Die Marktwirtschaft ist das beste bisher bekannte Mittel zur Verwirklichung der Freiheit und der Solidarität aller Menschen. Prof. Dr. Dr. Karl Homann, Emeritierter Professor der Wirtschaftsethik, Ludwig-Maximilians-Universität München

- Soziales

Ist Deutschland ein ungerechtes Land, Herr Cremer?

Bei Befragungen sagen viele, ihnen persönlich gehe es gut, aber Deutschland sei ungerecht. Woher kommt diese Einschätzung? Und wie geht gute Sozialpolitik eigentlich? Prof. Dr. Georg Cremer, langjähriger Generalsekretär des
Deutschen Caritasverbandes  e. V., gibt im Video-Interview Antworten.

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Dieses Interview entstand beim ECONWATCH-Meeting „Deutschland ein ungerechtes Land? – Wahrnehmung sozialer Ungleichheit im Wandel der Zeit“ mit Prof. Dr. Cremer (ehemaliger Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes e. V.) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin. Das Paper zur Veranstaltung können Sie hier und im Folgenden das Transkript des Interviews lesen.

Prof. Dr. Cremer, ist Deutschland ein ungerechtes Land?

Georg Cremer: Die Diskussion um Gerechtigkeit wird sehr allgemein geführt. Es heißt, Deutschland ist ungerecht, aber die Bürger haben nicht vereinheitlichte Vorstellungen darüber, was Gerechtigkeit ist. Bei Befragungen sagen viele, ihnen persönlich geht es gut, aber Deutschland ist ungerecht. Wenn sie gefragt werden, was soll denn getan werden, damit Gerechtigkeit befördert wird, kommen vorrangig Themen, welche die Mitte der Gesellschaft selbst umtreiben: gleicher Lohn für gleiche Arbeit beispielsweise oder der Abstand der arbeitenden Bevölkerung zu Hartz-IV-Empfängern, während die Förderung von Migranten oder die Besserstellung von Menschen im Transferbezug eigentlich nur von wenigen präferiert wird. Das heißt, wir müssen konkreter darüber sprechen, was wir wollen, wenn wir mehr Gerechtigkeit fordern.

Trotz guter wirtschaftlicher Lage wird viel über Armut und Ungleichheit gesprochen. Warum?

Georg Cremer: Wir haben eine erfreulich gute wirtschaftliche Situation und gleichzeitig massive Ängste in der Mitte. Die Angst vor dem Abstieg betrifft weniger die momentanen Einkommen, sondern ist die Angst vor der Zukunft. Viele glauben, sie seien die letzte Generation, der es besser geht als ihren Eltern. Aber wenn Deutschland ein produktives Land bleibt und ein politisch stabiles Land, dann gibt es eigentlich keinen überzeugenden Grund, warum es unseren Kindern schlechter gehen sollte. Die Debatte findet, glaube ich, stark vor einer Folie statt, wo wir uns immer noch an die hohen Wachstumsraten der Nachkriegsdekaden erinnern und meinen, dies sei der Normalzustand, aber die jetzige Situation ist durchaus normal für ein Land in einer globalisierten Weltwirtschaft und in einem Umfeld mit großen Herausforderungen. Wir brauchen also eine realistischere Debatte, damit wir wahrnehmen, was der Sozialstaat leistet, der ja auch in den letzten Jahren durchaus ausgebaut wurde.

Der demografische Wandel ist in Deutschland gravierend. Was für sozialpolitische Herausforderungen ergeben sich daraus?

Georg Cremer: Der demografische Wandel hat verschiedene Ursachen. An der Alterung der Bevölkerung, die sehr erfreulich ist, können und wollen wir nichts ändern. Die Babyboomer gehen in Rente, das ist unvermeidbar. Wir haben weniger Kinder in jeder Generation, das kann man im Prinzip ändern, ist aber schwer. Was wir benötigen, ist, das Potenzial derjenigen, die im erwerbstätigen Alter sind, möglichst gut zu heben, und dazu braucht es ein Bildungs- und Ausbildungssystem, das niemanden zurücklässt. Und insofern gibt es durchaus einen engen Zusammenhang von wirtschaftlicher Vernunft und sozialer Gerechtigkeit, denn je mehr Befähigung gelingt, desto weniger Menschen lassen wir zurück dabei in ihren Fähigkeiten, einen produktiven Beitrag zu leisten.

Wie sind vor diesem Hintergrund die im Koalitionsvertrag vorgesehenen Maßnahmen zu bewerten?

Georg Cremer: Der Koalitionsvertrag enthält ja viele durchaus wichtige Punkte, auch aus sozialer Sicht. Deswegen finde ich es falsch, dass er gleich einem ‚Synchron-Maulen‘ der Verbände unterzogen wurde. Ich halte es für wichtig, den Kinderzuschlag weiterzuentwickeln, damit Geringverdiener mit Familienverantwortung mehr Nettoeinkommen aus ihrer Erwerbstätigkeit ziehen. Und ich halte es auch für dringend, das Gerechtigkeitsdefizit zu bearbeiten, das darin besteht, dass diejenigen, die ein ganzes Leben im Niedrigeinkommen-Sektor gearbeitet haben, im Alter nicht über ein Einkommen auf Grundsicherungsniveau hinauskommen. Das steht beides im Koalitionsvertrag, das ist herausfordernd. Und ich finde es erst mal gut, wenn das abgearbeitet wird. Ich würde mir einen noch stärkeren Fokus wünschen, das an sich gute Sozialsystem auf die Prävention sozialer Notlagen auszulegen. Und vielleicht auch das System so zusammenzuführen, dass Familien mit niedrigen Einkommen einen Ansprechpartner für ihre Sozialleistungen aus einer Hand haben und das System dadurch für sie verständlicher wird.

Prof. Dr. Georg Cremer war 17 Jahre lang, von 2000 bis 20017, Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes und veröffentlich unter anderem zu den Themen Caritas, Sozialpolitik, soziale Dienste, Arbeitsmarkt, Korruptionskontrolle, Entwicklungspolitik, Katastrophenhilfe (EK). Einen Überblick über seine aktuellen Aktivitäten und Veranstaltungen finden Sie hier.

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  • Autor

    INSM Redaktion

    Hier schreibt die Redaktion der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

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