INSM - ÖkonomenBlog, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) » Wachstum http://www.insm-oekonomenblog.de Welche Reformen braucht unser Land? Wie erreichen wir mehr Wachstum und Beschäftigung? Experten geben Antworten - diskutieren Sie mit! Thu, 24 Apr 2014 11:59:30 +0000 de-DE hourly 1 http://wordpress.org/?v=3.6 Die Suche nach dem dritten Weg http://www.insm-oekonomenblog.de/11428-die-suche-nach-dem-dritten-weg/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11428-die-suche-nach-dem-dritten-weg/#comments Tue, 15 Apr 2014 08:20:34 +0000 Dr. Martin Roos http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11428 Reiner Klingholz: Sklaven des Wachstums – die Geschichte einer Befreiung, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2014Reiner Klingholz: Sklaven des Wachstums – die Geschichte einer Befreiung, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2014

Eine Patentlösung für die Probleme, die das Wachstum mit sich bringt, gibt es nicht. Wir sind zu Sklaven des Wachstums geworden, meint Reiner Klingholz. Dass wir dennoch Chancen haben, der Wachstumsfalle zu entkommen, zeigt er in seinem neuem Buch: ein sprachlich gelungenes und analytisch herausragendes Werk frei von Stimmungsmache und Häme.

61 Prozent der Deutschen glauben nicht, dass ihre Lebensqualität steigt, weil das Wirtschaftswachstum zunimmt. Gleichzeitig meinen 93 Prozent der Befragten, dass wirtschaftliches Wachstum „wichtig“ oder sogar „sehr wichtig“ für die Lebensqualität einer Gesellschaft ist – so zumindest hat es die Bertelsmann-Stiftung herausgefunden. An dieser Haltung zeigt sich die absurd anmutende Lage, in der wir uns befinden. Selbst wenn wir weniger oder kein Wachstum wollten, ist den meisten bewusst, dass es ohne Wachstum nicht geht.

In seiner angenehm moderaten und ebenso unterhaltsamen wie gedankenscharfen Analyse zeigt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, in seinem neuen Buch „Sklaven des Wachstums – die Geschichte einer Befreiung“ Wege aus dem Joch des Wachstums. Auf rund 300 Seiten gelingt ihm eine Zeitreise des Wachstums – angefangen in der Neolithischen Revolution vor 10.000 Jahren bis in Szenarien des Jahres 2297, in dem die Weltbevölkerung die Vier-Milliarden-Grenze unterschritten und das Wirtschaftswachstum sich automatisch abgeschwächt hat. Die ungewollten Nebeneffekte des Wachstums, die das Leben heute aus unserem Planeten erschweren, wären in diesem Zukunftsszenario verschwunden.

Es ist eine freilich nicht zu beweisende „heile Welt“, die Klingholz hier bewusst überspitzt formuliert. Doch eines ist für ihn sicher: „Die nächsten 200 bis 300 Jahre werden bis zum Paradies der Nachhaltigkeit nicht ohne massive Krisen ablaufen.“ Wie krisenhaft sie tatsächlich werden, hänge allein von uns ab – und davon handelt sein Buch.

Um den „Kollateralschaden“ des Wachstums einzugrenzen, gibt es für ihn zunächst zwei Vorschläge. Erstens: Wir brauchen weiterhin Wachstum, müssen es aber so reformieren und durch grüne und effiziente Technologien erfolgreich machen, sodass möglichst viele Negativfolgen ausbleiben. Der zweite Vorschlag meint Suffizienz, „also weniger Arbeiten und mehr Freizeit genießen, Rügen statt Malediven, Grünkohl aus der Heimat statt Shrimps aus Vietnam“ wie Klingholz salopp formuliert.

Beide Vorschläge haben für ihn einen Haken. Auf die Effekte der Effizienz zu setzen, würde die dem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem „immanente Gier nach mehr“ auch nicht bremsen. Eine Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch könne mit grüner Technik allein nicht gelingen. Auch die Suffizienz-Lösung sei problematisch. Sie ist kein Modell „für jene fünf Milliarden Menschen, die erst in den Genuss einer ausreichenden Versorgung mit Gütern kommen wollen“, und sie würde in den Industrienationen das gesamte Gesellschaftssystem auf den Kopf stellen.
Letztlich bleibt für Klingholz nur eine Mischlösung aus beiden. Und diese wird uns in einigen Jahrhunderten rückblickend zu der Erkenntnis führen, dass wir vermutlich schon heute „längst an der Zeitenwende zum Postwachstum stehen“.

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Die vermessene Zahl http://www.insm-oekonomenblog.de/11363-die-vermessene-zahl/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11363-die-vermessene-zahl/#comments Tue, 18 Mar 2014 10:17:02 +0000 Dr. Martin Roos http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11363 1Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl – eine politische Geschichte des Bruttoinlandprodukts, Suhrkamp, Berlin 2013Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl – eine politische Geschichte des Bruttoinlandprodukts, Suhrkamp, Berlin 2013

Ein lesenswertes Buch ist Philipp Lepenies gelungen. „Die Macht der einen Zahl“ beschreibt die Geschichte und Bedeutung des Bruttoinlandprodukts (BIP). Zwar geht es nicht konkret auf aktuelle Diskussionen über neue Messungen von Wohlstand und sozialer Fortschritt ein, dennoch macht es deutlich, dass das BIP nur eine von vielen geeigneten Messgrößen der Zukunft ist.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist keine selbst erklärende Zahl wie die in ppm (parts per million) gemessene Fluorideffizienz von Zahncreme oder der Kalorienwert in Marzipanmasse. „Das BIP ist ein Phänomen“, beginnt Philipp Lepenies, Senior Fellow am Potsdammer Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS), sein unterhaltsames und rund 180 Seiten dickes Buch „Die Macht der einen Zahl“. Nur vordergründig würde das BIP das Maß der wirtschaftlichen Leistung einer Volkswirtschaft messen. Tatsächlich beruhe es aber nur auf „einer Interpretation dessen, was Leistung und was Volkswirtschaft heißt“. Letztlich resultiere die besondere Position des BIP aus seiner politischen Akzeptanz.
Lepenies Buch liefert keine umfassende Historie des BIP. Ausgangspunkt für seine Beschreibung ist zum einen die vom ehemaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy geäußerte Kritik über die Macht, die das BIP heute ausübt. Zum anderen ist es das Fehlen der historischen Perspektive in den Diskussionen über das BIP.

Um vor allem diese Lücke zu schließen und die wirtschaftspolitische Entwicklung des BIP zu verdeutlichen, hat sich Lepenies drei – und zugleich nicht unbedingt die bekanntesten – Forscher herausgesucht, deren Ziel es war, Zahlen in relevante Daten für Politik und Wirtschaft zu verwandeln: der Engländer Willam Petty (1623 bis 1687), der als Begründer der Volkseinkommensberechnung gilt; Colin Clark, der Chemiker, der nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 neue Grundlagen der BIP-Berechnung schuf; und schließlich der (Sowjet-)Russe Simon Kusnets, der ebenfalls eine systematische Berechnung von Volkseinkommen vorlegte und für den eher der Mensch und seine Wohlfahrt im Mittelpunkt des Wirtschaftens standen.
Lepenies Ausführungen zeigen schlüssig, dass die Rolle des BIP immer mit dem Wachstumsgedanken verbunden war. Auch die Kritik an BIP und an der Idee des unbegrenzten Wachstums haben die Diskussionen über die „eine Zahl“ stets begleitet. An ihrer zentralen Rolle hat das jedoch nichts geändert. Dass sie heute immer noch politisch akzeptiert wird, liegt für den Autor daran, dass sie „einen scheinbar objektiven, vermeintlich ideologie- und werturteilsfreien, auf nüchterne Zahlen basierenden Überblick über wirtschaftliche Prozesse“ bietet. Die Kriterien, mit denen das BIP erfasst und gemessen wird, seien transparent und nachvollziehbar.
Sich zum Gegner oder Befürworter des BIP machen, will sich Lepenies nicht. Zwar verweist er zu Anfang seines Werkes auf die Verwunderung, mit der Sarkozy dem BIP begegnete, leider setzt er sich jedoch nicht mit Positionen wie beispielsweise denen von Joseph Stiglitz und Amartya Sen auseinander, die seit einigen Jahren – und durchaus auf Anregung des damaligen französischen Staatspräsidenten – darüber forschen, wie sich Wohlstand und sozialer Fortschritt ohne Bruttoinlandsprodukt messen lässt. Stiglitz und Sen halten das BIP für eine Messgröße, die in keiner Weise ausreicht – vor allem angesichts der Tatsache, dass in den meisten Fällen ein großer Teil der Bürger nicht vom Wachstum seines Landes profitieren kann. Freilich registriert Lepenies, dass es verschiedene Ökonomen gibt, die anstelle des BIP eine andere statistische Messung der Wohlfahrt einer Gesellschaft etablieren wollen. Über deren Erfolgsaussichten schreibt er allerdings nichts. Er bleibt in seinem Buch ganz der historische Beobachter.
Einen Rat zum Schluss gibt er dennoch: Er empfiehlt BIP-Kritikern und -Apologeten, sich die Entstehung des BIP mit all seinen historisch bedingten Eigenheiten genau vor Augen zu führen. Für Lepenies steht fest: Das BIP ist zukünftig sicherlich nicht der einzige geeignete Lösungsansatz für die wirtschaftliche Vermessung der Welt. Gleichzeitig zeigt ihm die Erfolgsgeschichte des BIP, dass es schwer wird, in den nächsten Jahrzehnten den Siegeszug dieser einen Zahl zu brechen.

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EEG: Ohne Ausnahmen fehlen Investitionen http://www.insm-oekonomenblog.de/11344-eeg-ohne-ausnahmen-fehlen-investitionen/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11344-eeg-ohne-ausnahmen-fehlen-investitionen/#comments Wed, 12 Mar 2014 14:39:57 +0000 Dr. Hubertus Bardt http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11344 Die Investitionen der Industrie reichen nicht aus, um die Abschreibungen zu decken. Dies spiegelt die Unsicherheit über die Rahmenbedinungen in Deutschland wider.Die EU-Kommission prüft, ob die EEG-Ausnahmen für energieintensive Unternehmen in Deutschland rechtswidrig sind. Aber nicht nur in Brüssel, sondern auch hierzulande wird über die „Besondere Ausgleichsregelung“ kritisch diskutiert. Doch ohne Ausnahmen könnten die Folgen für die deutsche Wirtschaft erheblich sein.

Die Bundesregierung plant im Zuge der Reform des Erneuerbaren Energien Gesetzes (EEG) auch die Ausnahmeregelungen für bestimmte Unternehmen zu überarbeiten. Die Entlastung der energieintensiven Unternehmen von wesentlichen Teilen der EEG-Umlage wird für die steigende Belastung der privaten Haushalte mitverantwortlich gemacht. Mit der geplanten Reform des EEG, will man künftig deutlich weniger Unternehmen entlasten.

Ganz ohne die Industrie-Rabatte hätte die EEG-Umlage allerdings nur 1,35 Cent unter dem tatsächlichen Wert von 2014 gelegen. Bei einer Begrenzung der bisherigen Reduktion um ein Fünftel, was der von der EU-Kommission diskutierten Größenordnung nahe käme, würde die Umlage nur um 0,2 Cent sinken. Die Ersparnis eines Haushaltes läge bei 60 Cent im Monat.

Umgekehrt hätte dies für die bisher befreiten Unternehmen große Mehrbelastungen und erhebliche Risiken für den Arbeitsmarkt zur Folge. Schon heute ist die Lage für die energieintensiven Branchen ernst: Seit Jahren liegen die Investitionen unter dem Wert der Abschreibungen. In den Jahren seit 2000 hat sich eine Investitionslücke von rund 20 Milliarden Euro aufgestaut. Energiekosten erklären diese lang andauernde Entwicklung zwar nicht alleine, sie sind aber für die zukünftigen Investitionen von großer Bedeutung. Mit steigenden Strompreisen werden Investitionen verlagert oder zurückgestellt und damit Arbeitsplätze bedroht.

Die Energiewende kostet Geld, so viel steht fest. Man kann die Kosten unterschiedlich verteilen, doch dadurch verschwinden sie nicht. Die Industrie hat sich als bedeutender Stabilitätsanker erwiesen. Dies setzen wir aufs Spiel, wenn wir ihr noch höhere Kosten zumuten und dabei vergessen, darüber nachzudenken, wie wir den Ausbau der Erneuerbaren Energien in Zukunft effizienter gestalten. Denn wenn die industrielle Wettbewerbsfähigkeit verloren geht, wird die Energiewende unbezahlbar.


Lesen Sie dazu das IW-Policy Paper “Erhöhung der EEG-Kosten als Investitionshemmnis für stromintensive Unternehmen”.

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Grün ist nicht genug http://www.insm-oekonomenblog.de/11317-gruen-ist-nicht-genug/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11317-gruen-ist-nicht-genug/#comments Wed, 05 Mar 2014 14:47:14 +0000 Dr. Martin Roos http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11317 Gerhard Schick: Machtwirtschaft – nein danke! Für eine Wirtschaft, die uns allen dient, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2014Gerhard Schick: Machtwirtschaft – nein danke! Für eine Wirtschaft, die uns allen dient, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2014

Ein Ende des Wachstums hält er für unverantwortlich. Eine absolute Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch bleibt für ihn nur ein Traum. Was Gerhard Schick will, ist eine faire Wirtschaft, die der Gesellschaft und ihrer Entwicklung wirklich nachhaltig nutzt – so weit entfernt das Ziel, so sympathisch das Buch.

Ziemlich flott legt Schick los: Die Wirtschaft sei nicht mehr für die Menschen da, die  Bedürfnisse von uns allen würden kaum noch eine Rolle spielen. Das einzige, was  zähle, seien Macht und Geld. „Ich nenne diese Wirtschaftsordnung, in die wir eingebunden und der wir ausgesetzt sind, deshalb Machtwirtschaft“, schreibt der Autor. Gerhard Schick ist Politiker bei den Grünen, promovierter Volkswirt und zählt in seiner Partei zu den besten Experten in der Wirtschaftspolitik. Angesichts seiner starken Thesen, die er in seinem jetzt erschienenen Buch „Machtwirtschaft – nein danke!“ gegen die Macht der Daten, die Macht der Agrarkonzerne, die Macht der Mafia und die Macht der Finanzmärkte formuliert, könnte man meinen, Schick sei die männliche Inkarnation Sahra Wagenknechts. Das ist nicht der Fall.

Schick, der im Walter-Eucken-Institut und bei der Stiftung Marktwirtschaft gearbeitet hat, sieht sich als „überzeugter Marktwirtschaftler“: „Die Überlegenheit dezentraler Steuerung leuchtet mir ein. Freiheit und Selbstbestimmung sind mir wichtig.“ Auf die wirtschaftlichen Probleme und Zwänge unserer Zeit findet er „in den wissenschaftlichen Arbeiten des Ordoliberalismus die besten Antworten“.

Da ist es kein Wunder, dass er in seinem lesenswerten Werk rechts und links austeilt: „Mutti Staat kümmert sich – nur leider nicht um die Vielen, sondern um die Wenigen“, meint er. Die Konservativen seien für einen „Staat, der sich um die Oberschicht sorgt und in deren Interesse sehr wohl und sehr effizient die Dienste der zentralen Ordnungsmacht einspannt“. Den Linken wirft er ein taktisch falsches Verhalten vor: Sie reagierten häufig mit dem „reflexhaften Ruf nach mehr Staat, um ungerechte Marktergebnisse auszubügeln“. Das sei jedoch der völlig falsche Ansatz:  „Linke müssen viel früher ansetzen und die Regeln für den Markt so gestalten, dass er gerechtere Ergebnisse produziert.“

Grundsätzlich hält er die Gegenüberstellung von „links gleich staatsorientiert“ und „rechts gleich marktorientiert“ für nicht brauchbar. Schick stellt sich eine Wirtschaft vor, die nicht „darauf angelegt ist, wachsen zu müssen und dafür immer neue Bedürfnisse zu wecken“. Er fordert ein System, „in der man Gewinne machen kann, ohne Gegenleistung zu erbringen, die Kundinnen und Kunden so wie der Gesellschaft von Nutzen sind“.

Auch die Meinung der Optimisten aus seinen eigenen Parteireihen, die glauben, man müsse nur grüner wirtschaften und Wachstum und Nachhaltigkeit zu nachhaltigem und grünem Wachstum verbinden, teilt er nicht unbedingt. „Während relative Entkopplung, also ein Weniger an Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung pro Einheit des Bruttoinlandprodukts, durch technische Neuerungen tatsächlich stattfindet, sind wir weit davon entfernt, Ressourcenverbrauch und Emissionen absolut zu senken.“

Ebenso reiht er sich nicht in den Chor derjenigen ein, die Wohlstand ohne Wachstum proklamieren. „Ein Ende des Wachstums zu fordern, bei dem unser Wirtschaftssystem in seiner heutigen Verfasstheit in die Instabilität gleiten würde, wäre unverantwortlich“, erklärt Schick. Er will die Wachstumszwänge anders überwinden: Er setzt auf den Green New Deal – „kein grünes Konjunkturprogramm“, wie er meint, sondern ein „Projekt der Transformation“: Darin geht es um Neuregulierung der Finanzmärkte, den ökologischen Umbau der Wirtschaft und einen neuen sozialen Ausgleich in der Gesellschaft.

Das klingt gut. Und es klingt vor allem auch nach Parteiprogramm.

Individueller ist da schon seine Prognose, dass wir uns zukünftig auf eine wachstumsärmere Wirtschaft vorbereiten sollten. Eine solche Aussicht wird vor allem den Industrienationen kaum schmecken.

Sein Buch ist dennoch nicht bitter. Im Gegenteil. Es ist anregend. Auch für seine Gegner. Schon deswegen lohnt sich die Lektüre.

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Kulturellen Wandel ankurbeln http://www.insm-oekonomenblog.de/11266-kulturellen-wandel-ankurbeln/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11266-kulturellen-wandel-ankurbeln/#comments Thu, 06 Feb 2014 08:26:54 +0000 Dr. Martin Roos http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11266 Wachstumswahn- Was uns in die Krise führt, und wie wir wieder herauskommenChristine Ax / Friedrich Hinterberger: Wachstumswahn – was uns in die Krise führt – und wie wir wieder herauskommen, Ludwig Verlag, München 2013

Car-Sharing, Tauschbörsen,  Fahrrad fahren, mehr Familie – die Kriterien, die für die Wachstumsskeptiker Christine Ax und Friedrich Hinterberger ein besseres Leben ausmachen, sind alter Tobak. Von alten Ökoparolen sind die beiden Autoren dennoch weit entfernt. Nicht Verzicht, sondern Vereinfachung lautet die Parole. Geht es nach ihnen, wird die Zukunft gar nicht so schlecht.

Die Botschaft, dass wir lernen müssen, mit weniger Wachstum oder sogar ohne Wachstum zurechtzukommen, ist mittlerweile hoffähig. Die Anzahl der Publikationen, die uns erklären, wieviel Fleisch wir in Zukunft weniger essen, wieviel Kilometer wir mehr mit dem Fahrrad fahren oder wieviel Handys wir haben müssen, steigt von Monat zu Monat. Das nervt ein wenig. Gleichzeitig ist es aber wohl die beste Möglichkeit, eine in ihren Grundfesten richtige und über jede Ideologie hinausgehende Botschaft, langfristig zu platzieren: „Wir müssen unser Konsumverhalten überdenken.“

Das Buch „Wachstumswahn – was uns in die Krise führt und wie wir wieder herauskommen“ von Christine Ax und Friedrich Hintergeber fällt auch in diese Reihe der Apell- und Aufklärungsbücher – allerdings ohne den Duktus der moralischen Überlegenheit, der sonst vielen Büchern dieses Genres zu eigen ist. Im ersten Teil ihres Werkes beschreiben die Autoren die Entstehung von schnellem und gutem Wachstum der Wirtschaftswunderzeit in den 50er und 60er Jahren. Im zweiten Teil analysieren sie, was von dem Wachstum der bundesrepublikanischen Gründerzeit übriggeblieben ist. Im dritten Teil kommen sie zu den Szenarien, wie die Welt nach dem „Ende des Wachstumswahns“ aussehen könnte: eine zukunftsfähige Gesellschaft, der es immer noch gelingt, Arbeitsplätze zu schaffen, Bildung und Pflege zu organisieren, Armut zu bekämpfen und den Klimawandel zu stoppen.

So die schöne Theorie. Was aber wohl vor allem zählt: Den Autoren geht es nicht darum, auf Genuss, Spaß oder Komfort zu verzichten. „Es geht lediglich darum, ob wir nicht irgendwann genug haben und daher auch unsere Einkäufe anders organisieren können“, schreiben sie. Es sei ohne Verzicht möglich, sich gegen das „Diktat der Wertlosigkeit der Dinge“ zu stellen. Ihr Ideal: „Wenn es uns gelingt, unseren Lebensstil zu vereinfachen, können wir auch mit weniger Geld gut leben.“

Solche Überlegungen sind nicht neu. Und schnell wirken sie wie die Predigt am Sonntagmorgen – etwas abgehoben, etwas neunmalklug, etwas realitätsfremd; kaum vorstellbar, dass eine solche Umerziehung des Menschen zum Beispiel im Investmentbanking oder in den internationalen Handelssälen Gehör finden sollte. Doch kultureller Wandel beginnt für die Autoren im Kleinen. Auch deswegen setzen sie auf Ideen, die „unsere Kreativität ankurbeln sollen bei Überlegungen, was in Zukunft alles langsamer, anders, besser gehen könnte“. Darunter fallen dann Themen wie Fleischkonsumreduzierung, Car-Sharing, Tauschbörsen oder Bürgerhilfe.

Letztlich muss die Politik die Bedingungen schaffen. In ihrem Sieben-Punkte-Programm zeigen sich Ax und Hinterberger ziemlich eindeutig. Sie fordern von der Politik, den Ressourcenverbrauch zu verteuern und den Faktor Arbeit von Steuern und Abgaben zu entlasten. Sie setzen auf ein bedingungsloses Grundeinkommen, sie fordern eine Entschuldung der Staaten auf Kosten der Banken und des Finanzsystems und wünschen eine Neuvermessung des Wohlstands nach Ressourcenverbrauch, Bruttoinlandsprodukt und Lebensqualität.

Dass sie sich damit auf ziemlich dünnes Eis begeben, ist den Autoren bewusst. Wohl auch deswegen versuchen sie vorauseilend, ihren Kritikern die Argumente zu nehmen, indem sie am Endes Ihres Buches Ludwig Erhard aus seinem „Wohlstand für alle“ zitieren: „Wir werden sogar mit Sicherheit dahin gelangen, dass zu Recht die Frage gestellt wird, ob es noch immer richtig und nützlich ist, mehr Güter, mehr materiellen Wohlstand zu erzeugen, ober ob es nicht sinnvoller ist, unter Verzichtleistungen auf diesen Fortschritt mehr Freizeit, mehr Besinnung, mehr Muße und mehr Erholung zu gewinnen.“

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Armutszuwanderung ist die absolute Ausnahme http://www.insm-oekonomenblog.de/11218-armutszuwanderung-ist-die-absolute-ausnahme/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11218-armutszuwanderung-ist-die-absolute-ausnahme/#comments Thu, 23 Jan 2014 08:56:27 +0000 Prof. Dr. Thomas Straubhaar http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11218 Die Zuwanderer in Deutschland stammen vor allem aus EU Staaten und der Türkei.Die Angst vor der Zuwanderung in das deutsche Sozialsystem ist durch Fakten nicht zu begründen: Gerade einmal drei Prozent der EU-Bürger machen von der Freizügigkeit Gebrauch. Und: Unter den drei Prozent befinden sich vor allem gut ausgebildete Fachkräfte, die die Sozialkassen stärken.

Die aktuelle Diskussion um die Zuwanderung aus Osteuropa ist von einer Furcht vor dem Sozialtourismus geprägt, die gemessen an den Zahlen irrational ist: Von 550 Millionen Menschen in der EU leben gerade einmal 17 Millionen oder drei Prozent in einem anderen EU-Land als ihrem Heimatland. Vor allem vier Gründe bewegen die restlichen 97 Prozent, zu Hause zu bleiben:

  • Zu Hause „arm unter Armen“ zu sein ist leichter, als sich in der Fremde als „arm unter Reichen“ zu fühlen.
  • Aufgrund privater und sozialer Bindungen können viele ihren Alltag nicht aufgeben.
  • Die Erwartung, dass es in der Herkunftsregion ökonomisch bergauf geht, überwiegt.
  • Das ortsspezifische Know-how über die Infrastruktur, die Kultur und soziale Netzwerke müssen im Ausland mühsam neu aufgebaut werden – zu Hause hat man dieses Wissen bereits erworben

Wenn überhaupt, lohnt sich das Auswandern nur für qualifizierte Arbeitskräfte, die nur dann ins Ausland gehen, wenn sie bereits ein Job-Angebot in der Tasche haben. Ihre Beschäftigung stärkt die Sozialkassen des Ziellandes. Das gilt auch für die rumänische und die bulgarische Bevölkerung, von denen die rumänische vergleichsweise häufiger auswandert als andere Europäer. Viele Osteuropäer  leben in Deutschland, die wenigsten bleiben ohne Arbeit. Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zufolge haben Bulgaren und Rumänen zuletzt gerade einmal 0,6 Prozent der jährlichen Gesamtausgaben für Hartz-IV-Leistungen beansprucht.

Die innereuropäische Wanderung ist von der Nachfrage nach Arbeitskräften getrieben. Die Angst vor dem Sozialtourismus zeigt sich vor diesem Hintergrund als ein weiteres Beispiel dafür, wie einer uninformierten Öffentlichkeit Einzelschicksale als Massenbedrohung verkauft werden können.


Dieser Beitrag ist in einer längeren Fassung auf Welt.de erschienen.

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Energiepolitischer Kontrollverlust http://www.insm-oekonomenblog.de/11186-energiepolitischer-kontrollverlust/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11186-energiepolitischer-kontrollverlust/#comments Tue, 14 Jan 2014 13:34:28 +0000 Dr. Hubertus Bardt http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11186 Vor allem im Sommer wird Ökostrom subventioniert.Noch nie war die EEG-Umlage für Stromkunden so teuer wie im vergangenen Jahr. Auch der Vorstoß für eine kreditfinanzierte Energiewende wird kein Ende der Rekorde bringen: Reformen würden aufgeschoben und die Kostenentwicklung weiter nicht unter Kontrolle gebracht.

Rund 240 Euro hat jeder Bundesbürger im 2013 für die Ökostromumlage bezahlt. Die Förderumlage für Erneuerbare Energien erreichte mit 19,4 Milliarden Euro eine Rekordhöhe, weil der Ökostrom an der Börse nur 2 Milliarden Euro wert war. Insgesamt zahlten Haushalte und Unternehmen inklusive Stromsteuer und weiterer Abgaben 21,8 Milliarden.

Um die immer weiter steigende Belastung der Stromkunden und damit den wachsenden Widerstand gegen die Energiewende zu begrenzen, brachte Bayerns Wirtschaftsministerin jetzt ein Konzept in die Debatte ein, das unter anderem vorsieht, die Kosten künftig mit Krediten zu finanzieren. Die Verbraucher würden demnach künftig einen Festbetrag zum Ausbau der erneuerbaren Energien zahlen, der sich an ihrem Stromverbrauch orientiert. Der darüber hinausgehende Finanzbedarf soll über den Kapitalmarkt beschafft werden. Die Schulden dafür müssten die Verbraucher dann über Jahre zurückzahlen.

Oberstes Ziel einer Reform des EEG muss die Begrenzung der Kosten sein. Mehr Wettbewerb durch Streichung z.B. der Festpreis-Abnahmegarantie ist dafür Voraussetzung.  Gelingt dies, muss im nächsten Schritt überlegt werden, wie man mit den alten Kosten umgeht. Ein Neustart, bei dem Altlasten in einen staatlichen Fonds überführt werden, kann dabei hilfreich sein. Wenn aber die laufenden Zahlungen schuldenfinanziert werden, achtet niemand mehr auf die Kosten. Weder die Parlamente noch die Verbraucher werden auf Effizienz in der Förderung drängen, wenn die Kosten einfach auf spätere Zahler übertragen werden.

Es spricht einiges dafür, die Kosten der Energiewende zumindest teilweise über die öffentlichen Haushalte und damit über Steuern zu finanzieren. Eine reine Verschiebung in unkontrollierte Schulden würde uns aber nicht weiterführen.

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Gefangen in der Niedrigzins- und Exportfalle http://www.insm-oekonomenblog.de/11180-gefangen-in-der-niedrigzins-und-exportfalle/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11180-gefangen-in-der-niedrigzins-und-exportfalle/#comments Mon, 13 Jan 2014 15:29:58 +0000 Prof. Dr. Gunther Schnabl http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11180 Der deutsche Export boomt und sorgt im europäischen Binnenmarkt regelmäßig für Ärger. Vor allem die Krisenstaaten hätten darunter zu leiden. Wie berechtigt ist die Kritik am deutschen Geschäftsmodell?

Seit Ausbruch der Eurokrise steht Deutschland wegen seiner Handelsbilanzüberschüsse am Pranger. Die hohen Überschüsse gehen zu Lasten der Krisenstaaten, heißt es. Auch im vergangenen Jahr ist der Wert der exportierten Waren und Dienstleistungen weiter gewachsen und hat im November die 1-Billion-Euro-Marke überschritten. Mit dem Handelsbilanzüberschuss ist ebenfalls die Kritik aus dem Ausland gewachsen.

Theoretisch gilt: Handelsbilanzüberschüsse sind das Ergebnis privater Konsum-, Spar- und Investitionsentscheidungen, die dezentral getroffen werden. Sie spiegeln unterschiedliche Präferenzen bezüglich heutigem und zukünftigem Konsum in einzelnen Volkswirtschaften wider. Richtig ist aber auch, dass die restriktive Haushaltspolitik Deutschlands gepaart mit der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank seit der Jahrtausendwende ihren Teil zu den exzessiv hohen Überschüssen beigetragen hat.

Seit der Jahrtausendwende war in Deutschland durch öffentliche Ausgabenzurückhaltung und Restrukturierungen im Unternehmenssektor die Nachfrage nach Kapital gering, während die Europäische Zentralbank (EZB) durch Zinssenkungen die Kreditvergabe begünstigte. Die wachsenden deutschen Sparüberschüsse flossen über deutsche Banken ins Ausland ab. Die Kredite wurden insbesondere in den späteren europäischen Krisenländern und den USA zum Kauf deutscher Güter genutzt. So konnte der deutsche Export seit der Jahrtausendwende einen Rekord nach dem anderen erklimmen.

Dies hat zwar Arbeitsplätze geschaffen, aber die Anlage der deutschen Ersparnisse im Ausland war risikoreich. Denn die deutschen Ersparnisse haben beflügelt von billigem Zentralbankgeld spekulative Blasen und Konsum angeheizt. Mit dem Platzen dieser Blasen wurde ein Großteil der deutschen Ersparnisse entwertet – bis heute mind. 426 Milliarden Euro. Viele Banken, insbesondere Landesbanken, mussten durch Steuergelder und billige Liquidität der Europäischen Zentralbank gerettet werden.

Es ist ein Teufelskreis: Denn die erneute Liquiditätsausweitung der EZB gepaart mit einer weiterhin vergleichsweise restriktiven deutschen Finanzpolitik, erhält die deutschen Kapitalabflüsse und damit Handelsüberschüsse aufrecht. Zwar haben die Reformen in den Krisenländern Konsum, Importe und damit deren Handelsbilanzdefizite drastisch reduziert, doch werden die deutschen Kapitalexporte nun insbesondere nach Frankreich, USA und Großbritannien umgeleitet.

In Frankreich dämpfen die Kapitalzuflüsse vor allem den Reformeifer. Das Land zeigt bereits ähnliche Strukturmerkmale wie die Euro-Krisenländer vor der Krise. Wohin die deutschen Ersparnisse von den New Yorker und Londoner Kapitalmärkten aus fließen, ist ungewiss. Doch zeichnet sich eine Blase auf den globalen Aktienmärkten und den Märkten für oft risikoreiche Unternehmensanleihen ab. Die Gefahr neuer Verluste für deutsche Banken und Sparer steigt. 2013 wurden ca. 126 Milliarden Euro ins Ausland geschafft, die im Fall einer Krise eher als Transfer als als Kredit zu betrachten sind. Für 2014 wird voraussichtlich eine ähnliche Summe ins Ausland fließt.

Der Ausweg führt nur über höhere Leitzinsen der EZB, die das Risiko der spekulativen Blasen auf den globalen Finanzmärkten reduzieren würden. Da dies mit Blick auf die Wirtschaftslage in den Eurokrisenländern politisch unmöglich erscheint (Niedrigzinsfalle), können die deutschen Ersparnisse als zweitbeste Lösung nur über vermehrte staatliche Investitionen gesichert werden. Die Sanierung von Straßen, der Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes für Züge oder die Sanierung von Stadtkernen nach französischem Muster würden dem deutschen Sparer und Steuerzahler langfristig Nutzen stiften.

Dem stehen jedoch die Prinzipien deutscher Sparsamkeit und der verschärften europäischen Schuldenüberwachung gegenüber. In einer Welt im Überfluss verfügbarer Zentralbankliquidität scheint das Verfeuern deutscher Ersparnisse deshalb das einzig politisch mögliche Wachstumsmodell – auch wenn es für eine alternde Gesellschaft wenig sinnvoll erscheint (Exportfalle). Vielmehr könnte es die bessere Lösung für die Kritiker deutscher Handelsüberschüsse sein. Denn würden beispielsweise in Frankreich die deutschen Kapitalzuflüsse ausbleiben, würde das Land wie die heutigen Krisenländer in die Austerität gestürzt.


Eine auführlichere Analyse können Sie hier downloaden.

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Wir steigern die Bruttonationalbandbreite http://www.insm-oekonomenblog.de/11169-wir-steigern-die-bruttonationalbandbreite/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11169-wir-steigern-die-bruttonationalbandbreite/#comments Fri, 10 Jan 2014 11:37:37 +0000 Dr. Martin Roos http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11169 http://img.welt.de/img/literarischewelt/crop123527488/1565352507-ci3x2s-w220-ai2x3l/Knappheit-2-.jpgSendhil Mullainathan / Eldar Sharif: Knappheit – was es mit uns macht, wenn wir zu wenig haben, Campus-Verlag, München 2013

Ob Mangel an Geld, Zeit oder Intelligenz – die Knappheit ist eine Grunderfahrung, die unsere gesamte Aufmerksamkeit fesselt. Knappheit erzeugt noch stärkere Knappheit. Die Autoren erklären die Psychologie der Knappheit, wie sie auf das Wirtschaftswachstums wirkt, und wie es gelingt, dass unser Geld nicht mehr zerrinnt.

Es ist eine neue Wissenschaft – die Wissenschaft der Knappheit: kaum erforscht und doch nun zum ersten Mal ausführlicher in einem Werk behandelt. Auf 265 Seiten beschreiben Sendhil Mullainathan , Ökonom aus Harvard, und Eldar Shafir, Psychologe aus Princeton, aufschlussreich und unterhaltsam die Logik der Knappheit: Für die Autoren kommt es vor allem darauf an, wie wir Knappheit wahrnehmen und was wir aus ihr machen. Egal ob Geld, Zeit, Liebe oder Übergewicht – unser „Denken richtet sich automatisch und unwiderstehlich auf die unerfüllten Bedürfnisse”, meinen die Forscher. Jeder beschäftigte sich fast ausschließlich mit der Sache, die er als knapp empfinde. Dieser Reflex kann zunächst ein Vorteil sein: Bei Zeitnot oder immer näher rückender Deadline macht man sich fokussierter ans Werk; bei Geldmangel verhalten sich viele zunächst einmal rationaler oder sparsamer.

Der Nachteil: Die Knappheit macht uns auch „weniger einfühlsam und verständnisvoll. Wir denken weniger voraus und handeln unkontrollierter“, schreiben die beiden Autoren. Wer sich nur auf eine einzige Sache fixiert und den Tunnelblick einnimmt, wird in diesem einen Bereich möglichweise aufmerksamer, doch er verliert die Fähigkeit, über andere wichtige Dinge nachzudenken. Weil Knappheit unsere mentale Aufmerksamkeit verbraucht und damit unsere geistige und physische „Bandbreite“ erheblich einschränkt, ist es sehr schwer, der Knappheit zu entkommen. Mullainathan beschreibt es am Beispiel von armen Menschen: Sie seien keineswegs dümmer als Reiche, sie hätten allerdings enorme Probleme mit den jeweils verfügbaren mentalen Ressourcen. Er vergleicht sie mit einem Computer, der eigentlich schnell ist, nun aber unglaublich langsam läuft. Der Grund: Der Computer stockt, weil er im Hintergrund permanent eine große Videodatei hoch lädt.

Das Phänomen der Bandbreite übertragen die Autoren auch auf die Gesellschaft: Während Wissenschaftler eher die materiellen Merkmale der Knappheit wie Arbeitslosigkeit, Wachstum oder Umsatz messen, wissen sie fast nichts über die kognitive Seite der Ökonomie. „Ähnlich wie unsere eigene Bandbreite fluktuiert wahrscheinlich auch die Bandbreite der Gesellschaft. Könnte es sein, dass die ökonomische Rezession von 2008 auch eine tiefgreifende kognitive Rezession zur Folge hatte – vielleicht verengte sich die Bandbreite signifikant?“, fragen sich die Autoren. Was wäre, wenn beispielsweise während der Zunahme der Arbeitslosigkeit die Qualität der Entscheidungen abnahm?

Für die Autoren ist Bandbreite eine Schlüsselressource. Die Produktion, die das wirtschaftliche Wachstum vorantreibt, beruht für sie entscheidend auf der „Bandbreite“. „Arbeiter müssen effektiv arbeiten. Manager müssen kluge Investitionsentscheidungen fällen. Studenten müssen lernen, um Humankapital auszubilden.“ All das erfordere Bandbreite, und es sei durchaus möglich, „dass ein gegenwärtiger Abfall der Bandbreite die zukünftige Produktion verringert“.

Da es rückwirkend zu spät ist, die Krise der vergangenen Jahre aus dieser Perspektive zu betrachten, schlagen die Autoren vor, solche Daten für zukünftige Boom- und Krisenzeiten zu erheben: „Warum nicht eine Bruttnationalbandbreite messen?“

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Seien wir auf der Hut! http://www.insm-oekonomenblog.de/11160-seien-wir-auf-der-hut/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11160-seien-wir-auf-der-hut/#comments Sat, 04 Jan 2014 07:21:57 +0000 Oswald Metzger http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11160 Die führenden Konjunkturforscher sehen optimistisch ins Jahr 2014.Die konjunkturellen Stimmungsbarometer zeichnen für Deutschland ein positives Bild. Mehr Wachstum, mehr Beschäftigung und steigende Löhne. Doch Vorsicht ist angebracht. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall.

„Wird‘s besser? Wird’s schlimmer?“ fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich. (Erich Kästner)

Angesichts der Fülle von Konjunkturprognosen und gesellschaftlichen Stimmungsbildern, die zum Jahresbeginn traditionell produziert werden und die heuer erstaunlich positiv ausfallen, ist Erich Kästners nachdenklicher Zweizeiler eine kleine, wenngleich sarkastische Mahnung vor zu viel Übermut. In Deutschland, der vermeintlichen ökonomischen Insel der Seligen, spekulieren viele auf eine ordentliche wirtschaftliche Entwicklung. Die stabile respektive anziehende Konjunktur in den Schwellenländern und in Nordamerika soll es für die deutsche Exportindustrie wieder einmal richten. Denn angesichts der fragilen Reformbestrebungen und der weiter steigenden Verschuldung in vielen Ländern Europas ist hier kein positiver Stimulus für die ökonomische Entwicklung zu erwarten. Die oft mehr herbeigeschriebene als reale Kauffreude der deutschen Verbraucher ist außerdem nicht die Folge eines soliden Einkommenszuwachses, sondern eher der Bestrafung des Sparens durch negative Realzinsen und der Flucht in Sachwerte geschuldet. Die überschäumenden Rallyes an vielen Börsenplätzen der Welt sind ebenso weniger der Realwirtschaft als der grenzenlosen Billigstliquidität geschuldet, die von den Notenbanken in das Geldsystem gepumpt wird.

Es ist verrückt: Obwohl zum ökonomischen Einmaleins der Grundsatz gehört, dass Sparen und Investieren die zwei Seiten einer Medaille sind, klingt der Grundsound im Finanzmarkt, aber auch in Teilen der Politik ganz anders. Konsumiert auf Teufel komm raus! Sparen war gestern, obwohl der demographische Wandel nicht nur in Europa nach mehr Vorsorgesparen geradezu schreit. Verschuldet euch, die Kreditzinsen sind ja legendär niedrig. Kauft endlich Aktien, egal wie hoch die Einstiegskurse inzwischen auch immer sein mögen.

Kurzum: Verhaltet euch genauso dämlich, wie sich die Lemminge an den Märkten in den beiden letzten Jahren vor dem Crash 2008 verhalten haben. Der Absturz kam, vernichtete echtes wie virtuelles Vermögen. Vor allem die Realwirtschaft, die Sparer und die Steuerpflichtigen zahlten und bezahlen noch heute die Zeche.

Dazu kommt in Deutschland das politische Risiko der Großen Koalition: Auf Strukturreformen bei der Pflege- und Krankenversicherung wird verzichtet. Strukturelle Einsparvorschläge für die öffentlichen Haushalte sucht man vergebens. Dafür gibt es neue Frühverrentungsanreize, die aber Gift für die Sozialsysteme und den Arbeitsmarkt sind. Der jahrelange Beschäftigungsaufbau wird massiv bedroht durch neue Markteintrittsbarrieren (Mindestlohn, Rechtsansprüche auf Teilzeit etc.). Die Leichtfertigkeit der Politik, gerade in Zeiten dieser GroKo, kann brandgefährlich für die ökonomische Entwicklung im Jahr 2014 werden. Seien wir auf der Hut!

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