Verfüge nie über Geld, ehe du es hast. Thomas Jefferson, 1743-1826, US-amerikanischer Politiker

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Umverteilung seit Hartz-IV-Reform zielgerichteter

Hartz-IV: Die ärmsten 20 Prozent profitieren.Die Hartz-IV-Reformen stehen in dem Verdacht, die Verteilungsungerechtigkeit in Deutschland verschärft zu haben. Mit Hilfe einer Mikrosimulation lässt sich zeigen, welche Personen mehr oder weniger Geld mit „Hartz IV“ zur Verfügung haben. Im Resultat gibt es mehr Reformgewinner als Verlierer – und zwar insbesondere im unteren Einkommensbereich.

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In der Wissenschaft ist es relativ unumstritten, dass die Agenda 2010 und die Hartz-IV-Reformen aus dem Jahr 2005 einen positiven Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit der letzten zehn Jahre geleitest haben. Auf der anderen Seite herrscht häufig die Meinung, dass sich die Bezieher von Sozialleistungen mit „Hartz IV“ schlechter gestellt haben. Werden die monetären Verteilungseffekte der Reform betrachtet, zeigt sich jedoch ein anderes Bild: insbesondere die unteren Einkommensbereiche haben von den Hartz-IV-Leistungen finanziell profitiert. Ein erstes Indiz hierfür war bereits die unerwartete „Kostenexplosion“ der Sozialleistungen bei Einführung der Reform im Jahr 2005, die nicht allein auf einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zurückzuführen war.

Wer im Einzelnen von der Reform profitiert hat, lässt sich mit einer detaillierten Simulationsanalyse ermitteln. Hierfür wird das damalige System der Sozial- und Arbeitslosenhilfe unter Berücksichtigung der Inflation bis zum Jahr 2011 (aktuelle Einkommensdaten) fortgeschrieben und mit dem jetzigen System des Arbeitslosengeldes II (ALG II) verglichen. Gleiches gilt für die damals wesentlich großzügigeren „einmaligen Leistungen“ im Rahmen der Sozialhilfe, die den anspruchsberechtigten Haushalten pauschal zugewiesen werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich nur ein Viertel der bedürftigen Haushalte durch die Wiedereinführung der Sozial- und Arbeitslosenhilfe deutlich besser stellen würde. Darunter sind insbesondere diejenigen, die im alten System einen Anspruch auf Arbeitslosenhilfe hätten geltend machen können. Die meisten der Bedürftigen, die nur einen Anspruch auf Sozialhilfe hätten, haben mit Hartz IV mehr Geld zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es aufgrund der höheren Regelbedarfe eine substanzielle Anzahl an ALG II-Empfängern, die im alten System überhaupt keinen Anspruch auf Grundsicherungsleistungen gehabt hätten. Da diese Haushalte ausschließlich im unteren Einkommensbereich zu finden sind, profitieren insbesondere die Einkommensschwachen von den Hartz-IV-Leistungen. Die Zahlung der Arbeitslosenhilfe hingegen orientierte sich nicht so stark an der Bedürftigkeit der Haushalte, sondern am letzten Nettoentgelt – die Reformverlierer verteilen sich somit stärker auch auf den mittleren Einkommensbereich.

Seit der Hartz-IV-Reform fließen somit mehr finanzielle Mittel in den unteren Einkommensbereich. In dem Sozialsystem vor der Reform waren die Transferzahlungen weniger zielgerichtet und auch über höhere Einkommensklassen verteilt. Insofern ist es nicht überraschend, dass auch die Armutsgefährdungsquote im alten System der Sozial- und Arbeitslosenhilfe höher liegen würde.


Zur IW-Studie „Verteilungswirkung der Agenda 2010“, erstellt im Auftrag der INSM.

  • Autor

    Dr. J. Niehues und Dr. H. Goecke

    Judith Niehues und Henry Goecke sind Wissenschaftler am Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

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