Wenn keine Notwendigkeit für ein Gesetz besteht, besteht die Notwendigkeit, kein Gesetz zu erlassen. Baron de Montesquieu, 1689 - 1755, französischer Schriftsteller und Staatstheoretiker

5 BildungSozialesSteuern und Finanzen

Schwache stärken

Die Mittelschicht in Deutschland hat sich kaum verändert.Die Diskussion um soziale Gerechtigkeit wird in Deutschland oftmals kontrovers und emotional geführt. Die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer – so heißt es oft. Doch was sagen die Fakten? Und wie lässt sich Armut effizient vermeiden?

(mehr …)

Wenn in Deutschland über Gerechtigkeit diskutiert wird, dreht sich die Debatte meistens um Einkommen, Vermögen und die Schere zwischen arm und reich. Daran gemessen geht es in Deutschland sogar ziemlich gerecht zu. Fakt ist: Die Mittelschicht ist sehr ausgeprägt. Gut die Hälfte der Bevölkerung gehört dazu und bezieht ein Einkommen, das zwischen 80 und 150 Prozent des mittleren Einkommens liegt.

Ein Baustein unserer Gesellschaft ist, dass starke Schultern mehr Last tragen als schwache. Unser progressives Steuersystem sorgt genau dafür – und das sehr effektiv. Im EU-Vergleich wird in Deutschland überdurchschnittlich viel umverteilt. Die einkommensschwächsten 20 Prozent der Bevölkerung erhalten fast die Hälfte ihres Einkommens als Nettotransfer.

Man darf allerdings nie vergessen: Um umverteilen zu können, müssen notwendigerweise Steuern erhoben werden. Dies führt zu Verzerrungen von Preisen und ökonomisch unerwünschten Ausweichreaktionen. Die Kunst ist es, die Balance zwischen Umverteilung und Steuererhebung zu wahren. Denn bevor der Kuchen verteilt werden kann, muss er erst erwirtschaftet werden.

Die Steuereinnahmen in Deutschland eilen von Rekord zu Rekord. Wir benötigen keine neuen Steuerquellen – weder um das Staatsäckel zu füllen, noch um mehr Gerechtigkeit herzustellen. Die Wiedereinführung der Vermögensteuer wäre folglich nicht nur unnötig, sondern auch kontraproduktiv. Sie würde den Unternehmen ihre wirtschaftliche Grundlage entziehen und Arbeitsplätze gefährden.

Das geeignetste Mittel gegen Armut ist ohnehin ein anderes: Bildung! Schulische Ausbildung und berufliche Qualifikation sind die Grundlagen, um Teil des Arbeitsmarktes zu werden und damit der beste Schutz gegen Armut. Gleichzeitig schafft Bildung die Vorrausetzung für soziale Mobilität und Chancengerechtigkeit. Betrachtet man die Gruppe der armutsgefährdeten Personen in Deutschland – das sind vor allem Alleinstehende, Personen mit Migrationshintergrund,  Alleinerziehende und Arbeitslose – wird deutlich: Soll die Armutsquote in Deutschland nachhaltig verringert werden, brauchen wir neben einem weiterhin flexiblen Arbeitsmarkt auch eine gute Bildungsinfrastruktur. Durch Bildung können die Schwachen gestärkt und der Zugang zum Arbeitsmarkt geschaffen werden. Gleiche Startchancen für alle: das ist gerecht!


Dieser Beitrag ist in einer längeren Fassung in einer Sonderausgabe der WirtschaftsWoche erschienen.

  • Autor

    Prof. Dr. Michael Hüther

    ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

    Alle Beiträge