Um zwei Dinge kommen wir nicht herum: um die Steuerzahlung und um den Tod. Ein Glück, daß man nicht beides zur gleichen Zeit erleben kann. Hans Albers, 1891-1960, deutscher Schauspieler

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Wie zerklüftet ist die Republik – einige Anmerkungen zum aktuellen Armutsbericht

Der aktuelle Armutsbericht des paritätischen Wohlfahrtsverbands zeigt, dass die Armut – trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung in den letzten Jahren – zugenommen hat. Das ist bedenklich. Deshalb ist es wichtig, die Entwicklung richtig zu interpretieren und die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.

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Haushalte werden als arm klassifiziert, wenn ihnen weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen (Median) bedarfsgewichteten Einkommens zur Verfügung steht. Für einen Singlehaushalt liegt die Armutsgefährdungsschwelle bei 892 Euro, für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 1873 Euro. Die Analyse hat für das Jahr 2013 ergeben, dass 15,5 Prozent der Haushalte und 12,5 Millionen Menschen in Deutschland arm sind.

In dem Bericht wird es besonders kritisch gesehen, dass die Armut zugenommen hat, obwohl die Arbeitslosenquote deutlich gesunken ist. In der Presse wurde daraus zum Teil der Schluss gezogen, dass es zu einem Anstieg der Armen unter den Erwerbstätigen gekommen ist. Tatsächlich liegt der Anteil der Armen in dieser Gruppe mit 7,8 Prozent deutlich unter dem in der Gesamtbevölkerung. Dabei erscheinen 7,8 Prozent noch immer hoch, aber es ist auch zu bedenken, dass Erwerbstätigkeit nur ein paar Arbeitsstunden in der Woche erfordert und nicht etwa Vollzeiterwerbstätigkeit. Insofern gilt, dass Erwerbstätigkeit der beste Schutz vor Armut ist.

Der Bericht zeigt deutlich, dass Erwerbslose mit einer Quote von 58,8% das größte Armutsrisiko tragen. Dabei gibt es sicherlich große Überschneidungen zu den beiden anderen Risikogruppen: Alleinerziehende und Menschen ohne Bildungsabschluss. Diese beiden Bevölkerungsgruppen sind wohl besonders von Armut betroffen, weil sie auch sehr häufig von Erwerbslosigkeit betroffen sind. Gerade unter den Alleinerziehenden wird es auch arme Erwerbstätige geben, was dann häufig auf geringe Arbeitszeiten zurückzuführen ist.

Um die Armut zu reduzieren, müssen insofern die Beschäftigungsmöglichkeiten für Alleinerziehende verbessert werden. Außerdem muss die Zahl der Personen ohne Bildungsabschluss verringert werden und Einstiegsmöglichkeiten für diejenigen, die keinen Abschluss erlangen können, geschaffen werden. Diese Maßnahmen werden sich auch positiv auf zwei andere besonders von Armut betroffene Gruppen auswirken: Kinder und Rentner. Kinder sind besonders von Armut betroffen, weil ihre Eltern arm sind und wenn es gelingt, die Eltern aus der Armut zu bringen, dann werden auch die Kinder nicht mehr arm sein. Rentner sind insbesondere dann von Armut betroffen, wenn sie während ihres Erwerbslebens lange Zeiten nicht erwerbtätig sein konnten. Insofern ist Erwerbstätigkeit auch die beste Methode der Altersarmut vorzubeugen.

Es bleibt die Frage, warum es in den letzten Jahren trotz eines Anstiegs der Erwerbstätigkeit zu einem Anstieg der Armutsquoten gekommen ist. Der Grund ist, dass die Löhne aufgrund der besseren Beschäftigung angestiegen sind. Damit ist auch das durchschnittliche Einkommen gestiegen und zwar stärker als die Transfereinkommen wie Arbeitslosengeld, Harz IV und auch die Renten. Deshalb fällt ein größerer Teil dieser Haushalte jetzt in die Armutskategorie. Zum Teil werden bei den Transfereinkommen zeitverzögert automatische Anpassungen erfolgen, zum Teil wird man sicherlich auch über Anpassungen von Regelsätzen nachdenken müssen.

  • Autor

    Prof. Dr. Michael Bräuninger

    ist als Professor an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg und als freier Autor und Berater im Bereich Economic Trend Research tätig.

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