Geld fällt nicht vom Himmel. Man muss es sich hier auf Erden verdienen. Margaret Thatcher, *1925, ehem. Premierministerin von Großbritannien

- Wachstum

Kreative Statistik hilft nicht: Lehren aus Japans verfehlter Wirtschaftspolitik

Die jüngste Abkehr der Europäischen Zentralbank vom Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik hat die Diskussion über eine „Japanisierung“ Europas wiederbelebt. Das japanische Szenario ist unschön. Seit Beginn der 1990er-Jahre stagniert das Wachstum, das Lohnniveau fällt und immer mehr Menschen werden in prekäre Beschäftigungsverhältnisse abgedrängt. Die sogenannten Abenomics, im Kern ein immenses zentralbankfinanziertes keynesianisches Ausgabenprogramm, haben das Land nicht wie versprochen aus der Krise herausgebracht. Stattdessen wird die Statistik kreativ interpretiert und gestaltet.
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Abb. 1: Bruttoinlandprodukt pro Kopf nach unterschiedlicher Berechnungsart
Quelle: IWF, Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt.

Den Anfang machte Paul Krugman mit der Aussage, dass sich die Entwicklung der realen japanischen Pro-Kopf-Einkommen von den USA und dem Euroraum kaum unterscheidet. Er bediente sich dazu eines statistischen „Tricks“. Aufgrund geringer Geburtenraten und geringer Zuwanderung nimmt in Japan die Anzahl der Menschen zwischen 15 und 64 schnell ab. Das reale Bruttoinlandsprodukt pro Person zwischen 15 und 64 ist damit in der Tat deutlich gestiegen (Abb. 1). Viele greifen inzwischen auf diese Berechnungsart zurück, um die japanische Wirtschaftspolitik in ein gutes Licht zu rücken. Doch sehen sich inzwischen insbesondere viele Frauen und Rentner aufgrund der prekären wirtschaftlichen Lage gezwungen, in das Erwerbsleben einzusteigen beziehungsweise zu bleiben, um den Lebensstandard der Familie oder von sich selbst zu halten. Das Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigen stagniert deshalb seit 1990 (Abb. 1), was auf geringe Produktivitätsgewinne hindeutet, welche Grundlage für reale Lohnsteigerungen sind.

Seit Kurzem tobt nun in Japan ein Streit über die Lohnentwicklung. Das Thema ist sensibel, weil das Lohnniveau seit der japanischen Finanzkrise im Jahr 1998 im Trend fällt (Abb. 2). Das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt steht in der Kritik, weil es ab dem Jahr 2004 zwei Drittel der Großunternehmen in Tokio aus der Statistik genommen hat. Weil in Tokio besser bezahlt wird als im Rest des Landes, ist das statistisch gemessene Lohnniveau damals abgesunken. Der klamme japanische Staat sparte Sozialausgaben, weil nur die Menschen Zuwendungen erhalten, deren Einkommen ausreichend weit unter dem gemessenen – und damals statistisch abgesenkten – Durchschnittslohn liegt.


Abb. 2: Reales Lohnniveau und Anzahl der Erwerbstätigen in Japan
Quelle: Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt (Japan).

Im Jahr 2018 wurde die nicht gesetzeskonforme statistische Verzerrung wieder heimlich korrigiert, sodass das Lohnniveau um 0,6 Prozent nach oben „gesprungen“ ist. Die Regierung Abe konnte deshalb einen realen Lohnanstieg als Erfolg der Abenomics anpreisen! Weltweit wurde über eine beeindruckende Erholung der japanischen Volkswirtschaft berichtet (zum Beispiel Reuters hier). Doch legte ein Mitarbeiter des Ministeriums das Hin und Her versehentlich offen und die japanische Opposition trat eine heftige Debatte los. Das Ministerium korrigierte die Reallohnsteigerung für 2018 auf 0,2 Prozent, während die Opposition mit -0,5 Prozent die realen Löhne weiter fallen sieht.

Der Reputationsschaden ist für die Regierung Abe so groß, dass sie sich genötigt fühlt, die vorenthaltenen Sozialleistungen in Höhe von rund einer halben Milliarden Euro nachzuzahlen. Die Kompetenz der japanischen Statistikämter und der ehemals hoch respektierten Ministerialverwaltung wird infrage gestellt. Hayashi Fumio, Präsident der einflussreichen Japanese Economic Association (2019), sah in einem offenen Brief an die Regierung die akademische Glaubwürdigkeit des Landes gefährdet und bot Hilfe aus dem Kreis der Professoren an.

Ob das helfen wird, bleibt fraglich. Kreative Statistik hilft nicht aus der Krise. Der Kern des Problems liegt in einer verfehlten Wirtschaftspolitik, die die japanische Wirtschaft zombifiziert und damit den Wohlstand unterhöhlt. Vielmehr würden solide Staatsfinanzen und eine stabilitätsorientierte Geldpolitik die Wachstumskräfte Japans stärken. Das Land könnte so zu einem positiven Beispiel für die Europäische Zentralbank und die Länder der Europäischen Währungsunion werden.

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  • Autor

    Prof. Dr. Gunther Schnabl und Taiki Murai

    Prof. Schnabl ist Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Leipzig. Taiki Murai ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftspolitik

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