INSM - ÖkonomenBlog, Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) » Wachstum http://www.insm-oekonomenblog.de Welche Reformen braucht unser Land? Wie erreichen wir mehr Wachstum und Beschäftigung? Experten geben Antworten - diskutieren Sie mit! Sat, 18 Apr 2015 06:26:48 +0000 de-DE hourly 1 Schnöde Profiteure bleiben die größte Gefahr http://www.insm-oekonomenblog.de/12268-schnoede-profiteure-bleiben-die-groesste-gefahr/ http://www.insm-oekonomenblog.de/12268-schnoede-profiteure-bleiben-die-groesste-gefahr/#comments Wed, 15 Apr 2015 09:38:40 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=12268 weiterlesen]]> Peer Steinbrück: Vertagte Zukunft – die selbstzufriedene Republik, Hoffmann und Campe, Hamburg 2015

Wieder legt Peer Steinbrück eine Mischung aus SPD-Kritik, Selbstkritik und Medienschelte vor. Das hat er schon vor fünf Jahren bei seinem letzten Bestseller „Unterm Strich“ getan. Dennoch bietet Steinbrücks Gedankenwelt einen hochinteressanten Einblick hinter die Kulissen der Macht – und gibt einige überraschende Ansichten des Fast-Kanzlers preis: So wünscht er sich eine Debatte über einen neuen Verfassungsprozess für Europa.

Peer Steinbrück: Vertagte Zukunft – die selbstzufriedene Republik, Hoffmann und Campe, Hamburg 2015Der Ex-Kanzlerkandidat kann schreiben. Keine Frage. Und der Mann ist wie immer: ein Verkünder seiner selbst und Entwickler zielgenauer Pointen. Geistreich, selbstbewusst, selbstkritisch und ebenso kokett – das macht die Marke Steinbrück aus. Dass sein neues Buch „Vertagte Zukunft – die selbstzufriedene Republik“ auch eine Abrechnung mit der SPD ist, mag Lesern mit Sinn für Häme und Klatsch gefallen. Besonders wichtig ist es aber nicht. Denn das kritische Verhältnis Steinbrücks zu seiner Partei ist nicht neu – und war auch ein entscheidender Grund für Steinbrücks Scheitern als Kanzlerkandidat. Natürlich ist es leicht für einen Mann, der aus dem Politzirkus mehr oder weniger raus ist, sich über die anderen zu mokieren – die beste Diagnose stellt immer der Pathologe. Dennoch ist Steinbrücks Buch voll von querbürstigen und manchmal recht steilen Aussagen zur aktuellen Politik. Allein darum lohnt sich ein Blick in sein lesenswertes Werk.

Die Finanzkrise ist nicht vorbei – sie schläft nur

Strukturell geht es um vier große Themen: Globalisierung, Finanzmärkte, die digitale Revolution und Russlands Rückfall in die chauvinistische Machtpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts („Europa darf sich davon nicht beeindrucken lassen“). Zunächst listet Steinbrück auf, warum die Wahl 2013 verloren ging (Selbsttäuschung, Koketterie, falsche Themen, Identifizierung mit der Partei), stellt die aktuelle große Koalition kritisch auf den Prüfstand, beklagt den Stil der Medien, die angeblich nicht mehr zwischen wichtigen und unwichtigen Meldungen unterscheiden können, bedauert den Verfall des Vertrauens zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und resümiert, dass unser Wohlstand heute auf dünnem Eis steht: „Die Finanzkrise ist nicht vorbei. Sie schläft nur. Wie tief, ist unklar.“ Für den Finanzmann Steinbrück stellen nicht Szenarien wie „Bankenzerschlagung“, „Verstaatlichung“ oder „Devisenbewirtschaftung“ die größte Gefahr für die soziale Marktwirtschaft dar, sondern es sind nach wie vor die „schnöden und vulgären Profiteure“ der Finanzbranche, „die Maß und Mitte, Gemeinwohl und Fairness für romantische Anwandlungen halten und deren Gier größer ist als ihr Selbsterhaltungstrieb“.

Gefahr droht auch durch die digitalen Kommunikations- und Interaktionsmöglichkeiten – und zwar in punkto Datensicherheit, politische Einflussnahme und Marktkapitalisierung durch die Internetgiganten. Der „digitale Kapitalismus“ braucht Regeln, sagt Steinbrück, und zwar auf europäischer und internationaler Ebene.

Steuern erhöhen – Soli abschaffen

Für die Modernisierung Deutschland hat er zwei Schlüsselthemen im Anschlag: Bildung und Integration. Damit sie finanziert werden können, wird es für Steinbrück ohne Steuerhöhungen nicht gehen. „Ohne sie werden viele Stellschrauben nicht bedient werden können, die den Weg in eine sichere Zukunft weisen.“ Zur Verbesserung der öffentlichen Einnahmen legt er einen Zehn-Punkte-Plan vor, zu dem er allerdings ein von Politik zurzeit heiß diskutiertes Instrument nicht zählt: „Ich bin gegen eine Integration des Soli in den Einkommenssteuertarif. Ich bin für seine Abschaffung. Das hat auch etwas mit der Verlässlichkeit der politischen Ankündigung zu tun, dass er nach Auslaufen des Solidarpaktes mit den ostdeutschen Ländern 2019 abgeschafft wird.“

Was Europas Zukunft, seine Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit angeht, stellt er den Kontinent vor die Alternative: „Rückfall in nationale Egoismen oder fortschreitende Integration durch Übertragung souveräner Rechte auf gemeinsame Institutionen und Stärkung ihrer demokratischen Legitimation.“ Für Steinbrück ist es von entscheidender Bedeutung, dass es der Politik wieder gelingt, den Bürgern zu vermitteln, was Europa bedeutet und welchen Nutzen es für sie hat. Dazu würden aber allein Appelle und Reminiszenzen an kulturelle Gemeinsamkeiten nicht ausreichen. Steinbrück greift in die Wunde der europäischen Gemeinschaft: Die EU müsse endlich über Sinn und Unsinn seiner Verfassung nachdenken. Er wünscht sich eine Debatte über den Verfassungsprozess – „gemeinsam mit vielleicht zwei oder drei Partnern in Europa, unter Beteiligung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen, von Intellektuellen und Künstlern bis hin zu Vertretern von Nichtregierungsorganisationen“. Eine solche Debatte könne neue Perspektiven eröffnen und aus dem EU-Jammertal des Streites um Posten und Geld wieder herausführen, meint Steinbrück.

Insolvenzverfahren für gescheiterte Euro-Staaten

Eine gute und wünschenswerte Idee – doch gerade aktuell angesichts der Griechenlandkrise zeigt sich, welche Schwierigkeiten Europa hat, gemeinsam Lösungen zu finden. Und säße Steinbrück heute am Regierungsruder, würde er zurzeit einen eher einsamen Kurs fahren. Denn: Für ihn darf es „keine bedingungslose und unendliche Solidarität mit Euro-Staaten geben […], denen langfristig die Möglichkeiten fehlen, in der Währungsunion auf eigenen Beinen zu stehen“. Er hält „ein geordnetes und rechtlich geregeltes Verfahren zum Austritt aus der Währungsunion für richtig“. Und: So wie es ein Abwicklungsverfahren für gescheiterte Banken gibt, sollte es auch ein geordnetes Insolvenzverfahren für scheiternde Euro-Staaten geben – „damit nicht die ganze Währungsunion ins Wanken kommt“. Klare Worte. Und sicherlich provokante. Schon gar von einem Sozialdemokraten. Allerdings auch nicht ganz neue. Schon vor zehn Jahren hat der Internationale Währungsfond (IWF) ein internationales Staatsinsolvenzverfahren vorgeschlagen.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/12268-schnoede-profiteure-bleiben-die-groesste-gefahr/feed/ 0
Heute den Wohlstand von morgen sichern http://www.insm-oekonomenblog.de/12153-heute-den-wohlstand-von-morgen-sichern/ http://www.insm-oekonomenblog.de/12153-heute-den-wohlstand-von-morgen-sichern/#comments Tue, 24 Mar 2015 17:39:39 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=12153 weiterlesen]]> Deutschland geht es so gut wie lange nicht mehr. Doch die positive wirtschaftliche Entwicklung ist kein Grund für eine Reformpause: Jetzt ist die Zeit, um die Stärken unseres Standortes auszubauen und die Schwächen anzugehen.

Eine Reihe von Reformen und Anstrengungen haben uns den Wohlstand verschafft, von dem wir in Deutschland heute zehren. Die deutsche Volkswirtschaft hat nicht nur die Eurokrise so gut überstanden wie sonst keine in Europa. Sie bietet auch so viele Arbeitsplätze wie nie zuvor, während das BIP pro Kopf zu den höchsten der Welt zählt und die öffentlichen Haushalte ausgeglichen sind.

Unser Wohlstand ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis traditioneller Stärken. Dazu gehört ein dichtes Netzwerk innovativer und exportorientierter Unternehmen, die zusammen ganze Wertschöpfungsketten abbilden. Diese Arbeitsteilung funktioniert auch deshalb, weil die Industriestandorte über eine gut ausgebaute Infrastruktur verbunden sind. Aber auch die Fachkenntnisse der Mitarbeiter sind ein Erfolgsfaktor: Mit den Begriffen deutsche Ingenieurskunst und duale Ausbildung ist die oft gute Qualifikation deutscher Arbeitnehmer weltweit bekannt.

Hinter all diesen Faktoren steht eine Wirtschaftsordnung, die sich an den Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft orientiert: Offene Märkte, die Sicherung des Wettbewerbs, ein hohes Maß an Rechtssicherheit und die Kombination aus unternehmerischer Freiheit und sozialem Ausgleich haben unser Wohlstandsmodell geprägt.

Wohlstand muss aber durch Innovation und laufende Verbesserungen stetig neu erarbeitet werden. Das gilt auch für die politischen Rahmenbedingungen. Hier gibt es Handlungsbedarf: Seit längerem investieren Unternehmen nur zurückhaltend – ein Hinweis auf verschlechterte Standortbedingungen.

Ein Blick auf die Ursachen zeigt, wie die gegensteuern kann. So hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln in seiner letzten Konjunkturumfrage 2.900 Unternehmen nach Investitionshemmnissen gefragt. 52 Prozent nannten weltwirtschaftliche Unsicherheit, 45 Prozent die schwache Entwicklung des Euroraums. 48 Prozent der Unternehmen fühlen sich aber auch durch inländische Regulierungen gehemmt. Wirtschafts- und sozialpolitische Maßnahmen wie die Rentenreform, der Mindestlohn oder die diskutierte Verschärfung der Regeln für Zeitarbeit und Werkverträge haben die Beurteilung der Standortbedingungen verschlechtert. Ein weiteres Investitionshindernis sind die hohen Energie- und Arbeitskosten.

Dass es uns auch weiterhin gut geht ist nicht selbstverständlich. Gerade jetzt ist es Zeit, mit geeigneten Reformen die Wettbewerbsfähigkeit und den Wohlstand für die Zukunft zu sichern. Die Politik muss deshalb weitere Kostensteigerungen verhindern und Kostenspitzen senken. Sie muss konsequent Bürokratie und Vorschriften abbauen. Und sie muss dafür Sorge tragen, dass Kapitalinvestitionen Wachstum schaffen können. Das gelingt nur mit einer soliden Fachkräftebasis, einer leistungsfähigen digitalen Infrastruktur und einem möglichst freien internationalen Handel.


Wie bleibt Deutschland stark? Eine ausführliche Analyse finden Sie in einer Standortexpertise des IW Köln im Auftrag der INSM.

Keinen Ökonomen-Blog-Post mehr verpassen? Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter, abonnieren Sie unseren RSS-Feed oder unseren Newsletter.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/12153-heute-den-wohlstand-von-morgen-sichern/feed/ 4
Innovationstreiber Digitalisierung – Ungenutztes Potenzial http://www.insm-oekonomenblog.de/12083-innovationstreiber-digitalisierung-ungenutztes-potenzial/ http://www.insm-oekonomenblog.de/12083-innovationstreiber-digitalisierung-ungenutztes-potenzial/#comments Mon, 16 Mar 2015 14:08:26 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=12083 weiterlesen]]> Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) gewinnen für den Industriestandort Deutschland und seine Wettbewerbsfähigkeit mehr und mehr an Bedeutung. Insgesamt 36 Prozent der Industrieunternehmen hierzulande haben seit Anfang 2013 Innovationen eingeführt, für die IKT ausschlaggebend waren. Doch sind die Innovationspotenziale, die sich aus neuen Anwendungen wie Big Data, Cloud Computing oder Industrie 4.0 ergeben, noch stark ausbaufähig. Vor allem, wenn die Bundesrepublik auf diesem Gebiet in Zukunft international Schritt halten will.

Schon seit Jahren genießen IKT den Ruf als Innovationstreiber. Sie digitalisieren Produkte, Dienste und Prozesse und sind Grundlage für neue Geschäftsmodelle. Obwohl diese Erkenntnis nicht neu ist, erfährt die Digitalisierung seit etwa zwei Jahren erheblichen Aufwind. Quelle dieses Schwungs sind die zunehmende Leistungsfähigkeit der IKT als Treiber der Digitalisierung und die Vernetzung, die es ermöglicht, einzelne digitale Insellösungen miteinander zu verbinden und konzertiert einzusetzen.

Technologie

Informationen sind seit je her Grundlage für Entscheidungen. Doch ist es mit Big Data möglich Informationen aus Daten großen Umfangs, unterschiedlicher Quellen und in Echtzeit zu destillieren und auszuwerten, um gezielt Entscheidungen über Materialbestellungen, Produktionsprozesse oder Werbemaßnahmen zu treffen. Daten in einem lokalen Rechenzentrum zu speichern und bei Bedarf abzurufen wird von vielen Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen seit Jahren praktiziert. Über Cloud-Dienste können diese Daten bei Fremdanbietern kostengünstig gelagert und flexibel genutzt werden, ohne in eigene Infrastruktur zu investieren.

Schon seit Jahrzehnten arbeitet die Industrie mit computergesteuerten Maschinen und Robotern. Doch sind die Maschinen, Roboter und Bauteile inzwischen in der Lage, miteinander zu kommunizieren. Mit Industrie 4.0 wird die industrielle Produktion zur Smart Factory, digital unterstützte Dienstleistungen werden zu Smart Services. So weit so faszinierend. Inwieweit hat die deutsche Wirtschaft die Potenziale der Digitalisierung als Quelle ihrer Innovationskraft erkannt?

Eine bundesweite Erhebung, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung im Juni 2014 im Zuge des Projekts „Monitoring Digitale Wirtschaft“ durchgeführt hat, liefert hierfür repräsentative Zahlen. Befragt wurden im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie mehr als 1.200 Unternehmen der IKT-Branche (IKT-Hardware und IKT-Dienstleister), Mediendienstleister, wissensintensive Dienstleister sowie Unternehmen aus der Industrie (Druckerzeugnisse, Chemie und Pharma, Metallerzeugnisse, Instrumententechnik, Elektrotechnik, Maschinenbau und Fahrzeugbau).

Sowohl in der IKT-Branche, die als Vorreiter der Digitalisierung gilt, als auch in der Industrie, erweisen sich Software und Internet beziehungsweise Telekommunikation als die wichtigsten digitalen Innovationstreiber – nicht ohne Grund: Sie sind Voraussetzung für die Anwendung vieler anderer IKT-Komponenten. Der Abstand zu den nachfolgenden Anwendungen ist dennoch groß: Nur acht Prozent der Industrieunternehmen mit IKT-getriebenen Innovationen sprechen Cloud-Diensten eine hohe Bedeutung im Innovationsprozess zu, nur ein Prozent sieht in Big Data eine Quelle von Innovationen. Selbst bei der Vernetzung von Prozessen wie sie für Industrie 4.0 charakteristisch ist, liegen die Industrieunternehmen deutlich hinter der IKT-Branche. Hingegen halten 71 Prozent der IKT-innovativen Industrieunternehmen Software für wichtig im Innovationsprozess, 70 Prozent sind es im Falle des Internets und der Telekommunikation. Das Potenzial neuer digitaler Anwendungen als Impulsgeber für Innovationen in Anwenderbranchen ist also bei weitem noch nicht ausgereizt.

Ein Blick in die nahe Zukunft zeigt, dass die Bedeutung neuer IKT-Trends in der Industrie bis Ende 2015 zumindest verhalten zunehmen wird. Vergleichsweise hoch sind die Zuwachsraten der Unternehmen, die diese Trends als bedeutend im Innovationsprozess ansehen, bei den Cloud-Diensten und bei der Vernetzung von Prozessen wie sie sich im Kontext von Industrie 4.0 vollzieht. Die höchsten Wachstumsraten sind, ausgehend von sehr niedrigem Niveau, bei Big Data zu verzeichnen. Bis Ende 2015 soll bei sechs Prozent der Industrieunternehmen mit IKT-getriebenen Innovationen Big Data eine zentrale Rolle für Innovationen spielen.

Wenn Deutschland bei der vierten industriellen Revolution in der ersten Liga spielen möchte, ist es wichtig, die Innovationspotenziale dieser neuen Technologien möglichst rasch auszuschöpfen und in Produktivitätssteigerungen umzusetzen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen tun sich damit noch deutlich schwerer als große. Gleichwohl gilt es im Einzelfall Kosten und Nutzen abzuwägen, nicht für alle Unternehmen wird die vollumfängliche Digitalisierung und Vernetzung der Königsweg sein. Um geeignete Rahmenbedingungen für die Ausschöpfung der wirtschaftlichen Potenziale von Digitalisierung und Vernetzung zu schaffen, sind Investitionen in die Internetinfrastruktur und in IT-Sicherheit sowie die Verabschiedung EU-weiter Datenschutzrichtlinien die dringlichsten Aufgaben, die es zu lösen gilt.

Keinen Ökonomen-Blog-Post mehr verpassen? Folgen Sie uns auf Facebook, Twitter, abonnieren Sie unseren RSS-Feed oder unseren Newsletter.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/12083-innovationstreiber-digitalisierung-ungenutztes-potenzial/feed/ 0
Wettbewerb muss man lernen http://www.insm-oekonomenblog.de/12025-wettbewerb-muss-man-lernen/ http://www.insm-oekonomenblog.de/12025-wettbewerb-muss-man-lernen/#comments Tue, 03 Mar 2015 09:14:42 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=12025 weiterlesen]]> 150303_Lütge_Ethik desWettbewerbsChristoph Lütge: Ethik des Wettbewerbs – über Konkurrenz und Moral, C.H. Beck, München 2014

Für viele bedeutet Wettbewerb Aggression, Kampf, Verdrängung. Doch solche Wettbewerbsvorbehalte sind von vorgestern, meint Christoph Lügte. In seinem neuen Buch beschreibt der Wirtschaftsethiker, warum Wettbewerb ein notwendiges, fruchtbares und aus ethischer Sicht sogar willkommenes Konzept darstellt. Seine wichtigste Botschaft: Der Wettbewerb ist ein Verbündeter der Bürger, wenn er fair geführt wird.

Wer über die Schärfe des Wettbewerbs klagt, dem mangelt es schlichtweg an genügend Einfällen, um ihm zu begegnen – so äußerte sich einst Walther Rathenau über die Herausforderung, sich dem ökonomischen Wettbewerb zu stellen. Christoph Lügte, Wirtschaftsethiker an der Technischen Universität München, hat viele Wettbewerbs-Ideen: In seinem neuen und eher politisch als wissenschaftlichen Buch „Ethik des Wettbewerbs – über Konkurrenz und Moral“ arbeitet er die Vorteile des Wettbewerb heraus und beschreibt, wie er ethischen Zwecken dienen kann.

Dass Kritiker das Wettbewerbsprinzip aus moralischen Gründen ablehnen, führt der Autor auf falsche Vorstellungen zurück, die sich viele über die Funktionsweise des Wettbewerbs in Ökonomie und Gesellschaft in den vergangenen Jahren gemacht haben. Das Null-Summen-Denken, also die Annahme, dass der Gewinn der einen Partei automatisch den Verlust der anderen bedeutet, sei in der heutigen Zeit überholt. Dies zeigt er in seinem Buch an Beispielen aus der Ökologie, der Bildung und des Gesundheitswesens.

Schwerer Spagat zwischen Freiheit und Gewissen

Schon in den 70er Jahren hieß es, Marktwirtschaft und Wirtschaftswachstum würden kollabieren, wenn es die Chinesen den Industrieländern nach machten und im Konsum nachziehen wollten. Der Vorwurf gilt noch heute. „Daraus ergibt sich die ethische Falle, dass man einerseits aus moralischen Gründen Wachstum verhindern will, andererseits, ebenfalls aus moralischen Gründen, China und anderen nicht vorschreiben kann, was sie zu tun hätten“, schreibt Lütge. Diese Falle jedoch löse sich auf, indem China nun erkannt habe, seine CO2-Emissionen massiv verringern zu müssen. Nicht Anti-Wachstums-Ideologie habe das Land zu dieser Einsicht gebracht, sondern ökonomische Logik.

Dass die Regeln im Wettbewerb nicht immer klar sind und auch nicht deutlich genug wird, zwischen wem und was Wettbewerb herrscht, zeigt der Autor am Beispiel des aktuellen schulischen Bildungssystems. Dass die Schüler mit der im Ergebnis zweifellhaften Einführung des achtjährigen Gymnasiums (G8) sehr stark in einen Wettbewerb um gute Noten ausgesetzt werden, ist für Lügte ziemlich erstaunlich: Wettbewerb fände normalerweise in erster Linie zwischen den Anbietern statt und nicht in erster Linie zwischen den Nachfragern. Der Wettbewerbsdruck läge also zunächst auf den Schülern (und ihren Eltern). Das widerspreche der Logik des Wettbewerbs. „Sollte es nicht so sein, dass die Anbieter von Bildungsleistungen – und das sind nun einmal die Schulen – um gute Schüler und gute Leistungen wetteifern? Wir verlangen doch auch von potenziellen Autokäufern nicht, dass sie darum kämpfen, ein gutes Auto zu bekommen.“

Fairer Wettbewerb erhöht die Lebensqualität

Auch tritt Lütge entschieden der Ansicht entgegen, dass man sich dem Thema Gesundheit nicht mit ökonomischen Argumenten nähern dürfte. Es gebe zwar in der Gesundheitsindustrie Grenzen des Wettbewerbs: „Für die Menschen, die in keiner Weise am Wettbewerb teilhaben können, muss es andere, nicht- oder weniger wettbewerbliche Lösungen geben“. Aber: Eine Intensivierung des Gesundheitssektors mit beispielsweise echtem Wettbewerb zwischen privaten und gesetzlichen Krankenkassen würde vor allem dem Patienten deutlich mehr nützen als schaden.

Nicht alle werden sich für die sehr wirtschaftsliberale Haltung des Autors begeistern: Es geht Lütge aber auch nicht darum, den Wettbewerb in jeder Hinsicht für zielführend und ethisch wertvoll zu erklären. Vielmehr möchte er das Wettbewerbsprinzip aus der marktkritischen Klamottenkiste befreien und es als Instrument würdigen, das sehr wohl in der Lage ist, Leistungen und Lebensqualität zu erhöhen. Wettbewerb bedeutet nicht bloße Konkurrenz und Niedermetzeln der Mitspieler. Damit er gelingt, ist die Fähigkeit zum gemeinsamen Wettbewerb entscheidend – also die Kooperation mit allen Beteiligten und damit auch Fragen, welches Ziel der Wettbewerb haben und zwischen welchen Akteuren er stattfinden soll. Lütge: „Wettbewerb ist nicht einfach da, wir müssen ihn gestalten.“

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/12025-wettbewerb-muss-man-lernen/feed/ 0
Sorge dich nicht – monopolisiere! http://www.insm-oekonomenblog.de/12004-sorge-dich-nicht-monopolisiere/ http://www.insm-oekonomenblog.de/12004-sorge-dich-nicht-monopolisiere/#comments Fri, 13 Feb 2015 10:56:33 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=12004 weiterlesen]]> Peter Thiel: Zero to One – wie Innovation unsere Gesellschaft rettet, Campus-Verlag, Frankfurt 2014Peter Thiel: Zero to One – wie Innovation unsere Gesellschaft rettet, Campus-Verlag, Frankfurt 2014

Peter Thiel, Gründer des Online-Bezahldienstes PayPal, hat gut reden. Der Mann ist reich, unabhängig und wohl auch deswegen frech genug, jederzeit gegen den Strich zu bürsten. In seinem neuen Buch schickt er nichts anderes als den „Wettbewerb“ zum Teufel und erklärt die Monopolbildung zum wahren Erfolgsgaranten der Marktwirtschaft – eine unterhaltsame Provokation für alle, die Unternehmer sind oder werden wollen.

Peter Thiel ist sich sicher: Für die USA geht ohne den „Wettbewerb“ nichts. Und wer den Wettbewerb bezweifelt, greife eine „Heilige Kuh“ an. Wettbewerb sei in den USA alles, Motor und Garantie für einen funktionierenden Markt. Die Amerikaner seien sich sogar sicher, dass erst der Wettbewerb sie vor der Mangelwirtschaft des Sozialismus‘ bewahrt habe, meint der Autor. Doch wer so denke, irre.

Für Thiel ist der Kapitalismus das Gegenteil von Wettbewerb. Kapitalismus basiere auf der Akkumulation von Kapital – doch im perfekten Wettbewerb würden sämtliche Gewinne dem Konkurrenzkampf zum Opfer fallen. Für Unternehmer sei die Lektion daher eindeutig. Thiel: Wer langfristig Gewinne machen will, darf keine Allerweltsfirma gründen und muss sich eine Monopolstellung erarbeiten. Das bedeutet: Die Firma müsse auf ihrem Gebiet so gut sein, dass kein Konkurrent eine gleichwertige Alternative bieten könne.

Monopolbildung als neuer Heilsbringer? Starker Tobak von jemandem, der es leicht hat, so zu argumentieren: Peter Thiel, in Frankfurt am Main geboren und in Kalifornien aufgewachsen, studierte Jura und Philosophie, bevor er sich als Investor im Silicon Valley einen Namen machte. Er gründete den Internetbezahldienst PayPal, verkaufte das Unternehmen, wurde steinreich, stieg auch als Investor bei Facebook ein und wurde noch reicher. Politisch gilt er als ultraliberaler Staatsskeptiker. US-Elite-Universitäten wie Stanford, Yale oder Harvard wirft er, einst selbst Student in Stanford, vor, gleichartiges Denken statt Originalität zu fördern – eine recht populäre Haltung, die mittlerweile viele Systemkritiker in den USA einnehmen. Konsequenterweise redet Thiel aber nicht nur, sondern vergibt auch Stipendien an junge Unternehmensgründer, die sich der Universität verweigern.

Sein Buch, das auf dem Seminar basiert, das Thiel der Stanford University 2012 gehalten hatte, beschäftigt sich zunächst mit einem aktuellen Thema: die Digitalisierung unserer Lebens- und Arbeitswelt, die Chancen für uns als Konsumenten und Unternehmer – kurzum die Frage: Wie können wir die Zukunft mit Technologie gestalten? Zwar zählt Thiel nicht zu den Idealisten, die glauben, man könne alle Probleme der Welt technisch lösen. Dennoch ist er überzeugt, dass weiteres Wachstum ohne den technischen Fortschritt kaum möglich ist. Denn, „was uns Menschen von Tieren unterscheidet, ist die Fähigkeit, Wunder zu vollbringen“, meint Thiel – „und diese Wunder heißen Technologie“.

Der Autor lobt den Pioniergeist des Silicon Valley und verurteilt die Europäer in ihrer Skepsis gegenüber den neuen digitalen Möglichkeiten. Europa beschränke sich beim Thema Digitalisierung oft nur auf das Internet, auf Software und Kommunikation. Doch die Geschäftsfelder ganzer Branchen würden zukünftig neu justiert werden müssen. Den Europäern fehle dazu die konkrete und positive Vorstellung.

Wer sich nicht ruinieren will, sollte sich verbrüdern

Wichtig ist dem Autor dann vor allem die Monopolfrage: Dass er als Investor sein Geld lieber in ein Monopolunternehmen steckt, statt in einen Underdog, ist logisch. Dass dies aber auch für andere von Nutzen sein kann, erklärt Thiel mit dem Verweis auf die Schnelligkeit, mit der sich die Welt heute aufgrund von Globalisierung, Technologie und Digitalisierung verändert: „Wenn die Welt statisch wäre, hätte eine Firma wie IBM damals oder Google heute ein Monopol für hundert Jahre. Das wäre so, wie die Post einst das Monopol für Briefe hatte. Aber so ist die Welt nicht mehr.“ Für den Autor sind Monopole die eigentlichen Motoren für Innovation, Fortschritt und Wertschöpfung. Denn: Monopolisten könnten sich heute nicht mehr auf ihren Leistungen ausruhen. „Wer sich nicht weiter entwickelt, fällt zurück oder geht ganz unter“, meint Thiel. Als Beispiel nennt er Hardware-Hersteller wie Blackberry, Kodak oder Nokia. Wenn heute Unternehmen nicht in wirklich Neues investieren, dann werden sie bedeutungslos, meint Thiel – egal welche Gewinne sie heute erzielen. Auch habe die Monopolbildung letztlich den Vorteil, Kosten zu sparen. Thiel: Wer sich nicht im Wettbewerb ruinieren will, sollte sich lieber mit dem Gegner verbünden.

Sein Buch ist zum einen ein durchaus unterhaltsames Motivationsseminar für alle Gründer – zum anderen eine provokante Lektüre für jedes klassische deutsche Mittelstandsunternehmen. Man muss es nicht lesen, aber wie es bei frechen Büchern halt so ist: Sie rütteln auf. Zudem bietet es einen inspirierenden, essayistischen Teil für alle diejenigen, die sich ohnehin für Szenarien des beginnenden digitalen Zeitalters interessieren.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/12004-sorge-dich-nicht-monopolisiere/feed/ 0
“Wird’s besser? Wird’s schlechter? Fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.” http://www.insm-oekonomenblog.de/11944-wirds-besser-wirds-schlechter-fragt-man-alljaehrlich-seien-wir-ehrlich-leben-ist-immer-lebensgefaehrlich/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11944-wirds-besser-wirds-schlechter-fragt-man-alljaehrlich-seien-wir-ehrlich-leben-ist-immer-lebensgefaehrlich/#comments Sun, 28 Dec 2014 07:16:26 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11944 weiterlesen]]> Die Welt scheint in kolossaler Unordnung. Fast überall drohen Terror und Gewalt, nicht selten im Namen der Religion. In Europa leben Konfliktrituale wieder auf, die man nur noch aus der Erinnerung an den Kalten Krieg kennt. In den USA wird im Namen der Freiheit staatlich gefoltert und ausgehorcht, als ob es nie eine Unabhängigkeitserklärung mit ihrer urliberalen Präambel gegeben hätte. Offener Rassismus herrscht im amerikanischen Alltag, auch wenn der amtierende Präsident schwarz ist. In Japan mit seiner astronomischen Verschuldung erleben wir das kapitale Versagen jeglicher politischen Verantwortung. Trotzdem wählte das Volk die „Abenomics“ erneut mit Erdrutsch-Mehrheit.  Im saturierten Deutschland gehen Zehntausende auf die Straße, um ihre diffusen Ängste vor (islamischer) Überfremdung und ihre Verachtung für das politische Establishment zu bekunden. Wenn Flüchtlingsdomizile in Bayern angezündet und Hakenkreuze gesprüht werden, dann lassen einen die Erinnerungen an geschürte Pogromstimmungen in früheren deutschen Landen unwillkürlich schaudern. 

Die Irrationalität in vermeintlich kultivierten Gesellschaften und der fanatische Hass auf Minderheiten, seien sie nun schwul, andersgläubig oder andersfarbig, machen sprachlos. Was rollt da erst auf uns zu, wenn sich der soziale Absturz der Massen manifestiert, weil kein Staat dieser Welt sich auf Dauer schuldenfinanzierte Wohlfahrt leisten kann? Doch genau diese fatale Schuldenillusion nähren in unruhigen Zeiten selbst renommierte Ökonomen. Nicht nur Paul Krugmann, der vor Jahren mit dem Wirtschaftsnobelpreis geadelt wurde, predigt diese Voodoo-Ökonomie. In internationalen Institutionen wie dem IWF oder der OECD wird inzwischen expansiver Fiskalpolitik das Wort geredet. Konsolidierung oder gar das altdeutsche Sparen sind passé. Von notwendigen Strukturreformen wird immer seltener gesprochen. Geld muss in den Wirtschaftskreislauf gepumpt werden – durch die Notenbanken und kreditfinanzierte Investitionsprogramme der Staaten. Wie das Modell, dem der „Starökonom“ Krugmann huldigt, in der japanischen Praxis seit bald 25 Jahren scheitert, wird geleugnet oder verdrängt.

Heute hängen die Finanzmärkte wie Fixer an den Liquiditätsinjektionen der Zentralbanken. Die Fieberkurven der Kurse korrespondieren mit erfüllten oder enttäuschten Erwartungen in die Geldpolitik. Eine Aktienhausse bildet immer seltener realwirtschaftliche Fundamentaldaten oder konkrete Geschäftserwartungen ab. Viel wichtiger für steigende Kurse an den Börsen sind Notenbankbeschlüsse. Im Januar wird die Europäische Zentralbank (EZB) voraussichtlich ihr Staatsanleihen-Kaufprogramm starten. Damit wird sie endgültig ihr geldpolitisches Mandat brechen und direkt Staatsschulden monetarisieren. Frankreich und Italien werden jubeln, wenn die Mehrheit für Mario Draghis Kurs im EZB-Rat steht – gegen das Votum von Jens Weidmann von der Deutschen Bundesbank.

Gespannt sein darf man auf den Verfassungsgerichtskonflikt zwischen dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) und dem Bundesverfassungsgericht, falls der EuGH die EZB-Anleihenkäufe als zulässig erachtet, die deutschen Verfassungsrichter aber nicht. Ob Karlsruhe wohl willens und in der Lage wäre, der EZB-Mehrheit die rote Karte zu zeigen, einen kapitalen Verfassungskonflikt mit den europäischen Institutionen zu riskieren und die Finanzmarkterwartungen zu sabotieren?

Bei aller Unübersichtlichkeit angesichts der Fragilität unserer Welt: Einer Herkulesaufgabe werden sich die Politiker auf diesem Globus nicht entziehen können, auch wenn sie sich noch so sehr aus der Verantwortung herauswinden wollen. Sie müssen Arbeitnehmern wie Unternehmern, Rentnern wie Schülern, Fremden wie Einheimischen überall erklären, dass realer Wohlstand nicht aus permanenter Schuldenpolitik entsteht. Dass dauerhafter Wohlstand für alle auf Anstrengung und Leistung beruht – des Einzelnen wie gesamter Volkswirtschaften. Und dass kein Staat auf Dauer mehr ausgeben kann, als er aufgrund der wirtschaftlichen Leistungskraft seiner Bürger an Einnahmen erzielen kann.

Wenn die Politik diesen Mut nicht aufbringt, dann schlagen Intoleranz und Vorurteile nicht mehr nur vereinzelt, sondern wie ein Flächenbrand in blanken Hass um. Dann sucht sich das Volk (und bestimmte Politiker) die Sündenböcke, die man für den sozialen Abstieg verantwortlich machen kann. Dann wird das Volk zum Mob und die Demokratie zur Diktatur.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11944-wirds-besser-wirds-schlechter-fragt-man-alljaehrlich-seien-wir-ehrlich-leben-ist-immer-lebensgefaehrlich/feed/ 4
Die Pfadfinder einer Kultur des Weniger http://www.insm-oekonomenblog.de/11940-die-pfadfinder-einer-kultur-des-weniger/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11940-die-pfadfinder-einer-kultur-des-weniger/#comments Tue, 16 Dec 2014 09:02:08 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11940 weiterlesen]]> Bernd Sommer, Harald Welzer: Transformationsdesign – Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München 2014, oekom-VerlagBernd Sommer, Harald Welzer: Transformationsdesign – Wege in eine zukunftsfähige Moderne, München 2014, oekom-Verlag

Ob Wohnen, Mobilität, oder Ernährung – alles ist im Wandel. Und damit unsere Gesellschaft auch morgen noch sicher, frei, und gesund existieren kann, brauchen wir Veränderung – vor allem was unsere Produktion und unser Konsumverhalten angeht. Davon sind die beiden Autoren überzeugt. Sie plädieren für Reduktion in allen Lebenslagen.

Ein Buch mit dem Namen „Transformationsdesign“ klingt nicht unbedingt verlockend. Ein sperriger Begriff ist das, der wirkt wie ein Relikt aus der Wissenschaftsschlaumeierei-Sprache der 70er Jahre. Doch der Titel des Buches „Transformationsdesign – Wege in eine zukunftsfähige Moderne“, das der Soziologe Harald Welzer mit seinem Kollegen Bernd Sommer verfasst hat, ist nur folgerichtig: Seit 2012 lehrt Welzer als Professor für Transformationsdesign am Norbert Elias Center for Transformation Design & Research (NEC) der Universität in Flensburg. Um was geht es hier: In Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur verändert sich heute alles unaufhörlich und unausweichlich – so schnell wie kaum zuvor. Kein Tag vergeht, an dem Medien und Wissenschaft nicht von Wandel in allen Bereichen unseres Lebens berichten – sei es Wohnen, Mobilität oder Ernährung. Der Titel des Buches meint die Gestaltung eines notwendigen Transformationsprozesses. Dieser ist den Autoren zufolge vor allem für diejenigen Volkswirtschaften notwendig, „deren ökologische Fußabdrücke und CO2-Emissionen pro Kopf rechnerisch um ein Vielfaches über dem liegen, was für eine nachhaltige und zukunftsfähige Weiterentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft möglich ist“.

Welzer ist mit seinem Bestseller „Selbst denken“ für viele zu einer Galionsfigur einer Bewegung geworden, die das Wachstumsmodell der westlichen Wirtschaft radikal in Frage stellt. In der Co-Autorenschaft seines neuen Werkes gibt er sich allerdings alles andere als radikal, eher moderat. Das mag am wissenschaftlichen Ansatz des Buches liegen – dem leider wohl auch eine etwas spröde Sprache geschuldet ist. Dennoch bietet das Werk für alle, die bisher auf Wachstum als einzigen Parameter für eine funktionierende Wirtschaft gesetzt haben, viele überlegenswerte Impulse.

Masterplan für eine reduktive Moderne

Ausgehend von der Problematik, wie Gesellschaften sicher, frei und gesund existieren können, ohne unsere Ressourcen aufzubrauchen, schlagen Sommer und Welzer das Projekt einer „reduktiven Moderne“ vor: „Bisher gibt es keinen Masterplan, wie sich Gesellschaften unseres Typs in eine reduktive Richtung transformieren können“, schreiben die Autoren. Es geht ihnen um die Frage, ob sich der zivilisatorische Standard, den die Menschen in den frühindustrialisierten Gesellschaften erreicht haben, bewahren lässt oder nicht. Nicht das gesamte System soll sich ändern, schon gar nicht der Kapitalismus abgeschafft werden. Die Autoren plädieren für eine „Schrumpfung oder Abschaffung nicht-zukunftsfähiger Teilbereiche der Gesellschaft mit dem Ziel, andere zu bewahren“. Dazu gehören das Verschwinden von Überflüssigem (6,7 Millionen Tonnen Lebensmittel schmeißen Deutsche jährlich in den Abfall, 800.000 Tonnen Kleider in den Container), die Vermeidung von Aufwand und die Reduktion von Energie und Material.

 Falscher Mythos um grünes Wachstum

Eine Wirtschaft mit „grünem Wachstum“ reiche dafür jedoch beileibe nicht. „Die magische Qualität, die Wachstum heute im politischen Diskurs vorkommt, findet im Begriff des Green Growth seine bislang höchste Vollendung – soll hier doch ein unbegrenztes, stetiges Wirtschaftswachstum bei gleichzeitiger Schonung von Umwelt und Ressourcen möglich sein“. Sachliche Belege dafür, dass diese Annahme wahr sei, gebe es aber nicht. Die Autoren sind sich sicher: Es müssen neue Wege für Produktion und Reproduktion gefunden werden. Dazu gehören verkürzte Arbeitszeiten, ein bedingungsloses Grundeinkommen oder auch Gemeinwohlökologie. Sinnvoll wären zudem Re- und Upcycling-Projekte, die mit Hilfe von Open Source funktionierten.

„Eine reduktive Moderne muss sich in den Strategien des Weglassens einüben“, fordern die beiden Wissenschaftler. Um eine „Kultur des Weniger“ zu erreichen, sei ein wirklicher Pfadwechsel nötig. Dazu bedürfe es eines Abstiegs bestimmter sozialer Gruppen und eines gleichzeitigen Aufstiegs anderer – zum Beispiel wachstumsneutraler Unternehmen, ökologischer Landwirte oder Energiegenossenschaften. Das „Design“ hätte nicht mehr die Aufgabe, Dinge zu gestalten, sondern jene Dinge, die man nicht braucht, aus der Welt zu schaffen. Beispiel: Ein Getränkeproduzent sollte zukünftig keine Flaschen mehr für neues Mineralwasser designen, sondern einfach den Hinweis auf den nächsten Wasserkran geben.

Für viele Unternehmen dürfte eine derartige Selbstlosigkeit ein schwerer Ritt werden.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11940-die-pfadfinder-einer-kultur-des-weniger/feed/ 0
Die Regierung muss jetzt an die Zukunft denken http://www.insm-oekonomenblog.de/11934-die-regierung-muss-jetzt-an-die-zukunft-denken/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11934-die-regierung-muss-jetzt-an-die-zukunft-denken/#comments Mon, 15 Dec 2014 09:14:26 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11934 weiterlesen]]> Deutschland befindet sich in einer wirtschaftlich durchaus guten Lage. Damit das so bleibt, muss die Regierung handeln – und zwar jetzt. Stattdessen lässt sich eine gewisse Nachlässigkeit in der Wirtschaftspolitik beobachten.

Die Beschäftigung ist so hoch wie nie, die Reallöhne steigen wieder und die Arbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit über 20 Jahren. Kurzum: Im Augenblick geht es Deutschland wirtschaftlich gut. Doch die Dinge fallen nicht vom Himmel. Da ist vorgeleistet worden – von Unternehmen, von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und auch von der Politik der vergangenen Jahrzehnte.

Nun aber entsteht der Eindruck, dass in der Regierung niemand wahr haben will, dass gerade jetzt weiter vorgesorgt werden muss. Und das ist gefährlich, denn Fehler werden dann gemacht, wenn es einem gut geht, wenn man meint, man könne sich zurücklehnen. Die große Koalition ist momentan von dieser Haltung geprägt. Sie macht eine Politik, die nicht auf die Frage eingeht, wie Wachstum entsteht.

Wir stehen in einem dramatischen demografischen Wandel. Das ist kein Schrecken, aber doch eine Herausforderung. Wir werden weniger, wir werden älter, wir werden unterschiedlicher. Hinzu kommt die Frage der Infrastruktur, auch die der Energieversorgung. Da wird viel rumgehampelt, aber nicht wirklich gehandelt. Stattdessen wird, wie die Mütterente und die Rente mit 63 zeigen, eine Politik gemacht, die wirklich niemanden überzeugt.

Das Bundeswirtschaftsministerium hätte auch dadurch, dass es für die Energiepolitik verantwortlich ist, das Potenzial, wirklich etwas zu verändern. Die Energiewende, die internationalen Handelsbeziehungen, TTIP – das Potenzial in den Themen wäre da. Doch leider ist dieses Potenzial bislang nicht in einer geradlinigen Argumentation zu finden.

Die Bundesregierung sollte sich in dieser Hinsicht ein Beispiel an Gerhard Schröder nehmen. Er hatte den Mut, auch gegen Umfragen eine Änderung einzuleiten. Und von der leben wir in Kombination mit verantwortlicher Lohnpolitik und klugem Unternehmenshandeln heute noch.


Ein ausführliches Interview mit Prof. Hüther zur deutschen Wirtschaftspolitik finden Sie hier.

 

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11934-die-regierung-muss-jetzt-an-die-zukunft-denken/feed/ 1
Die Entzauberung des Scheinriesen Deutschland http://www.insm-oekonomenblog.de/11876-die-entzauberung-des-scheinriesen-deutschland/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11876-die-entzauberung-des-scheinriesen-deutschland/#comments Tue, 18 Nov 2014 08:53:38 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11876 weiterlesen]]> Olaf Gersemann: Die Deutschland-Blase – das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014Olaf Gersemann: Die Deutschland-Blase – das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2014

Lange haben wir die wirtschaftliche Erholung Deutschlands beklatscht. Doch geht es nach Olaf Gersemann, hat der Jubel bald ein Ende. Er hält die deutsche Wirtschaft für überbewertet: Der Export hat seine beste Zeit gehabt, große Industriezweige weigern sich, hierzulande zu investieren, und unser Ausbildungssystem bringt nur Fachidioten hervor. Das Land braucht Veränderungen.

Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise, besonders in den USA, sind Blasenprobleme ein Phänomen, das weit außerhalb der Urologie seine Kreise zieht. Von einer Spekulationsblase – auch Finanzblase genannt – wird klassischerweise dann gesprochen, wenn die Preise von Rohstoffen oder Lebensmitteln, von Immobilien oder Wertpapieren bei hohen Umsätzen über ihrem eigentlichen, dem sogenannten intrinsischen Wert liegen. Ein ganzes Land wie Deutschland nun mit einer Spekulationsblase in Verbindung zu bringen, sei zwar schon ungewöhnlich, schreibt Olaf Gersemann. Doch habe die wirtschaftliche Situation in der Bundesrepublik aktuell viele Parallelen zu klassischen Spekulationsblasen. In seinem neuen Buch „Die Deutschland-Blase – das letzte Hurra einer großen Wirtschaftsnation“ hält der mehrfach für seine Wirtschaftsreportagen ausgezeichnete Journalist das Land für überwertet. Der große Knall wird kommen. Er ist so gut wie unausweichlich.

In seinem analytisch bissigen wie unterhaltsamen Buch entlarvt Gersemann Deutschland zunächst als einen Staat, dem die wirtschaftliche Erholung in den vergangenen zehn Jahren gehörig zu Kopf gestiegen ist. Es ist der „deutsche Hochmut“, der viele in das Gefühl einlullt, dass auch in Zukunft kaum etwas schief gehen könnte. Deutsche Stärken wie duale Ausbildung, Mitbestimmung, Sparkassenwesen und Tarifautonomie seien zweifelsfrei einzigartig, würden aber vor allem von Politikern als Motoren für das aktuelle Jobwunder gefeiert – obwohl diese vermeintlichen Stärken bereits lange in den 1990er Jahren existierten, als das Wirtschaftswachstum in Deutschland gerade stark nachließ.

Für Gersemann ist es höchste Zeit, von den Stärken der andern Industrieländer zu lernen – zum Beispiel bei der Förderung höherer Bildungsabschlüsse, in der Spitzenforschung, bei der Unterstützung von Unternehmen in der Informations- und Kommunikationstechnologie oder wenn es um die Verbesserung unseres Rentensystems geht. Gersemann erhebt drei Anklagepunkte: 1. Die deutsche Wirtschaft ist eine der wachstumsschwächsten der Welt und wird es bleiben. 2. Sie ist viel zu abhängig von den drei heimischen Autoherstellern. 3. Sie ist möglicherweise nicht in der Lage, den Arbeitsmarkt und das Bildungssystem auf die Herausforderungen der digitalen Revolution vorzubereiten.

Dauerdoping für die Konjunktur

Dass Deutschlands Glückssträhne nach Mauerfall, Liberalisierung, Globalisierung und Binnenmarkt allmählich vorbei ist, steht für den Autor mit „erheblicher Wahrscheinlichkeit“ fest. Das aktuelle Dauerdoping durch Niedrigzinsen sei maßgeblich am neuen Aufschwung in Deutschland beteiligt. Doch die niedrigen Zinsen seien im Grunde nichts anderes als ein Konjunkturprogramm, das sich sehr bald als sehr teuer erweisen wird: Es greift die Solidität von Banken an und stellt das Versprechen der Garantieverzinsung von Versicherungsunternehmen auf den Kopf. Niedrigzinsen sind süßes Gift für sparende Kunden. Sie verlieren schleichend ihr Vermögen, da der Zinsertrag auf ihre Guthaben unter der Inflationsrate liegt.

Auch im demografischen Wandel sieht Gersemann eine große Gefahr für die finanzielle Existenz der Bürger: „Um 2035 werden die letzten geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen und alle Menschen, die dann die Renten finanzieren müssen, sind bereits geboren. Es sind zu wenige.“

Gersemann gibt sich keine große Mühe, rosa Wolken am Zukunftshimmel zu erblicken. Zwar will er nicht ausschließen, dass sich durchaus auch positive Szenarien für die deutsche Wirtschaft entwickeln könnten: So sei es möglich, dass Deutschland, zurzeit aufgebläht wie ein Scheinriese, noch ein paar Jahre ganz ordentliche Wachstumsraten bevorstünde – wenn die Zinsen steigen. Allerdings würde danach ein Zustand erreicht, in der das Wirtschaftswachstum nicht mehr als ein Prozent ausmache. Auch sei es möglich, dass die Nullzinspolitik der EZB die deutsche Wirtschaft erst einmal überhitze, und dann eine mehr oder minder milde Rezession folge. Doch im Grunde geht Gersemann vom schlechtesten Fall aus: Aus dem Immobilienhype in Deutschland entwickelt sich eine klassische Blase, die deutschen Autohersteller verkalkulieren sich, die Euro-Krise eskaliert, der Euro-Raum bricht auseinander.

Deutsche Wirtschaft kurz vor dem Dornröschenschlaf

Gersemanns Schwarzseherei soll sicherlich nicht das Unterscheidungsmerkmal auf dem zurzeit florierenden Markt für Deutsche-Wirtschaft-Analyse-Bücher und schon gar nicht Kaufargument für den Leser sein – wer kauft schon ein Buch, das die Zukunft verteufelt?! Sein Buch ist der bewusste Apell des Autors an Wirtschaftsverantwortliche und Verbraucher, weder in Stagnation noch gar in Dornröschenschlaf zu fallen. Gersemann wünscht sich Veränderungen, eine permanenten Wandel. Er selbst schlägt zwar zum Ende seines Buches eine Zehn-Punkte-Agenda für den neuen Aufbruch vor. Dennoch nimmt der Autor nicht für sich in Anspruch, auf seine in Buchform gegossene 275-Seiten-Diagnose nun die heilende Therapie gefunden zu haben. Das Buch ist in allererster Linie ein Weckruf, ein gut erzählter Abriss über Aufstieg und möglichen Fall der deutschen Wirtschaft. Und ein lesenswerter.

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11876-die-entzauberung-des-scheinriesen-deutschland/feed/ 1
Politische Amnesie in Zeiten der Großen Koalition http://www.insm-oekonomenblog.de/11869-politische-amnesie-in-zeiten-der-grossen-koalition/ http://www.insm-oekonomenblog.de/11869-politische-amnesie-in-zeiten-der-grossen-koalition/#comments Fri, 14 Nov 2014 09:31:34 +0000 http://www.insm-oekonomenblog.de/?p=11869 weiterlesen]]> Rente, Mindestlohn, Konjunktur: Die fünf Wirtschaftsweisen üben in ihrem aktuellen Jahresgutachten scharfe Kritik. Die große Koalition weist hingegen alle Vorwürfe zurück. Dabei sollte die Regierung gut zuhören.

Es ist ein vertrautes Ritual: Immer wenn der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, im Volksmund die fünf Wirtschaftsweisen genannt, im Herbst sein Jahresgutachten der Kanzlerin überreicht, hagelt es zuverlässig Kritik von den Sozialdemokraten. Die SPD-Generalsekretärin stellte in dieser Woche praktisch die Existenzfrage für die amtlichen Regierungsberater, als sie die wissenschaftliche Kompetenz der regierungskritischen Expertenmehrheit harsch bezweifelte. Und SPD-Fraktionschef Oppermann griff zum Verdikt „neoliberal“, um die kritischen Kernaussagen der Wirtschaftsweisen zu diskreditieren. Doch auch die Kanzlerin reagierte angefasst, weil die Wirtschaftsweisen den Mindestlohn als mitursächlich für die verhaltene Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts bezeichnen. Mit ihrer barschen Replik, wie könne ein gesetzlicher Mindestlohn, der erst ab 1. Januar 2015 greife, schon heute für die konjunkturelle Schwäche verantwortlich gemacht werden, offenbarte sie eine eklatante Unkenntnis über die Wirkungsweise polit-ökonomischer Erwartungssteuerung.

Im politischen Berlin herrscht in Zeiten der Großen Koalition mehr als nur eine partielle politische Amnesie. Die Wirtschaftsweisen betonen in ihrem aktuellen Herbstgutachten einfache Binsenweisheiten, die bis zur Bildung der Großen Koalition viele Jahrzehnte lang auch zum Allgemeingut in der CDU-Programmatik gehörten. Vertrauen in die Marktprozesse, keine staatliche Einmischung in die Lohnfindung etwa. Oder die Erkenntnis, dass der demografische Wandel unpopuläre Entscheidungen in den sozialen Sicherungssystemen erfordert: zum Beispiel die Erhöhung des Renteneintrittsalters, den Verzicht auf teure Altersteilzeitmodelle, aber auch Elemente der Selbstbeteiligung in der Kranken- und Pflegeversicherung.

Noch in der letzten Großen Koalition wurde die Rente mit 67 eingeführt, dem Sozialdemokraten Franz Müntefering vor allem sei dafür Dank. Heute die „Rolle rückwärts“ mit der abschlagsfreien Rente mit 63, die von den Wirtschaftsweisen zu recht scharf attackiert wird. Eine neue soziale Leistung wie die Mütterrente, die eine kleiner werdende Erwerbsgeneration mit immer höheren Beiträgen wird bezahlen müssen – unvorstellbar noch vor wenigen Jahren und ebenfalls auf der Vorwurfsliste des Sachverständigenrats. Diese Große Koalition hat unserer Volkswirtschaft und vor allem der jungen Generation eine Herkuleslast aufgebürdet, die das Potentialwachstum in Deutschland nachhaltig reduzieren wird.

In der Rentenpolitik rechnet man sich die Zukunft ohnehin aufgrund der Gegenwart zu schön. Im Augenblick sterben noch mehr Rentner als Neurentner in den Ruhestand eintreten. Es herrscht so etwas wie die demografische Ruhe vor dem Sturm. Die geburtenstarken Jahrgänge ab 1950 drängen aber in etwa zwei Jahren mit jährlich wachsender Dramatik in den Ruhestand. Dann übersteigen die Ausgaben die Einnahmen Jahr für Jahr. Die Versicherungsbeiträge werden ständig nach oben angepasst werden müssen. Die gesetzlich verankerte 22%-Marke bei den Rentenbeiträgen wird nicht zu halten sein. Für die Beschäftigten bleibt weniger vom Bruttoeinkommen und das Rentenniveau sinkt weiter. Der Bundesfinanzminister wird die Bundeszuschüsse aus dem Haushalt erhöhen müssen, statt sie wie heute als Deckungsbeitrag für die angestrebte „schwarze Null“ zu senken. Es macht mich fassungslos, dass alle regierungsamtlichen Hochrechnungen der Rentenentwicklung im Jahr 2030 enden, obwohl sich aufgrund der Altersstruktur unserer Gesellschaft die Dramatik in den Jahren danach noch weiter verschärft.

Ja, die Wirtschaftsweisen legen den Finger in offene Wunden dieser Regierung. Doch statt Nachdenklichkeit ernten sie scharfe Kritik. Einen Resonanzverstärker für die Sachverständigenratskritik sucht man im Deutschen Bundestag vergeblich. Die Linke belegt die Wirtschaftsweisen ebenfalls mit dem neoliberalen Bann. Und die Grünen? Marktwirtschaftliches Engagement muss sich dort erst innerparteilich wieder Gehör verschaffen. Öffentliche Interventionsfähigkeit ist so nicht zu erzielen. Wirtschaftspolitik in Zeiten der Großen Koalition – ein Trauerspiel!


Zum Hauptgutachten “Mehr Vertrauen in Marktprozesse” des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. 

]]>
http://www.insm-oekonomenblog.de/11869-politische-amnesie-in-zeiten-der-grossen-koalition/feed/ 3