Für eine freie Marktwirtschaft - auch mit dem Adjektiv sozial davor - gehört es sich, einen liberalisierten Arbeitsmarkt zu haben. Hans-Olaf Henkel, *1940, ehem. BDI-Präsident

- BuchkritikEuropa

„Wissen Sie, was sie zu mir gesagt hat? Chacun sa merde!“

Kaum einer schaut durch das „Polit-Dickicht Brüssel“ durch. Jetzt saust dieses Buch wie eine Sense durch den EU-Dschungel und legt ernüchternd die Feststellung frei, dass die Europäische Kommission im Grunde nur die Gesetzeswerkstatt für die Vorschläge aus den Hauptstädten der größten Mitgliedstaaten ist. Anders ausgedrückt: Beim Tanz um die Macht geht’s in Brüssel zu wie bei den Landesfürsten im 18. Jahrhundert – ein köstlicher Blick hinter die Gipfel-Türen der EU.

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Cerstin Gammelin / Raimond Löw: Europas Strippenzieher – wer in Brüssel wirklich regiert, Econ Verlag, Berlin 2014Dass bei der Brüsseler Kommission manchmal gehauen und gestochen wird wie beim Metzger im Schlachtraum, kann man sich vielleicht noch denken. Dass dort aber Staatsfrauen und -männer angesichts brisanter Themen schneller an ihre intellektuellen Grenzen stoßen als Lucky Luke schießen kann, ist schon erschreckend. Und dass dort schließlich die Ministerpräsidenten und Kanzler um den besten Platz am EU-Sitzungstisch rangeln wie die Mädels um den Schoß des TV-Bachelors, ist geradezu peinlich. Brüssel doch nicht besser als das alte Rom?

Doch. Natürlich. Oder hoffentlich. Erhebliche Macken gibt es dennoch. Das zeigen die beiden Brüsseler Journalisten Cerstin Gammelin und Raimund Löw in ihrem Buch „Europas Strippenzieher – wer in Brüssel wirklich regiert“. Fast protokollgenau schildern sie zahllose Meetings der 28 Staats- und Regierungschefs anlässlich der Finanzkrisen-Gipfeltreffen in Brüssel – und bringen pikante Details ans Licht. Dass ihnen der Text so lebendig und gespickt mit Originalzitate gelingt, liegt an ihren Quellen: bisher unveröffentlichte Gipfelprotokolle. Was aus dem 380seitigen Buch herausdringt, ist nicht nur ein wunderbares Füllhorn einer „Raserei von Meinungen“ der Politiker – wie der Schriftsteller Robert Menasse formuliert –, sondern auch ein wichtiges Zeugnis, das belegt, wie zäh, engagiert und eitel das Ringen für eine Lösung der europäischen Finanzkrise war und ist.

Europäische Gesprächstherapien

Die Dokumentation der „Europäischen Gesprächstherapien“, also der Treffen der politischen EU-Führungselite mit all ihren merkwürdigen Allüren, grenzt teilweise an Komik. So ärgerte sich der französische Präsident Sarkozy, als sich Merkel einem gemeinsamen Banken-Rettungsfonds widersetzte: „Wissen Sie, was sie zu mir gesagt hat? Chacun sa merde! Jedem seine Scheiße“, soll er in die Flure fern von jedem TV-Kanal geflucht haben. Da brüstet sich Berlusconi vor der Presse, wie er Sarkozy hat ins Leere laufen lassen – als es mit Lorenzo Bini Smaghi und Mario Draghi gleich zwei Italiener in die Europäische Zentralbank geschafft hatten – dafür aber kein Franzose. Und auch die kleinen plustern sich auf: So will Zyperns Präsident Christofias endlich einmal gelobt werden, weil 40 Prozent seines Kabinetts weiblich sind.

Für die beiden Autoren steht fest: Kein EU-Kommissar, keine EU-Kommissionspräsident und schon gar kein EU-Präsident sind die Strippenzieher in Europa. Sondern: Die Staats- und Regierungschefs sind die mächtigsten Lobbyisten auf dem Kontinent. Die Europäische Kommission sei nur die „Gesetzeswerkstatt“ für die Mitgliedsstaaten. Alles, was in Brüssel beschlossen würde, basiere grundsätzlich auf Vorschlägen aus den Hauptstädten – nicht zuletzt auch aus Berlin, der „heimlichen Hauptstadt Europas“.

Die Autoren sezieren nicht nur das Betragen der europäischen Herrscher, sondern sie referieren auch über die Mängel des „sozialen Europas“, über den Einfluss der Finanzlobby und über den steigenden Nationalismus. Sie entwickeln ein Szenario, wie ein gemeinsame Sozial- und Außenpolitik aussehen könnte und wiegen Vor- und Nachteile einer Bankenunion für den Traum der „Vereinigten Staaten von Europa“ ab. Der Euro kann den Autoren zufolge als Projekt der politischen Einigung nur dann überleben, „wenn sich die Staaten der Euro-Zone dazu entschließen, einen Ausgleichsmechanismus zwischen armen und reichen oder zwischen gerade wohlhabenderen und schwächelnden Volkswirtschaften zu schaffen“.

Fazit
Auch wenn die handelnden Personen der EU-Politik ständig wechseln und das Buch damit nicht mehr ganz auf dem Stand des aktuellen EU-Personals ist – den Autoren ist ein mit Brüsseler Polit-Spitzen vollgepacktes, höchst intensives Buch gelungen, das einen herrlichen Blick in den allzu menschlichen, aber eben auch komplexen Alltag der EU-Politik wirft. Empfehlenswert!

Cerstin Gammelin / Raimond Löw: Europas Strippenzieher – wer in Brüssel wirklich regiert, Econ Verlag, Berlin 2014

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  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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