Jeder sollte wissen: Je kleiner die Schritte, desto mehr Schritte muss er machen. Horst Köhler, *1943, Bundespräsident AD

2 Finanzmarkt

Die Zeit für eine behutsame Zinswende ist da

Die Geldpolitik in den großen Währungsräumen ist seit einiger Zeit mit extrem niedrigen Zentralbankzinsen stark expansiv ausgerichtet. Auch um private Ersparnisse wieder attraktiver zu machen, ist es jetzt nötig, langsam wieder zur neutralen Geldpolitik zurückzukehren.

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So unterschiedlich die Motive ursprünglich waren, hat sich die Geldpolitik der Zentralbanken in Japan, den USA, Großbritannien und Europa in den vergangenen Jahren stark angenähert. Die Niedrigzinspolitik ist in allen Währungsräumen vom Einzelfall zum Normalfall geworden. Diese geldpolitische Strategie ist nicht nur problematisch, weil sich etwa die EZB damit von ihrer Politik der Preisniveaustabilität abwendet. Auch die Frage, wie sie ohne größere Kollateralschäden wieder zu neutraler Geldpolitik zurückkehren kann, ist immer schwieriger zu beantworten.

Die globale Finanzkrise, die makroökonomische Krise, die Banken- und Staatsschuldenkrise in der Eurozone und die Zahlungsbilanzkrise einiger Euroländer bilden als Ursachen für die Niedrigzinspolitik eine Ausgangslage, die die EZB vor vielfältige Herausforderungen stellt. Eine der größten ist die Gefahr der Fragmentierung des europäischen Finanzmarktes. Wesentliche Vorteile einer gemeinsamen Währung würden dadurch entfallen und die Finanzkreisläufe renationalisiert. Die geldpolitischen Interventionen haben die Risikoprämien für Banken und Staaten zwar reduziert, aber nicht entkoppelt.

Die EZB wird eine Zinswende also erst dann einleiten, wenn sie keinen wesentlichen Anstieg der Risikoprämien in einzelnen EU-Staaten mehr befürchtet. Bei den Bilanzprobleme der Banken gibt es bereits positive Entwicklungen: Das Kernkapital der großen Banken ist deutlich gestiegen und die Kreditkosten der Krisenländer liegen mit durchschnittlich 4,5 Prozent wieder auf Vorkrisenniveau.

Ein zweites zentrales Argument gegen eine Zinswende ist das Deflationsrisiko. Zwar liegt die Inflationsrate mit 0,4 Prozent (Juli 2014) im Euroraum tatsächlich sehr niedrig. Von den Preisrückgängen sind aber vor allem energienahe Produkte und technische Güter mit hoher Innovationsrate betroffen sowie die Verbraucherpreise in einzelnen EU-Ländern. Bei letzteren geht es vor allem um eine vorübergehende Maßnahme, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Das Deflationsrisiko ist also begrenzt, zumal die Konjunkturzuversicht in der Eurozone stabil ist.

All diese Befunde sprechen für eine baldige Zinswende. Auch wenn die Entschuldungsprozesse für Staaten wie Private noch lange nicht abgeschlossen sind: Die staatlichen Zinsausgaben sind gemessen am BIP nicht mehr dramatisch. Und für die private Verschuldung der Verbraucher ist die Zinswende umso dringender, da die Niedrigzinsen die Anreize für eine Altersvorsorge mindern. Angesichts einer robusten Konjunktur sollte deshalb ab Mitte 2015 eine schonende Zinswende möglich sein. Sie sollte eindeutig kommuniziert werden, zunächst monatlich nur um wenige Basispunkte steigen und dann bei fortschreitender Erholung Fahrt aufnehmen.


Eine längere Fassung dieses Beitrags finden Sie im Wirtschaftsdienst.

  • Autor

    Prof. Dr. Michael Hüther

    ist Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

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