Das höchste Ziel des Kapitals ist nicht, Geld zu verdienen, sondern der Einsatz von Geld zur Verbesserung des Lebens. Henry Ford, 1863-1947, US-amerikanischer Unternehmer

- Buchkritik

Zivilgesellschaft am Beispiel von Bad Godesberg

Die Tendenz zur Singlegesellschaft und zum Individualismus, das klinisch reine Outsourcing von Altenfürsorge und Kinderbetreuung und das zunehmende Scheitern von Ehen und Partnerschaften – Wolfgang Picken sieht die moderne Gesellschaft in der Krise. Der Theologe will mehr Menschen wieder in tragfähige soziale Beziehungen einbinden. Er belässt es dabei nicht bei der Theorie. In Bonner Stadtteil Bad Godesberg füllt der Priester und promovierte Politikwissenschaftler seine Ideen mit Leben.

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Keine Gesellschaft verändert sich auf Knopfdruck, und schon gar nicht, wenn jemand darüber ein Buch schreibt. Dennoch versuchen Experten verschiedener Fachrichtungen immer wieder, die deutsche Gesellschaft auf die Analyse-Couch zu legen: Zuletzt forderte in seinem „Schwankenden Westen“ der Jurist Udo di Fabio, die Gesellschaft müsse sich neu erfinden, der Historiker Heinrich August Winkler fragt in seinem Buch „Zerbricht der Westen?“, ob die Krise in den USA und Europa nicht eine grundsätzliche sei und die Autoren des Club of Rome attestieren in ihrem neuesten Bericht der Menschheit, dass die Lebensart der westlichen Welt einfach nicht nachhaltig ist. Jetzt ist ein weiterer Beitrag in dieser sozialpolitischen Debatte erschienen: In seinem Buch „Wir ⎼ die Zivilgesellschaft von morgen“ lässt der Theologe Wolfgang Picken keinen Zweifel daran, dass es unserer fragmentierten Gesellschaft an sozio-kultureller Nachhaltigkeit fehlt. Aber: Es gibt eine Lösung. Picken setzt auf das Engagement und Potenzial der bürgerlichen Gesellschaft. Im Bonner Stadtteil Bad Godesberg hat der Priester und promovierte Politikwissenschaftler seine Ideen einer modernen Zivilgesellschaft mit der „Bürgerstiftung Rheinviertel“ erfolgreich umgesetzt.

Ob ausgerechnet Bad Godesberg mit seinen knapp 75.000 Einwohnern auf 31 Quadratmetern als „Brennglas der bundesrepublikanischen Gesellschaft“ repräsentativ ist, bleibt dahingestellt. Angeblich soll hier die Spannweite zwischen Arm und Reich auf so kleinem Raum so groß wie sonst nirgendwo in der Republik sein. Doch Picken führt in Godesberg eine Gemeinde von 26.000 Gläubigen und hat mit hilfe engagierter und ebenso spendabler Bürger unter anderem eine der ersten bundesweit vorbildlichen U3-Einrichtungen ins Leben gerufen ⎼ hier können berufstätige Eltern guten Gewissens auch ihre unter dreijährigen Kinder betreuen lassen. Grundsätzlich ist der Autor jedoch überzeugt: „Unser System ist ernsthaft krank, und zwar an den Wurzeln. Das kann auf Dauer nicht ohne erhebliche Auswirkungen bleiben.“

Plädoyer für die Wir-Strategie

Seine Diagnose ist nicht wirklich neu, und auch die Alarmzeichen, die Picken für die erkrankte Gesellschaft ausmacht, sind nicht überraschend. Dazu gehören die Tendenz zur Singlegesellschaft und zum Individualismus, das klinisch reine Outsourcing von Altenfürsorge und Kinderbetreuung und das zunehmende Scheitern von Ehen und Partnerschaften, die für Picken die „wichtigsten Subsysteme von Staat und Gesellschaft“ darstellen. Angesichts von nach wie vor nicht ausreichender Kinder- und Jugendbetreuung, von mangelndem Personal in Pflege, Alten- und palliativer Betreuung wirft Picken der Politik reines Wunschdenken vor und kanzelt so manches als „Scheinlösungen“ ab. Sein Plädoyer für das Gelingen einer modernen Zivilgesellschaft richtet sich deswegen nicht nur an die Politiker, sondern auch an die Gesellschaft, an die Bürgerinnen und Bürger des Staates. Denn Pickens Weg braucht die Unterstützung von vielen Seiten. Er fragt: Wie kann es wirklich gelingen, mehr Menschen wieder in tragfähige soziale Beziehungen einzubinden? Wie kann ein neues Wir-Gefühl entstehen?

Sein „neues Wir“ beruft sich auf seine bisher erfolgreiche Arbeit in der Godesberger Gemeinde, in der er Menschen verschiedener Herkunft, finanzieller Möglichkeiten und sozialer Stellung einbindet, um Probleme wie Kinderbetreuung und Altenpflege oder Integration und Flüchtlingshilfe zu meistern. „Staat und Gesellschaft werden nicht überleben können“, meint Picken, „wenn immer mehr Situationen, die Solidarität fordern, an den Staat delegiert werden.“ Staatlich gewährleistete Solidarität setze wahrgenommene Subsidiarität voraus, ist sein Credo.

Grundlage für eine neue Zivilgesellschaft müsse sein, dass mehr Menschen wieder die Verantwortung entdecken und wahrnehmen, die sie jenseits staatlicher Fürsorge viel stärker auch füreinander einstehen sollten. Picken: „Es wird neu ins Bewusstsein treten müssen, dass jeder Einzelne tragfähige Beziehungen benötigt und in sie investieren muss, wenn er in schwierigen Phasen seines Lebens getragen sein will.“ Polarisierung, Ghettoisierung und politische Lagerbildung verhindern vielerorts konstruktive gemeinsame Projekte. Der Autor fordert ein „neues konstruktives Bündnis zwischen privatem Raum und den öffentlichen Bühnen“, also zwischen Staat, Kirchen, Vereinen, Initiativen und privaten Akteuren. Es geht im Kleinsten und Nachbarschaftlichen los: „Wir müssen wiederentdecken, welche Bedeutung die Familie und soziale Netzwerke für uns haben, wenn wir krank, alt, pflegebedürftig und Sterbende sind.“

Pickens Plädoyer für das Gelingen einer modernen Zivilgesellschaft richtet sich nicht nur an die Politiker, sondern auch an die Gesellschaft. 

Für den überzeugten Christen Picken sind solche sozialen Verpflichtungen natürlich Selbstverständlichkeit. Und darin ist er ein Vorbild für alle. Allerdings schießt seine Schelte über die Kompetenz kommunaler Politik übers Ziel hinaus. „Die etablierten politischen Parteien müssen ihre staatstragende Isolierung aufgeben und sich dem Wir einer Zivilgesellschaft stellen“, behauptet er. Die kommunale Politik erstarre angeblich in etablierten Strukturen und stelle keine wirkliche Nähe zum Bürger her. Das ist ein scharfer Vorwurf, der vielleicht einzeln zutreffen mag, aber in seiner Pauschalisierung absurd ist und wenig motivieren dürfte, ein „Wir-Gefühl“ zu stärken. Denn allein in Pickens Bundesland Nordrhein-Westfalen ist der Zeitaufwand von kommunalen ehrenamtlichen Mandatsträgern mit durchschnittlich 30 Stunden im Monat erheblich. Viele Mandatsträger verzichten auch auf den Großteil der vorgesehenen finanziellen Entschädigungen und Freistellungsregelungen.

Fazit

Picken fordert eine neue Zivilgesellschaft, die offener, flexibler, unvoreingenommener und effektiver als bisher funktioniert und in der mehr als nur die üblichen Verdächtigen eingebunden sind. Sein Buch ist ein Appell an uns alle. Es enthält die alte Erkenntnis, die aber immer wieder neu erzählt werden muss: Eine gesunde Gesellschaft braucht Menschen, die bereit sind, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen.

Wer aber letztlich ⎼ außerhalb von Bad Godesberg ⎼ die Koordination der vielen freiwilligen Verantwortungsträger in den Gemeinden und Kommunen Deutschlands übernehmen soll, lässt der Autor offen. Fest steht wohl: Es müsste ein Typ wie Picken selbst sein.

Wolfgang Picken: Wir ⎼ die Zivilgesellschaft von morgen, Gütersloher Verlagshaus 2018

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  • Autor

    Dr. Martin Roos

    ist freiberuflicher Journalist. Er arbeitet als Autor, Ghostwriter und Redenschreiber für Unternehmen und Topmanager.

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