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Wohlstand auf Kosten der Zukunft

BIP und Schulden pro Kopf im Jahr 2008

Beim Krisenmanagement offenbart sich in Deutschland eine seltene Einigkeit: Ob Bankenrettung, Konjunkturpakete, Staatsverschuldung – Konsens auf Kosten der nächsten Generationen. Denn niemand anders als sie werden die irrsinnige Neuverschulung des Bundes in den Jahren 2010 bis 2012 in Höhe von 310 Milliarden Euro abtragen müssen. Der gigantische Schuldenberg ist größer als der gesamte Bundeshaushalt für das Jahr 2008. Die Schuldenmeister werden sagen: die Konjunkturpakte sichern Arbeitsplätze. Ist es aber moralisch gerechtfertigt, heutige Probleme auf Kosten künftiger Generationen zu lösen? Meiner Ansicht nach nicht.

In der Krise zeigt sich doch unser grundsätzliches Problem: Wie definieren wir Wohlstand? In der Regel orientieren wir uns am Bruttoinlandsprodukt. Wenn es sinkt, entsteht in Deutschland immer eine gedrückte, pessimistische Stimmung. Geht es uns bei sinkendem BIP aber automatisch schlechter? Selbst in Zeiten sinkender Löhne ist unsere Lebenserwartung weiter angestiegen. Gleiches gilt für Bildung und Gesundheit. Werden solche Faktoren bei der Bewertung des Wohlstandsniveaus mit berücksichtigt, dann geht es uns heute besser als in den Jahren zuvor. Vor diesem Hintergrund ist die Frage mehr als berechtigt, ob wir wirklich 310 Mrd. Euro neue Schulden aufnehmen müssen, nur weil wir uns dann wohler fühlen.


Jörg Tremmel ist Wissenschaftlicher Direktor der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Der BlogBeitrag basiert auf einem Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger vom 24. Juni 2009.

10 Kommentare zu “Wohlstand auf Kosten der Zukunft”

  1. tomsen sagt:

    Ist ihnen eigentlich klar, dass diesen Schulden auch Einkommen gegenüberstehen ? Fragen Sie doch nächstens mal ihren Bank- oder Versicherungsberater ob Staatsanleihen etc. in ihrem Portfolio sind.

  2. Ruth Wiederkehr sagt:

    Sehr geehrter Herr Tremmel

    Ihr Beitrag empfinde ich als wahr. Als Mutter zweier Jugendlicher, Mitarbeiterin eines wirtschaftsethischen Vereins, suche ich nach anderen Hauptaspekten im Leben als “Selbstverwirklichung um jeden Preis”.

    Vergleiche ich mit Reichen, könnte ich enttäuscht sein, vergleiche ich mich mit Asylsuchenden, die mir allemal einen Tee servieren, wenn ich sie besuche, komme ich mir wie eine Königin vor.

    Glücksgefühl hat meiner Meinung nach mehr mit Achtung, Wertschätzung, Befriedigung in der Arbeit zu tun als mit materiellen Gütern.
    In meinem Berufsfeld darf ich noch immer aussprechen, was ich denke, viele Berufstätige dürfen sich nicht mehr frei äussern, ohne ihre Stelle zu riskieren. Eine erzwungene schweigende Mehrheit ist das Ende der Demokratie. Davor bangt mir.

    Herzlichen Dank für Ihren Beitrag.
    Freundliche Grüsse
    Ruth Wiederkehr

  3. hubert sagt:

    “Ist es aber moralisch gerechtfertigt, heutige Probleme auf Kosten künftiger Generationen zu lösen?”
    Also empfehlen Sie eine Rückabwicklung der Einheit, mit Kostennote an die Herren Gorbatschow, Kohl und Reagan (Nachfahren)?

  4. chriwi sagt:

    Richtig investiert ist das Geld ja nicht weg. Wenn davon Schulen modernisiert werden, oder Sanierungen von Häusern zum Energiesparen finanziert werden ist das auch eine Investition in die Zukunft. Hinzu kommt, dass ein Teil des Geldes der Konjunkturprogramme direkt als Steuern zurückfließen. Darum sehe ich diesen Teil der Ausgaben weniger kritisch als die Bankenrettungen. Warum man diese nicht einfach insolvent gehen lässt und in der Übergangsphase Staat, Landesbanken und Sparkassen nutzt um die Wirtschaft mit Geld zu versorgen ist mir nicht klar. Da wurde mit dem Rettungspacket und der Bad Bank eindeutig ein Loch geschaffen und Geld reingeschaufelt.

    Wie definiert man Wohlstand? Das ist eine gute Frage. Meiner Meinung nach ist das BIP ein schlechter Indikator. Denn auch die Verteilung innerhalb eines Landes spielt eine Rolle. Im schlimmsten Fall würde ein Mensch das BIP generieren und der Rest gar nichts. Niemand würde von Wohlstand sprechen.
    Mit steigendem Lebensalter und höhere Bildung allerdings niedrige Löhne zu verteidigen finde ich mehr als amüsant. Denn die Lebenserwartung der heutigen Rentner wird nicht von den aktuellen Löhnen beeinflusst. Das heißt deren Einfluss ist in der Zukunft zu sehen. Wo die Bildung angestiegen sein soll ist mir nicht klar. Jetzt da das BIP sinkt dürfte der Anteil der Bildung an ihm steigen. In den letzten Jahren ist der Anteil stagniert oder gesunken. Wie kann man da von einer Verbesserung sprechen, wenn unsere Bildungsministerin Ingenieure bittet an Schulen zu gehen?

    Eine letzte Frage habe ich noch. Wenn heute Arbeitsplätze wegfallen, Kinder deswegen in Armut aufwachsen und/oder keine Chance auf Arbeit haben ist das dann Generationengerechtigkeit? Die Frage ist doch nicht ob man den Arbeitsmarkt in der Krise stützen sollte in meinen Augen, sondern wie man sich hinterher verhält. Wie man probiert ein vernünftiges Wachstum zu generieren, welches so hoch liegt, dass Schulden abgebaut werden können.

  5. Lada sagt:

    Sehr geehrter Herr Tremmel,

    Obwohl Sie sogar 2 Doktortitel haben scheint Ihnen das wesentliche entgangen zu sein: Wenn Sie schreiben “Wohlstand auf Kosten zukünftiger Generationen”, wieso schreiben Sie dann nur davon, dass wir den zukünftigen Generationen unsere Schulden vererben? Vererben wir Ihr denn nicht auch unsere Vermögen? Nehmen wir die etwa mit ins Grab?

  6. dr. pappnase sagt:

    Sehr geehrter Herr Tremmel, da muss ich ihnen bei folgendem Punkt aber widersprechen: Selbst in Zeiten sinkender Löhne ist unsere Lebenserwartung weiter angestiegen. Solch irreführenden Aussagen sind eines Doktors nicht würdig! Von einem Doktortitelträger erwartet man eine sachliche Auseinandersetzung mit Fakten. Wenn Sie schreiben: Selbst in Zeiten sinkender Löhne derer, die ohnehin zu wenig haben, ist die Lebenserwartung derer, die viel haben, gestiegen, dann wird ein Schuh daraus. Denn es ist nicht so, wie sie behaupten. Es besteht ein nachweisbarer Zusammenhang zwischen Einkommen (und damit Lebensqualität) und Lebenserwartung. Ferner betreiben Sie Stimmung gegen Konjunkturpakete indem Sie den 310 Milliarden Schuldenberg im Zusammenhang mit den zuletzt aufgelegten Konjunkturpaketen stellen. Hier werden wegbrechende Steuereinnahmen sofort auf die Schuldenhöhe prognostiziert und sofort behauptet, die Konjunkturpakete würden mit dazu beitragen, den Rekordschuldenstand zu erreichen. Natürlich sagen sie nicht, dass ohne Konjunkturprogramme die Steuerausfälle und damit auch die Schulden noch sehr viel höher lägen. Sie fragen, ob es moralisch gerechtfertigt ist, Probleme auf Kosten der nachfolgenden Generation zu lösen. Ich sage es ist keine Frage der Moral. Ist das Problem gelöst erbt die Generation nicht das Problem selbst, mit dem sie sich sonst herumschlagen müsste. Im Gegenteil, die nachfolgende Generation erbt in diesem Fall ein intaktes System samt Vermögen.

  7. Alberto sagt:

    Sehr geehrter Herr Dr. Tremmel! Machen sie doch mal einen Selbstversuch und versuchen ihr Leben mit monatlich 800 €, wie sie so viele Rentner beziehen, über ein Jahr zu gestalten.
    Sie brauchen das nur ein Jahr zu machen und die Rentner müssen dies bis zu ihrem Lebensende auf die Reihe bringen. Wenn dies geschehen ist bin ich interessiert welche Kommentare sie danach von sich geben !

  8. Hugo Malz sagt:

    Hallo
    Eines ist doch ganz klar, unsere Steuern und Abgaben machen uns Bürger in der Republick kaputt. Daher wunderts mich warum fährt man nicht runter, wie mit alten Ladenhüter? Wäre es der Fall, würden viele ihre Steuer und Abgaben bei uns bezahlen, und nicht am Fiskus vorbei schmugeln!! Meiner Meinung, was am Fiskus vorbei geht ist einiges mehr, wie eine Steuererhöung!!!

  9. Arnulf sagt:

    Die Pensionslasten des Staates für unsere Beamten werden bis zum Jahr 2050 auf ca. 137,1 Milliarden p.a. steigen (Quelle: Prof. W. Fuest). Daher ist es dringend erforderlich, das Beamtentum auf rein hoheitliche Aufgaben zu beschränken.

    Arnulf

  10. Melanie Gatzke sagt:

    Arnulf
    Am 10. Juli 2009 um 14:43 Uhr
    Zitat:
    Die Pensionslasten des Staates für unsere Beamten werden bis zum Jahr 2050 auf ca. 137,1 Milliarden p.a. steigen .
    Daher ist es dringend erforderlich, das Beamtentum auf rein hoheitliche Aufgaben zu beschränken.

    hallo@Arnulf,
    dem kann ich nur zustimmen.
    Zudem muß es auch ein Ende haben, Leute aus verschiedenen Bereichen mit 50 Jahren weise, ( ja, das gab es massenweise—) oder 55 in Pension zu schicken. Das war verantwortungslos und mit nichts gerechtfertigt.
    Was da die letzten 15 Jahre losgetreten wurde, wer da so alles ins bequeme Leben rüstig ,gesund und munter geschickt wurde, ein Skandal.

    Schauen wir uns mal den Ablauf so mancher Personen an:
    Bis 25 jahre Ausbildung-Studium–Durchschnitt–,
    bis 30 Jahre auf Lehrgängen,
    bis 50 Jahre -alternativ 55 Jahr arbeiten–

    vorher noch schnell befördert..
    dann Ruhestand–hohe Pensionen—

    Wie man so dumm sein konnte, ich habe kein Verständnis dafür.
    Ein Beamter muß auch unter Umständen andere Verwendungen, als die ursprünglich vorgesehenen in Kauf nehmen, wenn das die Umstände erfordern .
    Was da getrieben wurde , war Schwachsinn ohne gleichen.
    20 Jahre -bzw. 25 jahre reale Arbeitszeit stehen einer Versorgungszeit von
    bis zum Berufseintritt–bis zum Ende—der Berufszeit ca 25 jahre—
    Rentenalter-Pensionszeit–vermutlich durchschnittlich 30 Jahre –

    macht zusammen
    55 Jahre Versorgung gegenüber 20 bis /25 Jahre effektive Arbeitsleistung

    — plus natürlich die ersten Jahre nonstop Lehrgänge, die ja zur Arbeitszeit zählen— also Pensionsanspruch.
    wer dann mit in Pension ging, bekam auch noch volle Pension ohne Abzüge
    So kann ein Staat nur vor die Hunde gehen.
    Wer sowas zulässt, — ist ein Volltrottel- unfähig die Folgen zu erkennen..
    Wer das ausnützt – aus dem begünstigten Personenkrei und in Anspruch nimmt , ist ein Schmarotzer- oder ein Faulpelz.
    Wie hieß es damals, man wäre doch dumm, wenn man das nicht machen würde.
    Heute bezahlen die Kinder dafür mit unsäglichen Abgaben und Steuern.
    Wenn diese gleichen Leute dann pflegebedürftig werden, zahlen die Kinder nochmal.
    Also, ist das sehrwohl ein Leben in Luxus – in Bequemlichkeit ,auf Kosten der Kinder.
    Das nenne ich die “Wahre Freiheit” leben auf Kosten Anderer- das alles ohne Konsequenzen, täglich Urlaub und die Sonne auf dem Bauch.

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Der Autor:

Dr. Dr. Jörg Tremmel

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