INSM - ÖkonomenBlog, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) » Wachstum http://www.insm-oekonomenblog.de Welche Reformen braucht unser Land? Wie erreichen wir mehr Wachstum und Beschäftigung? Experten geben Antworten - diskutieren Sie mit! Sat, 15 Jun 2013 22:53:22 +0000 de-DE hourly 1 http://wordpress.org/?v=3.5.1 Schöpferische Zerstörung? http://www.insm-oekonomenblog.de/10456-schopferische-zerstorung/ http://www.insm-oekonomenblog.de/10456-schopferische-zerstorung/#comments Sat, 15 Jun 2013 06:45:49 +0000 Oswald Metzger http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=10456 Der Strukturwandel, den Schumpeter einst als „schöpferische Zerstörung“ bezeichnete, verdrängt Ladengeschäfte aus Innenstädten zu Gunsten von uniformen Franchiseunternehmen. Doch mit den Ladengeschäften stirbt mehr als wir glauben.

Die Symptome sind überall wahrzunehmen, ja wir können sie förmlich riechen: Selbst in besten Innenstadtlagen stinkt es in Deutschland nach Frittenöl und Fastfood-Einerlei. Überall die gleichen Filialisten und Franchise-Konzeptläden, umrahmt von einer trostlosen Kettengastronomie, den unsäglichen Back- und Naschverkaufsstätten und den omnipräsenten Tele-Shops. Wo einst tatsächlich Angebotsvielfalt und Qualität dominierten, werden heute nur noch „Einkaufserlebnisse“ beschworen, wenn mal wieder die Werbetrommel für die unzähligen verkaufsoffenen Sonntage oder das allseits beliebte „Nacht-Shopping“ gerührt wird.

Gigantische Milliardensummen flossen jahrzehntelang in die Innenstadtsanierungen. Doch heute stellen immer mehr Kommunalpolitiker konsterniert fest, das schöne Fassaden und aufwendig gestaltete Plätze ohne das geschäftige Treiben einer einst breiten Angebotspalette unzähliger Ladengeschäfte, oft noch mit Handwerksbetrieben kombiniert, ganz schön öde wirken. Die ehemals besten Lagen der Städte sehen einander immer ähnlicher, ersticken in ihrer Uniformität und den Abfällen von Legionen von Fast-Food-Buden.

Das Sterben des Einzelhandels ist seit vielen Jahren zu beobachten, doch die Dynamik hat sich in den letzten Jahren massiv verschärft:  von der Großstadt bis in die Landgemeinden. Waren es vor Jahrzehnten die großflächigen Märkte auf der grünen Wiese, die Handwerk und Handel aus den Innenstädten und aus dem Markt drängten, revolutioniert inzwischen die Online-Einkaufslust der Konsumenten den gesamten Einzelhandel, aber auch viele andere Branchen. Mit zweistelligen jährlichen Wachstumsraten explodiert der Online-Handelsumsatz in unseren gesättigten Märkten unaufhörlich. Er durchbricht in diesem Jahr bereits die 33 Milliarden Euro-Schwelle.

Nicht mehr leibhaftige Kunden rennen mit Einkaufstüten durch die Innenstädte, sondern gehetzte Zusteller, oft schlecht bezahlt, suchen verzweifelt die bei Amazon, ebay, Zalando & Co georderten Pakete ihren Kunden zuzustellen.

Erlebt der stationäre Einzelhandel in diesen Jahren, um eine starke Metapher des großen Ökonomen Joseph Schumpeter zu gebrauchen, seine finale „schöpferische Zerstörung“? Vollendet der Innovationsschub des Internetzeitalters, in dem sich unser Konsumverhalten in kurzer Zeit so fundamental zu verändern scheint, jetzt endgültig, was in vielen Jahren Bau- und Elektronikmärkte und Handelsketten auf der Grünen Wiese nicht geschafft haben: das Aussterben des stationären Facheinzelhandels?

Mit dem Tod des inhabergeführten Einzelhandels gehen ganz nebenbei auch Kommunikationsräume verloren, in denen sich leibhaftige Menschen beim Einkauf in zufälliger Regelmäßigkeit treffen und Freud und Leid quasi nebenbei austauschen konnten. Anonyme Netz-Interaktion – und sei es beim „Shoppen“ – kann doch auf Dauer keinen Ersatz für das wahre Leben darstellen? Das Aus des stationären Einzelhandels schafft auch Hunderttausende von Geschäftsinhabern mit ab, die zum Teil über Generationen sich und ihre oft mitarbeitenden Familien ernährten, ohne nach dem Staat oder der 35-Stunden-Woche zu rufen. Und ganz nebenbei übrigens auch die Verantwortung für den öffentlichen Raum um ihre Ladengeschäfte übernahmen – Stadtreinigung inklusive!

Mit dem Einzelhandel stirbt in unserer Gesellschaft weit mehr als wir glauben. Denken Sie einfach vor Ihrem nächsten Online-Kauf an die Risiken und Nebenwirkungen.

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Das wirtschaftspolitische Kamikaze von Ministerpräsident Abe? http://www.insm-oekonomenblog.de/10445-das-wirtschaftspolitische-kamikaze-von-ministerprasident-abe/ http://www.insm-oekonomenblog.de/10445-das-wirtschaftspolitische-kamikaze-von-ministerprasident-abe/#comments Wed, 12 Jun 2013 07:34:15 +0000 Prof. Dr. Gunther Schnabl http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=10445 Trotz expansiver Geldpoltik stagniert das Wirtschaftswachstum in Japan.Seit Jahrezehnten kommt Japans Wirtschaft nicht von der Stelle. Seit Anfang April verucht sich das Land mithilfe der Notenpresse aus der Stagnation zu befreien. Nach zweitägiger Sitzung hat die japanische Notenbank nun eine Pause der weiteren expansion der Geldpoltik beschlossen.

Der neue japanische Premierminister Shinzo Abe hat den Bogen gespannt. Mit drei gebündelten Pfeilen will er das Land der aufgehenden Sonne aus dem wirtschaftlichen Siechtum reißen: Beschleunigung der Geldpresse, mehr Staatsausgaben und Strukturreformen. Nach der jüngsten Sitzung der japanischen Notenbank macht die geldpolitische Expansion zwar zunächst Pause. Die japanische Zentralbank behält sich aber eine weitere monetäre Expansion vor.

Denn der bisherige Erfolg der Abenomics, der bisher überwiegend aus der bereits deutlichen Ausweitung der Geldbasis resultiert,  ist überwältigend: Die Aktienkurse zeigten steil nach oben, eine lang ersehnte Yenabwertung beflügelt den Export, die Wirtschaft ist wie lange nicht mehr gewachsen und die politische Zustimmung für das entschlossene Staatsoberhaupt ist deutlich nach oben geschossen. Bei den nahenden Wahlen zum japanischen Oberhaus könnte sich Abe eine breite Mehrheit sichern, die ihn politisch noch handlungsfähiger macht.

Veränderungen sind wahrlich dringend: Das Platzen einer Blase auf den Aktien- und Immobilienmärkten im Dezember 1989, das mit expansiver Geld- und Fiskalpolitik therapiert wurde, hat in die schleichende Verstaatlichung von Finanz- und Unternehmenssektor geführt (Schnabl 2013). Wirtschaftliche Anreize wurden gelähmt und Investitionen durch Staatsnachfrage substituiert. Die realen Einkommen sind gesunken und Unterschiede zwischen Arm und Reich sind gewachsen. Der fortschreitende Verlust der wirtschaftlichen Führungsrolle in Ostasien an das dynamische China verletzt den japanischen Stolz. Die Regierung Abe verspricht nun Besserung.

Ob Abe’s wirtschaftspolitische Zaubermischung gelingt, ist zweifelhaft. Die Wirtschaftsgeschichte lehrt, dass inflationäre Kräfte – wenn sie einmal entfesselt sind – die Lage weiter verschlechtern. Die Gründe sind vielfach: Erwartungen werden destabilisiert, Reallöhne sinken, willkürliche Umverteilungseffekte demoralisieren, Verteilungskonflikte mehren sich und die Risiko- und Inflationsprämien auf Zinsen steigen an. Bei wachsender makroökonomischer Instabilität ist auch der Erfolg von Strukturreformen unsicher. Aus dieser Sicht sind die „Abenomics“ mehr wirtschaftspolitisches Kamikaze als eine nachhaltige Konsolidierungsstrategie.

Doch vielleicht denkt die japanische Politik schon über den großen Krach hinaus.  Exzessive geldpolitische Expansion und hohe Inflation können als schöpferische bzw. in diesem Fall geplante Zerstörung gesehen werden, die das Land der aufgehenden Sonne von der unerträglichen Bürde überbordender Staatsverschuldung und grundlegender Reformunfähigkeit befreit. Durch die  Entwertung der Währung und damit der Schuldner- und Gläubigerpositionen würde die Grundlage für einen Neuanfang gelegt. Sind die bestehenden Strukturen erst einmal zerstört, könnte die hoch qualifizierte und hoch motivierte Bevölkerung Japans den Neuaufbau ohne die Lasten struktureller Verkrustungen leisten. Doch die Risiken der Inflationspolitik sind hoch. Nachhaltige Reformen und makroökonomische Konsolidierung wären sicherlich der vielversprechendere Weg zu mehr Wachstum.


Eine ausführliche Studie zur japanischen Wirtschafts- und Geldpolitik finden Sie hier.

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Photovoltaik: Handel ohne Schranken http://www.insm-oekonomenblog.de/10391-photovoltaik-handel-ohne-schranken/ http://www.insm-oekonomenblog.de/10391-photovoltaik-handel-ohne-schranken/#comments Wed, 29 May 2013 08:03:27 +0000 Prof. Dr. Justus Haucap http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=10391 Die Marktanteile deutscher Photovoltaikhersteller schwinden.Mit Strafzöllen will die EU Kommission den europäischen Markt gegen billige Solarmodule aus China abschotten. Doch die meisten Mitgliedsstaaten lehnen das ab – und tun gut daran.

Die Europäische Kommission tut gut daran, den Streit mit China über Importzölle auf chinesische Solarmodule nicht eskalieren zu lassen. Richtig ist zwar, dass die Solarbranche in China riesige Kapazitäten aufgebaut hat. Ein Teil der Wahrheit ist aber auch, dass dies gerade auch deshalb geschehen ist, weil der Ausbau der Photovoltaik in Europa generös subventioniert wird. In einem boomenden Markt entstehen oftmals Überkapazitäten, das drückt den Preis. Ein typischer „Schweine-Zyklus“ ist das: Überkapazitäten führen zum Preisverfall – es kommt zur Marktbereinigung, sodass der Preisverfall stoppt und es wieder zu Markteintritt kommt. Dies ist in vielen Branchen der Fall. Das konjunkturelle Auf- und Ab beschleunigt den Zyklus ggf. noch.

Doch protektionistische Maßnahmen – wie Strafzölle – lösen diese Probleme nicht. Das Gegenteil ist sogar der Fall: Wenn ein nicht-wettbewerbsfähiges Unternehmen weiß, dass es im Zweifelsfall durch den Staat vor der Konkurrenz geschützt wird, legen die Manager die Hände in den Schoß, da sie nichts zu befürchten haben. Das ist im Großen (das Bail-out von gesamten Staaten) nichts Anderes als im Kleinen (die Rettung einzelner Firmen). Innovationen und notwendige Anpassungen bleiben so aus, und dafür zahlt am Ende der Kunde, der dann auch nicht mehr zwischen teuren einheimischen und günstigen chinesischen Modulen wählen kann.

Darüber hinaus könnte durch die Einführung von Strafzöllen eine Protektionismus-Spirale in Gang gesetzt werden. Wer kann vorhersagen, ob China auf europäische Strafzölle nicht seinerseits Strafzölle beispielsweise auf Stahl einführt? So gingen die Vorteile internationaler Arbeitsteilung und damit auch Arbeitsplätze in Deutschland verloren.

Auch kann mit Zöllen nicht erreicht werden, dass einheimische Solarzellenhersteller wieder konkurrenzfähig werden, so wie sich die Befürworter das erhoffen. Die deutsche Solarindustrie hat es sich lange Zeit zu bequem gemacht und zu wenig in Forschung und Entwicklung investiert.  Deshalb wurde sie von den Konkurrenten aus Fernost überholt.

Statt Marktbarrieren zu fordern, sollten die Unternehmen ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung intensivieren, um langfristig wieder Fuß zu fassen. Wenn beispielsweise erreicht wird, dass Lacke und Hausanstriche für Photovoltaik eingesetzt werden, entstehen neue Märkte und neue Anwendungen für Sonnenstrom und damit die Chance, sich vor die Konkurrenz zu setzen.

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Kölle, de Bus kütt! http://www.insm-oekonomenblog.de/10108-kolle-de-bus-kutt/ http://www.insm-oekonomenblog.de/10108-kolle-de-bus-kutt/#comments Thu, 04 Apr 2013 08:31:45 +0000 Prof. Dr. Justus Haucap http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=10108 Die Liberalisierung des Fernbusverkehrs in Deutschland hat zu einem Aufblühen von dutzenden neuen Fernbuslinien verschiedenster Anbieter geführt. Der neu entstandene Wettbewerb wird sich positiv auf Netzdichte und Qualität des Personenverkehrs in Deutschland auswirken. Dennoch gibt es noch viel zu tun.

Verspätungen, defekte Klimaanlagen, unfreundliche Schaffner oder gar Zugausfälle. Für Bahnkunden gehören diese Missstände oft genug zum Alltag. Die Probleme sind bekannt, doch Verbesserungen kommen nur langsam. Zuverlässig pünktlich ist die Bahn eigentlich nur, wenn die Fahrpreise zum Jahresende ansteigen. Echte Alternativen zur Bahn gab es bis vor kurzem für viele Bahnkunden oftmals nicht. Ein Gesetz aus der Nazi-Zeit schützte bisher das Monopol der Bahn. Der Fernbusverkehr war weitgehend untersagt, um die Bahn vor Wettbewerb zu schützen. Nur in Richtung Berlin gab es –aus historischen Gründen – Ausnahmen, aber die meisten Busse Richtung Berlin werden auch von der Deutschen Bahn betrieben. Service und Qualität der Bahn können verbessert werden, wenn die Kunden Alternativen haben und diese nutzen, denn dann besteht für die Deutsche Bahn ein Anreiz, es besser zu machen. Auf diesen Missstand hat die Monopolkommission schon mehrfach hingewiesen, zuletzt 2011 in einem Sondergutachten. Mit Erfolg. Seit Anfang des Jahres gilt: Bahn frei für Busse!

Die Entwicklung vieler neuer Fernbuslinien in den zwei Monaten seit der Deregulierung zeigt deutlich, welche Erfolge eine Liberalisierung von Märkten haben kann.  Die Ankündigung von ALDI  Fernbusreisen vertreiben zu wollen, wird für eine weitere Verbreitung und Ausweitung des Angebots sorgen.

Und der Wettbewerbsdruck scheint erste Früchte zu tragen: Vor kurzem erfolgte Ankündigung der Deutschen Bahn, drahtlose Internetverbindungen in ICEs einzurichten. In Fernbuslinien gehört freies WLAN zum Standard, mit dem um Kunden geworben wird. Dies ist nur ein kleines Beispiel, zeigt aber doch: Wettbewerb wirkt. Langfristig muss die Bahn weiter Preis und Leistung verbessern. Sonst sind manche Kunden weg und fahren Bus.

Dennoch: Die Liberalisierung hätte auch ehrgeiziger ausfallen können. Noch immer gibt es Einschränkungen: Fernbuslinien müssen einen Mindestabstand von 50km – oder einer Stunde Fahrtzeit – zwischen ihren Haltestellen einhalten. Dies diene dem Schutz des öffentlichen Nahverkehrs. Weshalb der mit Steuermitteln finanzierte öffentliche Nahverkehr gegen private Unternehmen geschützt werden muss, ist unverständlich. Auch die Anmelde- und Genehmigungspflicht für neue Fernbusverbindungen ist anachronistisch. Hier könnten durch weitere Liberalisierungsschritte noch Steuergelder gespart werden. Die Deregulierung des Marktes für Fernbuslinien ist alles in allem aber ein Schritt in die richtige Richtung, die bisherigen Erfolge zeigen, wie die Liberalisierung von Märkten den Verbrauchern nützen kann.

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Buthan fängt bei jedem einzelnen an http://www.insm-oekonomenblog.de/9864-buthan-fangt-bei-jedem-einzelnen-an/ http://www.insm-oekonomenblog.de/9864-buthan-fangt-bei-jedem-einzelnen-an/#comments Mon, 11 Feb 2013 13:19:33 +0000 Dr. Martin Roos http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=9864 Annette Jensen: Wir steigern das Bruttosozialglück – von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben, Herder-Verlag

Dass das Bruttosozialprodukt als Rechenhilfe für Wohlstand und gelebtes Glück nicht ausreicht, ist nicht neu. Auch die Diskussion um Ersatzbegriffe wie Bruttosozialglück nicht. Neu dagegen ist, dass immer mehr Menschen nicht mehr reden, sondern handeln wollen, um ihr Glück zu finden. Von diesen Vorreitern erzählt Annette Jensens anekdotenreiches Buch.

Die glücklichen Menschen leben in Dörfern, glauben an Gott und lassen sich nicht scheiden. So oder ähnlich klingt es, wenn Glücksforscher ihre alljährlich wiederkehrenden Ergebnisse präsentieren. Dass die Säulen des Glücks auch auf anderem Fundament stehen können, demonstriert die Wirtschaftsjournalistin Annette Jensen in ihrem Buch „Wir steigern das Bruttosozialglück“. Es erzählt „von Menschen, die anders wirtschaften und besser leben“. Aus der Verpflichtung gegenüber Umwelt und Gesellschaft und ohne den Zwang zum Wachstum entstehe das sogenannte Bruttosozialglück, glaubt die Autorin. Nachhaltige Entwicklung, Umweltschutz, Bewahrung der Kultur und Good Governance seien die Kriterien für die Bemessung dieses Glücks.

In ihrem Buch beschreibt Jensen die mit Unternehmergeist und Green-Economy-Motivation beseelten Akteure der lokalen und regionalen Wirtschaft – vom Ingenieur, der sich gegen den Widerstand vieler Bürger in einem Wiener Stadtteil ein Fernheizwerk baut und dadurch eine Welle von Energieexperimenten mit Stroh, Hausabfällen und Klärschlamm auslöst; von zwei Studenten, die sich in den Kopf gesetzt haben, ein Windrad zu bauen und heute ein florierendes Unternehmen führen; vom Bundeswehrsoldaten, der ein Solarzellen-Betrieb aufmacht, von Pilze-Züchtern, Bio-Aktiengesellschaftern, Schuhproduzenten, Schrottsammlern oder auch gemeinnützigen und genossenschaftlichen Bank-Managern.

Rein in die Kartoffeln, raus aus dem Kapitalismus – so könnte das Motto für viele der im Buch geschilderten Existenzgründer lauten. Doch ihnen allen ist gemein, dass jeder Fortschritt nur mit einer soliden und nachhaltigen Finanzierung funktionieren kann, mit einem auf Gewinn orientieren Geschäftsmodell – wenn auch das Ziel nicht maximaler Gewinn heißen darf.

Jensen ist klare Gegnerin der Vermessung des Wohlstands per Bruttoinlandsprodukt (BIP). „Sollte es weiterhin der zentrale volkswirtschaftliche Indikator bleiben, nützt das vor allem denen, deren persönlicher Vorteil auf diese Weise in der Öffentlichkeit als positiv für die Allgemeinheit dasteht“, schreibt die Autorin. Dass sie eine solche pauschale Behauptung aufstellt, kann man, muss man ihr aber nicht übel nehmen. Geradezu langweilig ist es aber, dass sie für das Gelingen eines nicht am BIP orientierten Staates ausgerechnet das bereits hundertausendfach zitierte buddhistische Königreich Buthan anführt. Bhutan machte sich zwar das Bruttosozialglück zum Staatsziel, aber niemand käme doch ernsthaft auf die Idee, deswegen dorthin auszuwandern! Der Mikrokosmos Buthan als Alternative überzeugte bislang den Westen genauso wenig wie Vanuatu im Südpazifik oder in Kolumbien – dort sollen laut dem „Happy Planet Index“ die glücklichsten Menschen leben.

Dass aber in diesem Ranking beispielsweise die USA unter „ferner liefen“ geführt werden, obwohl sie doch das „Glücksstreben“ („pursuit of happiness“) in ihrer Unabhängigkeitserklärung verankert haben, muss zu der Einsicht führen, dass es nicht allein Aufgabe eines Staates sein kann, für eine gesteigerte Lebensqualität im Einklang mit Gesellschaft und Umwelt zu sorgen. Annette Jensens Buch demonstriert, dass jeder Bürger aufgefordert ist, seinen Beitrag für ein anderes Wirtschaften und ein besseres Leben in seiner Region oder in seinem Land zu leisten. Dann kann das, was Buthan vormacht, auch in Hückeswagen, Süderlügum oder Unterübermoos Realität werden.

 

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Die Zeichen der Endzeit http://www.insm-oekonomenblog.de/9784-die-zeichen-der-endzeit/ http://www.insm-oekonomenblog.de/9784-die-zeichen-der-endzeit/#comments Wed, 30 Jan 2013 17:04:48 +0000 Dr. Martin Roos http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=9784 Jorgen Randers: 2052 – eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre, München 2012, Oekom-Verlag

40 Jahre nach dem Bericht die Grenzen des Wachstum schaut einer der Autoren noch mal vorn vier Dekaden nach vorn. Ergebnis: Die Zukunft sieht ungemütlich aus. Doch Rettung ist möglich – sie kommt ausgerechnet aus China.

Bereits vor 40 Jahren schrieb Jorgen Randers am berühmten Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ mit. Damals glaubte den Autoren kaum jemand, zu sehr erschütterte der Bericht die Vorstellungskraft der Menschen. Von Ökonomen wurde die Studie damals sogar wüst beschimpft – was ihr aber zu noch mehr Popularität verhalf. Viele der damaligen Prognosen und Befürchtungen des Berichts sind heute Realität. Jetzt hat der norwegische Wirtschaftsexperte und Zukunftsforscher Randers auf rund 400 Seiten erneut eine detailreiche Abhandlung vorgelegt: 2052 – eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre. Es ist zu befürchten, dass sie genauso wenig ernst genommen wird, wie damals ihre Vorgängerstudie. Dieses Mal hat es aber andere Gründe.

Es sind zwei Überraschungen, die Verwirrung stiften. Zunächst die positive: Seine nicht wissenschaftlichen, sondern „wohlbegründeten Vermutungen“ zeigen zwar kein schönes Bild der Zukunft, aber ein deutlich positiveres als das seines damaligen Kollegen Dennis Meadows, Hauptautor von „Die Grenzen des Wachstums“. Meadows ist heute ein zwar liebenswürdiger aber auch radikaler Schwarzseher, der den kompletten Zusammenbruch der Erde erwartet. Randers hingegen gibt der Welt Überlebenschancen.

Zunächst ist er sich wie Meadows sicher: Die Menschen werden die Treibhausgasemissionen nicht in den Griff bekommen. Sie steigen weiter bis 2030, um dann bis 2050 auf das heutige Niveau abzusinken. Randers zufolge wird das nicht reichen, um eine Erwärmung von weniger als zwei Grad zu garantieren. Zudem wird 2052 etwa nur die Hälfte aller Energie mit Wind, Wasser und Solarkraft erzeugt werden können. Auch das wird nach Randers Meinung nicht genug sein, um den endgültigen Raubbau an diesem Planeten zu verhindern.

Das Problem sind für ihn die Menschen selbst – vor allem in den reichen Industrienationen. Sie würden zu kurzfristig denken und seien nicht bereit, kleine Opfer zu bringen, um die großen Desaster der Zukunft zu vermeiden. Die Menschen würden immer noch zu viele Autos kaufen, zu viel Benzin verbrauchen, zu viel fliegen und zu viel Energie im privaten Haushalt verbrauchen – eine Mentalität, die vor allem für westliche und demokratische Regierungs- und Wirtschaftsformen charakteristisch sei.

Lernen müsste der Westen deswegen – und das ist die zweite und negative Überraschung – von China und seiner Politik der Energieeffizienz. Im Reich der Mitte soll die Energieeffizient bis 2020 um 40 Prozent wachsen. Eine  imponierende Zahl – und auch die Wirtschaftskraft Chinas ist vorbildhaft. Dass der Autor jedoch die Umstände dieser Wirtschaftsleistung und damit Realität  des totalitären Regimes im Reich der Mitte ausblendet, grenzt an Zynismus oder noch schlimmer an Naivität.

Vielleicht ist es auch nur kokettes Gedankenspiel. Denn wenn es nach Randers geht, lernen die westlichen Industrienationen ihre Lektion spätestens mit Hilfe des Vorschlaghammers: Wiederkehrende Naturkatastrophen wie Stürme, Beben und Dürren werden sie lehren, sich zu ändern. Für diese Weisheit reicht aber im Grunde auch der Blick in die Bibel.

Schade um Randers gut gemeinten und fleißigen Versuch der Vorausschau. Doch es bleibt die wohlgemeinte Vermutung, dass es heute zum Thema ökologische und ökonomische Trag- und Zukunftsfähigkeit unserer Welt auch weniger tendenziöse Bücher gibt.

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Wie können wir unseren Wohlstand sichern? http://www.insm-oekonomenblog.de/9760-wie-konnen-wir-unseren-wohlstand-sichern/ http://www.insm-oekonomenblog.de/9760-wie-konnen-wir-unseren-wohlstand-sichern/#comments Fri, 25 Jan 2013 14:32:39 +0000 ÖkonomenBlog-Redaktion http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=9760 Wie können wir unseren Wohlstand dauerhaft sichern und ausbauen? In dem wir technischen Fortschritt realisieren und zwar in einem sehr umfassenden Sinne. Wir müssen mit den vorhanden Ressourcen möglichst weit kommen und möglichst bald Technologien finden, durch welche endliche Rohstoffe ersetzt werden können, erklärt Prof. Dr. Joachim Weimann von der Universität Magdeburg.

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Lösen sich die Umweltprobleme von selbst? http://www.insm-oekonomenblog.de/9631-losen-sich-die-umweltprobleme-von-selbst/ http://www.insm-oekonomenblog.de/9631-losen-sich-die-umweltprobleme-von-selbst/#comments Fri, 14 Dec 2012 12:38:11 +0000 Dr. Hubertus Bardt http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=9631 Die meisten Rohstoffe sind endlich. Mit den Wohlstandsteigerungen in den Schwellen- und Entwicklungsländern steigt aber auch dort der Bedarf nach Ressourcen und Umweltgütern. Eng damit verbunden steigen die weltweiten Treibhausgasemissionen immer weiter an. Sollte Wachstum eingeschränkt werden? Oder ist Wachstum sogar der Schlüssel zu mehr Umweltschutz?

Gerade erst ist der Klimagipfel in Doha zu Ende gegangen. Wieder ist es nicht gelungen, sich verbindlich und glaubhaft auf eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen zu verständigen. Die Schwellenländer haben großes Interesse das Wohlstandniveau der Industriestaaten zu erreichen, selbst wenn der Aufholprozess mit mehr Treibhausgasemissionen verbunden ist. Vor allem in armen Ländern steht die Sicherung der lebensnotwendigen Versorgung der Bevölkerung über dem Schutz der Umwelt.

Die Staatengemeinschaft sitzt also in einem Dilemma. Die Industrienationen mit hohem Wohlstandsniveau investieren Milliarden in Ressourcenschonung und Treibhausgasvermeidung. Die aufstrebenden Staaten hingegen wollen wachsen. Ressourcenschonung ist nachrangig. Den Wachstumshunger kann man keinem Land verwehren. Das bedeutet aber unterm Strich, dass die Anstrengungen der Einen durch den Aufholprozess der Anderen mehr als wettgemacht wird.

Entscheidend wird es sein, diese Wachstumsentwicklungen nicht zu verhindern, sondern umweltfreundlicher zu gestalten.

Wirtschaftliches Wachstum führt natürlich zu einem Mehrverbrauch an knappen Ressourcen. Aber: Nur von einer ausreichenden wirtschaftlichen Basis können finanzielle Ressourcen für Umweltschutzmaßnahmen breitgestellt werden. Gleichzeitig geht Wachstum mit technischem Fortschritt einher. Umweltschutz wird dadurch immer preisgünstiger. Und Wachstum verhindert Verteilungskonflikte, die entstehen würden, wenn für ein Mehr an Umweltschutz auf wirtschaftlichen Wohlstand oder soziale Leistungen verzichtet werden müsste.

Generell lässt sich der Zusammenhang von Wohlstandsentwicklung und Wirtschaftswachstum in drei Phasen einteilen (Abbildung):

  1. Ausgehend von einer wohlstandslosen Gesellschaft ohne Wirkung auf die Umwelt steigt die Nutzung natürlicher Ressourcen zunächst mit steigendem Wohlstand an.
  2. Ist aber ein bestimmtes Wohlstandsniveau erreicht, steigt die Präferenz für eine intakte Umwelt und einen nachhaltigen Lebensstil.
  3. Nach der Phase von zurückgehender Umweltverschmutzung wäre es denkbar, dass zusätzlicher Wohlstandsgewinn nicht mit mehr Umweltverbrauch einhergeht. Genauso ist allerdings möglich, dass nach dem Rückgang der Umweltverschmutzung in Phase zwei, der Verbrauch der Umwelt mit wachsendem Wohlstand wieder steigt, weil es mit der Umsetzung der technischen Möglichkeiten zur Emissions- und Ressourcenreduktion wieder zu einer engeren Kopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltverschmutzung komme, wenn auch auf niedrigerem Niveau.

Lösen sich also die Umweltprobleme von selbst? Ist es möglich Wirtschaft und Wachstum ganz zu entkoppeln? Bei der Emission von Treibhausgasen ist eine Entkopplung zumindest in Deutschland bereits erfolgt.  Für die Produktion einer Einheit BIP werden immer weniger Treibhausgase emittiert. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich auch bei anderen Ressourcen. Wasser, Energie und Flächen werden immer effizienter eingesetzt und die verbrauchte Menge ist in den meisten Fällen trotz gestiegenem Wohlstand sogar absolut gesunken.

Dennoch: Wirtschaftliche Aktivität bleibt eng mit der Nutzung der Umwelt verbunden. Eine emissions- und ressourcenlose Wirtschaft wird es nicht geben. Aber die negativen Auswirkungen eines steigenden Wohlstandsniveaus auf die Umwelt sind in den letzten Jahrzehnten gesunken. Die Abkehr vom Wachstum wäre der falsche Weg. Im Gegenteil: Umweltschutz braucht Wachstum!


Weitere Informationen rund um das Thema Wachstum finden Sie hier.

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Kein Wachstum ohne Kinder http://www.insm-oekonomenblog.de/9444-kein-wachstum-ohne-kinder/ http://www.insm-oekonomenblog.de/9444-kein-wachstum-ohne-kinder/#comments Wed, 31 Oct 2012 09:23:35 +0000 Dr. Martin Roos http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=9444 Kinder zu zeugen, kann niemand erzwingen – aber kinderreiche Familien endlich fair zu besteuern, schon. Das ist dringend nötig, denn sie sind der Reichtum unserer Gesellschaft. Wir brauchen aber deswegen nicht nur das Familiensplitting, sondern auch endlich mehr familienfreundliche Unternehmen.

In der deutschen Politik wird schon seit längerem eine neue Berechnung der Einkommenssteuer diskutiert: das Familiensplitting. Beim Familiensplitting wird das Einkommen eines Ehepaares zwar genau wie beim Ehegattensplitting gemeinsam besteuert, aber auch die Anzahl der Kinder fließt in die Steuerberechnung mit ein. Experten erhoffen sich vom Familiensplitting, dass es dadurch für Eltern im kinderarmen Deutschland attraktiver wird, größere Familien zu gründen. Dass keiner den Plan für die neue Berechnung (bisher) umsetzen will, liegt am Geld. Eine Umwandlung vom Ehegatten- ins Familiensplitting würde etwa zehn Milliarden Euro pro Jahr kosten, sagen die Finanzexperten. Doch Hand aufs Herz: Angesichts der Summen, die beispielsweise die Euro-Krise zurzeit verschlingt, dürften diese Milliardenbeträge wenigstens sicher, fair und nachhaltig angelegtes Geld sein.

1,4 Kinder bekommt statistisch gesehen eine Frau in Deutschland. Das ist bekanntermaßen zu wenig – die Bundesrepublik schrumpft. Nun kann man wohl kaum ernsthaft die Deutschen zu mehr Schlafzimmeraktivität aufrufen, um unsere armeselige Kinderquote zu erhöhen. Denn zu einem solchen Vermehrungsdrang gehört mehr, als nur das Versprechen auf steuerlicher Erleichterung. Die Bürger müssen wohl auch endlich wieder den tieferen Sinn erkennen, dass Kinder ein emotionaler Gewinn sind und einen großen Teil der Lebensfreude ausmachen. Von einer solchen Einsicht scheinen wir aber heute so weit entfernt, wie das iPad von der Schriftrolle der Ägypter.

Was man zurzeit erreichen kann, ist aber, diejenigen, die Kinder großziehen, besser zu belohnen als bisher. Denn: Der zum Beispiel wichtigste Beitrag für unsere Rente liegt nicht in der Beitragszahlung, sondern in den finanziellen und zeitlichen Leistungen der Eltern für ihre Kinder. Vor allem die Mütter müssen oft wegen der Kindererziehung auf einen großen Teil ihres Erwerblebens verzichten. Paare mit Kindern müssen ihr Einkommen viel stärker konsumieren als Paare ohne Kinder. Kinderlose sind viel eher in der Lage, zu sparen und Vermögen zu bilden – und später zahlen ihnen auch noch diejenigen Kinder die Rente, in die die anderen investieren mussten. Das ist nicht gerecht. Für Familien mit Kindern muss es deswegen dringend einen fairen Ausgleich geben.

Fragt man die Familien selbst, reichen steuerliche Vorteile allein nicht. Auch strukturelle Änderungen im Arbeitsleben sind notwendig. Einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung A.T. Kearney zufolge spielt für die Bereitschaft junger Paare, eine Familie zu gründen, die Leistung des Staates nicht die größte Rolle. Bedeutender ist für sie die Familienfreundlichkeit des Arbeitgebers. Laut A.T. Kearney sind vor allem flexible Arbeitszeiten für potenzielle Eltern extrem wichtig. Nur neun Prozent der 1.800 befragten Personen arbeiten bei Unternehmen, die umfassende Unterstützung anbieten. Ein Drittel der befragten Frauen hält Kinder und Karriere grundsätzlich für nicht vereinbar. Zudem fehlen Vorgesetze, die als Beispiele taugen – also Erfolg und Familie haben.

Wie es laufen muss, zeigen Unternehmen in Schweden und in England. Dort gibt es eine viel größere Vielfalt an Teilzeitangeboten, flexiblen Tages- und Wochenarbeitszeitmodelle und individuell ausgehandelten Arbeitszeitregelungen. Mitarbeiter bekommen während der Elternzeit häufiger Paten an die Seite gestellt. Männliche Mitarbeiter werden jeweils in weit über 50 Prozent der Unternehmen dazu ermuntert, Elternzeit in Anspruch zu nehmen oder Teilzeit zu arbeiten.

In Deutschland wird über solche Maßnahmen zwar oft und gern gesprochen. Doch in der Praxis ist der größte Teil der Unternehmen weit davon entfernt. Das muss anders werden.

 


Dies ist ein Beitrag aus der Reihe “WachstumsBlog”. In einem bis zwei Beiträgen pro Woche beschäftigen sich Wirtschaftsexperten im ÖkonomenBlog mit Themen rund um nachhaltiges Wachstum.

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600 000 000 000 Euro Steuern http://www.insm-oekonomenblog.de/9332-600-000-000-000-euro-steuern/ http://www.insm-oekonomenblog.de/9332-600-000-000-000-euro-steuern/#comments Wed, 10 Oct 2012 08:57:51 +0000 Dr. Martin Roos http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=9332 Der Staat nimmt so viel Geld ein wie nie. Im nächsten Jahr soll es noch mehr werden. Eine gute Gelegenheit, Schulden abzubauen und zu sparen. Aber wer hat dazu schon Lust?

Eindrucksvolle Zahlen meldet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Das Berliner Institut schätzt, dass Bund, Länder und Gemeinden dieses Jahr erstmals über 600 Milliarden Euro Steuern kassieren. 2013 sollen die Einnahmen sogar auf 620 Milliarden Euro steigen. Hauptgrund für diesen Trend ist den Experten zufolge der robuste Arbeitsmarkt. Stetig steigende Beschäftigung und Gehaltszuwächse haben das Lohnsteueraufkommen ordentlich in die Höhe getrieben.

Auch das Bundesfinanzministerium bestätigt diesen Trend: Im August waren die Steuereinnahmen des Staates so stark gestiegen wie seit etwa eineinhalb Jahren nicht mehr. Bund und Länder nahmen 12,8 Prozent mehr Steuern ein als im Vorjahresmonat.

Wer jetzt noch behauptet, die Steuern müssten in Deutschland steigen, weil der Staat immer weniger Geld hat, muss schon recht kühn sein. Tatsächlich hat die Bundesrepublik seit zwanzig Jahren steigende Steuereinnahmen. 1991 nahm der Staat 338 Milliarden an Steuern ein. Angesichts unserer heutigen 600 Milliarden Euro können wir selbst nach Abzug der in den vergangenen gut 20 Jahren niedrigen Inflationsraten einen ziemlichen Zuwachs feststellen.

Was bei uns allerdings auch gestiegen ist, sind die Staatsschulden. Sie liegen heute bei zwei Billionen Euro. Das sind ca. 83 Prozent des jährlichen Bruttoinlandprodukts (BIP). Vor der Finanzkrise waren es etwa 70 Prozent des BIP. Mal zum Vergleich: Die Steuereinnahmen der Vereinigten Staaten betragen etwa 2,3 Billionen US-Dollar. Die Gesamtschulden der USA Staaten liegen bei gut 15 Billionen Dollar. Der US-Schuldenberg beläuft sich damit auf 102 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Volkswirte gehen davon aus, dass maximal 90 Prozent Verschuldung möglich sind, ohne einen Staatsbankrott herbeizuführen.

Während in den USA also die Alarmglocken längst schrillen, aber sie wohl keiner hören will, können wir uns in Deutschland zumindest noch ein wenig mit dem Gefühl beruhigen, dass die Bundesrepublik noch nicht blank ist. Nun könnte man ja sogar meinen, dass die 600 Milliarden Euro Steuereinnahmen endlich den Weg freigeben, um die Schulden schleunigst abzubauen. Doch das tun wir nicht. Oder besser gesagt, wir tun es in kleinen Schritten.

Der Anstieg der Neuverschuldung in den Jahren 2008 und 2009 war enorm. Ende 2009 lag die Neuverschuldung bei 86 Milliarden Euro. 2012 wird sie wohl bei gut 30 Milliarden Euro liegen. Das langfristige Ziel ist: keine Neuverschuldung. Ab 2016 will der Staat höchstens pro Jahr 0,35 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung an neuen Schulden aufnehmen. So lautet das Versprechen an die Bürger.

Wir sind also auf einem guten Weg. Ohne Schulden wird eine Volkswirtschaft niemals sein. Die Schulden müssen aber zu der gesamtwirtschaftlichen Leistungskraft passen. Das heißt auch für die Zukunft, die Schulden müssen abgebaut werden, zum Beispiel durch Sparen, und gleichzeitig müssen die Bedingungen für Wachstum gestärkt werden. So hört man’s stets von der Politikprominenz. Es klingt gut – doch Hand aufs Herz: Zum Sparen haben doch die wenigsten Politiker Lust und Zeit. Schließlich geht es hier um Macht und Machterhalt. Mehr Geld im Steuersäckel hat noch nie zu politischer Selbstbescheidung geführt. Als Bürger machen wir eher die Erfahrung, dass höhere Einnahmen zu einer noch höheren Bereitschaft der Politiker führen, Geld auszugeben.

Deswegen sind die 600 Milliarden Euro ein fantastisches Ergebnis. Doch auch gefährlich – vor allem wegen der Politiker. Mit einer solchen Aussicht lässt sich nämlich gut Wahlkampf machen und allerhand Unsinn versprechen. So sollte jeder Wähler im Jahr vor der Bundestagswahl, genau hinsehen und -hören, wie viel Geld in welche großzügigen Vorhaben und sonstigen Betreuungskokolores fließen soll – und gleichzeitig genau kontrollieren, was für den Schuldenabbau übrig bleibt.

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