Eine punktuelle, hier und dort in den Marktzusammenhang eingreifende Wirtschaftspolitik führt, sobald sich diese Eingriffe summieren, zu einer Verwirrung des Ganzen. Alfred Müller-Armack, 1901 - 1978, deutscher Nationalökonom, Kultursoziologe

- Ordnungspolitik

Braucht Venezuela die Chicago Boys?

Die venezolanische Wirtschaft liegt am Boden, ein Sozialist hat das Land zugrunde gewirtschaftet. Die Geschichte eines anderen südamerikanischen Landes ist Hoffnung und Schrecken zugleich für die Zukunft Venezuelas.

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Am 20. August führte die venezolanische Regierung die neue Note von fünf Bolivar Soberano ein. Die Streichung von fünf Nullen auf den Banknoten, die der sozialistische Diktator Nicolás Maduro als „magische Formel“ bezeichnet, hat an den wesentlichen Problemen, wie der ausartenden Hyperinflation, einem großen Haushaltsdefizit und der seit Jahren anhaltenden Misswirtschaft, nichts geändert. Die derzeitige Situation in Venezuela, mit einer prognostizierten Inflationsrate von einer Million Prozent (IWF), erinnert stark an die Wirtschaftskrise in Chile in den 70er-Jahren.

Der Trümmerhaufen, den der menschenverachtende Diktator Pinochet (unter seiner Herrschaft wurden Regimekritiker systematisch verfolgt, gefoltert und verschleppt; bis heute werden noch 2.000 Menschen vermisst) nach einem Putsch 1973 von dem Sozialisten Allende übernahm, war ebenfalls geprägt durch staatliche Misswirtschaft sowie eine dreistellige Inflationsrate. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf fiel dabei von 1971 bis 1975 von 5.000 auf 3.900 US-Dollar. Mit der Hilfe namhafter Ökonomen gelang es der chilenischen Regierung allerdings, die Wirtschaft zu stabilisieren. Könnten die wirtschaftlichen Reformen von damals die „magische Formel“ für Venezuelas Wirtschaft sein?

Quelle: Statista

Im März 1975 reiste Milton Friedman nach Chile und identifizierte die grundlegenden Probleme des Landes in der Inflation und der ökonomischen Zerrüttung. Als Lösung kam für ihn nur eine „Schockbehandlung“ infrage, bestehend aus wirtschaftsliberalen Reformen. Diese Einschätzung ließ Friedman auch den chilenischen Diktator Pinochet wissen, dem er in einem ausführlichen Brief Reformvorschläge unterbreitete.

Umgesetzt wurden die Reformen von den sogenannten „Chicago Boys“, einer Gruppe junger chilenischer Ökonomen, die von Milton Friedman in Chicago in der liberalen Wirtschaftstheorie unterrichtet wurden. Zu ihnen zählten Sergio de Castro, der von Pinochet das Amt des Wirtschaftsministers anvertraut bekam, sowie Jorge Cauas, der ab 1975 dem Finanzministerium vorstand. Zusammen mit zwei weiteren Schülern Friedmans liberalisierten sie die chilenische Handelspolitik, indem sie die Importzölle drastisch senkten und die Finanzmärkte für ausländische Kapitalgeber öffneten.

Die Ausgabenkürzungen in den Ministerien und Bildungseinrichtungen, die Privatisierung zahlreicher Unternehmen sowie die Verringerung der Steuerlast führten zu einem Rückgang der Inflation von 340 Prozent im Jahr 1975 auf 9,5 Prozent im Jahr 1981. Selbst die anfängliche Rezession, laut Milton Friedman eine voraussehbare Folge der Schockbehandlung, wurde durch die anhaltenden liberalen Reformen überwunden. Als Folge stieg das Durchschnittseinkommen in Chile von 1975 bis 1980 um mehr als 60 Prozent an.

Heute hat Chile, als eines der wirtschaftlich erfolgreichsten und laut dem Transparency International Index korruptionsfreiesten Länder in Südamerika, eine Inflationsrate von gerade mal 2 Prozent. Dass es möglich ist, ein Land aus der Misswirtschaft in den wirtschaftlichen Erfolg zu reformieren, haben Milton Friedman und seine Chicago Boys gezeigt.

Allerdings: Milton Friedman wurde häufig dafür kritisiert, mit den erfolgreichen Reformen ein Terrorregime gestützt und gefördert zu haben. Dies ist richtig. Vielleicht stimmt aber auch, dass die liberalen Reformen, die das Individuum ins Zentrum der Wirtschaft stellten, am Ende geholfen haben, den Weg hin zu einem demokratischen Staatssystem zu ebnen. Dafür spricht die Entwicklung des sogenannten Economic Freedom Index für Chile in der Zeit von 1980 bis 2010. Von anfänglich 54 stieg der Index auf 78.

Dennoch: Es bleibt die Frage offen, inwieweit sinnvolle wirtschaftliche Reformen von Ökonomen in diktatorischen Staaten umgesetzt werden sollten. Eine klare Position zu dieser Frage vertrat der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard: „Staatliche Ordnung und wirtschaftliche Ordnung müssen in den Ordnungsprinzipien übereinstimmen, wenn sie nicht ihre eigene Existenz in Frage stellen möchten. Eine auf politischem Zwang und politischer Unfreiheit aufgebaute Staatsordnung ist mit einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung schlechthin unvereinbar.“ (Wirtschaft und Wirtschaftsordnung in der modernen Politik, Beitrag zur Festschrift für Jacques Rueff, 6. Juni 1966, GJ, S. 1016)

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  • Autor

    David Embgen

    ist Abiturient und Vorsitzender der Jungen Liberalen Gütersloh.

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