Je freier die Wirtschaft, umso sozialer ist sie auch. Ludwig Erhard, 1897-1977, deutscher Wirtschaftsminister, Bundeskanzler

4 Wachstum

Vorsicht vor der Demografie-Falle!

Die schnelle Alterung der Gesellschaft bedroht den Wohlstand in Deutschland. Nur wenn der Staat Unternehmertum und technischen Fortschritt durch gründerfreundliche Regeln unterstützt, kann die Wirtschaft weiter wachsen.

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Angesichts von Beschäftigungsrekord und robuster Konjunktur wollen es viele nicht wahrhaben – doch Deutschlands Wohlstand ist bedroht. Die aktuellen Erfolge werden nicht helfen, die Herausforderungen des demografischen Wandels zu meistern. Vor allem, wenn die Politik weiterhin so kurzsichtig reagiert.

Bis jetzt beschränkt sich die Debatte auf Fachkräftemangel und die Finanzierung der Sozialversicherungssysteme. Doch weit größer ist die Gefahr einer sich abbremsenden Dynamik in der Gesellschaft. Ältere Menschen sind zögerlicher. Sie vermeiden riskante Investitionen und haben weniger Anreize für Fortbildungen. Besitzstandswahrung verdrängt den Mut zu Neuem. Schon heute stecken die Deutschen ihre Ersparnisse lieber in Immobilien anstatt in innovative Start-ups.

Das mag für den Einzelnen sinnvoll sein. Doch für die Gesellschaft ist diese Zurückhaltung gefährlich. Die Innovationsfähigkeit leidet und der technische Fortschritt wird langsamer. Das gefährdet Produktivitätssteigerungen, den wichtigsten Faktor für Wachstum. Besonders bedrohlich ist diese Entwicklung, weil die Republik träge wird, während sich die Welt durch die Digitalisierung beschleunigt. Deutschlands Wohlstand fußt noch auf der Wettbewerbsfähigkeit der alten Industrie. Doch die Zukunft der Produktion ist digital. Gerade jetzt braucht Deutschland also Innovation.

Zwei Instrumente stehen Regierungen zur Verfügung, um eine alte Gesellschaft fit zu halten: Zum einen sollte der Staat in moderne Infrastruktur, Bildung und Forschung investieren, um private Folgeinvestitionen auszulösen. Indem die Regierung den Zugang zu Bildung erleichtert, steigert sie auch die Chancengleichheit und damit die Dynamik einer Gesellschaft. Dabei sollte der Staat lieber jetzt investieren als später. Denn mit einer älteren Gesellschaft steigt auch die Umverteilungslast und finanzielle Spielräume werden knapper.

Zum anderen sollte die Politik durch gründerfreundliche Regeln das Unternehmertum fördern und helfen, eine Gründerklima zu schaffen. Dies gilt besonders für Zukunftsbranchen wie die IT. Noch macht der Staat aber zu viele Fehler: Statt Gründungen und lebenslanges Lernen zu unterstützen, schickt er die Menschen mit 63 in Rente. Wachstum entsteht nicht automatisch, sondern nur bei entsprechenden Rahmenbedingungen. In einer alternden Gesellschaft gilt das ganz besonders.

Lesen Sie dazu auch den HWWI Standpunkt aus dem Juni 2015

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  • Autor

    Prof. Dr. Henning Vöpel

    ist Direktor und Mitglied der Geschäftsführung des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI).

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