen des Glücks auch auf anderem Fundament stehen können, demonstriert die Wirtschaftsjournalistin Annette Jensen in ihrem Buch „Wir steigern das Bruttosozialglück“. Es erzählt „von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben“. Aus der Verpflichtung gegenüber Umwelt und Gesellschaft und ohne den Zwang zum Wachstum entstehe das sogenannte Bruttosozialglück, glaubt die Autorin. Nachhaltige Entwicklung, Umweltschutz, Bewahrung der Kultur und Good Governance seien die Kriterien für die Bemessung dieses Glücks.

In ihrem Buch beschreibt Jensen die mit Unternehmergeist und Green-Economy-Motivation beseelten Akteure der lokalen und regionalen Wirtschaft – vom Ingenieur, der sich gegen den Widerstand vieler Bürger in einem Wiener Stadtteil ein Fernheizwerk baut und dadurch eine Welle von Energieexperimenten mit Stroh, Hausabfällen und Klärschlamm auslöst; von zwei Studenten, die sich in den Kopf gesetzt haben, ein Windrad zu bauen und heute ein florierendes Unternehmen führen; vom Bundeswehrsoldaten, der ein Solarzellen-Betrieb aufmacht, von Pilze-Züchtern, Bio-Aktiengesellschaftern, Schuhproduzenten, Schrottsammlern oder auch gemeinnützigen und genossenschaftlichen Bank-Managern.

Rein in die Kartoffeln, raus aus dem Kapitalismus – so könnte das Motto für viele der im Buch geschilderten Existenzgründer lauten. Doch ihnen allen ist gemein, dass jeder Fortschritt nur mit einer soliden und nachhaltigen Finanzierung funktionieren kann, mit einem auf Gewinn orientieren Geschäftsmodell – wenn auch das Ziel nicht maximaler Gewinn heißen darf.

Jensen ist klare Gegnerin der Vermessung des Wohlstands per Bruttoinlandsprodukt (BIP). „Sollte es weiterhin der zentrale volkswirtschaftliche Indikator bleiben, nützt das vor allem denen, deren persönlicher Vorteil auf diese Weise in der Öffentlichkeit als positiv für die Allgemeinheit dasteht“, schreibt die Autorin. Dass sie eine solche pauschale Behauptung aufstellt, kann man, muss man ihr aber nicht übel nehmen. Geradezu langweilig ist es aber, dass sie für das Gelingen eines nicht am BIP orientierten Staates ausgerechnet das bereits hundertausendfach zitierte buddhistische Königreich Buthan anführt. Bhutan machte sich zwar das Bruttosozialglück zum Staatsziel, aber niemand käme doch ernsthaft auf die Idee, deswegen dorthin auszuwandern! Der Mikrokosmos Buthan als Alternative überzeugte bislang den Westen genauso wenig wie Vanuatu im Südpazifik oder in Kolumbien – dort sollen laut dem „Happy Planet Index“ die glücklichsten Menschen leben.

Dass aber in diesem Ranking beispielsweise die USA unter „ferner liefen“ geführt werden, obwohl sie doch das „Glücksstreben“ („pursuit of happiness“) in ihrer Unabhängigkeitserklärung verankert haben, muss zu der Einsicht führen, dass es nicht allein Aufgabe eines Staates sein kann, für eine gesteigerte Lebensqualität im Einklang mit Gesellschaft und Umwelt zu sorgen. Annette Jensens Buch demonstriert, dass jeder Bürger aufgefordert ist, seinen Beitrag für ein anderes Wirtschaften und ein besseres Leben in seiner Region oder in seinem Land zu leisten. Dann kann das, was Buthan vormacht, auch in Hückeswagen, Süderlügum oder Unterübermoos Realität werden.

 

  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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  • Mischa Beton

    Intelligent geschriebener Artikel.
    Auf den ersten Blick könnte man ja meinen die Autorin wäre eine Befürworterin, des meiner Meinung nach bitter nötigen Wertewandels, der westlichen Gesellschaft, wäre da nicht die geschickt eingefügten Sätze „dass jeder Fortschritt nur mit einer soliden und nachhaltigen Finanzierung funktionieren kann“ und „aber niemand käme doch ernsthaft auf die Idee, deswegen dorthin auszuwandern“. Fortschritt aber kommt auch von alleine wie die Geschichte zeigt. Nicht wenige Forscher hatten keinen finanziellen Erfolg und haben die Welt trotzdem nachhaltig verändert und Auswandern kommt für meine Mutter nicht einmal von Köln nach Bayern in Frage. Das liegt aber nicht an den „Verhältnissen“ die wären bei mir in Bayern für Sie wesentlich besser, sondern an Ihrem sozialen Umfeld und Ihrem geliebten Kiez. Den „einsamen Kämpfer“ aus „Unterübermoos“ oder sonst wo, gilt mein Respekt, sie sind die Vorboten einer neuen Wertegemeinschaft und ihrer Zeit manchmal weit voraus. Diese Menschen verdienen die Unterstützung des Staates und der Gesellschaft mit oder ohne nachhaltige Finanzierung. Es wäre ja schon von Vorteil wenn die Protagonisten des Staates und seiner Lobbyisten weniger Verhinderungspolitik betreiben würden zum Beispiel durch das Weglassen solcher „Intelligent geschriebene Artikel“.

  • LiFe

    Die Autorin greift genau die Thematik an, mit der ich mich beschäftige. Es ist schon ein Unterschied Menschen zu suchen und ihre Geschichten zu sammeln, wie sie ihre Ideen umgesetzt haben. Wer glaubt er könnte seine Geschichte erzählen und aufschreiben, wie er durch die Hölle gehen musste, um Ideen umzusetzen, das ist ein anderes Kapitel. Wobei die Hölle, durch die er gegangen ist dem Leser eine köstliche Unterhaltung bieten würde/könnte. Als Journalist hat man das Werkzeug zum Schreiben gelernt und noch leichter Kontakte zum Verlag aufgebaut. Wenn ich z. B. im Buch von einem Gastwirt lese, der Wälder besitzt, dann war es für ihn ein leichtes Spiel das Holz aufzusammeln und weiterzuverkaufen. Welche Investition hatte er tätigen müssen? Das Holz hatte er früher liegen lassen oder einem guten Bekannten als Brennholz für sein Kamin überlassen. Früher war man großzügig. Heute kann sich niemand mehr Großzügigkeit leisten. Dennoch gibt es enorme Schwierigkeiten Ideen umzusetzen. Stellen sie sich vor, sie haben sich als Rentner eine gewisse Summe auf die hohe Kante gelegt und dann kommt ein Sohn oder Tochter und bittet sie ihm/ihr eine Summe zu geben, da er/sie ein Projekt vor Augen gefasst hatte und dieses anschieben möchte. Ich würde mit Sicherheit nicht begeistert sein. Das Vertrauen hätte ich nicht und ganz sicher würde ich dem Sohn oder Tochter die Empfehlung geben, es selber zu verdienen. Diese Fälle habe ich erlebt. Wenn große Firmen pleite gegangen sind, dann kommen Zweifel. Diese Sorge lähmt in der heutigen Zeit Rentner. Rentner werden außerdem besteuert. Also Vorsicht!
    Selbst auf die Gefahr als Chancenkiller beschimpft zu werden, ich würde nicht nachgeben. Als Rentner kann man nicht verdienen. Und Geld verlieren wäre ein Ruin. Da müssen die jungen Leute sehen wo sie bleiben. Und so liessen sich Tragikkomödien schreiben, wie jemand sich auf dem Weg machte Ideen umzusetzen. Ohne Hilfe. Man kann Autoren beglückwünschen, wenn sie Verlage gefunden haben.