Wenn keine Notwendigkeit für ein Gesetz besteht, besteht die Notwendigkeit, kein Gesetz zu erlassen. Baron de Montesquieu, 1689 - 1755, französischer Schriftsteller und Staatstheoretiker

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Niedrige Zinsen durchkreuzen Eigenvorsorge

Die Bedeutung der privaten Altersvorsorge steigt. Doch niedrige Zinsen untergraben die Eigenvorsorge.Das Gespenst der Altersarmut bemühen etliche Politiker vor Bundestagswahlen gerne, um sich mit Rezepten dagegen zu empfehlen. Dieses Gespenst kann durchaus Realität werden. Dann nämlich, wenn dieselben Politiker nicht die wahre Ursache erkennen: einen Mix aus exzessiver Staatsverschuldung und Niedrigzinspolitik.

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Unser Rentensystem ruht auf mehreren Säulen. Um trotz der stetig steigenden Lebenserwartung die Rentenbeiträge stabil zu halten, wurde durch Riester und Co. die Bedeutung der privaten Altersvorsorge gestärkt. Die private Vorsorge wird am Kapitalmarkt angelegt und ist dadurch im Gegensatz zur gesetzlichen Rente unabhängig von der Bevölkerungsentwicklung. Sie hängt dafür stärker vom Zinsniveau und den Kapitalrenditen ab.

Verharren wir wie bereits seit mehr als zwei Jahren in einer negativen Realverzinsung, könnte die Inflation das Ersparte vieler Bürger aber in großen Teilen auffressen. Das liegt daran, dass das Kapital durch die niedrigen Zinsen nicht stark genug wächst, um inflationsbedingte Kaufkraftverluste auszugleichen.

Ein Beispiel: Wer heute 10.000 Euro für 10 Jahre zu einem Zins von 1,5 Prozent (aktueller Satz für 10-jährige Bundesanleihen) anlegt, erhält 11.605 Euro mit Zinseszinsen zurück. Bei 2 Prozent Inflation kostet der Warenkorb, der heute für 10.000 Euro zu haben ist, in 10 Jahren 12.190 Euro. Der Verlust liegt also bei 585 Euro. Rechnet man mit 2,5 Prozent Inflation, liegt der Verlust nach 10 Jahren bei 1295 Euro. In dreißig Jahren wäre sogar mehr als die Hälfte an Kaufkraft, nämlich 5.345 Euro, verloren.

Die aktuellen Zinsbeschlüsse der EZB lassen solche Szenarien nicht unwahrscheinlicher werden. Auch nicht, dass europäischen Staaten die günstigen Zinsen nutzen und, anstatt zu sparen, weiter an der Schuldenschraube drehen. So gehört zunehmend auch die Mittelschicht zu der von Altersarmut bedrohten Gruppe. Selbst, wer heute einen gut bezahlten Arbeitsplatz hat, zusätzlich privat vorsorgt – kurz: alles richtig macht, könnte am Ende seines Arbeitslebens feststellen, dass alle Voraussicht nicht hilft, wenn der Staat es an dieser mangeln lässt.

Die Folge wäre eine noch stärker polarisierte Gesellschaft. Das ist nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch riskant: In Ländern, in denen die Mittelschicht verschwindet, haben es Populisten und Extremisten leichter, demokratische Regeln außer Kraft zu setzen. Ein Teufelskreis entstünde, der schon heute vermieden werden muss.


Dieser Beitrag ist in einer längeren Fassung auf WiWo.de erschienen.

  • Autor

    Prof. Dr. Andreas Freytag

    ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schilller-Universität Jena.

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