Was ökonomisch richtig und was politisch opportun ist, ist selten identisch. John Kenneth Galbraith,1908 - 2006, amerikanischer Ökonom, Sozialkritiker, Präsidentenberater, Romancier und Diplomat

- Bildung

Über Gebühr studieren: Warum die Einführung von Studiengebühren gut und gerecht wäre

Die Abschaffung der Studiengebühren war ein Fehler. Sie in geeigneter Form wieder einzuführen käme den Hochschulen zugute und wäre sozial gerecht.

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Ab circa Mitte der 1960er-Jahre kam es in Deutschland zu einer großen Bildungsexpansion. Die bisher nur einer kleinen Elite vorbehaltenen Universitäten begannen sich nach und nach für eine breite Masse von Menschen zu öffnen. Mit dieser Öffnung wurden mehrere Ziele verfolgt. So war es ein Anliegen der Politik, Menschen aus einfachen Verhältnissen den Zugang zu höherer Bildung zu erleichtern. Damit sollten auch für dieses, vor allem sozialdemokratische, Klientel der Zugang zu den höheren Berufen und der damit verbundene soziale Aufstieg möglich sein.

Von diesem eher monetären Ziel abgesehen, sollte die universitäre Ausbildung auch dabei helfen, die neuen Studenten zu kritisch und selbstständig denkenden Menschen zu erziehen. Die Universität sollte sowohl Fach- als auch Charakterbildung vermitteln. Bis heute lebt dieses Ideal fort. Bildung soll nicht nur reine Ausbildung sein, sondern auch die Studenten zu „besseren Menschen“ machen. Diesem Ideal ist zuzustimmen. Bildung hat neben der wirtschaftlichen Verwertbarkeit auch einen personellen Aspekt, der nicht unbeachtet bleiben darf. Eine demokratische Gesellschaft lebt von der Teilnahme ihrer Mitglieder, und Gebildete im klassischen Sinne können und sollten einen positiven Beitrag zur Demokratie leisten. Nur wenn eine Gesellschaft kritikfähig bleibt, kann sie sich weiterentwickeln, und dazu benötigt man gebildete Menschen.

Doch um diesen Aspekt von (Hochschul-)Bildung soll es hier nicht gehen. Mittlerweile gibt es in Deutschland circa 2,8 Millionen Studenten. Das ist aus den oben genannten Gründen sehr erfreulich, aber es gibt auch eine zweite Seite dieser Medaille, und das sind die durch die Studenten verursachten Kosten. Diese sind nicht gering. Viele Bundesländer hatten daher zur Unterstützung der Finanzierung der Hochschulen Mitte der 2000er-Jahre Studiengebühren eingeführt, um die Studenten zumindest teilweise an der Finanzierung ihres Studiums zu beteiligen. In den letzten Jahren wurden diese allerdings alle wieder abgeschafft. Geblieben sind je nach Bundesland nur noch Gebühren für ein Zweitstudium oder für Langzeitstudenten. Im Allgemeinen wurden diese Schritte mit Gerechtigkeitsaspekten oder auch Akzeptanzproblemen begründet.

Es dauert je nach Studiengang sehr lange, bis ein Absolvent seine Ausbildungskosten zurückgezahlt hat, beziehungsweise wird er es teilweise gar nicht schaffen.

Aber war die Abschaffung der Studiengebühren tatsächlich eine gute Idee? Das ist zu bezweifeln. Deshalb sollen hier einige Aspekte beleuchtet werden, die in der öffentlichen Debatte keine ausreichende Aufmerksamkeit erhalten haben. Dabei analysiere ich diese Punkte relativ konsequent aus einer ökonomischen Sicht. Damit soll nicht der Ökonomisierung der Bildung das Wort geredet werden. Ein Studium hat sowohl für den Studenten als auch für die Gesellschaft einen Nutzen, der sich nicht direkt in Geld messen lässt. Dies ist aber kein Argument, nicht über die Kosten eines Studiums für die Gesellschaft und auch die damit verbundenen Gerechtigkeitsaspekte zu reden. Dieser Artikel ist daher konsequent einseitig auf einige wenige ökonomische Aspekte ausgerichtet. Die nicht monetären Aspekte eines Studiums werden hier nicht behandelt.

1. Kosten des Studiums

Es ist gang und gäbe zu behaupten, dass das Studium in Deutschland kostenlos sei. Das ist insofern richtig, als Studenten, vom Studentenwerksbeitrag abgesehen, keine direkten Abgaben, sprich Studiengebühren, zahlen müssen. Aber verursacht deshalb ein Studium keine Kosten? Nein. Auch wenn es manche Politiker, tendenziell aus dem linken Lager, nicht wahrhaben wollen, gilt auch hier das Bonmot von Milton Friedman: „Theres is no such thing as a free lunch“. Oder auf Deutsch: „Irgendjemand muss die Zeche zahlen“. Denn weder arbeiten die Angestellten der Universität, ohne dafür ein Gehalt zu beziehen, noch bezahlen sich die Rechnungen für die Universitätsgebäude etc. von selbst. Da in diesem Fall die Nutznießer selbst nichts zur Finanzierung beitragen, bleibt nur der Staat – sprich: der Steuerzahler – übrig.

Im letzten Jahr wurde vom Bund und von den Ländern alleine für die Hochschulen eine Summe von circa 30 Milliarden Euro aufgewendet. Verteilt man diese Summe auf die aktuell circa 2,8 Millionen Studenten, so subventioniert die Allgemeinheit also jeden Studenten pro Jahr mit cirka 10.000 Euro. Natürlich ist das nur eine grobe Zahl und je nach Studiengang schwanken die Kosten, die ein Student verursacht, stark. So kostet die Ausbildung eines Mediziners cirka 200.000 Euro, während ein Betriebswirt mit circa 30.000 Euro eher günstig zu haben ist. Nun wird in diesem Zusammenhang gerne argumentiert, dass Akademiker nach ihrer Ausbildung ja auch höhere Löhne erzielen und daher ihre Ausbildung später über höhere Steuern und Sozialabgaben sozusagen zurückzahlen. Dieses Argument ist nicht völlig falsch, übersieht aber einige Aspekte.

Es ist in der Tat richtig, dass die Durchschnittslöhne von Akademikern höher liegen als die von zum Beispiel Facharbeitern. Allerdings wird hier unterschlagen, dass das nur im Mittel gilt. So verdienen Absolventen der Wirtschafts- und Rechtswissenschaft sowie Ingenieure in der Tat überdurchschnittlich. Für die Absolventen von zum Beispiel geisteswissenschaftlichen Studiengängen gilt das aber nicht. Sie erreichen kaum Gehälter, die über die von Facharbeitern hinausgehen. Ein Faktor, der in dieser Argumentation ebenfalls unterschlagen wird, ist die Zeit. Faktisch fallen die Kosten für die Ausbildung der Studenten nämlich im Jetzt an. Die „Rückzahlung“ erfolgt aber über das gesamte Arbeitsleben, also circa 40 bis 45 Jahre. Nun ist Geld, welches man jetzt hat, nicht dasselbe wie solches, das man in 30 Jahren hat. Zahlungen, die in der Zukunft liegen, müssen daher mit der Geldentwertung und ihrer zeitlichen Entfernung abgezinst werden. Bezieht man diese Aspekte mit ein, dann dauert es je nach Studiengang sehr lange, bis ein Absolvent seine Ausbildungskosten zurückgezahlt hat, beziehungsweise wird er es teilweise gar nicht schaffen.

Die Ausgaben für Hochschulbildung kommen nicht allen Bevölkerungsteilen gleichermaßen zugute, sondern eine kleine Elite streicht die Renditen ein.

Neben diesen direkten ökonomischen Aspekten ergibt sich aus der Finanzierung der Hochschulen durch die Allgemeinheit auch ein soziales Problem. Betrachtet man die Herkunft von Studenten in Bezug auf den sozio-ökonomischen Status ihrer Eltern, so fällt auf, dass circa 70 Prozent der Kinder aus Haushalten, in denen mindestens ein Elternteil Akademiker ist, ebenfalls ein Studium aufnehmen, während in Haushalten ohne Akademikereltern dieser Anteil nur bei circa 23 Prozent liegt. Nun wird diese Tatsache gerne unter dem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit und der Erhöhung des Anteils von Studenten aus Arbeiterfamilien diskutiert (dazu später mehr), aber das soll hier nicht von Interesse sein. Wichtig ist hier vielmehr folgender Aspekt: Da die Hochschulen praktisch vollständig von der Allgemeinheit getragen werden, zahlen auch die Arbeiterhaushalte für die Ausbildung von Studenten. Allerdings bekommen sie für diese Investitionen deutlich weniger Rendite als Akademikerhaushalte, weil ihre Kinder mehrheitlich kein Studium aufnehmen. Oder anders ausgedrückt: Die Mehrheit der Bevölkerung subventioniert die Ausbildung der Kinder einer Elite. Oder um im Marx-Jahr den Altmeister zu zitieren: „Wenn […] ‚höhere‘ Unterrichtsanstalten ‚unentgeltlich‘ sind, so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel zu bestreiten.“ Es zeigt sich also, dass die Ausgaben für Hochschulbildung nicht allen Bevölkerungsteilen gleichermaßen zugutekommen, sondern dass vielmehr eine kleine Elite die Renditen einstreicht. Dieser Fakt ließe sich zum Beispiel über einkommensabhängige Studiengebühren abmildern.

2. Die fehlenden Studiengebühren führen zu einer Fehlsteuerung

Ein Studium ist also nur für den Studenten selbst kostenlos. Ökonomisch spricht man hier von externen Effekten. Das bedeutet, dass der Nutzen eines Studiums wie höheres Sozialprestige, höheres Einkommen etc. internalisiert wird, also dem späteren Akademiker zugutekommt, während die Kosten der Allgemeinheit aufgebürdet werden. Nun ist es eine ökonomische Binsenweisheit, dass, wenn Güter angeboten werden, ohne dass der Konsument die wahren Kosten dafür tragen muss, es zu einer übermäßigen Nutzung dieser Güter kommt. Würde zum Beispiel eine Regierung entscheiden, dass der öffentliche Nahverkehr in Zukunft kostenlos zur Verfügung gestellt wird, so würde die Nachfrage nach diesem Gut sehr stark steigen. Das ist aus der Sicht des Einzelnen ein völlig rationales Verhalten, denn er hat ja einen starken Anreiz (nämlich kostenlose Beförderung), den Nahverkehr zu nutzen. Kollektiv führt das aber zu einem Problem. Die Verkehrsmittel wären, diesem Gedanken folgend, wahrscheinlich ständig überfüllt, und man wird das entweder akzeptieren oder noch mehr in den Nahverkehr investieren müssen – was wieder die Nachfrage stimulieren würde und so weiter und so fort. Ähnlich verhält es sich auch mit Studienplätzen.

Die Zahl der Studenten ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Seit der ersten PISA-Studie war und ist der allgemeine Tenor der Politik, dass die Zahl der Akademiker in Deutschland erhöht werden muss. Dass dabei einfach die relativ simple Logik des Bildungskoordinators der OECD übernommen wurde, ohne die Besonderheiten der deutschen dualen Ausbildung zu berücksichtigen, sei hier nur angemerkt, soll aber nicht weiter untersucht werden. Fakt ist also eine stetige Zunahme der Nachfrage nach Studienplätzen. Diese wurde sowohl durch die entsprechenden politischen Botschaften, aber eben auch über das sehr geringe finanzielle Risiko einer Studiumsaufnahme befeuert. Dagegen ist auch erst einmal nichts einzuwenden. Das Streben von Menschen nach besserer Bildung und damit auch der Chance auf sozialen Aufstieg und persönliche Entwicklung ist vielmehr zu begrüßen.

Ein Hochschulsystem misst sich nicht an der Zahl der Studienanfänger, sondern an der Qualität seiner Absolventen.

Aber in der ganzen Freude über die steigende Zahl von Studenten wird eine Zahl häufig vernachlässigt, und das ist die Zahl der Studienabbrecher. Diese liegt im Schnitt konstant bei circa 30 Prozent, wobei sie sich je nach Studiengang stark unterscheidet. So brechen nur circa 10 Prozent aller angehenden Psychologen ihr Studium ab, während es bei den Ingenieurswissenschaften circa 50 Prozent sind. In dieser Quote ist auch ein kleiner Teil Studenten enthalten, die zwar ihr Studium abgebrochen, aber dann ein neues begonnen haben. Es gibt wenig Zahlen zu diesen Studienfachwechslern, doch sie sind wohl eher eine Minderheit. Die nachfolgenden Argumente beziehen sich vor allem auf „echte“ Studienabbrecher. Ein Wechsel des Studienfachs kann individuell durchaus sinnvoll sein, und solange ein Studium beendet wird, gelten die nachfolgenden Argumente nur eingeschränkt.

Warum sind Abbrecher ein Problem und was hat das mit dem kostenlosen Studium zu tun? Diese Studienabbrecher verursachen volkswirtschaftliche Kosten. In sie wurde ja bereits Geld investiert, aber die Investition führt nicht zur gewünschten Rendite in Form eines neuen Akademikers. Nun könnte man das einfach hinnehmen, wenn es hier um geringe Summen ginge, aber 30 Prozent von 2.800.000 Studenten sind 840.000 junge Menschen und in jeden sind bereits einige Tausend oder Zehntausend Euro investiert worden. Außerdem müssen sich diese Menschen dann anderweitig auf dem Arbeitsmarkt orientieren. Das nimmt wieder Zeit in Anspruch und verursacht individuelle Such- und Bewerbungskosten. Außerdem treten sie je nach Zeitpunkt, zu dem sie ihr Studium abgebrochen haben, verspätet in den Arbeitsmarkt ein. Damit entgehen der Allgemeinheit aber auch wieder Einnahmen in Form von Steuern und Sozialabgaben.

Warum trägt die Kostenfreiheit des Studiums zu dieser Abbrecherquote bei? Da ein Studienabbruch für angehende Studenten kaum ein finanzielles Risiko darstellt, setzen sich viele Studenten im Vorfeld weder ausreichend mit ihren Berufswünschen auseinander noch mit der Frage, ob diese Form der Bildung und Ausbildung überhaupt die richtige für sie ist. In dem Moment, in dem die Studenten einen Teil zu den Kosten beitragen müssen, die sie verursachen, wird die Zahl derer verringert, die ein Studium nur deshalb aufnehmen, weil es gerade angesagt ist oder weil einem nichts Besseres einfallt, als erst mal irgendwas zu studieren. So werden letztlich auch die Bedingungen für diejenigen Studenten verbessert, die ernsthaft an den Inhalten ihres Studiengangs interessiert sind sowie willens und in der Lage sind, ein Studium zu bewältigen. Natürlich wird diese Maßnahme die Abbrecherquote nicht zum Verschwinden bringen, aber sie senkt den Anreiz, das Gut Hochschulbildung inflationär zu nutzen, nur weil es kostenlos ist. Von den jungen Erwachsenen müsste eine gut überlegte, sprich rationalere Entscheidung getroffen werden. Als Folge würde die Zahl der Studenten zurückgehen, aber das ist kein Argument gegen Studiengebühren. Die Qualität eines Hochschulsystems misst sich nicht an der Zahl der Studienanfänger, sondern an der Qualität seiner Absolventen, und diese würde durch eine entsprechende vor dem Studienbeginn durchgeführte Selbstselektion steigen.

3. Der Mythos der sozialen Ungerechtigkeit

Eines der häufigsten Argumente gegen Studiengebühren war und ist die soziale Ungerechtigkeit. Hinter diesem sehr allgemeinen Begriff verbirgt sich in diesem Zusammenhang meist die Tatsache, dass deutlich mehr Menschen aus Akademikerfamilien ein Studium aufnehmen als aus Arbeiterfamilien (Siehe Punkt 1). Nun ist es erklärtes Ziel der Politik, den Anteil von Arbeiterkindern unter den Studenten zu steigern. Studiengebühren, so die Argumentation, würden vor allem Arbeiterkinder davon abhalten, ein Studium aufzunehmen, und die Quote würde so weiter sinken. An diesem Argument fallen zwei Dinge auf. Zum einen wirkt es schon etwas seltsam, dass man bei einem unerwünschten Ist-Zustand nicht darüber nachdenkt, wie man diesen verbessert, sondern nur, ob Maßnahmen ihn eventuell noch verschlechtern. Das heißt im Umkehrschluss, dass es nicht das Ziel ist, die Zahl der Arbeiterkinder an den Hochschulen zu erhöhen, sondern einfach eine Quote zu halten. Mit einer progressiven Politik hat das wenig zu tun.

Studiengebühren können die soziale Gerechtigkeit sogar verbessern.

Der zweite Punkt ist noch etwas grundsätzlicher. Es wird normalerweise argumentiert, dass alle begabten Kinder aus Arbeiterfamilien auch die Chance auf ein Studium haben sollen – und diese Chance doch bitte auch nutzen sollen. Wenn wir hier begabt im Sinne von intellektuell und motivational befähigt, ein Studium erfolgreich zu absolvieren, verstehen wollen, dann ist zumindest dem ersten Teil dieser Forderung durchaus zuzustimmen. Aber: Gilt das nicht auch für Kinder aus Akademikerhaushalten? Und außerdem: Wie hoch ist denn die Quote von begabten Kindern aus Arbeiterfamilien respektive aus Akademikerfamilien? Diese Fragen sind nicht trivial. Einfach eine Erhöhung der Quote um der Quote willen zu fordern dagegen schon. Kehren wir nun zurück zum Problem der sozialen Gerechtigkeit.

Weiter oben habe ich bereits darauf hingewiesen, dass die ungleiche Verteilung von Arbeiter- und Akademikerkindern an Hochschulen insofern ein Gerechtigkeitsproblem darstellt, als die Ausbildung der Elite durch die Mehrheit der Arbeiter, die gar nicht von der Hochschulbildung profitiert, subventioniert wird. Würden aber Studiengebühren dazu führen, dass noch weniger Arbeiterkinder an die Hochschulen drängen und so dieses Problem noch vergrößert wird? Das muss nicht der Fall sein. Im Gegenteil: Studiengebühren können die soziale Gerechtigkeit sogar verbessern. Wie genau soll das funktionieren?

Es funktioniert über den oben beschriebenen Mechanismus, dass Studiengebühren potenzielle Studenten, die sich ihres Erfolges nicht sicher sind (und ergo wahrscheinlich auch weniger begabt sind), von einem Studium abschrecken. Dieser Effekt gilt erst einmal für Kinder aus allen Einkommensschichten gleichermaßen. Um nun die soziale Gerechtigkeit zu erhöhen, muss bei den Gebühren eine Preisdiskriminierung eingeführt werden. Das bedeutet, dass die Studiengebühren nicht einheitlich sind, sondern sich an der Einkommenssituation der Eltern sowie an den späteren Studienleistungen des Studenten orientieren.

Das Modell würde dann folgendermaßen funktionieren: Jeder Student wird zuerst nach der Einkommenssituation seiner Eltern in eine bestimmte Klasse eingeteilt. Die Studiengebühren werden dabei so gewählt, dass sie immer bezahlbar sind, aber für die Eltern respektive den Studenten eine gewisse Belastung darstellen. Um das zu gewährleisten, bietet sich weniger ein Pauschbetrag als ein gewisser Prozentsatz des verfügbaren Einkommens der Eltern an. Dieser schwankt je nach der Klasse, der sie zugeordnet wurden, und beginnt mit einem Satz von 0 Prozent für die ärmste Klasse. Zusätzlich hat der Student die Möglichkeit, seine Belastungen durch gute Studienleistungen zu senken. Erzielt er etwa konstant überdurchschnittlich gute Leistungen, können die Studiengebühren gekürzt werden. Diese Kürzung kann bei hervorragenden Leistungen bis zur völligen Befreiung gehen. Sollte der Student aus einer armen Familie stammen, würden die Studiengebühren bei guten bis hervorragenden Leistungen sogar negativ werden. Das heißt, der Student würde Geld erhalten, statt welches zu zahlen.

Richtig konstruierte Studiengebühren können auch die Zahl der Absolventen erhöhen und die Abbrecherquote senken.

Warum führt ein solcher Mechanismus zu mehr Gerechtigkeit? Zum einen verringert er, wie schon beschrieben, die Zahl derer, die sich auf einen Studienplatz bewerben. Damit steigt automatisch die Zahl der verfügbaren Studienplätze für Menschen, die sich ein solches zutrauen. Die Folge ist also, dass sich einerseits motiviertere Studenten in den Hörsälen befinden und dass diese bei geringerer Konkurrenz auch leichter an ihren Wunschstudienplatz gelangen. Das wiederum erhöht die Motivation und damit auch die Erfolgswahrscheinlichkeit. Zum anderen hebelt dieser Mechanismus die bisherige Subventionierung der Elite durch die Massen ein wenig aus. Kinder aus Haushalten mit hohem Einkommen tragen nun deutlich mehr zur Finanzierung der Hochschulen bei als vorher. Von den durch die Studiengebühren erreichten Verbesserungen wie mehr Lehrpersonal, bessere Ausstattung der Hörsäle etc. profitieren dagegen alle gleichermaßen. Damit wird das soziale Prinzip, dass die Starken für die Schwächeren mit einstehen, wiederhergestellt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Kinder aus einkommensschwachen Familien durch die Staffelung der Gebühren eben nicht von einem Studium abgeschreckt werden können, da sich diese am Leistungsfähigkeitsprinzip orientieren. Darüber generiert das Bonussystem einen Anreiz für die Studenten, sich anzustrengen. Wenn gute Leistungen dazu führen, dass die persönlichen finanziellen Belastungen sinken, so ist das auf jeden Fall ein starker Anreiz, diese Leistungen auch zu erreichen. Auch für Kinder aus Arbeiterfamilien ist dieses System aufgrund der Bonusmöglichkeiten interessant. Es wird begabte Kinder aus diesem Milieu eher motivieren, ein Studium aufzunehmen. Richtig konstruierte Studiengebühren können also nicht nur die soziale Gerechtigkeit, sondern auch die Zahl der Absolventen erhöhen und die Abbrecherquote senken.

Betrachtet man alle diese Punkte zusammen, so zeigt sich, dass die Diskussion um Studiengebühren zu Unrecht abgebrochen wurde. Es wäre aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit und der Qualität der Hochschulen und Studenten vielmehr nötig, sie schnell wieder aufzunehmen und Modelle wie dieses zu diskutieren.

Der Text ist zuerst im Magazin Novo erschienen.

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  • Autor

    Jörg Neubert

    ist Verhaltenswissenschaftler und lebt in Pforzheim. Er publiziert bei Novo mit Schwerpunkt auf Bildungsthemen.

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