Gewinn ist so notwendig wie die Luft zum Atmen, aber es wäre schlimm, wenn wir nur wirtschaften würden, um Gewinn zu machen, wie es schlimm wäre, wenn wir nur leben würden, um zu atmen. Hermann Josef Abs, 1901-1994, deutscher Bankier, Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG (1957-1967)

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Die vermessene Zahl

1Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl – eine politische Geschichte des Bruttoinlandprodukts, Suhrkamp, Berlin 2013Philipp Lepenies: Die Macht der einen Zahl – eine politische Geschichte des Bruttoinlandprodukts, Suhrkamp, Berlin 2013

Ein lesenswertes Buch ist Philipp Lepenies gelungen. „Die Macht der einen Zahl“ beschreibt die Geschichte und Bedeutung des Bruttoinlandprodukts (BIP). Zwar geht es nicht konkret auf aktuelle Diskussionen über neue Messungen von Wohlstand und sozialer Fortschritt ein, dennoch macht es deutlich, dass das BIP nur eine von vielen geeigneten Messgrößen der Zukunft ist.

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Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist keine selbst erklärende Zahl wie die in ppm (parts per million) gemessene Fluorideffizienz von Zahncreme oder der Kalorienwert in Marzipanmasse. „Das BIP ist ein Phänomen“, beginnt Philipp Lepenies, Senior Fellow am Potsdammer Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS), sein unterhaltsames und rund 180 Seiten dickes Buch „Die Macht der einen Zahl“. Nur vordergründig würde das BIP das Maß der wirtschaftlichen Leistung einer Volkswirtschaft messen. Tatsächlich beruhe es aber nur auf „einer Interpretation dessen, was Leistung und was Volkswirtschaft heißt“. Letztlich resultiere die besondere Position des BIP aus seiner politischen Akzeptanz.
Lepenies Buch liefert keine umfassende Historie des BIP. Ausgangspunkt für seine Beschreibung ist zum einen die vom ehemaligen französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy geäußerte Kritik über die Macht, die das BIP heute ausübt. Zum anderen ist es das Fehlen der historischen Perspektive in den Diskussionen über das BIP.

Um vor allem diese Lücke zu schließen und die wirtschaftspolitische Entwicklung des BIP zu verdeutlichen, hat sich Lepenies drei – und zugleich nicht unbedingt die bekanntesten – Forscher herausgesucht, deren Ziel es war, Zahlen in relevante Daten für Politik und Wirtschaft zu verwandeln: der Engländer Willam Petty (1623 bis 1687), der als Begründer der Volkseinkommensberechnung gilt; Colin Clark, der Chemiker, der nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 neue Grundlagen der BIP-Berechnung schuf; und schließlich der (Sowjet-)Russe Simon Kusnets, der ebenfalls eine systematische Berechnung von Volkseinkommen vorlegte und für den eher der Mensch und seine Wohlfahrt im Mittelpunkt des Wirtschaftens standen.
Lepenies Ausführungen zeigen schlüssig, dass die Rolle des BIP immer mit dem Wachstumsgedanken verbunden war. Auch die Kritik an BIP und an der Idee des unbegrenzten Wachstums haben die Diskussionen über die „eine Zahl“ stets begleitet. An ihrer zentralen Rolle hat das jedoch nichts geändert. Dass sie heute immer noch politisch akzeptiert wird, liegt für den Autor daran, dass sie „einen scheinbar objektiven, vermeintlich ideologie- und werturteilsfreien, auf nüchterne Zahlen basierenden Überblick über wirtschaftliche Prozesse“ bietet. Die Kriterien, mit denen das BIP erfasst und gemessen wird, seien transparent und nachvollziehbar.
Sich zum Gegner oder Befürworter des BIP machen, will sich Lepenies nicht. Zwar verweist er zu Anfang seines Werkes auf die Verwunderung, mit der Sarkozy dem BIP begegnete, leider setzt er sich jedoch nicht mit Positionen wie beispielsweise denen von Joseph Stiglitz und Amartya Sen auseinander, die seit einigen Jahren – und durchaus auf Anregung des damaligen französischen Staatspräsidenten – darüber forschen, wie sich Wohlstand und sozialer Fortschritt ohne Bruttoinlandsprodukt messen lässt. Stiglitz und Sen halten das BIP für eine Messgröße, die in keiner Weise ausreicht – vor allem angesichts der Tatsache, dass in den meisten Fällen ein großer Teil der Bürger nicht vom Wachstum seines Landes profitieren kann. Freilich registriert Lepenies, dass es verschiedene Ökonomen gibt, die anstelle des BIP eine andere statistische Messung der Wohlfahrt einer Gesellschaft etablieren wollen. Über deren Erfolgsaussichten schreibt er allerdings nichts. Er bleibt in seinem Buch ganz der historische Beobachter.
Einen Rat zum Schluss gibt er dennoch: Er empfiehlt BIP-Kritikern und -Apologeten, sich die Entstehung des BIP mit all seinen historisch bedingten Eigenheiten genau vor Augen zu führen. Für Lepenies steht fest: Das BIP ist zukünftig sicherlich nicht der einzige geeignete Lösungsansatz für die wirtschaftliche Vermessung der Welt. Gleichzeitig zeigt ihm die Erfolgsgeschichte des BIP, dass es schwer wird, in den nächsten Jahrzehnten den Siegeszug dieser einen Zahl zu brechen.

  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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