Gewinn ist so notwendig wie die Luft zum Atmen, aber es wäre schlimm, wenn wir nur wirtschaften würden, um Gewinn zu machen, wie es schlimm wäre, wenn wir nur leben würden, um zu atmen. Hermann Josef Abs, 1901-1994, deutscher Bankier, Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG (1957-1967)

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Sorge dich nicht – monopolisiere!

Peter Thiel: Zero to One – wie Innovation unsere Gesellschaft rettet, Campus-Verlag, Frankfurt 2014Peter Thiel: Zero to One – wie Innovation unsere Gesellschaft rettet, Campus-Verlag, Frankfurt 2014

Peter Thiel, Gründer des Online-Bezahldienstes PayPal, hat gut reden. Der Mann ist reich, unabhängig und wohl auch deswegen frech genug, jederzeit gegen den Strich zu bürsten. In seinem neuen Buch schickt er nichts anderes als den „Wettbewerb“ zum Teufel und erklärt die Monopolbildung zum wahren Erfolgsgaranten der Marktwirtschaft – eine unterhaltsame Provokation für alle, die Unternehmer sind oder werden wollen.

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Peter Thiel ist sich sicher: Für die USA geht ohne den „Wettbewerb“ nichts. Und wer den Wettbewerb bezweifelt, greife eine „Heilige Kuh“ an. Wettbewerb sei in den USA alles, Motor und Garantie für einen funktionierenden Markt. Die Amerikaner seien sich sogar sicher, dass erst der Wettbewerb sie vor der Mangelwirtschaft des Sozialismus‘ bewahrt habe, meint der Autor. Doch wer so denke, irre.

Für Thiel ist der Kapitalismus das Gegenteil von Wettbewerb. Kapitalismus basiere auf der Akkumulation von Kapital – doch im perfekten Wettbewerb würden sämtliche Gewinne dem Konkurrenzkampf zum Opfer fallen. Für Unternehmer sei die Lektion daher eindeutig. Thiel: Wer langfristig Gewinne machen will, darf keine Allerweltsfirma gründen und muss sich eine Monopolstellung erarbeiten. Das bedeutet: Die Firma müsse auf ihrem Gebiet so gut sein, dass kein Konkurrent eine gleichwertige Alternative bieten könne.

Monopolbildung als neuer Heilsbringer? Starker Tobak von jemandem, der es leicht hat, so zu argumentieren: Peter Thiel, in Frankfurt am Main geboren und in Kalifornien aufgewachsen, studierte Jura und Philosophie, bevor er sich als Investor im Silicon Valley einen Namen machte. Er gründete den Internetbezahldienst PayPal, verkaufte das Unternehmen, wurde steinreich, stieg auch als Investor bei Facebook ein und wurde noch reicher. Politisch gilt er als ultraliberaler Staatsskeptiker. US-Elite-Universitäten wie Stanford, Yale oder Harvard wirft er, einst selbst Student in Stanford, vor, gleichartiges Denken statt Originalität zu fördern – eine recht populäre Haltung, die mittlerweile viele Systemkritiker in den USA einnehmen. Konsequenterweise redet Thiel aber nicht nur, sondern vergibt auch Stipendien an junge Unternehmensgründer, die sich der Universität verweigern.

Sein Buch, das auf dem Seminar basiert, das Thiel der Stanford University 2012 gehalten hatte, beschäftigt sich zunächst mit einem aktuellen Thema: die Digitalisierung unserer Lebens- und Arbeitswelt, die Chancen für uns als Konsumenten und Unternehmer – kurzum die Frage: Wie können wir die Zukunft mit Technologie gestalten? Zwar zählt Thiel nicht zu den Idealisten, die glauben, man könne alle Probleme der Welt technisch lösen. Dennoch ist er überzeugt, dass weiteres Wachstum ohne den technischen Fortschritt kaum möglich ist. Denn, „was uns Menschen von Tieren unterscheidet, ist die Fähigkeit, Wunder zu vollbringen“, meint Thiel – „und diese Wunder heißen Technologie“.

Der Autor lobt den Pioniergeist des Silicon Valley und verurteilt die Europäer in ihrer Skepsis gegenüber den neuen digitalen Möglichkeiten. Europa beschränke sich beim Thema Digitalisierung oft nur auf das Internet, auf Software und Kommunikation. Doch die Geschäftsfelder ganzer Branchen würden zukünftig neu justiert werden müssen. Den Europäern fehle dazu die konkrete und positive Vorstellung.

Wer sich nicht ruinieren will, sollte sich verbrüdern

Wichtig ist dem Autor dann vor allem die Monopolfrage: Dass er als Investor sein Geld lieber in ein Monopolunternehmen steckt, statt in einen Underdog, ist logisch. Dass dies aber auch für andere von Nutzen sein kann, erklärt Thiel mit dem Verweis auf die Schnelligkeit, mit der sich die Welt heute aufgrund von Globalisierung, Technologie und Digitalisierung verändert: „Wenn die Welt statisch wäre, hätte eine Firma wie IBM damals oder Google heute ein Monopol für hundert Jahre. Das wäre so, wie die Post einst das Monopol für Briefe hatte. Aber so ist die Welt nicht mehr.“ Für den Autor sind Monopole die eigentlichen Motoren für Innovation, Fortschritt und Wertschöpfung. Denn: Monopolisten könnten sich heute nicht mehr auf ihren Leistungen ausruhen. „Wer sich nicht weiter entwickelt, fällt zurück oder geht ganz unter“, meint Thiel. Als Beispiel nennt er Hardware-Hersteller wie Blackberry, Kodak oder Nokia. Wenn heute Unternehmen nicht in wirklich Neues investieren, dann werden sie bedeutungslos, meint Thiel – egal welche Gewinne sie heute erzielen. Auch habe die Monopolbildung letztlich den Vorteil, Kosten zu sparen. Thiel: Wer sich nicht im Wettbewerb ruinieren will, sollte sich lieber mit dem Gegner verbünden.

Sein Buch ist zum einen ein durchaus unterhaltsames Motivationsseminar für alle Gründer – zum anderen eine provokante Lektüre für jedes klassische deutsche Mittelstandsunternehmen. Man muss es nicht lesen, aber wie es bei frechen Büchern halt so ist: Sie rütteln auf. Zudem bietet es einen inspirierenden, essayistischen Teil für alle diejenigen, die sich ohnehin für Szenarien des beginnenden digitalen Zeitalters interessieren.

  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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