INSM - ÖkonomenBlog, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) » Wachstum http://www.insm-oekonomenblog.de Welche Reformen braucht unser Land? Wie erreichen wir mehr Wachstum und Beschäftigung? Experten geben Antworten - diskutieren Sie mit! Mon, 28 Jul 2014 07:32:09 +0000 de-DE hourly 1 http://wordpress.org/?v=3.9.1 Wir pfeifen auf den Export-Weltmeistertitel http://www.insm-oekonomenblog.de/11584-wir-pfeifen-auf-den-export-weltmeistertitel/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11584-wir-pfeifen-auf-den-export-weltmeistertitel/#comments Wed, 02 Jul 2014 09:22:13 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11584 Heribert Dieter - Deutschland in der Weltwirtschaft.Heribert Dieter: Deutschland in der Weltwirtschaft – ein Modell mit Zukunft? Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2013

Heribert Dieter sieht die deutsche Wirtschaft für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zwar gut positioniert. Doch ohne Reformen wird es auf Dauer nicht gehen. Der Ökonom fordert eine bessere Willkommenskultur für hochqualifizierte Fachkräfte aus den Nicht-EU-Staaten, mehr multinationale statt bilaterale Handelsbeziehungen und verstärkte Investitionen der deutschen Wirtschaft im Inland.

Noch profitiert das Image der deutschen Wirtschaft von der weltweiten Renaissance der verarbeitenden Industrie. Will die Bundesrepublik jedoch auch in Zukunft wirtschaftlich konkurrenzfähig bleiben wollen, reicht das nicht. Der Ökonom Heribert Dieter glaubt zwar, dass die deutsche Wirtschaft den kommenden wirtschaftspolitischen Herausforderungen grundsätzlich gewachsen ist. Aber nur, wenn sie auch wichtige Reformen einleitet – in der Bildungs-, Handels- und Finanzpolitik.

Heribert Dieter, Autor des Buches „Deutschland in der Weltwirtschaft, ist Gastprofessor für internationale politische Ökonomie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Dieter geht der Zukunftsfähigkeit des Landes auf den Grund, wägt Vor- und Nachteile von dienstleistungs- und industrieverarbeitenden Gesellschaften ab, analysiert dazu einzelne Unternehmen vor allem aus der Automobilindustrie und deren Produktions- und Standortstrategien in einem globalisierten Umfeld. Das Ergebnis: Weil die deutschen Unternehmen ihre Chancen der Globalisierung erfolgreich genutzt haben und weiter erfolgreich nutzen werden, stehen die Aussichten auf eine rosige Zukunft nicht schlecht. Damit es auch so kommt, gibt es allerdings dringend Reformbedarf.


Verschultes Bologna entrümpeln

Zunächst in der Bildung: Künftig, so der Autor, wird es nicht um die Verteilung knapper Arbeitsplätze, sondern um die Verteilung von zu wenigen Arbeitskräften gehen. Deswegen empfiehlt er, viel stärker als bisher ausländischer Fachkräfte aus den Nicht-EU-Staaten anzuwerben. Auch im Studiensystem nach der Bologna-Reform müsse sich etwas ändern. Die Bachelor-Studenten seien nicht ausreichend auf das Berufsleben vorbereiten. Das verschulte System brauche dringend eine Erneuerung, die nicht nur Noten, sondern auch Urteilsfähigkeit und Persönlichkeit der Studierenden in den Fokus nimmt. Ebenso sind Veränderungen im Steuersystem sind: Maßnahmen wie Ehegattensplitting und kostenlose Mitversicherung von Familienmitgliedern behinderten insbesondere die Erwerbstätigkeit von Frauen. Die Betreuungsplätze für Kinder sollten ausgebaut, die Abschläge für Vorruhestandsreglungen erhöht werden.

Auch in Handelspolitik sieht Dieter Defizite: Die Konzentration auf bilaterale Freihandelsabkommen, etwa mit Amerika und Kanada. Sinnvoller sei „eine transparente multilaterale Handelsordnung“. Bilaterale Beziehungen und sogenannte Präferenzabkommen mit mehreren Staaten führten unweigerlich zur Herausbildung paralleler Regulierungswelten, meint der Autor. Diese seien für die deutsche mittelständische Industrie administrativ kaum zu bewältigen.

Weniger Export – mehr Investitionen im eigenen Land

Vor allem aber kritisiert Dieter die einseitige Exportorientierung der deutschen Wirtschaft, die sich zwar mit gerne mit Titel wie „Weltmeister“ oder „Vizeweltmeister“ schmücke, aber im Grunde ein Verlustgeschäft sei. Sie gehe zu Lasten sinnvoller Investitionen im Inland. „Seit gut einem Jahrzehnt liegen die Investitionen unter dem Mittelwert der übrigen G7-Staaten“, erklärt Dieter. Exporte sind für ihn Mittel zum Zweck, können aber nicht das Ziel wirtschaftlicher Aktivitäten sein. Der Autor rechnet vor: „Auf die Investitionen im Ausland mussten hohe Abschreibungen vorgenommen werden – je nach Berechnungsmodus verlor Deutschland zwischen knapp 300 und 650 Milliarden Euro.“ Dieses Geschäftsmodell nutze den Menschen hierzulande wenig und sei kein Mittel für die nächsten Jahrzehnte. Deutschland liefere dem Ausland Waren und finanzierte diese gleich mit. Dieters Vorschlag: Die Investitionstätigkeit muss erhört werden und zwar nicht unbedingt durch den Bau von Fabriken, sondern kann auch durch dem Bau von Wohnungen und Häusern sehr effektiv sein.

Dieter ist optimistisch, dass ein neuer Boom gelingen könnte. Der Trick: „Ein vergleichsweiser kleiner steuerlicher Anreiz könnte schon genügen, um hier ein Umsteuern zu bewirken.“

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11584-wir-pfeifen-auf-den-export-weltmeistertitel/feed/ 0
Schützt den Freihandel vor den Populisten http://www.insm-oekonomenblog.de/11579-schuetzt-den-freihandel-vor-den-populisten/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11579-schuetzt-den-freihandel-vor-den-populisten/#comments Tue, 01 Jul 2014 15:26:08 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11579 Deutschlands wichtigste Handelspartner.Bei der Europawahl haben Nationalisten große Erfolge gefeiert. Mit ihren Forderungen nach wirtschaftlicher Abschottung bedrohen sie den Wohlstand der EU. Gegen die Bewegung muss ein starker Kommissionspräsident antreten.

Rechtspopulisten und Linke sind sich manchmal sehr ähnlich. Wenn Marine Le Pen gegen das Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) wettert, klingt das genauso wie in einer Ortsgruppe der Globalisierungskritiker von Attac.

Zwei unterschiedliche politische Richtungen haben dieselbe falsche Idee: Sie glauben, dass man die Wirtschaft durch Abschottung stärkt. Wohlstand schafft man aber durch Produktivität und Innovation – und die entstehen durch Wettbewerb. Um Konkurrenz zu fördern, müssen Handelshürden abgerissen und nicht aufgebaut werden.

Beispiel TTIP: Das Abkommen mit den USA könnte die Produktivität in einigen Sektoren um 3,5 Prozent erhöhen. Das Pro-Kopf-Einkommen in der EU würde dann um bis zu fünf Prozent steigen.

Außerdem verschafft ein freier Handel Europa Zugang zu neuen Absatzmärkten. Mit mehreren Schwellenländern verhandelt die EU deshalb über sogenannte Economic Partnership Agreements (EPAs). Die Abkommen würden die schnell wachsenden Exportmärkte für die von Jugendarbeitslosigkeit geplagten Staaten am Rande Europas öffnen.

Europa steht beim Thema Freihandel vor wichtigen Entscheidungen und bräuchte starkes Führungspersonal, das sich für das Thema begeistert. Doch die EU-Kommission scheint durch das Geschacher um Jean-Claude Juncker geschwächt. Zudem bestimmen die populistischen Globalisierungskritiker nach ihren Wahlerfolgen zunehmend die Agenda. Die europäischen Entscheidungsträger dürfen vor ihnen nicht einknicken. Sie müssen mit guten Argumenten überzeugen und die Märkte der EU weiter öffnen.


Dieser Beitrag ist in einer längeren Fassung zuerst auf WiWo.de erschienen.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11579-schuetzt-den-freihandel-vor-den-populisten/feed/ 3
Kampf gegen die weltweite Schnitzeljagd http://www.insm-oekonomenblog.de/11521-kampf-gegen-die-weltweite-schnitzeljagd/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11521-kampf-gegen-die-weltweite-schnitzeljagd/#comments Wed, 18 Jun 2014 07:32:14 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11521 Die Plünderung der WeltMichael Maier: Die Plünderung der Welt – wie die Finanz-Eliten unsere Enteignung planen, Finanzbuchverlag, München 2014

Der Staat pumpt unaufhörlich Geld in den Markt. Doch dieses Geld ist kaum etwas wert, weil ihm keine Leistung und kein Wert entsprechen – und so wird bald die Jagd auf die realen Werte folgen. Um der möglichen Plünderung der Welt zu entkommen, rechnet Michael Maier mit der Finanzwelt und den Politikern ab. Er verlangt mehr Preisstabilität, mehr soziales Unternehmertum und mehr Mitspracherecht für die Bürger – ein unterhaltsam und frech geschriebenes Buch mit guten, aber wohl nicht immer realistischen Lösungsvorschlägen.

Karte und Kompass in einer Welt der Hyperglobalisierung, der Endlos-Verschuldung und Plünderung will Michael Maiers Buch sein. Mit ungedecktem Papiergeld bringe der Staat „Falschgeld“ in Umlauf – Geld ohne Gegenwert: „Wenn dieses Falschgeldsystem an sein Ende kommt, beginnt die weltweite Schnitzeljagd auf die realen Werte“, fürchtet der Autor. Michael Mayer, Wirtschaftsjournalist des Jahres 2013 und Herausgeber der Deutschen Wirtschafts-Nachrichten, bietet auf rund 240 Seiten eine ebenso unterhaltsame wie freche Abrechnung mit der kleinen Gruppe der Finanzjongleure, Investoren und machtversessenen Politiker. Noch nie habe es eine derartige Umverteilung von der Mehrheit der hart arbeitenden Menschen zu einer ganz kleinen Finanz-Elite gegeben, meint Maier. Eine neue Feudalherrschaft sei entstanden, die aus freien Bürgern globale Untertanen gemacht habe.
Maier zitiert den Schweizer Physiker James B. Glattfelder, der in einer Studie die Machtverhältnisse der Finanzwelt auf eine dramatische Formel gebracht hat: Eine Gruppe von nur 0,123 Prozent der Eigentümer von 43.000  internationalen Konzernen kontrolliert 80 Prozent des Wertes dieser Konzerne – es sind in diesem Forschungsfall fast ausschließlich die großen Banken und Finanzinstitutionen der USA und in Großbritannien.

Die Billionen-Schuldenbombe explodiert
Um der Plünderung der Welt zu entkommen, warnt Maier in seinem Buch unaufhörlich vor dem unkontrollierten Gelddrucken durch den Staat. Die drohende große Plünderung sei die logische Folge der Globalisierung der Schulden – der „Billionen-Schuldenbombe“, wie der Ökonom Daniel Stelter sie nennt. „Wir sitzen nämlich auf einem gefährlichen Pulverfass, auf einem gigantischen Berg von uneinlösbaren Versprechen“, schreibt Maier. Zu „verdanken“ sei die Situation vor allem der vermeintlichen Fürsorge jener Regierungen und Organisationen, „deren Aufgabe es gewesen wäre, Rahmenbedingungen für Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung der Völker zu schaffen.“ Doch das hätten sie eben nicht getan. Stattdessen zogen sie es vor, schreibt Maier, sich ihren politischen Erfolg mit Schulden zu erkaufen.

Unternehmen auf Road-Show beim Bürger
Auch wenn der Autor betont, dass es ihm nicht „um die Schuldzuweisung an einzelne Gruppen“ geht, teilt er ordentlich aus. Doch seine Kritik bleibt stets konstruktiv – und kulminiert in eigenen Verbesserungsvorschlägen. Vier Beispiele. Erstens: Damit der Staat als Vertreter der Bürger wieder zum Vorschein kommt, fordert Maier mehr Mitsprache für die Bürger – durch mehr Bürgerbegehren und Volksentscheide. So sollten beispielsweise bei wirtschaftlichen Gütern wie Wasser, Energie, Bildung oder Gesundheit die Bürger einbezogen werden: „Wenn sich bei einer Privatisierung die Frage stellt, wer als Versorger einen Auftrag bekommen soll, wird den Unternehmen nicht schaden, wenn sie eine Road-Show beim Bürger machen müssen“, meint Maier. Die Unternehmen würden so gezwungen, die versprochene Qualität zum vereinbarten Preis zu liefern. Der Staat würde entlastet. Die Bürger behielten die Kontrolle über lebenswichtige Güter in ihrem Staat, ihrem Land oder ihrer Kommune – ein Vorschlag, der bei der jungen Generation heute bereits gelebt wird: Partizipiertes Unternehmertum ist bei den vielen jungen Social Entrepreneurships Normalität.

Watchdog für Abgeordnete
Zweitens: Damit die Parlamentarier nicht immer fraktionsloyal und damit machtorientiert, sondern frei nach ihrem Gewissen entscheiden können, schlägt Mayer einen „Watchdog“ vor – eine Art „Ombudsmann der Gewissensfreiheit für Abgeordnete“.

Drittens: Steuerverschwendung durch den Staat müsse aufgedeckt und endlich strafrechtlich verfolgt werden. Viertens: Die Zentralbanken nach heutigem Modell sollten abgeschafft und nach dem Vorbild der alten Bundesbank wieder aufgestellt werden: Zur Festsetzung der Leitzinsen müsse eine solche, ausschließlich der Preisstabilität verpflichtete, unabhängig Notenbank mit stark verbesserter Computertechnologie ausgerüstet werden. Denn mit einer solchen Technik ist es möglich, „alle Zinsentwicklungen bei freien, jedoch haftenden Banken zu realistischen Durchschnittswerten zusammenzuführen“, glaubt Maier. Auch ein Modell „free banking“ kann sich Maier vorstellen: „Banken können machen, was sie wollen – doch ihre Eigentümer haften zu 100 Prozent mit ihrem Vermögen.“

Mit seinen Vorschlägen wirkt Maier ein wenig wie ein Romantiker im Rebellenkostüm. Das ist mehr sympathisch als kitschig. Für ihn geht es in erster Linie um Fairness. Letztlich kann eine global arbeitsteilige Gesellschaft für ihn nur dann funktionieren, „wenn jeder fair handelt, wenn jeder auf seinen persönlichen Vorteil verzichtet, den er nur erringt, indem er andere hintergeht“.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11521-kampf-gegen-die-weltweite-schnitzeljagd/feed/ 14
Das richtige Maß entdecken http://www.insm-oekonomenblog.de/11492-das-richtige-mass-entdecken/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11492-das-richtige-mass-entdecken/#comments Wed, 21 May 2014 08:51:21 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11492 140521_miegel_hybrisMeinhard Miegel: Hybris. Die überforderte Gesellschaft, Berlin 2014, Propyläen

Die westliche Gesellschaft hat eine kollektive Hybris erfasst. Die Industrienationen sind nicht wirklich bereit, die Ausbeutung unseres Planeten zu stoppen. Einmal mehr appelliert Meinhard Miegel deswegen an jeden einzelnen, sich mit weniger zu begnügen.

Wieder ein kritisches Buch über Wohlstand und Wachstum – und damit über die Forderung nach einem gesellschaftlichen Wandel, um die Finanz- und Wirtschaftskrise endgültig zu überwinden und die Fragen nach der Endlichkeit unserer Rohstoffe und des Wachstums zu beantworten. Wie langweilig! Oder vielleicht doch nicht?

Dass Miegels „Hybris“ nicht nur ein lesenswertes Werk, sondern auch ein angenehmer Wegweiser durch das Labyrinth nicht enden wollender gesellschaftlicher und ökonomischer Probleme geworden ist, verdankt das Buch seinem Autor. Miegel ist kein Moralist. Linke Kapitalismuskritik liegt ihm fern. Er kritisiert das Wirtschaftssystem, das die Menschen seiner Ansicht nach zu zwanghaftem Konsumieren verführt, ohne die herablassende Geste des Gutmenschen. Und: Nicht Hysterie motiviert ihn, sondern Hoffnung: „Die große Krise könnte sich eines hoffentlich nicht fernen Tages als glückliche Wendung erweisen – als grundlegender Paradigmenwechsel.“

Bis dahin ist es ein weiter Weg. Miegels Kritik hat die Unmäßigkeit westlicher Kulturen im Fokus. Aus ihr, erklärt der Autor, entwickeln sich die Krisen, die „Türme von Babylon“. Diese zeigt er beispielhaft an Skandalen wie dem Berliner Katastrophenbaustellen-Flughafen, der kostenexplodierenden Hamburger Elbphilharmonie oder den täglichen Staus, Verspätungen und Störungen im öffentlichen Bahn- und Verkehrsnetz. Alles soll schneller, effektiver und besser werden. Doch oft tritt nur das Gegenteil ein. Insofern gibt es für Miegel gar keine Krise, die singulär auftritt, sondern vielmehr einen allgemeinen Erschöpfungszustand, der sich aus der Maßlosigkeit unserer Gesellschaft nährt und uns mittlerweile überfordert: Maßlose Gier, maßlose Produktion und maßloser Konsum machen die Menschen blind für eine Entwicklung, die auf eine „finale Krise“ hinsteuert, von der manche Kritiker sagen, dass wir uns von ihr nicht mehr erholen werden.

Miegel sieht es nicht so pessimistisch. Er ist weitaus moderater. Die gegenwärtigen Probleme sind für ihn nicht Folge allein der Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern sie sind der „Krise der westlichen Kultur“ geschuldet. Auf rund 250 Seiten wirbt der Bonner Sozialwissenschaftler mit kluger Analyse und anschaulichen Charts für die „Kunst der Beschränkung“ als neuen Kompass für die Überwindung der kollektiven Hybris, die insbesondere die Industrienationen zum Dauerkonsum verführt hat. In verschiedenen Kapiteln wie Bildung, Sozialstaat, Arbeit oder Mobilität beschreibt er Schwachpunkte und mögliche Entwicklungen. Ein Beispiel: Der technische Fortschritt. So wie einst nicht über die Folgen der Kernkraft nachgedacht wurde, mahnt Miegel, dass die Menschen sich heute nicht wirklich über die Folgen der digitalen Revolution im Klaren seien. Die digitale Revolution stelle eine Form menschlicher Hybris dar. Sie bringe die sich über Jahrhunderte langsam weiterentwickelten zivilisatorischen Ideale in Gefahr. Auf dem Spiel stünde nichts „Geringeres als Menschenwürde, Menschenrechte, das Selbstbestimmungsrecht des Individuums, sein Anspruch auf eine respektierte und geschützte Privatsphäre“.

Miegel geht es um eine sinnvolle Einschränkung – um die Idee, das Vorhandene besser zu nutzen, statt es weiter vermehren zu wollen. Es geht um Genügsamkeit, um Suffizienz, über die bereits der britische Ökonom Robert Skidelsky mit seinem Sohn Edward den Bestseller „Wie viel ist genug?“ veröffentlichte. Die Menschen sollen „erkennen, dass weniger mehr sein kann“, sagt auch Miegel. Nötig sei deswegen ein Paradigmenwechsel. Dazu gebe es allerdings weder eine Montageanleitung noch die massenhafte Verschreibung von Medizin. Miegel setzt vor allem auf unsere individuellen Fähigkeiten: Der Autor fordert von jedem ein Höchstmaß an Einfühlvermögen, Phantasie, Improvisationsfähigkeit und Anpassungsbereitschaft. Denn das Terrain, in dem sich Paradigmenwechsel ereigneten, sei unübersichtlich, jeder Tag bringe Unvorhergesehenes. „Deshalb lassen sie sich nicht durch raumgreifende Konzepte, sondern nur durch sensible Aktionen und Reaktionen von Millionen von Akteuren meistern“, meint Miegel. Um dies letztlich zu ermöglichen, sei es die Aufgabe des Staates, den Menschen nicht weiter Vorschriften zu machen, sondern ihnen den größtmöglichen Freiraum zu eröffnen.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11492-das-richtige-mass-entdecken/feed/ 0
Wer besser leben will, muss nicht gut essen, sondern handeln http://www.insm-oekonomenblog.de/11463-wer-besser-leben-will-muss-nicht-gut-essen-sondern-handeln/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11463-wer-besser-leben-will-muss-nicht-gut-essen-sondern-handeln/#comments Wed, 07 May 2014 08:49:45 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11463 Caspar Dohmen: Otto Moralverbraucher – vom Sinn und Unsinn engagierten Konsumierens, orell füssli, Zürich 2014Caspar Dohmen: Otto Moralverbraucher – vom Sinn und Unsinn engagierten Konsumierens, orell füssli, Zürich 2014

Wer eine gerechtere und ökologischere Welt anstrebt, sollte wissen: Ethisch einkaufen zu gehen, ist gut – sich politisch zu engagieren, ist besser. Caspar Dohmen bezweifelt den Nutzen des moralisch korrekten Konsums. Kritisch blickt er auf Marken und Konzerne und zeigt, dass vor allem eins unserem ökosozialen Untergang vorbeugt: Bürgerengagement.

Jeder siebte Konsument achtet beim Einkauf darauf, dass die Produkte aus fairem Handel stammen, jeder Fünfte möchte Produkte aus ökologischem Anbau. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Allensbacher Meinungsforschungsinstituts, die Caspar Dohmen gleich zu Anfang seines neuen Buches zitiert. Und kritisiert: „Manche Menschen lassen bereitwillig ihre demokratischen Mitspracherechte verkümmern und setzen lieber auf ihr Votum als Verbraucher, weil sie sich davon mehr Einfluss versprechen.”

Gezielter Konsum als Alternative zum politischen Handeln – das ist einer der Knackpunkte, um den es Dohmen auf rund 200 Seiten seines inspirierenden Werkes „Otto Moralverbraucher –vom Sinn und Unsinn engagierten Konsumierens“ geht. Freilich lobt er den durchdachten Einkauf und die bewusste Kaufverweigerung als wichtiges Signal für die Gesellschaft und charakterisiert sie als zentralen Bestandteil von Bürger- und Menschenrechtskampagnen. Dennoch ist ihm klar: „Die große Mehrheit der Verbraucher stützt – bewusst oder unbewusst – mit ihrem Einkaufsverhalten den verheerenden sozialen und ökologischen Status quo.“ Grüner Strom, Autos mit Hybridantrieb und faire Bananen sind nett und gut. Doch verbessern sich dadurch die Arbeitsbedingungen in den Fabriken der Entwicklungsländer? Reichen Solarzellen und faire Kokosnüsse, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen? Dohmen zweifelt und fordert vom Verbraucher statt höherem Konsumbewusstsein mehr Bürgerbeteiligung und politisches Engagement. Denn er ist sich sicher: „Alle entscheidenden gesellschaftlichen Reformen verdanken wir politisch tätigen Menschen.“

Was wie eine radikale Ansicht aus der Hippiebewegung klingt, ist nichts anderes als der Wunsch auf den Fortbestand des freien und fairen Marktes und seiner Teilnehmer – den Verbrauchern und den Konzernen. Dohmen, der Wirtschaftsjournalist und Ökonom, ist ein Aufklärer ohne moralischen Zeigefinger. Er ist kritisch, querdenkerisch, freigeistig und wertkonservativ zugleich. So rechnet er in seinem Buch genauso mit den umstrittenen Arbeitsbedingungen bei den Zulieferern der Kultmarke Apple  ab, wie er Kampagnen-Netzwerke unterstützt und Unternehmer aus Gattung des „Ehrbahren Kaufmann“ wie den Großindustriellen und Autobauer Henry Ford geradezu hochleben lässt: „Autobauer Henry Ford hielt es für sozial, mehr Leute einzustellen, um sie an den Vorteilen der industriellen Arbeitsteilung teilhaben zu lassen“, schreibt Dohmen. Ford ließ deswegen seine Produktion ausweiten – und war dafür auch bereit, einen geringeren Gewinn in Kauf zu nehmen. Anders als die Dodge-Brüder, die zehn Prozent der Aktien des Ford-Unternehmens hielten. Nach Meinung der Großaktionäre, schreibt Dohmen, war der Hauptzweck eines Unternehmens, tüchtig Gewinn zu machen. Sie klagten deshalb gegen Fords Pläne für neue Automobilwerke.

Der „Ottomoralverbraucher“ ist vor allem für diejenigen Normalverbraucher eine anregende Lektüre, die sich nicht weiter gedanken- und bedingungslos den Angeboten einer zwar mittlerweile immer grüneren aber nach wie vor stark gewinnorientierten Konsumwelt aussetzen lassen wollen. In Dohmens Szenario gilt es, die „falschen Bedürfnisse“ nach Konsumgütern – wie es Philosoph Herbert Marcuse definierte – zu erkennen und „tiefere, authentischere Wünsche“ zu entdecken. Es sei auch deswegen endlich Zeit, „mehr auf Kooperation und Politik statt auf Konsum“ zu setzen, da letztlich „über wirksame Regeln für Unternehmen, für die von ihnen verursachten Schäden selbst aufzukommen“, allein in der politischen Arena entschieden werde.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11463-wer-besser-leben-will-muss-nicht-gut-essen-sondern-handeln/feed/ 0
Die Suche nach dem dritten Weg http://www.insm-oekonomenblog.de/11428-die-suche-nach-dem-dritten-weg/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11428-die-suche-nach-dem-dritten-weg/#comments Tue, 15 Apr 2014 08:20:34 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11428 Reiner Klingholz: Sklaven des Wachstums – die Geschichte einer Befreiung, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2014Reiner Klingholz: Sklaven des Wachstums – die Geschichte einer Befreiung, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2014

Eine Patentlösung für die Probleme, die das Wachstum mit sich bringt, gibt es nicht. Wir sind zu Sklaven des Wachstums geworden, meint Reiner Klingholz. Dass wir dennoch Chancen haben, der Wachstumsfalle zu entkommen, zeigt er in seinem neuem Buch: ein sprachlich gelungenes und analytisch herausragendes Werk frei von Stimmungsmache und Häme.

61 Prozent der Deutschen glauben nicht, dass ihre Lebensqualität steigt, weil das Wirtschaftswachstum zunimmt. Gleichzeitig meinen 93 Prozent der Befragten, dass wirtschaftliches Wachstum „wichtig“ oder sogar „sehr wichtig“ für die Lebensqualität einer Gesellschaft ist – so zumindest hat es die Bertelsmann-Stiftung herausgefunden. An dieser Haltung zeigt sich die absurd anmutende Lage, in der wir uns befinden. Selbst wenn wir weniger oder kein Wachstum wollten, ist den meisten bewusst, dass es ohne Wachstum nicht geht.

In seiner angenehm moderaten und ebenso unterhaltsamen wie gedankenscharfen Analyse zeigt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in seinem neuen Buch „Sklaven des Wachstums – die Geschichte einer Befreiung“ Wege aus dem Joch des Wachstums. Auf rund 300 Seiten gelingt ihm eine Zeitreise des Wachstums – angefangen in der Neolithischen Revolution vor 10.000 Jahren bis in Szenarien des Jahres 2297, in dem die Weltbevölkerung die Vier-Milliarden-Grenze unterschritten und das Wirtschaftswachstum sich automatisch abgeschwächt hat. Die ungewollten Nebeneffekte des Wachstums, die das Leben heute aus unserem Planeten erschweren, wären in diesem Zukunftsszenario verschwunden.

Es ist eine freilich nicht zu beweisende „heile Welt“, die Klingholz hier bewusst überspitzt formuliert. Doch eines ist für ihn sicher: „Die nächsten 200 bis 300 Jahre werden bis zum Paradies der Nachhaltigkeit nicht ohne massive Krisen ablaufen.“ Wie krisenhaft sie tatsächlich werden, hänge allein von uns ab – und davon handelt sein Buch.

Um den „Kollateralschaden“ des Wachstums einzugrenzen, gibt es für ihn zunächst zwei Vorschläge. Erstens: Wir brauchen weiterhin Wachstum, müssen es aber so reformieren und durch grüne und effiziente Technologien erfolgreich machen, sodass möglichst viele Negativfolgen ausbleiben. Der zweite Vorschlag meint Suffizienz, „also weniger Arbeiten und mehr Freizeit genießen, Rügen statt Malediven, Grünkohl aus der Heimat statt Shrimps aus Vietnam“ wie Klingholz salopp formuliert.

Beide Vorschläge haben für ihn einen Haken. Auf die Effekte der Effizienz zu setzen, würde die dem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem „immanente Gier nach mehr“ auch nicht bremsen. Eine Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch könne mit grüner Technik allein nicht gelingen. Auch die Suffizienz-Lösung sei problematisch. Sie ist kein Modell „für jene fünf Milliarden Menschen, die erst in den Genuss einer ausreichenden Versorgung mit Gütern kommen wollen“, und sie würde in den Industrienationen das gesamte Gesellschaftssystem auf den Kopf stellen.
Letztlich bleibt für Klingholz nur eine Mischlösung aus beiden. Und diese wird uns in einigen Jahrhunderten rückblickend zu der Erkenntnis führen, dass wir vermutlich schon heute „längst an der Zeitenwende zum Postwachstum stehen“.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11428-die-suche-nach-dem-dritten-weg/feed/ 1
Die vermessene Zahl http://www.insm-oekonomenblog.de/11363-die-vermessene-zahl/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11363-die-vermessene-zahl/#comments Tue, 18 Mar 2014 10:17:02 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11363 1Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl – eine politische Geschichte des Bruttoinlandprodukts, Suhrkamp, Berlin 2013Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl – eine politische Geschichte des Bruttoinlandprodukts, Suhrkamp, Berlin 2013

Ein lesenswertes Buch ist Philipp Lepenies gelungen. „Die Macht der einen Zahl“ beschreibt die Geschichte und Bedeutung des Bruttoinlandprodukts (BIP). Zwar geht es nicht konkret auf aktuelle Diskussionen über neue Messungen von Wohlstand und sozialer Fortschritt ein, dennoch macht es deutlich, dass das BIP nur eine von vielen geeigneten Messgrößen der Zukunft ist.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist keine selbst erklärende Zahl wie die in ppm (parts per million) gemessene Fluorideffizienz von Zahncreme oder der Kalorienwert in Marzipanmasse. „Das BIP ist ein Phänomen“, beginnt Philipp Lepenies, Senior Fellow am Potsdammer Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS), sein unterhaltsames und rund 180 Seiten dickes Buch „Die Macht der einen Zahl“. Nur vordergründig würde das BIP das Maß der wirtschaftlichen Leistung einer Volkswirtschaft messen. Tatsächlich beruhe es aber nur auf „einer Interpretation dessen, was Leistung und was Volkswirtschaft heißt“. Letztlich resultiere die besondere Position des BIP aus seiner politischen Akzeptanz.
Lepenies Buch liefert keine umfassende Historie des BIP. Ausgangspunkt für seine Beschreibung ist zum einen die vom ehemaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy geäußerte Kritik über die Macht, die das BIP heute ausübt. Zum anderen ist es das Fehlen der historischen Perspektive in den Diskussionen über das BIP.

Um vor allem diese Lücke zu schließen und die wirtschaftspolitische Entwicklung des BIP zu verdeutlichen, hat sich Lepenies drei – und zugleich nicht unbedingt die bekanntesten – Forscher herausgesucht, deren Ziel es war, Zahlen in relevante Daten für Politik und Wirtschaft zu verwandeln: der Engländer Willam Petty (1623 bis 1687), der als Begründer der Volkseinkommensberechnung gilt; Colin Clark, der Chemiker, der nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 neue Grundlagen der BIP-Berechnung schuf; und schließlich der (Sowjet-)Russe Simon Kusnets, der ebenfalls eine systematische Berechnung von Volkseinkommen vorlegte und für den eher der Mensch und seine Wohlfahrt im Mittelpunkt des Wirtschaftens standen.
Lepenies Ausführungen zeigen schlüssig, dass die Rolle des BIP immer mit dem Wachstumsgedanken verbunden war. Auch die Kritik an BIP und an der Idee des unbegrenzten Wachstums haben die Diskussionen über die „eine Zahl“ stets begleitet. An ihrer zentralen Rolle hat das jedoch nichts geändert. Dass sie heute immer noch politisch akzeptiert wird, liegt für den Autor daran, dass sie „einen scheinbar objektiven, vermeintlich ideologie- und werturteilsfreien, auf nüchterne Zahlen basierenden Überblick über wirtschaftliche Prozesse“ bietet. Die Kriterien, mit denen das BIP erfasst und gemessen wird, seien transparent und nachvollziehbar.
Sich zum Gegner oder Befürworter des BIP machen, will sich Lepenies nicht. Zwar verweist er zu Anfang seines Werkes auf die Verwunderung, mit der Sarkozy dem BIP begegnete, leider setzt er sich jedoch nicht mit Positionen wie beispielsweise denen von Joseph Stiglitz und Amartya Sen auseinander, die seit einigen Jahren – und durchaus auf Anregung des damaligen französischen Staatspräsidenten – darüber forschen, wie sich Wohlstand und sozialer Fortschritt ohne Bruttoinlandsprodukt messen lässt. Stiglitz und Sen halten das BIP für eine Messgröße, die in keiner Weise ausreicht – vor allem angesichts der Tatsache, dass in den meisten Fällen ein großer Teil der Bürger nicht vom Wachstum seines Landes profitieren kann. Freilich registriert Lepenies, dass es verschiedene Ökonomen gibt, die anstelle des BIP eine andere statistische Messung der Wohlfahrt einer Gesellschaft etablieren wollen. Über deren Erfolgsaussichten schreibt er allerdings nichts. Er bleibt in seinem Buch ganz der historische Beobachter.
Einen Rat zum Schluss gibt er dennoch: Er empfiehlt BIP-Kritikern und -Apologeten, sich die Entstehung des BIP mit all seinen historisch bedingten Eigenheiten genau vor Augen zu führen. Für Lepenies steht fest: Das BIP ist zukünftig sicherlich nicht der einzige geeignete Lösungsansatz für die wirtschaftliche Vermessung der Welt. Gleichzeitig zeigt ihm die Erfolgsgeschichte des BIP, dass es schwer wird, in den nächsten Jahrzehnten den Siegeszug dieser einen Zahl zu brechen.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11363-die-vermessene-zahl/feed/ 0
EEG: Ohne Ausnahmen fehlen Investitionen http://www.insm-oekonomenblog.de/11344-eeg-ohne-ausnahmen-fehlen-investitionen/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11344-eeg-ohne-ausnahmen-fehlen-investitionen/#comments Wed, 12 Mar 2014 14:39:57 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11344 Die Investitionen der Industrie reichen nicht aus, um die Abschreibungen zu decken. Dies spiegelt die Unsicherheit über die Rahmenbedinungen in Deutschland wider.Die EU-Kommission prüft, ob die EEG-Ausnahmen für energieintensive Unternehmen in Deutschland rechtswidrig sind. Aber nicht nur in Brüssel, sondern auch hierzulande wird über die „Besondere Ausgleichsregelung“ kritisch diskutiert. Doch ohne Ausnahmen könnten die Folgen für die deutsche Wirtschaft erheblich sein.

Die Bundesregierung plant im Zuge der Reform des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) auch die Ausnahmeregelungen für bestimmte Unternehmen zu überarbeiten. Die Entlastung der energieintensiven Unternehmen von wesentlichen Teilen der EEG-Umlage wird für die steigende Belastung der privaten Haushalte mitverantwortlich gemacht. Mit der geplanten Reform des EEG, will man künftig deutlich weniger Unternehmen entlasten.

Ganz ohne die Industrie-Rabatte hätte die EEG-Umlage allerdings nur 1,35 Cent unter dem tatsächlichen Wert von 2014 gelegen. Bei einer Begrenzung der bisherigen Reduktion um ein Fünftel, was der von der EU-Kommission diskutierten Größenordnung nahe käme, würde die Umlage nur um 0,2 Cent sinken. Die Ersparnis eines Haushaltes läge bei 60 Cent im Monat.

Umgekehrt hätte dies für die bisher befreiten Unternehmen große Mehrbelastungen und erhebliche Risiken für den Arbeitsmarkt zur Folge. Schon heute ist die Lage für die energieintensiven Branchen ernst: Seit Jahren liegen die Investitionen unter dem Wert der Abschreibungen. In den Jahren seit 2000 hat sich eine Investitionslücke von rund 20 Milliarden Euro aufgestaut. Energiekosten erklären diese lang andauernde Entwicklung zwar nicht alleine, sie sind aber für die zukünftigen Investitionen von großer Bedeutung. Mit steigenden Strompreisen werden Investitionen verlagert oder zurückgestellt und damit Arbeitsplätze bedroht.

Die Energiewende kostet Geld, so viel steht fest. Man kann die Kosten unterschiedlich verteilen, doch dadurch verschwinden sie nicht. Die Industrie hat sich als bedeutender Stabilitätsanker erwiesen. Dies setzen wir aufs Spiel, wenn wir ihr noch höhere Kosten zumuten und dabei vergessen, darüber nachzudenken, wie wir den Ausbau der Erneuerbaren Energien in Zukunft effizienter gestalten. Denn wenn die industrielle Wettbewerbsfähigkeit verloren geht, wird die Energiewende unbezahlbar.


Lesen Sie dazu das IW-Policy Paper “Erhöhung der EEG-Kosten als Investitionshemmnis für stromintensive Unternehmen”.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11344-eeg-ohne-ausnahmen-fehlen-investitionen/feed/ 2
Grün ist nicht genug http://www.insm-oekonomenblog.de/11317-gruen-ist-nicht-genug/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11317-gruen-ist-nicht-genug/#comments Wed, 05 Mar 2014 14:47:14 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11317 Gerhard Schick: Machtwirtschaft – nein danke! Für eine Wirtschaft, die uns allen dient, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2014Gerhard Schick: Machtwirtschaft – nein danke! Für eine Wirtschaft, die uns allen dient, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2014

Ein Ende des Wachstums hält er für unverantwortlich. Eine absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch bleibt für ihn nur ein Traum. Was Gerhard Schick will, ist eine faire Wirtschaft, die der Gesellschaft und ihrer Entwicklung wirklich nachhaltig nutzt – so weit entfernt das Ziel, so sympathisch das Buch.

Ziemlich flott legt Schick los: Die Wirtschaft sei nicht mehr für die Menschen da, die  Bedürfnisse von uns allen würden kaum noch eine Rolle spielen. Das einzige, was  zähle, seien Macht und Geld. „Ich nenne diese Wirtschaftsordnung, in die wir eingebunden und der wir ausgesetzt sind, deshalb Machtwirtschaft“, schreibt der Autor. Gerhard Schick ist Politiker bei den Grünen, promovierter Volkswirt und zählt in seiner Partei zu den besten Experten in der Wirtschaftspolitik. Angesichts seiner starken Thesen, die er in seinem jetzt erschienenen Buch „Machtwirtschaft – nein danke!“ gegen die Macht der Daten, die Macht der Agrarkonzerne, die Macht der Mafia und die Macht der Finanzmärkte formuliert, könnte man meinen, Schick sei die männliche Inkarnation Sahra Wagenknechts. Das ist nicht der Fall.

Schick, der im Walter-Eucken-Institut und bei der Stiftung Marktwirtschaft gearbeitet hat, sieht sich als „überzeugter Marktwirtschaftler“: „Die Überlegenheit dezentraler Steuerung leuchtet mir ein. Freiheit und Selbstbestimmung sind mir wichtig.“ Auf die wirtschaftlichen Probleme und Zwänge unserer Zeit findet er „in den wissenschaftlichen Arbeiten des Ordoliberalismus die besten Antworten“.

Da ist es kein Wunder, dass er in seinem lesenswerten Werk rechts und links austeilt: „Mutti Staat kümmert sich – nur leider nicht um die Vielen, sondern um die Wenigen“, meint er. Die Konservativen seien für einen „Staat, der sich um die Oberschicht sorgt und in deren Interesse sehr wohl und sehr effizient die Dienste der zentralen Ordnungsmacht einspannt“. Den Linken wirft er ein taktisch falsches Verhalten vor: Sie reagierten häufig mit dem „reflexhaften Ruf nach mehr Staat, um ungerechte Marktergebnisse auszubügeln“. Das sei jedoch der völlig falsche Ansatz:  „Linke müssen viel früher ansetzen und die Regeln für den Markt so gestalten, dass er gerechtere Ergebnisse produziert.“

Grundsätzlich hält er die Gegenüberstellung von „links gleich staatsorientiert“ und „rechts gleich marktorientiert“ für nicht brauchbar. Schick stellt sich eine Wirtschaft vor, die nicht „darauf angelegt ist, wachsen zu müssen und dafür immer neue Bedürfnisse zu wecken“. Er fordert ein System, „in der man Gewinne machen kann, ohne Gegenleistung zu erbringen, die Kundinnen und Kunden so wie der Gesellschaft von Nutzen sind“.

Auch die Meinung der Optimisten aus seinen eigenen Parteireihen, die glauben, man müsse nur grüner wirtschaften und Wachstum und Nachhaltigkeit zu nachhaltigem und grünem Wachstum verbinden, teilt er nicht unbedingt. „Während relative Entkopplung, also ein Weniger an Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung pro Einheit des Bruttoinlandprodukts, durch technische Neuerungen tatsächlich stattfindet, sind wir weit davon entfernt, Ressourcenverbrauch und Emissionen absolut zu senken.“

Ebenso reiht er sich nicht in den Chor derjenigen ein, die Wohlstand ohne Wachstum proklamieren. „Ein Ende des Wachstums zu fordern, bei dem unser Wirtschaftssystem in seiner heutigen Verfasstheit in die Instabilität gleiten würde, wäre unverantwortlich“, erklärt Schick. Er will die Wachstumszwänge anders überwinden: Er setzt auf den Green New Deal – „kein grünes Konjunkturprogramm“, wie er meint, sondern ein „Projekt der Transformation“: Darin geht es um Neuregulierung der Finanzmärkte, den ökologischen Umbau der Wirtschaft und einen neuen sozialen Ausgleich in der Gesellschaft.

Das klingt gut. Und es klingt vor allem auch nach Parteiprogramm.

Individueller ist da schon seine Prognose, dass wir uns zukünftig auf eine wachstumsärmere Wirtschaft vorbereiten sollten. Eine solche Aussicht wird vor allem den Industrienationen kaum schmecken.

Sein Buch ist dennoch nicht bitter. Im Gegenteil. Es ist anregend. Auch für seine Gegner. Schon deswegen lohnt sich die Lektüre.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11317-gruen-ist-nicht-genug/feed/ 2
Kulturellen Wandel ankurbeln http://www.insm-oekonomenblog.de/11266-kulturellen-wandel-ankurbeln/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11266-kulturellen-wandel-ankurbeln/#comments Thu, 06 Feb 2014 08:26:54 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11266 Wachstumswahn- Was uns in die Krise führt, und wie wir wieder herauskommenChristine Ax / Friedrich Hinterberger: Wachstumswahn – was uns in die Krise führt – und wie wir wieder herauskommen, Ludwig Verlag, München 2013

Car-Sharing, Tauschbörsen,  Fahrrad fahren, mehr Familie – die Kriterien, die für die Wachstumsskeptiker Christine Ax und Friedrich Hinterberger ein besseres Leben ausmachen, sind alter Tobak. Von alten Ökoparolen sind die beiden Autoren dennoch weit entfernt. Nicht Verzicht, sondern Vereinfachung lautet die Parole. Geht es nach ihnen, wird die Zukunft gar nicht so schlecht.

Die Botschaft, dass wir lernen müssen, mit weniger Wachstum oder sogar ohne Wachstum zurechtzukommen, ist mittlerweile hoffähig. Die Anzahl der Publikationen, die uns erklären, wieviel Fleisch wir in Zukunft weniger essen, wieviel Kilometer wir mehr mit dem Fahrrad fahren oder wieviel Handys wir haben müssen, steigt von Monat zu Monat. Das nervt ein wenig. Gleichzeitig ist es aber wohl die beste Möglichkeit, eine in ihren Grundfesten richtige und über jede Ideologie hinausgehende Botschaft, langfristig zu platzieren: „Wir müssen unser Konsumverhalten überdenken.“

Das Buch „Wachstumswahn – was uns in die Krise führt und wie wir wieder herauskommen“ von Christine Ax und Friedrich Hintergeber fällt auch in diese Reihe der Apell- und Aufklärungsbücher – allerdings ohne den Duktus der moralischen Überlegenheit, der sonst vielen Büchern dieses Genres zu eigen ist. Im ersten Teil ihres Werkes beschreiben die Autoren die Entstehung von schnellem und gutem Wachstum der Wirtschaftswunderzeit in den 50er und 60er Jahren. Im zweiten Teil analysieren sie, was von dem Wachstum der bundesrepublikanischen Gründerzeit übriggeblieben ist. Im dritten Teil kommen sie zu den Szenarien, wie die Welt nach dem „Ende des Wachstumswahns“ aussehen könnte: eine zukunftsfähige Gesellschaft, der es immer noch gelingt, Arbeitsplätze zu schaffen, Bildung und Pflege zu organisieren, Armut zu bekämpfen und den Klimawandel zu stoppen.

So die schöne Theorie. Was aber wohl vor allem zählt: Den Autoren geht es nicht darum, auf Genuss, Spaß oder Komfort zu verzichten. „Es geht lediglich darum, ob wir nicht irgendwann genug haben und daher auch unsere Einkäufe anders organisieren können“, schreiben sie. Es sei ohne Verzicht möglich, sich gegen das „Diktat der Wertlosigkeit der Dinge“ zu stellen. Ihr Ideal: „Wenn es uns gelingt, unseren Lebensstil zu vereinfachen, können wir auch mit weniger Geld gut leben.“

Solche Überlegungen sind nicht neu. Und schnell wirken sie wie die Predigt am Sonntagmorgen – etwas abgehoben, etwas neunmalklug, etwas realitätsfremd; kaum vorstellbar, dass eine solche Umerziehung des Menschen zum Beispiel im Investmentbanking oder in den internationalen Handelssälen Gehör finden sollte. Doch kultureller Wandel beginnt für die Autoren im Kleinen. Auch deswegen setzen sie auf Ideen, die „unsere Kreativität ankurbeln sollen bei Überlegungen, was in Zukunft alles langsamer, anders, besser gehen könnte“. Darunter fallen dann Themen wie Fleischkonsumreduzierung, Car-Sharing, Tauschbörsen oder Bürgerhilfe.

Letztlich muss die Politik die Bedingungen schaffen. In ihrem Sieben-Punkte-Programm zeigen sich Ax und Hinterberger ziemlich eindeutig. Sie fordern von der Politik, den Ressourcenverbrauch zu verteuern und den Faktor Arbeit von Steuern und Abgaben zu entlasten. Sie setzen auf ein bedingungsloses Grundeinkommen, sie fordern eine Entschuldung der Staaten auf Kosten der Banken und des Finanzsystems und wünschen eine Neuvermessung des Wohlstands nach Ressourcenverbrauch, Bruttoinlandsprodukt und Lebensqualität.

Dass sie sich damit auf ziemlich dünnes Eis begeben, ist den Autoren bewusst. Wohl auch deswegen versuchen sie vorauseilend, ihren Kritikern die Argumente zu nehmen, indem sie am Endes Ihres Buches Ludwig Erhard aus seinem „Wohlstand für alle“ zitieren: „Wir werden sogar mit Sicherheit dahin gelangen, dass zu Recht die Frage gestellt wird, ob es noch immer richtig und nützlich ist, mehr Güter, mehr materiellen Wohlstand zu erzeugen, ober ob es nicht sinnvoller ist, unter Verzichtleistungen auf diesen Fortschritt mehr Freizeit, mehr Besinnung, mehr Muße und mehr Erholung zu gewinnen.“

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11266-kulturellen-wandel-ankurbeln/feed/ 0