INSM – ÖkonomenBlog, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) Welche Reformen braucht unser Land? Wie erreichen wir mehr Wachstum und Beschäftigung? Experten geben Antworten – diskutieren Sie mit!

 
26.05.2009 Allgemein, Soziales

Früher war’s die Mittelschicht

Im Jahre 2008 hat eine vierköpfige Empfängerfamilie im Durchschnitt 9.550 Euro Hartz IV erhalten.

Armutsberichte vermitteln den Eindruck, ein Großteil der Deutschen wäre vom Wohlstandgewinn der vergangenen Jahrzehnte abgehangen worden. Im Focus der Debatte steht regelmäßig die Höhe der Hartz IV-Bezüge. Viele sind der Meinung, der Staat ließe die Empfänger von Sozialhilfe am langen Arm verhungern. Die Zahlen und ein Vergleich der Kaufkraft sprechen aber eine andere Sprache. Tatsache ist, dass ein Vier-Personen-Haushalt, der von Hartz IV leben muss, im Jahr 2008 ein Nettoäquivalenzeinkommen von 9.550 Euro pro Jahr bezieht. Ein Rückblick auf die Einkommenssituation einer vierköpfigen Familie in den 70ern macht deutlich: mit preisbereinigt 9.090 Euro Nettojahreseinkommen gehörte damals eine Familie zur Mittelschicht. Die Kaufkraft einer Hartz IV-Familie heute ist also höher als die einer Mittelstandsfamilie in den Siebzigern. Familien, die sich nicht selbst durch Arbeit versorgen können und auf die Hilfe der Solidargemeinschaft angewiesen sind, haben also durchaus vom wachsenden Wohlstand in Deutschland profitieren können. Gleichwohl wäre es natürlich besser, deutlich mehr Menschen aus der Sozialhilfe in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Auf diesem Weg bieten höhere Hartz IV-Regelleistungen allerdings die falschen Anreize. Besser wäre es, die Hinzuverdienstmöglichkeit anzuheben, damit sich der Einstieg in Arbeit finanziell auch wieder lohnt.


Jeden Montag oder Dienstag werden im ÖkonomenBlog Beiträge aus der Reihe „Wohlstands-Bilanz-Deutschland“ veröffentlicht, mit denen die 60-jährige Erfolgsgeschichte der Sozialen Marktwirtschaft nachgezeichnet und auf neue Herausforderungen hingewiesen wird. Eine umfassende Übersicht über Wohlstands-Parameter wie Einkommen, Vermögen, Lebensqualität und Bildungschancen finden Sie auf der Internetseite http://www.wohlstandsbilanz-deutschland.de/

4 Kommentare zu “Früher war’s die Mittelschicht”

  1. chriwi sagt:

    Wie wäre es mit einem Mindestlohn? Mit diesem wäre es einfach möglich das Einstiegsgehlt so attraktiv zu machen das sich Arbeit lohnt. In einem freien Markt wird keine Arbeit subventioniert. Genau das macht Hartz 4 aber indem es schlecht bezahlte Arbeit aufstockt. Das heißt im Endeffekt, dass man seine Arbeit teilweise selbst bezahlt. Statt darauf zu verweisen wie gut es angeblich den heutigen Hartz Familien geht sollte man sich auch die Lebensmittelpreise, Energie- und Wohnungskosten und auch die damals noch nicht notwendigen Zusatzversicherungen ansehen. Dann wird klar, dass sich die Zeiten eben nicht verlgeichen lassen. Aber irgendwie muss man ja die Senkung der Sozialen Kosten rechtfertigen. Statt zu fragen warum Banken x hundert Milliarden kosten, ohne jeglichen Sinn, werden vergleiche angestellt die so dermaßen an den Haaren herbeigezogen sind, dass ich mich frage was Wirtschaftswissenschaftler an der Uni lernen.

  2. arendt sagt:

    Wir müssen endlich mehr Wettbewerb wagen! Nur Leistung zählt. Mit dem Durchschnittseinkommen von Heute hätte man in den 50er Jahren noch eine Großfamilie ernähren können!

  3. Peterson sagt:

    @Arendt:

    Irgendwo in dieser Berechnung ist ein ziemlicher Wurm drin.

    Ich verdiene heute sehr deutlich (x-fach) über den obigen Zahlen und auch sehr deutlich über dem Durchschnitt. Ich würde mal sagen, dass ich damit vielleicht meine 1-Kind Kleinfamilie einigermaßen durchbringen könnte, wenn mein Frau aufhören würde zu arbeiten. Großfamilie kann ich mir definitiv nicht leisten.

    @Herr Mendorf 1:
    Sie reduzieren das Hartz-IV Problem auf ein reines Anreizproblem. In der Praxis schließen wir aber gewisse Bevölkerungsgruppen zunächst zum Zugang zu Bildung aus, zum Beispiel durch Studiengebühren oder Kürzungen am Schuletat, im Anschluss verweigern wir bestimmten Leuten den Zugang zu Arbeitsmarkt, zum Beispiel durch Altersdiskriminierung, und am Ende beklagen wir uns, das wir sie Durchfüttern müssen.

    Ich glaube, diese Vorverurteilung, dass derjenige, der in Hartz-IV landet, muss schon selber an seinem Schicksal Schuld sein, steht uns nicht zu.

    @Herr Mendorf 2:
    “Besser wäre es, die Hinzuverdienstmöglichkeit anzuheben, damit sich der Einstieg in Arbeit finanziell auch wieder lohnt.”

    Das ist völlig richtig. Am besten wäre es, das wir die Nachfrage nach Dienstleistungen fördert, da diese häufig auch von Geringqualifizierten geleistet werden könne.

    Dazu müssen aber in Deutschland vor allem diejenigen Einkommen entlastet werden, die hier Nachfragewirksam werden könnten. Diese Gruppe der Einkommen ist aber seit Amtsantritt der Regierung Kohl bis heute der Verlierer jeder Steuer- und Abgabenreform gewesen.

  4. Thomas sagt:

    Das ist eben die Folge des radikalliberalen Kredos der Lohnzurückhaltung in Krisen- und Boomzeiten. Dieser verfehlten Politik haben wir nicht nur ein stagnierendes Realeinkommen zur Folge, sondern auch noch einen fehlenden Binnenmarkt.

    Also Danke ihr Liberalen, dass ihr durch eure angeblich unternehmerfreundliche Politik die Wirtschaft kaputt und vom Export abhängig gemacht habt.

    Wie fühlt man sich eigentlich gegen die eigenen Interessen zu handeln?

Kommentieren Sie den Beitrag

Der Autor:

Marco Mendorf

arbeitet als Diplom-Volkswirt bei der Initiative Neue Soziale Markwirtschaft und ist Projektleiter des ÖkonomenBlogs.

Alle Beiträge von