Wer viel Geld hat, kann spekulieren; wer wenig Geld hat, darf nicht spekulieren; wer kein Geld hat, muss spekulieren. Andre Kostolany, 1906-1999, US-amerikanischer Finanzexperte

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Der Trendyman

NextopiaMicael Dahlén: Nextopia. Freu dich auf die Zukunft – Du wirst ihr nicht entkommen! Frankfurt Main 2013, Campus-Verlag

Die Welt verändert sich so rasant, dass viele Menschen kaum noch mithalten können, meint Micael Dahlén. Der Shootingstar unter den schwedischen Ökonomen ist sich sicher, dass wir in einer Erwartungsgesellschaft leben, die nur auf das fixiert ist, was morgen kommt. Es ist ein Buch, das sich mit knalligem Layout und der Attitüde intellektueller Flockigkeit an den Mainstream richtet – und ziemlich viel Schaum schlägt.

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Das Layout mit einer Farbe knallig in Magenta-Rot, der Buchrücken ausgestanzt und der Buchtitel wie frisch gestempelt. Keine Frage, Micael Dahléns neues Werk „Freu dich auf die Zukunft“ will auffallen. Die Optik soll vor allem der jungen Zielgruppe (zwischen 20 und 30 Jahren) zum  Schlüsselreiz werden. Dazu mengt der Autor noch ein paar steile Thesen über Wirtschaft, Zukunft und Gesellschaft und jede Menge Rock ’n‘ Roll-Zitate – fertig ist der Bestseller-Mix. Der schwedische Wirtschaftsprofessor und 30-jährige Shootingstar an der Stockholmer Uni reiht sich mit diesem Buch elegant in die Reihe von Autoren wie John Naisbitt, Faith Popcorn, Gerd Gerken oder Matthias Horx, die Trendbücher am laufenden Band schreiben – um dann gleich im folgenden Buch den alten Trend durch einen neuen zu ersetzen. Die Idee funktioniert fast immer, denn wer möchte nicht wissen, wie die Welt von morgen aussieht. Klar ist jedoch auch: Die Autoren schlagen recht viel Schaum. So auch Micael Dahlén.

Möglicherweise ist dieser Nachteil typisch für das Genre. Doch in Dahléns Fall ist es schade, verpasst er doch als durchaus einflussreicher Ökonom die Chance, junge Menschen für Wirtschaft langfristig zu interessieren. Flott schreiben kann er und auch bilderreich. Doch es fehlt die wirkliche Analyse gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Zusammenhänge. Es wird nicht wirklich klar, ob wir alle tatsächlich in einer „Erwartungsgesellschaft“ (wie es Dahlén für uns alle konstatiert) leben oder ob das nicht eher ein Trend ist, den Marketingabteilungen großer Unternehmen gerne forcieren würden und den Dahlen als Coach dieser Unternehmen einfach promotet. „Die Menschen interessieren sich immer weniger für das, woran sie teilnehmen oder was sie tatsächlich konsumieren, und immer mehr für das, woran sie später teilzunehmen und was sie zu konsumieren erwarten“, meint der Autor. Der Wert der Dinge, die wir gerade jetzt tun, hänge nicht nur davon ab, was heute geschieht, sondern ziehe auch das Morgen in Betracht, meint Dahlén. Eine etwas überspitze These, die sicherlich auch schon die Trendbuchautoren des spätdekadenten Roms sich hätten ausdenken können (wenn es solche Autoren gegeben hätte).

So häuft der Autor eine Phrase neben die andere: „Lebenszufriedenheit ist nicht abhängig von materiellen Dingen“, „Weil wir zufrieden sind, ist das Leben schön – und nicht umgekehrt“, „Geld ist eine gute Möglichkeit, ein gutes Leben zu definieren, aber es reicht nicht“.

Manche seiner Beobachtungen sind allerdings schon interessant – zumindest, was die Terminologie angeht. Beispielsweise spricht er von „Trailerismus“, wenn er meint, dass die Wahrscheinlichkeit und unsere Neigung höher ist, den Trailer eines Films sich anzusehen als den ganzen Film – gemeint ist der Konsumwahn, der Hang zum schnellen wirtschaftlichen Erfolg, zur schnellen Befriedigung allgemein. Vom Trailerismus profitieren Unternehmen wir Apple (mit iPhone und iPad) oder Anbieter anderer erfolgreicher Serienprodukte: „In der Erwartungsgesellschaft ist der Schlüssel zu einem erfolgreichen Geschäft, was als nächstes kommt.“ Dahlèn nennt dies „Nexpansion.“  Es gehe in der Wirtschaft darum, „die Zukunft zu verkaufen“.

Auch erteilt er den „Alten“ eine Lektion, also den CEOs ab 45 Jahren aufwärts. Er nennt sie die „Marsianer“. Sie müssten lernen, dass die neuen „Bosse“, also die „Digital Natives, die kommende Generation, sich viel selbstbewusster verhalte und auf Augenhöhe mit ihren Vorgesetzen sehe – also im Grunde wie er. Er appelliert an seinesgleichen: „Nimm, was du magst, und vergiss den Rest! Viele haben Angst, Entscheidungen zu treffen. Aber es gibt nicht die eine richtige! Trau dich und scheitere – du bekommst mehr als eine zweite Chance. Fehler machen bedeutet Fortschritt.“ Viele „Marsianer“  mögen sich angesichts solcher Worte an ihre Eltern und die 70er Jahre denken.

Jede Generation braucht ihre Fürsprecher. Micael Dahlén wäre gerne so einer. Dass seine Darstellung und Sprache weit ab vom dozierenden Modus des Professoralen liegen, ist gut. Doch von einem gefeierten jungen Wirtschaftsprofessor hätte man sich insgesamt mehr Reflexion erwartet – weniger Bonbon und mehr Frucht.

  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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