Kapitalismus – eine gute Idee
Nicht einfach, dem Superlativ „Mauerfall“ die Aufmerksamkeit zu entziehen. Für die BBC ein Versuch wert. Spiegel-Online meldete gestern morgen: „Die Ergebnisse sind verheerend: 20 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die meisten Menschen mit dem Kapitalismus unzufrieden, ergab eine britische Studie, die in 27 Ländern durchgeführt wurde.“ Nachmittags musste man auf der Website schon weit nach unten scrollen, um die Meldung überhaupt noch zu finden. Zu Recht – denn brauchbaren Erkenntnisgewinn kann diese BBC-Umfrage jedenfalls nicht liefern.
Im Gegenteil – was sagt es schon aus, weltweit die Menschen nach „free market capitalism“ zu befragen? Immerhin wird „Kapitalismus“ in unterschiedlichen Ländern völlig unterschiedlich interpretiert. Unser deutsches Modell der Sozialen Marktwirtschaft kann schon überhaupt nicht mit „freiem Kapitalismus“ gleichgesetzt werden. Soziale Marktwirtschaft ist ein Wettbewerbsmodell mit klaren Regeln, Grenzen und sozialem Ausgleich.
Umso überraschender die Umfrageergebnisse der BBC: 75 Prozent der Deutschen geben an, die Probleme des freien Kapitalismus können durch Regulierung und Reformen überwunden werden. 16 Prozent sagen sogar, der Kapitalismus sei ein gut funktionierendes System. Lediglich acht Prozent meinen, der Kapitalismus müsse durch eine andere Ordnung abgelöst werden. Von einer „verheerenden“ Vertrauenskrise für unser Modell keine Spur. Als Emnid im Mai fragte, sagten sogar 73% der Deutschen, das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, so wie es in der Bundesrepublik vor 60 Jahren eingeführt wurde, habe sich im Großen und Ganzen bewährt. Der „Kapitalismus“ ist wohl doch nicht so eine schlechte Idee.
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Ist schon lustig, dass gerade hier einmal eine Studie kritisch hinterfragt wird. Dann natürlich nur um eigene Ideen zu belegen. Eines wird sehr deutlich gezeigt, nämlich wie wenig Wert solche Studien haben. Darum stellt sich die Frage, warum sie so einen hohen Stellenwert besitzen und als Beweis für Tatsachen verwendet werden dürfen. Als Tendenz okay, aber als Beweis?
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Gesamtmetall, Arbeitgeberverband und INSM, Ilja Ewert erwähnt. Ilja Ewert sagte: Kapitalismus – eine gute Idee http://bit.ly/4oY9dT via Ökonomenblog [...]
Eine Frage müsst ihr Ökonomen mir unbedingt mal beantworten:
Wie kann exponentielles Wirtschaftswachstum in einer endlichen Welt auf Dauer funktionieren und wie kann man es als vernünftig erachten, dass jemand, um seinen Wohlstand zu halten(!) jedes Jahr 5% mehr leisten muss?
Meines Erachtens ist ein Wirtschaftssystem, das von Wachstum abhängig ist, von Anfang an zum scheitern verurteilt.
“Soziale Marktwirtschaft” ist ja auch deswegen so beliebt, weil jeder etwas anderes in ihr sehen kann. Die BRD in den ’50ern war eine soziale Marktwirtschaft. Deutschland heute ist eine soziale Marktwirtschaft. Letztens ist mir erklärt worden, warum Jugoslawien unter Tito eine soziale Marktwirtschaft war. Damit ist “soziale Marktwirtschaft”, ebenso wie “sozial” ein weitgehend inhaltsleerer Begriff mit positiven Konnotationen.
@lukas
So lange es auf der Welt ein Land gibt in denen es den Menschen schlechter geht als hier wird gesagt das wir sozial sind. Wie sozial und fair es in den letzten Jahren zuging sieht man sehr schön hier
http://www.jjahnke.net/mittelschicht.html
Einfach nur die Statistiken ansehen. Zum Thema Steuern sieht es auch nicht besser aus
http://www.jjahnke.net/steuern.html
Nur damit die Autoren hier im Blog auch mal sehen, dass Deutschland nicht ganz so das Hochsteuerland ist, wie es vielerorts propagiert wird.
@ chriwi: Diese ganze Debatte um das “Hochsteuerland BRD” ist ohnehin mit Vorsicht zu genießen. Es kommt immer darauf an, wofür die Steuern verwendet werden. Das deutsche Modell der Solidarität basiert darauf, dass alle zusammen die Gesellschaft am laufen halten. Wer viel hat trägt dazu mehr bei, als die, die weniger haben. Aber – jeder trägt seinen Anteil nach Kräften dazu bei. Die eingenommenen Steuern und Abgaben werden u.a. dafür verwendet, denjenigen zu helfen, die es alleine nicht hinbekommen.
Wenn jetzt behauptet wird: Hilfe, wie zahlen zu viele und zu hohe Steuern, dann untergräbt man dieses Solidaritätsmodell. Dann gerät der Glaube der Bürger an gesellschaftliche Gerechtigkeit und Solidarität ins Wanken. Und dann leidet der Glaube daran, dass Kapitalismus wirklich das richtige System ist. Das führt dann irgendwann dazu, dass auch die Soziale Marktwirtschaft an Akzeptanz verliert.
@ Marco Mendorf: Ist es nicht so, dass die INSM mal gegründet wurde, weil den Chefs von Gesamtmetall aufgefallen ist, dass die Deutschen die Soziale Marktwirtschaft nicht mehr zu schätzen wissen?
Deutschland ist also unsozial, weil’s zu viele reiche Leute gibt. Wie gesagt, jeder hat eine andere Definition…
@ Adlib: ja klar gibt es die INSM, weil damit die Verankerung der Sozialen Marktwirtschaft gestärkt werden soll. Es ist ja nun auch nicht so, als sagen uns die Umfragen, alle Menschen sind mit dem bestehenden System zufrieden. wie auch? Es gibt ja noch genug zu tun, die Soziale Marktwirtschaft besser und zukunftfest zu machen: vor allem Bildung und Erziehung stärken, damit die Menschen von den Chancen der freie Marktwirtschaft auch gebrauch machen können.
@ Mendorf
Kann sich die INSM sich nicht vorstellen, daß sie der Akzeptanz der Marktwirtschaft schadet?
@ lukas: Das ist doch lächerlich. Habe ich mit keiner Silbe behauptet. Es kommt darauf an, wie sich der wohlhabende Teil der Bevölkerung verhält. Insbesondere wie er sich um Gedanken der gesellschaftlichen Solidarität verhält. Und da denke ich, geht Schwarz-gelb einen gefährlichen Weg, wenn sie den Gedanken aufgibt, dass finanzielle Solidarität sich nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bemisst. Die Idee, dass die Putzfrau genau so viel für ihre Krankenversicherung bezahlen soll, wie der Manager, dessen Büro sie putzt, ist mir zuwider. Wobei: Der Manager ist wahrscheinlich privat versichert und damit aus dem System der solidarisch finanzierten Versicherung ohnehin ausgestiegen. Das untergräbt die Solidarität, nicht die Tatsache, dass er Geld hat. Da kann er meinetwegen so viel haben, wie er will. Mir geht es um den Beitrag zum Allgemeinwohl. In unserer Gesellschaft – und wenn man es mit der Sozialen Marktwirtschaft ernst meint – ist sich eben nicht jeder selbst der nächste.
@ Thorsten S. Wachstum ist per se nichts Verkehrtes, sondern notwendig. Welches Wachstum das ist, das ist die Frage. Wachstum entsteht nicht nur durch ein immer mehr an Waren und Dienstleistungen, sondern auch durch eine höhere Produktivität und eine besser Qualität der Waren. Qualitatives Wachstum ist also das Gebot der Stunde. Leider beschäftigt sich Schwarz-Gelb mit diesem Gedanken überhaupt nicht. Die Koalition hängt immer noch den Wirtschaftswunderzeiten an, die längst vergangen sind. Der Wachstumsbegriff muss nicht abgeschafft, sondern inhaltlich neu gefüllt werden.
Adlib, ich hatte mich damit auf die von chriwi verlinkten Grafiken bezogen, nicht auf Ihren Beitrag.
“Die Ergebnisse sind verheerend: 20 Jahre nach dem Fall der Mauer sind die meisten Menschen mit dem Kapitalismus unzufrieden, ergab eine britische Studie, die in 27 Ländern durchgeführt wurde.”
Was diese Menschen nicht verstehen ist, das wir bereits im Sozialismus angekommen sind ! Natürlich ist dies nicht gleich ersichtlich, da vieles durch das Bankensystem und in Preismechanismen versteckt wird ( hierzu zählen natürlich auch Bilanzierungsmanipulationen ).
Das big picture ist einfach, dass wir weiter abdriften ( ob nun real oder in Preisen, das spielt eigentlich keine Rolle ), denn die wirtschafts- wie geldpolitische Linie unserer “heilvollen” europäischen und angelsächsischen Oberhäupter ist einfach lächerlich. Da wird versucht vergeblich rotten assets zu stabilisieren anstatt sie einfach aus dem Weg zu räumen und von neuem durchzustarten. Es scheint fast so, als ob der Osten den Westen übernahm und nicht umgekehrt, aber ich möchte hier auch anführen, warum dies so ist: nach dem 2ten Weltkrieg ( und Gott, bitten wir darum, dass so etwas nie wieder passieren wird ) waren die bad debts, die während der Großen Depression angehäuft wurden ( zumindest in der westlichen Welt ) abgeschrieben und man konnte wieder durchstarten ( zugegeben, es lag auch alles brach ). Das war dann der westliche KAPITALISMUS ( Wettbewerb und Privateigentum ). Doch nach 20 Jahren wachsender Prosperität waren auch im Westen die Märkte mehr oder weniger gesättigt und man führte auch hier Staatskredite ein ( siehe fiskalische Defizite durch Reagan ) und die Öffnung Asiens durch Xiaoping begann langsam und verschob die globale Machtkonzentration weg von der westlichen Welt.
Was also bei ALLEN immer wieder als “Untergang” des Kapitalismus zu erhören ist, ist vielmehr das totale Gegenteil. Es ist er Staat ( die westlichen ) der untergeht. Die USA sind weltgrößter Schuldner ( UK und die westlichen Staaten der EU sind da natürlich nicht viel besser dran ). Die assets liegen heute in Asien, wo auch die Prosperität gedeiht. Weite Teile der westlichen Wirtschaft können sich nur noch durch REPOs über die Zentralbank refinanzieren. Der Kreislauf ist gestört wenn nicht sogar irreversibel.
Nun, warum schreibe ich dies ? Um bei uns wieder richtig den Motor zum brummen zu bringen brauchen wir wirklich radikale Einschnitte ( die über kurz oder lang sowieso durch den globalen Druck kommen werden ). Wir müssen den Leuten klar machen, dass wir in den nächsten 5 Jahren nicht viel auf die Reihe bekommen werden. Wir müssen das System arbeiten lassen und Unternehmungen kollabieren lassen. Ansonsten zahlen Mitglieder unserer Gesellschaft die nichts damit zu tun haben die Zeche für Misswirtschaft und falsche Entscheidungen weiterhin. Wollen wir das wirklich ? Im Kapitalismus, heisst es “survival of the fittest”. Ich sage wir haben ” survival of the weakest”.
“Um bei uns wieder richtig den Motor zum brummen zu bringen brauchen wir wirklich radikale Einschnitte ( die über kurz oder lang sowieso durch den globalen Druck kommen werden ). Wir müssen den Leuten klar machen, dass wir in den nächsten 5 Jahren nicht viel auf die Reihe bekommen werden. Wir müssen das System arbeiten lassen und Unternehmungen kollabieren lassen.”
Komisch, dass dies genau die Methoden vor dem 2. Weltkrieg waren. Der böse Weltmarkt, harte Einschnitte, das System wird es regeln. Es ist schon komisch, dass viele Probleme genau dann begannen, oder sich verschärften als genau diese Politik verfolgt wurde. Unter Thatcher und Reagan ebenso wie unter Rot/Grün und der GroKo. Statt Wirtschaftspolitik zu machen werden einige Konzerne gerettet. Statt Infrastruktur und Bildung auszubauen werden Banken gerettet und/oder die Bahn Privatisierung vorbereitet. Das sind die wirklichen Probleme. Wo wird denn investiert? Der Güterverkehr steigt und steigt, wird in das Güternetz der Bahn investiert? Nein. Die Schulen und Universitäten sind marode wird in deren Ausbau investiert? Kaum. Brücken? Straßen? Das sind alles nur Bauprojekte. Schaut man sich die Defizite der unteren 30% an sieht man, wenn die Löhne höher wären würden sie sofort kaufen. Aber durch Lohndumping und gezielte Steigerung der Eigenanteile bei Rente, Krankenversicherung, Arztbesuch wird gerade dort geschröpft wo konsumiert wird. Stattdessen werden die Steuern gesenkt. Es gibt keine Studie die zeigt, dass das Wirtschaftswachstum das entfacht wird das Schuldenwachstum durch Mehreinnahmen auffängt.
Das war Reagans Problem.
“Ich sage wir haben ” survival of the weakest”.”
Das stimmt, denn wenn man sich in unsere Politiker- und Managerkaste umsieht hat das wenig mit verantwortungsvollen Arbeiten zu tun. Aber das wird im Kapitalismus ja nicht verlangt.
Kapitalismus bedeutet doch eigentlich dass die Kohle das sagen hat. Und Soziale Marktwirtschaft ist eigentlich nur die Begrenzung des Systemausfalls. Sollten die Verhältnisse der Einkommen dermassen auseinanderdriften das die Kriminalitätsrate nahe einer Revolution steht, gibt es viel größere Verluste für die Gewinner (Kapitalisten). Also gibt man dem ganzen einen sozialen touch um möglichst lange die Zitrone auspressen zu können.
Lieber Todor,
ich denke das kann man so nicht pauschal sagen. Im Ordoliberalismus, wie er in der Zeit unter Erhard Einzug erhielt ist dies eben nicht so ( wie der Name schon sagt ORDOliberalismus ). In der westlichen Welt ( und natürlich haue ich hier nicht nur auf uns verbal ein, andere Jurisdiktionen haben auch ihre Probleme – keine Frage ) haben wir doch ein Phänomen, dass der Gewinn immer als das Negativum schlecht hin dargestellt wird. Aber ein Unternehmer zwingt ja auch niemanden seine Waren oder Dienstleistungen anzunehmen und sie zu “verkonsumieren”. Was will denn ein Unternehmer ? Natürlich will er “Geld” machen, aber er bietet doch auch einen Mehrwert für seinen Kunden an, oder nicht ? Ausserdem ist wirklicher Kapitalismus nur dann möglich, wenn es auch Wettbewerb innerhalb der verschiedenen Kasten gibt, was den Preis für den Normalbürger auch gegen 0 drückt. Das hat die DM nämlich wirklich stark gemacht – ein stabiles Finanzsystem ohne fiskalische und monetäre Entwertung. Aber der mind set bei uns ist eben für so etwas überhaupt nicht mehr empfänglich.
Es ist schon eine Schande was aus unseren Landstrichen wird. Ich sage Euch Allen, die westlichen Regierungen und der IMF werden das ganze System in den Abgrund reissen. Sie sind es, die eine Reform bedürfen, nicht das “liberale Finanzsystem”. Das gibt es nämlich nur in den Fantasien der debt driven westlichen Regierungen. Der ultimative Kollaps steht erst noch bevor. Entweder durch hyperinflation oder ( und daran will ich eigentlich gar nicht denken ) ernsthafte geopolitische Auseinandersetzungen. Aber wie es zur Zeit aussieht ziehen unsere Oberhäupter ( noch ) die Papierentwertung vor.
Ihr entscheidet selber, was dies alles mit Kapitalismus zu tun hat ^^.