Ja zur Machtkontrolle, zum Grundsatz gleicher Marktchancen, ja zum Wettbewerb. Helmut Kohl, 1930 - 2017, dt. Bundeskanzler

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Wir pfeifen auf den Export-Weltmeistertitel

Heribert Dieter - Deutschland in der Weltwirtschaft.Heribert Dieter: Deutschland in der Weltwirtschaft – ein Modell mit Zukunft? Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2013

Heribert Dieter sieht die deutsche Wirtschaft für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zwar gut positioniert. Doch ohne Reformen wird es auf Dauer nicht gehen. Der Ökonom fordert eine bessere Willkommenskultur für hochqualifizierte Fachkräfte aus den Nicht-EU-Staaten, mehr multinationale statt bilaterale Handelsbeziehungen und verstärkte Investitionen der deutschen Wirtschaft im Inland.

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Noch profitiert das Image der deutschen Wirtschaft von der weltweiten Renaissance der verarbeitenden Industrie. Will die Bundesrepublik jedoch auch in Zukunft wirtschaftlich konkurrenzfähig bleiben wollen, reicht das nicht. Der Ökonom Heribert Dieter glaubt zwar, dass die deutsche Wirtschaft den kommenden wirtschaftspolitischen Herausforderungen grundsätzlich gewachsen ist. Aber nur, wenn sie auch wichtige Reformen einleitet – in der Bildungs-, Handels- und Finanzpolitik.

Heribert Dieter, Autor des Buches „Deutschland in der Weltwirtschaft, ist Gastprofessor für internationale politische Ökonomie an der Zeppelin Universität Friedrichshafen und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Dieter geht der Zukunftsfähigkeit des Landes auf den Grund, wägt Vor- und Nachteile von dienstleistungs- und industrieverarbeitenden Gesellschaften ab, analysiert dazu einzelne Unternehmen vor allem aus der Automobilindustrie und deren Produktions- und Standortstrategien in einem globalisierten Umfeld. Das Ergebnis: Weil die deutschen Unternehmen ihre Chancen der Globalisierung erfolgreich genutzt haben und weiter erfolgreich nutzen werden, stehen die Aussichten auf eine rosige Zukunft nicht schlecht. Damit es auch so kommt, gibt es allerdings dringend Reformbedarf.


Verschultes Bologna entrümpeln

Zunächst in der Bildung: Künftig, so der Autor, wird es nicht um die Verteilung knapper Arbeitsplätze, sondern um die Verteilung von zu wenigen Arbeitskräften gehen. Deswegen empfiehlt er, viel stärker als bisher ausländischer Fachkräfte aus den Nicht-EU-Staaten anzuwerben. Auch im Studiensystem nach der Bologna-Reform müsse sich etwas ändern. Die Bachelor-Studenten seien nicht ausreichend auf das Berufsleben vorbereiten. Das verschulte System brauche dringend eine Erneuerung, die nicht nur Noten, sondern auch Urteilsfähigkeit und Persönlichkeit der Studierenden in den Fokus nimmt. Ebenso sind Veränderungen im Steuersystem sind: Maßnahmen wie Ehegattensplitting und kostenlose Mitversicherung von Familienmitgliedern behinderten insbesondere die Erwerbstätigkeit von Frauen. Die Betreuungsplätze für Kinder sollten ausgebaut, die Abschläge für Vorruhestandsreglungen erhöht werden.

Auch in Handelspolitik sieht Dieter Defizite: Die Konzentration auf bilaterale Freihandelsabkommen, etwa mit Amerika und Kanada. Sinnvoller sei „eine transparente multilaterale Handelsordnung“. Bilaterale Beziehungen und sogenannte Präferenzabkommen mit mehreren Staaten führten unweigerlich zur Herausbildung paralleler Regulierungswelten, meint der Autor. Diese seien für die deutsche mittelständische Industrie administrativ kaum zu bewältigen.

Weniger Export – mehr Investitionen im eigenen Land

Vor allem aber kritisiert Dieter die einseitige Exportorientierung der deutschen Wirtschaft, die sich zwar mit gerne mit Titel wie „Weltmeister“ oder „Vizeweltmeister“ schmücke, aber im Grunde ein Verlustgeschäft sei. Sie gehe zu Lasten sinnvoller Investitionen im Inland. „Seit gut einem Jahrzehnt liegen die Investitionen unter dem Mittelwert der übrigen G7-Staaten“, erklärt Dieter. Exporte sind für ihn Mittel zum Zweck, können aber nicht das Ziel wirtschaftlicher Aktivitäten sein. Der Autor rechnet vor: „Auf die Investitionen im Ausland mussten hohe Abschreibungen vorgenommen werden – je nach Berechnungsmodus verlor Deutschland zwischen knapp 300 und 650 Milliarden Euro.“ Dieses Geschäftsmodell nutze den Menschen hierzulande wenig und sei kein Mittel für die nächsten Jahrzehnte. Deutschland liefere dem Ausland Waren und finanzierte diese gleich mit. Dieters Vorschlag: Die Investitionstätigkeit muss erhört werden und zwar nicht unbedingt durch den Bau von Fabriken, sondern kann auch durch dem Bau von Wohnungen und Häusern sehr effektiv sein.

Dieter ist optimistisch, dass ein neuer Boom gelingen könnte. Der Trick: „Ein vergleichsweiser kleiner steuerlicher Anreiz könnte schon genügen, um hier ein Umsteuern zu bewirken.“

  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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