Gewinn ist so notwendig wie die Luft zum Atmen, aber es wäre schlimm, wenn wir nur wirtschaften würden, um Gewinn zu machen, wie es schlimm wäre, wenn wir nur leben würden, um zu atmen. Hermann Josef Abs, 1901-1994, deutscher Bankier, Vorstandssprecher der Deutschen Bank AG (1957-1967)

- Ordnungspolitik

Trump vs. Freihandel: Warum es keinen Weg zurück in eine bessere Zukunft geben wird

Donald Trump hat Ernst gemacht. Nur drei Tage nach seiner Amtsübernahme machte Amerikas neuer starker Mann alle bisherigen Bemühungen für die Transpazifische Partnerschaft (TPP) zunichte. Der TPP-Vertrag zwischen zwölf Anrainerstaaten der Pazifikregion hätte noch im Januar vom US-Kongress ratifiziert werden sollen. Nun droht auch NAFTA, das Freihandelsabkommen zwischen den USA, Kanada und Mexiko, zu scheitern. – Warum diese Politik selbst jenen nichts bringen wird, für die Trump sie augenscheinlich macht, dem einfachen US-Arbeiter.

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Damit bleibt sich Trump treu. Bereits im langen Wahlkampf hatte er immer wieder betont, Zölle für Importe aus dem Ausland erhöhen zu wollen, um die Jobs der US-amerikanischen Arbeiter zu schützen. Die US-Konzerne warnte er gar vor der Flucht ins Ausland. Horrende Strafzölle werde er für solch unpatriotisches Verhalten verhängen lassen. „Alles, was sie tun müssen, ist zu bleiben“, sagte er. Wer nichts zu verzollen hat, hat nichts zu befürchten. „America First“ war dann auch am 20. Januar die Kampfphrase, die der Immobilienunternehmer während seiner Inauguration Speech am liebsten drosch. Doch kann die US-Wirtschaft angesichts des sich über ihr zusammenziehenden Protektionismus-Konkons wirklich prosperieren? Können die US-Arbeiter bald schon wieder aufatmen? Bekommen sie wieder die neuen alten Jobs in der Stahlindustrie, in den Autofabriken, in den großen Produktionsplantagen des Rust Belt? Gibt es einen Weg zurück in die glorifizierten 50er und 60er Jahre, die so vehement den Traum vom American Way of Life in die Köpfe der Arbeitnehmer pflanzten?

Gibt es ein altes Leben im Neuen?

Das Institut „Center for Automotive Research“ aus Michigan kommt in einer aktuellen Studie zu dem Schluss, dass das Ende von NAFTA die USA mindestens 31.000 Arbeitsplätze kosten werde. Aus gutem Grund: Der Vertrag mit Mexiko ermöglicht es US-amerikanischen Autobauern, relativ günstige Einzelteile aus Mexiko zu importieren, um diese dann in den US-Fabriken montieren zu lassen. Die niedrigen Importkosten schützen US-amerikanische Arbeitsplätze. Nach Angaben der US Chamber of Commerce stiegen die US-Industrie-Exporte in Richtung Kanada und Mexiko seit dem Start von NAFTA um satte 258 Prozent. Das gesamte Handelsvolumen wuchs um rund 350 Prozent.

Doch trotz dieser erfreulichen Zahlen sind die Ressentiments groß. Kolportiert wird, dass die „einfachen Arbeiter“ von intensiverem Handel nicht profitierten. Nicht in den USA. Nicht in Kanada. Nicht in Mexiko. Nirgends auf der Welt. Es ist das alte Lied: Billigwaren aus China und Indien überfluteten die Märkte. Sie zerstörten „unsere Arbeitsplätze“. Im Handumdrehen würden die Herausforderungen, die in Zukunft noch auf die Arbeitsmärkte warten, gelöst, wenn nur endlich wieder vor Ort produziert werden würde.

Also: Grenzen zu und alles gut?

Zu einem gänzlich anderen Ergebnis kommt jedes Jahr das Fraser Institute in Vancouver. Dessen Economic Freedom of the World Report lässt in Kombination mit den aktuellen Daten der Weltbank nur einen Schluss zu: Freier Handel bedeutet wachsenden Wohlstand. Im aktuellen Report des Instituts für das Jahr 2014 rangieren Singapur mit 9,45 von möglichen zehn Punkten, Hongkong mit 9,38 und Irland mit 8,73 Punkten auf den ersten drei Plätzen in Sachen Freihandel. Das Ende des Tableaus bilden Argentinien mit 3,44 Punkten, Venezuela mit 3,13 und Iran mit 2,97 Punkten. In Verbindung mit den aktuellen Daten der Weltbank zum Bruttoinlandsprodukt pro Kopf ergibt sich eine schlüssiges Bild der Korrelation zwischen Handelsfreiheit von Unternehmen und Wohlstandsmehrung der Bürger (siehe auch Grafik unten). So verfügte im Jahr 2014 jeder Iraner im Schnitt über lediglich 5.442 US-Dollar, jeder Bürger Singapurs hingegen über 56.007 US-Dollar.

Die Daten des Fraser Institute und der Weltbank zeigen: Materieller Wohlstand ist stets auch das Ergebnis freien Handels. Und dieser gelingt am besten in einer Kultur der Vielfalt. Die Vorzüge der Marktwirtschaft entfalten sich in einem solchen Umfeld besonders effektiv, das fremden Waren, Menschen und Ideen willkommen heißt – auf politischer wie auf gesellschaftlicher Ebene. Einheimische gelangen nicht zu Wohlstand, indem sie sich einigeln und verschanzen. Chauvinistische und archaische Feindbilder wiederauferstehen zu lassen, ist auch dann genau der falsche Weg, wenn es gilt, einer einst stolzen Arbeiterklasse wieder neues Selbstbewusstsein einzuhauchen. Es gibt keinen Weg zurück in eine bessere Zukunft.

Der Fluxkompensator wird auch unter Donald Trump nicht anspringen wollen. Die US-Arbeiter werden letzten Endes realisieren müssen, dass nicht Mexikaner ihre größten Konkurrenten auf der Suche nach neuen alten Industriejobs sind, sondern die Maschinen. In den 1990er Jahren stieg die Industrieproduktion in den Vereinigten Staaten um 40 Prozent. Gleichzeitig sank der Anteil der Beschäftigten in der Industrie von 25 auf zehn Prozent. Die US-Industrie blieb also wettbewerbsfähig, produzierte effizienter als zuvor. Denn schon damals wurden US-Arbeiter nicht von Mexikaner ersetzt, sondern von Maschinen (vgl. Michael Boskin: „NAFTA at 20. The North American Free Trade Agreement’s Achievements and Challenges“, Hoover Institution Press 2014).

Für die kommenden Jahre bis 2030 rechnet die Universität Oxford in ihrer Studie „The Future of Employment: How susceptible are Jobs to Computerisation?“ damit, dass rund 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA der Automatisierung zum Opfer fallen könnten. Das ist die wahre Herausforderung, der sich die Arbeitsmarktpolitik in den USA, wie auch in allen anderen industrialisierten Ländern, stellen muss. Geschlossene Grenzen und erhöhte Zölle sind darauf die falsche Antwort.

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  • Autor

    Henning Lindhoff

    Redakteur im von Max Otte gegründeten Institut für Vermögensentwicklung (www.privatinvestor.de).

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