Alle Bemühungen, eine Wettbewerbsordnung zu verwirklichen, sind umsonst, solange eine gewisse Stabilität des Geldwertes nicht gesichert ist. Walter Eucken, 1891-1950, deutscher Ökonom

- Ökonomik

Ist der deutsche Mittelstand Mythos oder Realität, Prof. Dr. Berlemann?

Der Anteil an mittelständischen Unternehmen an der deutschen Wirtschaft ist hoch. Manche Berechnungen gehen von bis 99 Prozent aus. Doch stimmen diese Zahlen? Prof. Dr. Michael Berlemann von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg  gibt in unserem Video-Interview Einblick in die Datenlage.

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Dieses Interview entstand auf Grundlage des ECONWATCH-Meetings „Deutscher Mittelstand – Mythos oder Realität?“ mit Prof. Dr. Michael Berlemann (Helmut-Schmidt-Universität Hamburg). Das Paper zur Veranstaltung können Sie hier lesen. Im folgenden finden Sie das Transkript des Interviews.

 

Prof. Berlemann, was macht ein mittelständisches Unternehmen aus?

Michael Berlemann: Mittelständische Unternehmen werden in unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen unterschiedlich diskutiert, auch definiert. In den Wirtschaftswissenschaften gibt es eine sehr heftige und kontroverse Diskussion über den Begriff. Man hat aber auch heute sowas wie einen Minimalkonsens, nach denen sich die meisten heutzutage richten, wenn sie über Mittelstand sprechen. Im Wesentlichen sind es vier Eigenschaften, auf die man schaut:

  1. Die Eigenständigkeit des Unternehmens. Das bedeutet, dass das Unternehmen nicht zu einem Konzern gehören darf. Das es eigenständig über sein Geschäft entscheiden können muss
  2. Die Einheit von Eigentum am Unternehmen und der Geschäftsführung des Unternehmens. Das sollte im Idealfall eine Person sein, kann aber auch ein kleiner Kreis von wenigen Personen sein, die das gemeinsam macht und auch gemeinsam besitzt.
  3. Die Personenbezogenheit der Unternehmensführung. Das bedeutete, dass es keine komplexen Entscheidungsstrukturen im Unternehmen geben darf, sondern, dass der Eigentümer als Geschäftsführer direkt durchregieren kann.
  4. Die Unternehmensgröße: Das ist ein bisschen umstrittener, aber in aller Regel zählt man nur Unternehmen zum Mittelstand, die zur Gruppe der kleinen und mittleren Unternehmen gehören. Großunternehmen werden also ausgeschlossen.

Wenn wir uns diese Eigenschaften anschauen, wie viele Unternehmen gehören dann in Deutschland zum Mittelstand?

Michael Berlemann: Sehr häufig liest man in Publikationen, dass der Mittelstand zwischen 99,2 und 99,8 Prozent der deutschen Unternehmen ausmachen würde. Was sehr sehr große Zahlen sind. Diese Zahlen sind aber ziemlich irreführend. Sie werden zwar sehr häufig verwendet, beruhen aber auf der Definition von kleinen und mittleren Unternehmen. Sie vernachlässigen komplett die qualitativen Merkmale des Mittelstands. Es gibt einige Hochrechnungen auf Basis von Daten der Kreditreform, einem Unternehmensregister, wo man auch Informationen über Eignerschaft des Unternehmens und Führung des Unternehmens hat. Dort kann man die Mittelstandsdefinition auch sehr viel genauer abgrenzen. Und Hochrechnungen für die Kreditreformdaten liefern meistens Mittelstandsanteile von 80 bis 82 Prozent.

Michael Berlemann: Daneben gibt es auch eine ganz aktuelle Untersuchung, die auf Daten des Ifo-Instituts beruht. In der regelmäßigen Konjunkturbefragung wurden von ca. 8.000 deutschen Unternehmen Sonderfragen gestellt, die eine objektive Klassifizierung des Mittelstandes und auch eine subjektive Selbsteinschätzung zulassen. Bei den objektiven Zahlen kommen wir zu einer Mittelstandsquote von etwa 72 Prozent. Sie liegt also nochmal ein Stückchen niedriger. Wohingegen wir beobachten, dass sich sehr viel mehr Unternehmen selbst als Mittelständler sehen. Da landen wir bei ungefähr 83 Prozent.

Und was ist das besondere am deutschen Mittelstand, Herr Prof. Berlemann?

Michael Berlemann: Es findet sich sehr oft die Hypothese, dass der Mittelstand besonders innovationskräftig ist und auch einen überproportionalen Beitrag zur Ausbildungsaktivität in Deutschland erbringt. Mit diesen beiden Aspekten haben sich auch schon eine ganze Reihe Studien beschäftigt. Allerdings haben diese Studien gemeinsam, dass sie die KMU-Definition zur Abgrenzung von mittelständischen Unternehmen verwenden. Was sehr problematisch ist, weil man dann nicht weiß, ob sich die Ergebnisse dann tatsächlich auch auf mittelständische Unternehmen ausdehnen lassen.

Die Literatur zu mittelständischen Unternehmen, die das korrekt und sachgemäß abgrenzt, die ist relativ klein. Wir haben selbst zwei Studien zu diesem Gebiet gemacht, die auf Kreditreformdaten beruhen, mit denen man ganz gut abgrenzen kann, ob man mittelständische Unternehmen vor sich hat, oder nicht. Und da kommen wir zu dem Ergebnis, dass wir bei der Innovationskraft durchaus empirische Belege dafür finden, dass mittelständische Betriebe überdurchschnittlich innovativ sind.

Wohingegen es im Hinblick auf die Ausbildungsaktivität etwas anders aussieht, da finden wir keinen signifikanten Unterschied zwischen mittelständischen und nicht-mittelständischen Unternehmen. Was nicht bedeutet, dass der Mittelstand nicht zahlenmäßig sehr viel zur Ausbildung beiträgt. Aber es ist nicht überproportional.

Während der Weltwirtschaftskrise gerieten viele Volkswirtschaften ins Straucheln. Weshalb kam der Mittelstand relativ gut durch die Krise?

Michael Berlemann: Die deutsche Wirtschaft ist generell gut durch die Weltwirtschaftskrise 2008-2009 gekommen. Und immer wieder hat man sich gefragt, woran das eigentlich lag. Sehr häufig finden wir in der populärwissenschaftlichen Literatur durchaus Argumente dafür, warum das so sein könnte. Und der Mittelstand wir da sehr häufig genannt. Empirische Belege dafür gibt es wiederum eigentlich überhaupt nicht. Es gibt so wie gut keine Studie, die wirklich auf Basis von Daten gezeigt hat, dass der Mittelstand stabiler war, als Großunternehmen.

Aktuell arbeiten wir an einer solchen Studie, die beruht auf Daten des Ifo-Instituts. Das Institut macht regelmäßig Konjunkturbefragungen bei ca. 8.000 deutschen Unternehmen. Mit Hilfe von Sonderfragen im Ifo-Konjunkturtest können wir mittelständische Unternehmen in diesem Datensatz identifizieren. Und haben uns dann angeschaut, ob die mittelständischen Unternehmen in ihrer Geschäftslage, und in ihrer Geschäftserwartungen in der Krise anders reagiert haben, als die nicht-mittelständischen. Unter dem Vorbehalt einiger Stabilitätstests können wir sagen, dass Mittelständler weniger eingebrochen sind, als Großunternehmen. Die Erwartungen und auch die Geschäftslage waren stabiler. So dass es erste Hinweise darauf gibt, dass diese Hypothese tatsächlich stimmen könnte.

Und wenn wir uns die Rahmenbedingugnen anschauen, was braucht gute Wirtschaftspolitik für den Mittelstand?

Michael Berlemann: Unabhängig davon, wie man den Mittelstand quantifiziert, ob man das mit der KMU-Definition macht, wo man dann zu Zahlen kommt, die nahe bei 100 Prozent liegen. Oder echte Mittelstandsdefinitionen anwendet, wo man dann zwischen Mitte 70 bis Anfang 80 Prozent liegt. Kommt man immer zu dem Ergebnis, dass der Mittelstand den weitaus größten Teil der deutschen Unternehmen ausmacht. Insofern muss man auf jeden Fall sagen, macht es Sinn, dass die Wirtschaftspolitik und der Staat sich, diesem Bereich von Unternehmen besonders widmet.

Das heißt natürlich nicht zwangsläufig, dass jede Art von Mittelstandspolitik rational und sinnvoll ist, das muss man dann im Einzelfall genau prüfen. Was aber auf jeden Fall wichtig ist, dass man diese Mittelstandspolitik auf echten und korrekten Zahlen aufbaut.

Auf evidenzbasierter Basis. Man kann nicht einfach wirtschaftspolitische Maßnahmen betreiben, ohne wirklich zu wissen, wie groß denn der Mittelstand ist. Was sind denn die Besonderheiten des Mittelstands. Und dazu brauchen wir eine bessere Datenbasis. Und ich fände es sehr wünschenswert, wenn in dieser Richtung einfach mehr gemacht werden würde.

Über die Forschung von Prof. Berlemann:
Seine Forschungsinteressen sind breit gefächert und umfassen viele recht unterschiedliche Teilgebiete der Volkswirtschaftslehre (Monetäre Makroökonomik, Finanzkrisen, Household Finance, Politische Ökonomik, Konjunkturforschung, Wachstum & Entwicklung, Ökonomische Analyse des Rechts, Gesundheitsökonomik). In den letzten Jahren hat er sich zunehmend auf die Erforschung der ökonomischen Konsequenzen des Klimawandels fokussiert.  Mehr zu den Schwerpunkten seiner Arbeit finden Sie hier.

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  • Autor

    INSM Redaktion

    Hier schreibt die Redaktion der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

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